Air Berlin streicht 1200 Stellen

Von Gustav Kemper
5. Oktober 2016

Am vergangenen Mittwoch verkündete der Vorstand von Air Berlin die Entlassung von 1200 Beschäftigten im Rahmen einer „strategischen Neuausrichtung“ des Unternehmens.

Seit Montag kommt es zu zahlreichen Flugausfällen und Verspätungen an den Flughäfen Berlin-Tegel, Hamburg, Frankfurt, Hannover und Stuttgart, weil empörte Arbeiter und Angestellte spontan in Streiks treten oder sich krank melden. Insbesondere Reiseflüge des Veranstalters TUI, der mit Air Berlin kooperiert, sind davon betroffen.

Von den noch rund 8600 Arbeitsplätzen will Air Berlin bis Februar 2017 vor allem im Verwaltungsbereich etwa 14 Prozent durch „freiwillige und betriebsbedingte Kündigungen“ streichen, so die Pressemitteilung des Unternehmens. Die Flugzeugflotte soll um fünfzig Prozent auf 75 Maschinen reduziert werden und künftig nur noch von den beiden Drehkreuzen Berlin und Düsseldorf aus „ertragreiche Märkte“ bedienen. Die bisherige Orientierung auf Touristik- wie auch Geschäftskunden werde aufgegeben.

35 Flugzeuge und die dazu gehörenden Crews, die bisher hauptsächlich im Touristikgeschäft eingesetzt wurden, sollen von den Heimatflughäfen Hamburg, Paderborn, Köln, Frankfurt und Leipzig abgezogen und gegebenenfalls mit Tuifly in einer eigenständigen Gesellschaft zusammengefasst werden.

40 weitere Flugzeuge werden an die Lufthansa Gruppe im Rahmen eines sogenannten Wet-Leasingvertrags vermietet, der Flugzeuge, die Crews, Wartung und Versicherung mit einschließt. Lufthansa wird 35 dieser Maschinen bei ihrer Billigfluggesellschaft Eurowings und fünf Maschinen bei der Austrian Airlines einsetzen.

Die Krise von Air Berlin, ein Unternehmen das auf eine 37jährige Geschichte zurückblicken kann, zeigt recht anschaulich die Probleme der Luftfahrtindustie unter Bedingungen der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft.

1978 von einem ehemaligen Pan American Piloten als Charterfluggesellschaft Air Berlin Inc. nach amerikanischem Recht gegründet, weil die Alliierten zu dieser Zeit noch die Lufthoheitsrechte für Berlin besaßen, wurde sie nach der Wiedervereinigung im April 1991 als Air Berlin GmbH & Co. Luftverkehrs KG mit deutschem Mehrheitsgesellschafter, dem ehemaligen LTU-Manager Joachim Hunold, registriert.

Zu Beginn flog die Gesellschaft im Auftrag von Touristikunternehmen hauptsächlich Ziele im Mittelmeerraum an. In den 90er Jahren begann die Gesellschaft dann mit Linienflügen im Direktkundengeschäft. Um mit den konkurrierenden Billigfluggesellschaften wie Ryanair und easyJet Schritt halten zu können, verfolgte die Geschäftsführung des Unternehmens eine rasante Wachstumsstrategie durch Übernahme der österreichischen Fluggesellschaft Nikki (2004), der dba Luftfahrtgesellschaft mbH (2006) sowie der LTU im Jahr 2007 und der Schweizer Fluglinie Belair. Nach dem Börsengang des Unternehmens im Jahr 2006 als 'Air Berlin PLC' nach englischem Recht, was die Umgehung der Mitbestimmungsregeln ermöglichte, stieg der Aktienkurs im Mai 2007 auf 20,45 Euro.

Doch der weltweite Konkurrenzkampf der Fluggesellschaften und die sinkenden Profitmargen ließen die Verluste der Fluggesellschaft rasant ansteigen. Heute ist die Luftgesellschaft mit über 900.000 Euro verschuldet, und der Aktienkurs schwankt um 68 Cent. Am Leben gehalten wird die Gesellschaft durch Etihad, die Fluglinie der Vereinigten Arabischen Emirate, die seit 2011 fast 30 Prozent der Anteile an Air Berlin besitzt. Dabei geht es der Fluglinie mit dem Hauptdrehkreuz in Abu Dhabi darum, Air Berlin als Zubringer für eigene Langstreckenflüge nach Indien, China und Australien sowie Flüge in die USA zu nutzen. Daher sollen die Langstreckenflüge von Air Berlin nach dem neuen Strukturplan vor allem in die USA ausgeweitet werden.

Seit 2013 begannen massive Angriffe auf die Belegschaft. Bis Ende 2014 wurden 900 Arbeitsplätze gestrichen. Dabei stützte sich der Vorstand auf die enge Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft Verdi mit der das Unternehmen erstmals 2007 einen Tarifvertrag abgeschlossen hatte.

Auch jetzt war die Gewerkschaft in die Planungen von vornherein eingebunden. Bezeichnenderweise heißt es auf der Webseite der Gewerkschaft Verdi zur Krise bei Air Berlin: „Die angekündigten Pläne zur Umstrukturierung werde Verdi konstruktiv begleiten.“

Verdi-Vorstandsmitglied Christine Behle, die gleichzeitig stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrats der Deutschen Lufthansa AG ist, erklärte: „Wenn sich ein Abbau nicht vermeiden lässt, dann so sozialverträglich wie möglich.“ Und sie fügte im Tonfall eines Unternehmensberaters hinzu: „Das Wet-Lease wird nicht ausreichen, um Air Berlin zu erhalten.“

Ein Bericht der „Tarifkommision airberlin technik“ vom Juni 2016 macht deutlich, dass Verdi dem Arbeitsplatzabbau längst zugestimmt hat: „Wie wir als Verdi Tarifkommission erfahren haben, ist der Arbeitgeber im administrativen Bereich als Hardliner aufgetreten und hat keinen Verhandlungsspielraum zugelassen. Wir vermuten, dass hierdurch die Bedrohung von Kündigung/Versetzung für manche Beschäftigten leider zur bösen Wahrheit wird.“

Weiter heißt es in dem Bericht, die Verdi-Mitglieder hätten “politischen Druck aufgebaut“. Dieser sei dann auch in der Staatskanzlei des Arbeits- und Wirtschaftsministerium Nordrhein-Westfalen „vernommen worden“. Minister Rainer Schmeltzer (SPD) habe „großes Verständnis“ gezeigt. Daraufhin habe der Minister ein Schreiben an den Arbeitgeber Airberlin Technik gerichtet. Dieses „blieb nicht unbeantwortet, jedoch leider ohne Erfolg“.

Kaum wurde der Arbeitsplatzabbau bekanntgegeben, einigte sich der Vorstand von Air Berlin mit Verdi auch auf einen neuen Manteltarifvertrag für Flugbegleiter, der ab dem 1. November 2016 gelten soll. Vorstandschef Stefan Pichler bezeichnete ihn als „Meilenstein in unserer neuen Geschichte“ und erklärte weiter: „Die Tarifkommission Kabine der Verdi hat erkannt, dass die Restrukturierung und Neupositionierung für airberlin unabdingbar ist.“

Gewerkschaftsvorstand Christine Behle versuchte, das Ergebnis schön zu reden. Es seien bessere Arbeitsbedingungen mit kürzeren Arbeitszeiten und längeren Pausen ausgehandelt worden. Dazu sei es gelungen, unterschiedliche Manteltarifvereinbarungen bei Air Berlin und den ehemaligen LTU-Bereichen anzugleichen.

In Wahrheit geht es um weitere Kostensenkungen auf dem Rücken der Beschäftigten. Ein Teil der Flugbegleiter sei vom Einsatz auf Langstreckenflügen oder dem Altersversorgungssystem ausgeschlossen, klagte die Spartengewerkschaft Ufo (Unabhängige Flugbegleiter-Organisation). Es gebe noch immer unterschiedliche Arbeits- und Vergütungsbedingungen für dieselbe Tätigkeit und auch die Leiharbeit nehme bei Air Berlin ständig zu.

Ufo hat angekündigt, eine Klage gegen die Einigung für das Kabinenpersonal zu prüfen. Der Abschluss sei in Geheimverhandlungen zustande gekommen, sagte Nicoley Baublies, Chef der IG Luftverkehr und zugleich Ufo-Vorstandsmitglied, gegenüber der Rheinischen Post. Verdi biedere sich beim Air-Berlin-Management an, so Baublies weiter. „Stefan Pichler lobt die Verdi über alle Maßen, das sollte jeden Mitarbeiter hellhörig werden lassen.“

Auch bei Eurowings gebe es großen Unmut über diesen Vertrag, so Baublies. Er rechne mit baldigen Streiks bei der Lufthansa-Billigtochter.

Die Ufo, die vor allem bei der Lufthansa organisatorischen Rückhalt hat, baut jedoch grundsätzlich auf der gleichen politischen Grundlage auf wie Verdi. Sie ordnet die Interessen der Arbeiter den sogenannten Sachzwängen im internationalen kapitalistischen Wettbewerb unter und hat gerade erst in diesem Sommer einen üblen Ausverkauf der Flugbegleiter bei Lufthansa organisiert.

Die WSWS schrieb dazu im Juli 2016: „Diese Spartengewerkschaften sind entstanden, um die Diktatur der DGB-Gewerkschaften zu brechen und militantere und weniger korrupte Arbeitsbeziehungen aufzubauen. Aber sie unterscheiden sich nicht grundsätzlich, denn sie haben die gleiche national beschränkte Perspektive und akzeptieren die Logik des kapitalistischen Profitsystems.

Flugbegleiter, Lufthansa-Beschäftigte und alle anderen Arbeiterinnen und Arbeiter können ihre Rechte und Errungenschaften nur verteidigen, wenn sie sich einer sozialistischen Perspektive zuwenden. Notwendig ist eine neue Partei, die sich der kapitalistischen Profitlogik widersetzt und eine internationale Strategie verfolgt. Für diese Perspektive kämpft die Partei für Soziale Gleichheit (PSG).“

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