Karstadt:

Entlassungen bei Feinkost-Kette Perfetto

Von Jan Peters und Marianne Arens
8. August 2015

Die Entlassungen und Lohnkürzungen bei der Karstadt-Gruppe gehen weiter. Die jüngsten Hiobsbotschaften betreffen die Belegschaft der Feinkost-Kette Perfetto, die Karstadt in 43 Filialen gemeinsam mit dem Einzelhändler Rewe betreibt.

In einem Brief des Managements an die Mitarbeiter vom 15. Juli, aus dem das Handelsblatt zitiert, heißt es: „Das bisherige Geschäftsmodell der starken Fokussierung auf den Luxusbereich [ist] gescheitert.“ Perfetto sei „anhaltend defizitär“ und ein erheblicher Sanierungsfall. „Perfetto kommt deshalb nicht um einen Personalabbau herum.“

Die genaue Zahl der Entlassungen wurde bisher nicht bekannt gegeben, aber Schätzungen gehen davon aus, dass dreihundert bis fünfhundert der etwa 2.200 Beschäftigten gehen müssen. Vor zehn Jahren hatte Karstadt-Feinkost noch 3.700 Mitarbeiter in sechzig Filialen. Für die verbliebenen Mitarbeiter soll – wie schon für die Mitarbeiter der übrigen Kaufhäuser – eine so genannte Tarifpause eingelegt werden. Das bedeutet, dass die Beschäftigten auf Lohnerhöhungen, auf Weihnachts- und auf Urlaubsgeld verzichten müssen.

Vor einem Jahr hat der vorbestrafte österreichische Immobilienspekulant René Benko den Karstadt-Konzern für einen Euro übernommen. Im Juni 2015 gelang es ihm und seiner Immobilienholding Signa aber nicht, auch die Warenhauskette Galeria Kaufhof zu erwerben und sie mit der Karstadt-Gruppe zu verschmelzen.

Seither setzt der Milliardär offenbar immer stärker darauf, nicht die Kaufhäuser zu sanieren, sondern sie nach Kräften auszuschlachten und die attraktiven Handelsflächen und Immobilien weiter zu vermarkten.

Im August 2014 hat Benko 83 Karstadtfilialen übernommen. Seither hat er das Haus auf der Königstraße in Stuttgart geschlossen und die Schließung fünf weiterer Häuser (Recklinghausen, Bottrop, Dessau, Neumünster und Mönchengladbach) bis 2016 angekündigt. Weitere fünfzehn Filialen und sechs Sporthäuser stehen auf der Kippe.

Im Frühjahr 2015 verkaufte Benko die drei Karstadt-Luxuskaufhäuser KaDeWe in Berlin, Oberpollinger in München und das Alsterhaus in Hamburg mehrheitlich an thailändische Investoren.

Vor zwei Wochen verkaufte er dann das Shopping-Center „Sevens“ an der Düsseldorfer Königsallee, an den internationalen Immobilienkonzern CBRE Global. Die Edelimmobilie gehörte ihm schon seit 2010. Geschäfte wie Saturn, Christ, Douglas und andere sind dort angesiedelt, und Benko hat den Mietertrag in fünf Jahren um 72 Prozent gesteigert.

Um den Karstadt-Kaufhäusern längerfristig auf die Beine zu helfen, wären dagegen große Anstrengungen nötig. Der Handelsfachmann Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein hat errechnet, dass allein auf der Verkaufsfläche ein Investitionsbedarf von einer Milliarde Euro bestehe, und eine weitere halbe Milliarde für den Ausbau des E-Commerce-Bereichs aufgewendet werden müsse. Er schreibt: „Die Neuausrichtung von Karstadt würde so viel Kapital erfordern, das dürfte selbst die Möglichkeiten von Benko übersteigen.“

Inzwischen werden die Kaufhäuser kräftig durch Stellenabbau und Betriebsschließung „saniert“, was viel eher darauf hindeutet, dass sie als Spekulations- und Anlageobjekte für den Verkauf an neue Investoren fit gemacht werden. Von 17.000 Arbeitsplätzen sollen mindestens 2.500 Stellen gestrichen werden.

Schon unter dem früheren Besitzer Nicolas Berggruen ist Karstadt aus dem Flächentarif des Einzelhandels ausgestiegen, so dass die Verkäuferinnen und Verkäufer durchschnittlich über 120 Euro im Monat weniger verdienen als, was ihnen nach Tarif zusteht. Wie Karstadt-Chef Stephan Fanderl nun vorschlägt, soll ein Teil des Personals zu Regaleinräumern degradiert und dementsprechend noch geringer bezahlt werden.

René Benko, Fanderl und Co. könnten diese Angriffe nicht durchsetzen, könnten sie sich nicht hundertprozentig auf den Betriebsrat und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi verlassen.

Erneut spielt die Gewerkschaft Verdi eine zentrale Rolle bei den Entlassungen und Kürzungen. Sie preist jeden neuen Besitzer, und sei er die schlimmste Heuschrecke, aufs Neue als Retter und bietet ihre Unterstützung an. So geht das schon seit Jahrzehnten.

2005 begrüßten Gewerkschaft und Betriebsrat Thomas Middelhoff, der heute wegen Untreue in Haft sitzt, als „weißen Ritter“ bei der KarstadtQuelle AG und unterstützten seinen „Sanierungsplan“, sprich radikalen Kahlschlag. Middelhoff führte Karstadt 2009 in die Pleite.

Ihm folgte Nicolas Berggruen, der das Karstadt-Geschäft 2010 für den symbolischen Euro übernahm. Während Karstadt Jahr für Jahr Verluste machte, kassiert Berggruen bis heute jährlich 7,5 Millionen allein für die Karstadt-Namensrechte, die er für eine Einmalzahlung von fünf Millionen erworben hat.

Im August 2014 trat René Benko auf. Auch er übernahm Karstadt für den symbolischen Euro, auch er kündigte sofort Schließungen und Entlassungen an. Der österreichische Standard nannte ihn einen „Glücksritter und Blender“. Die Wirtschaftswoche zitierte eine Karstadt-Verkäuferin mit den Worten: „Einen Milliardär als Eigentümer hatten wir schon. Die geben erst recht nichts.“

Verdi dagegen bedachte René Benko mit Vorschusslorbeeren. Arno Peukes, Einzelhandelssekretär bei Verdi, kommentierte die Übernahme mit den Worten: „Wir hatten bei Nicolas Berggruen damals viele Hoffnungen. Ich will es so formulieren: René Benko wirkt etwas geerdeter, und er scheint einige Leute um sich zu haben, die das Thema Warenhaus kennen.“

Im Bieterpoker um Kaufhof vor wenigen Wochen unterstützte die Gewerkschaft Benko nach Kräften und soll sogar bei Metro-Chef Olaf Koch für ihn interveniert haben. In einem unverkennbaren Seitenhieb gegen den Konkurrenten Hudson’s Bay (der am Ende den Zuschlag erhielt) sagte Verdi-Vorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger damals der Süddeutschen Zeitung, die Gewerkschaft wehre sich gegen „groß ausgebaute Konzessions-Modelle, bei denen ein Kaufhaus immer mehr Flächen an Fremdanbieter und deren Beschäftigte abtritt“. Nutzenberger ist wie Peukes hochdotiertes Karstadt-Aufsichtsratsmitglied.

Vor wenigen Tagen sind wurden die Karstadt-Bilanzzahlen für das Geschäftsjahr 2013/14 vorgelegt, in dem der Konzern einen Verlust von 190 Millionen Euro erzielt hatte. In 2015 soll der Verlust Karstadt-Chef Stephan Fanderl zufolge „im mittleren zweistelligen Millionenbereich“ liegen.

Wie auf der Bilanzpressekonferenz berichtet wurde, wäre der Verlust „ohne die Beiträge der zuletzt noch 16.328 Mitarbeiter noch deutlich höher ausgefallen“, schreibt die Welt. „Zum einen sank deren Zahl durch Stellenabbau und das Ausscheiden der drei Premiumhäuser in München, Hamburg und Berlin um gut 900, zum andern verabschiedete sich Karstadt zeitweise aus der Tarifbindung und sparte damit an der Bezahlung. Insgesamt sanken die Personalkosten um fast zwanzig Millionen.“

Einmal mehr fordern Geschäftsführung, Betriebsrat und Gewerkschaft eine neue „Offensive“, um aus den roten Zahlen herauszukommen.

Jürgen Ettl, der neue Gesamtbetriebsratsvorsitzende, der dieses Amt im Juni von Hellmut Patzelt übernommen hat, mahnte zwar, der Konzernchef dürfe „nicht übers Ziel hinausschießen“, attestiert ihm aber im selben Atemzug: „Herr Fanderl packt die Dinge konsequent an.“

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