Wie weiter im Pilotenstreik bei Air France?

Von Alex Lantier
1. Oktober 2014

Bei Air France schickte die Gewerkschaft die streikenden Piloten zurück an die Arbeit. Nun stehen sie am Scheideweg: Ihr Kampf wirft Fragen der Klassenperspektive auf, die für Arbeiter auf der ganzen Welt entscheidend sind.

Nach einem mehr als zweiwöchigen Streik befanden sich die Piloten in einer sehr starken Position. Air France war zwar entschlossen, durch Ausdehnung ihrer Billigflugtochter Transavia Löhne und Renten zu kürzen, stand jedoch unter starkem finanziellem Druck. Sie wollte den Streik zu Ende bringen, da sie schon 290 Millionen Dollar verloren hatte.

Ein Informant der höchst unbeliebten Regierung von Präsident François Hollande (PS, Sozialistische Partei) sagte der Presse, die PS-Regierung fürchte einen plötzlichen Umschwung in der öffentlichen Meinung zugunsten der Piloten. Die Regierung hatte von den Piloten verlangt, den Forderungen von Air France nachzukommen.

Dann plötzlich erklärte die Pilotengewerkschaft SNPL am Sonntag, der Streik sei nicht zu gewinnen. Sie behauptete, es sei unmöglich, dem Management weitere Zugeständnisse abzuringen, und brach den Streik ab. Sie wolle der Gesellschaft keinen, wie sie sagte, „irreparablen“ Schaden zufügen.

Die Presse-Analysten außerhalb Frankreichs, die den Streik beobachteten und nervös seine weit reichenden Auswirkungen konstatierten, waren in ihrer Einschätzung wesentlich akkurater. Im Vergleich damit tischte die SNPL ihren Mitgliedern wirklich absurde Erfindungen auf, um sie an die Arbeit zurückzuschicken. Die deutsche Wirtschaftszeitung Handelsblatt, die zurzeit über die Streiks von Lufthansapiloten gegen Rentenkürzungen berichtet, schreibt: „Die Episode [in Frankreich] steht sinnbildlich für die Macht, die Piloten gegenüber ihren Arbeitgebern haben – und dürfte eine Warnung für die Lufthansa sein.“

Die Piloten müssen die feige Kapitulation der SNPL zurückweisen, die nur in die Katastrophe führen kann. Air France und PS-Vertreter haben erkennen lassen, dass sie jetzt weitere Vorstöße machen werden, um die Arbeitskosten zusammenzustreichen. Sie werden Piloten zwingen, Arbeitsverträge bei Billig-Airlines wie Transavia zu akzeptieren. Ein Vorgeschmack für das, was bevorsteht, ist das Abkommen der Gewerkschaften mit der britischen Monarch Airlines: Dieses sieht die Streichung von 900 Arbeitsplätzen und Lohnsenkungen bis zu dreißig Prozent vor, um die Firma in eine Billig-Airline zu verwandeln.

Die zentrale Frage, die in dem ersten größeren Kampf der Arbeiterklasse gegen die PS-Regierung von Hollande deutlich wird, ist die Unmöglichkeit, die Arbeitsbedingungen mit den nationalistischen, arbeiterfeindlichen Gewerkschaften zu verteidigen. Angesichts von schärfstem Konkurrenzkampf um Marktanteile bedeutet die Unterordnung unter die Gewerkschaften die Niederlage. Die Gewerkschaften wollen ihre jeweiligen nationalen Fluglinien stärken, indem sie den Beschäftigten ihrer Gesellschaften die schärfsten Kürzungen verordnen und ihren Bossen die günstigste Konkurrenzposition auf den internationalen Märkten verschaffen.

Seit dem Börsenkrach von 2008 und der Sparpolitik der EU haben British Airways, Air France, Lufthansa, Alitalia, Iberia und andere Gesellschaften Verträge abgeschlossen, in denen sie Lohnsenkungen erzwungen haben. Der vielleicht groteskeste Verrat fand 2010 bei der irischen Air Lingus statt. Nachdem die Beschäftigten einen von den Gewerkschaften ausgehandelten Tarifvertragsentwurf mit Massenentlassungen und einer zehnprozentigen Lohnsenkung abgelehnt hatten, stimmte die Gewerkschaft dem Plan der Regierung zu, alle Flugbegleiter zu entlassen und Dreiviertel von ihnen mit drastisch verringerten Löhnen neu einzustellen.

Die Air France-Piloten können sich nur verteidigen, wenn sie den Gewerkschaften den Kampf aus der Hand nehmen und beginnen, weltweit breitere Arbeiterschichten im Kampf gegen die Kürzungspolitik der EU und gegen Arbeitsplatzvernichtung und Lohnsenkung zu mobilisieren. Das ist nur durch einen politischen Kampf gegen die EU möglich, und dieser muss sich auf ein sozialistisches, revolutionäres Programm stützen.

In der gegenwärtigen, explosiven politischen Situation in Frankreich und ganz Europa setzt jeder größere Kampf der Arbeiterklasse sofort eine Konfrontation mit dem Staat auf die Tagesordnung. Air France kennt die explosive Stimmung in anderen Schichten ihrer Belegschaft. Hollande fürchtet Streiks, die Frankreichs Flughäfen und andere Industrien und – wie 1936 oder 1968 – ganz Frankreich paralysieren könnte. Mittlerweile hat seine Regierung nur noch die beispiellos niedrige Zustimmungsrate von dreizehn Prozent.

Das wacklige und verhasste Kabinett von Premierminister Manuel Valls würde einen größeren Streik nicht überstehen. Das war eine wichtige Überlegung des PS-freundlichen nationalen Gewerkschaftsverbands bei seiner Entscheidung, den Pilotenstreik völlig zu isolieren. Es ist auch der Grund für die ständigen Verleumdungen, mit denen Valls die Piloten belegt hat. Auch die pseudolinken Verbündeten der PS, vor allem die Neue Antikapitalistische Partei, wahrten über den Streik ein vielsagendes Schweigen. Alle diese Kräfte stehen auf der anderen Seite der Barrikade als die Arbeiterklasse.

Der Verrat der Gewerkschaften und der pseudolinken Parteien entspricht auf politischer Ebene einer gnadenlosen Kürzungspolitik der EU auf wirtschaftlicher Ebene. Beides ist Ausdruck des Scheiterns des Kapitalismus.

Die Arbeiterklasse kann dem Klassenkampf von oben, den die Bourgeoisie und ihre kleinbürgerlichen Verbündeten in ganz Europa aufgenommen haben, nur mit revolutionären Kämpfen und Forderungen begegnen. Die Kommandohöhen der europäischen Wirtschaft (zu denen die Chefetagen der Fluggesellschaften gehören) müssen der Kontrolle der Finanzaristokratie entrissen, in öffentliches Eigentum überführt und als öffentliche Unternehmen im Interesse der arbeitenden Bevölkerung geführt werden.

Streikende Air France-Piloten haben gegenüber der WSWS betont, sie seien durchaus bereit, auch bei Billiggesellschaften zu fliegen. Sie wollen gar nicht nur Geschäftsleute befördern, sondern gerne auch die arbeitende Bevölkerung, Familien, die sich besuchen, oder jugendliche Touristen. Die Piloten akzeptieren bloß nicht, dass sie dafür Lohnsenkungen hinnehmen sollen.

Anständig bezahlte Arbeitsplätze können nicht das Vorrecht von Piloten sein, die Geschäftsreisende befördern. Der Air France-Streik hat allerdings gezeigt, dass es eine unerbittliche Logik gibt: Die Fluglinien werden in zwei Teile aufgespaltet: in Flüge für eine Elite, die sich teure Tickets leisten kann, und in Flüge für die breite Masse, die sich nur Billigflüge leisten kann. Piloten, die für Billiglinien fliegen, sollen auf jeden Fall weniger verdienen. Das hat das Air France-Management klar gemacht.

Die Luftfahrt muss für alle bezahlbar sein, und Piloten und andere Flugbeschäftigte müssen anständige Löhne erhalten. Dafür müssen die nötigen öffentlichen Mittel bereitgestellt und notwendige Investitionen getätigt werden.

Arbeiter müssen das so unvermeidliche wie absurde Argument der Kapitalismus-Verteidiger, es sei kein Geld da, mit Verachtung zurückweisen. Als 2008 die Wall Street zusammenbrach, und kriminelle Börsenspekulation die Weltwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs brachte, fand Präsident Sarkozy ganz schnell hunderte Milliarden, um die Banken zu retten. Das Gleiche ging in anderen Ländern vor sich. Die Europäische Zentralbank schießt regelmäßig in dieser oder jener Krise Billionen in das Bankensystem ein. Gleichzeitig verlangt sie dreißig Prozent Lohnkürzung für die Arbeiter ganzer Unternehmen, oder sogar, wie im Falle Griechenlands, ganzer Länder.

Die Mittel müssen enteignet und produktiv verwendet werden. Damit würde die wirtschaftliche und industrielle Basis für die Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa geschaffen. Um ein solches Programm durchsetzen zu können, muss die Arbeiterklasse sich als unabhängige Kraft organisieren. Sie muss die politische Macht erobern und die Wirtschaft im Interesse der gesellschaftlichen Bedürfnisse reorganisieren, und nicht im Interesse des privaten Profits.

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