„Exil als geistige Lebensform“

Ein Buch über Brecht und Feuchtwanger

Von Sybille Fuchs
22. November 2016

Andreas Rumler: Exil als geistige Lebensform, Brecht und Feuchtwanger. Ein Arbeitsbündnis, Edition A.B. Fischer, Berlin 2016, 160 S., ISBN 978-937434-76-6, 16,80€

Der Journalist und Sachbuchautor Andreas Rumler untersucht in seinem Buch „Exil als geistige Lebensform“ das lebenslange Arbeitsbündnis Lion Feuchtwangers mit Bertolt Brecht unter dem Gesichtspunkt, dass beide vor den Nazis fliehen mussten und ihr literarisches Werk viele Jahre unter den schwierigen Bedingungen der Emigration fortsetzten. Rumler macht dabei auf viele wichtige Werke vor allem von Feuchtwanger aufmerksam, die damals entstanden und weder vom großen Publikum noch von der Literaturwissenschaft ausreichend gewürdigt wurden und werden.

Der Leser erfährt in erzählendem Ton zahlreiche interessante Details über Leben und Werk der beiden Autoren und vieler Zeitgenossen aus ihrem Umfeld. Dabei spannt Rumler den Bogen von der ersten Begegnung der beiden in München über die verschiedenen Exilorte in Frankreich, Skandinavien und den USA bis in die Nachkriegszeit. Er bleibt aber bei biographischen Details und auf der Ebene einer affirmativen Deutung und Beschreibung der Exil-Literatur stehen und hinterfragt nicht ihre Probleme und ihren künstlerischen Beitrag, um so die durch Faschismus und Krieg geprägte Gesellschaft kritisch zu durchdringen. Dabei hätte gerade das bei diesem Thema nahegelegen.

Rumler stützt sich auf biographische Äußerungen der Autoren und ihrer Kollegen und beschreibt, welche Werke aus der Zusammenarbeit der beiden entstanden sind und wie sie einander beeinflusst haben. So schreibt Feuchtwanger im Versuch einer Selbstbiographie (1927), dass drei Kollegen ihn stark beeinflusst hätten: „Heinrich Mann hat meine Diktion verändert, Döblin meine epische Form, Brecht meine dramatische.“ Alle drei Autoren mussten wie er selbst emigrieren.

Recht anschaulich schildert Rumler z. B. die beginnende Freundschaft der Autoren und das Leben beider in der Schwabinger Boheme sowie die ersten Theater- und Lyrikerfolge des jungen Brecht. Aber bereits zu Beginn der 1920er Jahre wird das Künstlerleben in München überschattet von der „braunen Demagogie im Bierdunst“ und von Naziaufmärschen. Die rechte Presse hetzt sowohl gegen den Juden Feuchtwanger als auch gegen Brecht. So heißt es im Völkischen Beobachter in einer Rezension des Brechtstücks „Im Dickicht der Städte“: „Im Theater roch es nach Fodor Judaicus.“ „Den Nazis ‘stank’ das vermeintliche Judentum Brechts“, kommentiert dies Rumler. Es wurden Stink- und Tränengasbomben geworfen.

Mit ihrer „Emigration“ nach Berlin, dem politischen und kulturellen Zentrum der Weimarer Republik, versuchen die beiden Schriftsteller den zunehmenden Angriffen der Rechtsextremen zu entfliehen. Es ist gewissermaßen ihr „erstes Exil“ und gleichzeitig eine Zeit der Erfolge. Immer wieder holt sich Brecht bei seinen literarischen Experimenten den Rat des erfahreneren Feuchtwanger.

Aber die Anfeindungen von rechtsgerichteten Kreisen und Nationalsozialisten werden immer heftiger. Besonders übel nehmen die Nazis Feuchtwanger den Roman „Erfolg“ (1930), in dem er satirisch den Aufstieg Hitlers und seiner Bewegung beschreibt.

Wie Feuchtwanger 1931 in der Welt am Abend feststellt: „Was also Intellektuelle und Künstler zu erwarten haben, wenn erst das Dritte Reich sichtbar errichtet wird, ist klar: Ausrottung. Das erwarten denn auch die meisten und wer irgend unter den Geistigen es ermöglichen kann, bereitet heute seine Auswanderung vor. Man hat, wenn man unter den Intellektuellen Berlins herumgeht, den Eindruck, Berlin sei eine Stadt von lauter zukünftigen Emigranten.“ (S. 57)

Rumler beschreibt das intellektuelle Umfeld seiner beiden Protagonisten, seine Repräsentanten und die Atmosphäre, in der beide arbeiten und leben. Was er jedoch nicht thematisiert, sind die politischen Umstände, die es den Nationalsozialisten ermöglichten, an die Macht zu gelangen. Weder die Rolle der Sozialdemokratie noch die der stalinistischen KPD werden näher untersucht, obwohl die Lage und die Wirkungsmöglichkeiten der Schriftsteller – ihre Macht und Ohnmacht – in der Weimarer Republik gerade dadurch bestimmt wurden.

Der 30. Januar 1933 erscheint so mehr oder weniger als eine über die Intellektuellen hereinbrechende Naturkatastrophe, die sich zwar ankündigte, aber so nicht vorhersehbar war. „Doch dann überstürzten sich die Ereignisse, Kultur fand in Deutschland nur mehr stark eingeschränkt statt, vor der Kulisse von Folterkellern und Konzentrationslagern“, heißt es am Ende des Kapitels „Opern und Lehrstück“. (S.65)

Rumler erwähnt, dass Feuchtwanger zwar an seiner Villa im Grunewald Stahljalousien anbringen ließ, aber im November 1932 mit der Gewissheit „Hitler is over“ zu einer Reise in die USA aufbrach, wo seine Romane größeren Erfolg hatten als in Deutschland. Es war eine Reise ohne Wiederkehr.

Brecht hatte sich 1932 gerade erst ein Haus am Ammersee gekauft. Beide Autoren befanden sich auf der Liste der „Auszumerzenden“, die sich „wie ein Who is Who der intellektuellen Elite nicht nur in Deutschland liest“. Ihre Bücher wurden am 10. Mai verbrannt.

Während Feuchtwanger sich nach seiner Rückkehr aus den USA zunächst in Frankreich in Sanary–sur-Mer niederließ, floh Brecht am Morgen nach dem Reichstagsbrand über Prag, Wien und die Schweiz nach Dänemark. Rumler beschreibt dann knapp aber anschaulich, wie sich Leben und Arbeit beider im Exil gestalteten.

Sanary entwickelte sich zu einem Zentrum deutscher emigrierter Autoren, die abgeschnitten waren von der ihnen vertrauten Kultur, ihren Verlagen, ihrem Publikum. Unter ihnen befanden sich Heinrich und Thomas Mann, dessen Kinder Klaus und Erika, Ernst Bloch, Ludwig Marcuse, René Schickele, Ernst Toller, Joseph Roth, Franz Werfel, Friedrich Wolf und andere. Die wenigsten von ihnen hatten etwas von ihrem Besitz retten oder mitnehmen können. Ihre Häuser, Wohnungen, Bibliotheken und Archive waren meist beschlagnahmt und geplündert, ihre deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden.

Feuchtwanger war relativ privilegiert, weil er wegen seiner Auslandserfolge über ausreichend Tantiemen verfügte, um sich eine Villa an der Riviera und eine neue Bibliothek zu leisten. Für kurze Zeit kam auch Brecht aus Dänemark nach Sanary, um mit ihm zu arbeiten.

Feuchtwanger schrieb in dieser Zeit einen Roman, durch den er die Welt über die antisemitische Barbarei in Deutschland aufklären wollte: „Die Geschwister Oppermann“. Er musste den Namen der Titelfamilie allerdings zunächst in Oppenheimer ändern, weil ein hochrangiger SA-Funktionär und Verleger namens Oppermann gedroht hatte, den sich noch in Deutschland befindenden Bruder Feuchtwangers, der einen Verlag in Halle besaß, in ein Konzentrationslager verschleppen zu lassen.

Das Buch konnte im Herbst 1933 im holländischen Querido-Verlag erscheinen, der wie Allert de Lange in Amsterdam und Oprecht in Zürich die Bücher deutscher Exilautoren zu drucken wagte. Emanuel Querido und seine Frau wurden nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Niederlande ins Vernichtungslager Sobibor verschleppt und umgebracht.

Verhältnis zur Kremlbürokratie

Das Verhältnis von Feuchtwanger und Brecht zur Moskauer Kremlbürokratie und ihrer Kulturpolitik bleibt bei Rumler relativ nebulös.

Im Frühjahr 1935 reist Brecht nach Moskau, wo er sich mit Erwin Piscator, den Schauspielerinnen Carola Neher und Asja Lacis, seinem Kollegen Bernhard Reich und dem Übersetzer seiner Werke Sergej Tretjakov trifft. Viele seiner Moskauer Freunde und Bekannten verschwinden nur wenig später im Gulag, in Gefängnissen oder werden ermordet. In seinen privaten Aufzeichnungen und Tagebüchern sorgt er sich um sie, macht dies aber nie öffentlich. Wie Feuchtwanger ist er der Ansicht, dass man angesichts des Faschismus nur auf die Sowjetunion setzen könne.

Beide erklären sich bereit, sich zusammen mit Willi Bredel, der nach Moskau emigriert ist, an der Herausgabe der Exilzeitschrift Das Wort zu beteiligen. Über die Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen unter Herausgebern und Mitarbeitern der Zeitschrift, die vielfach um Fragen einer der Situation angemessenen Literatur und den von den Stalinisten dekretierten „sozialistischem Realismus“ kreisen, berichtet Rumler nichts. Er erwähnt, dass erst „der Hitler-Stalin-Pakt im März 1939“ das Ende der Zeitschrift besiegelte. (S. 90) [1]

Er zitiert auch nicht Brechts (nie veröffentlichte) Aufzeichnung im Arbeitsjournal vom 9. September 1939 über den Pakt: „große verwirrung richtete natürlich der deutsch-russische pakt an bei allen proletariern… die union trägt vor dem weltproletariat das fürchterliche stigma einer hilfeleistung an den faschismus, den wildesten und arbeiterfeindlichsten Teil des Kapitalismus. ich glaube nicht, dass mehr gesagt werden kann, als dass die union sich eben rettete um den preis, das weltproletariat ohne losungen, hoffnungen und beistand zu lassen.“ [2] Beide Autoren stimmen darin überein, die Sowjetunion nicht öffentlich zu kritisieren.

Brecht nimmt wie auch Feuchtwanger 1935 an dem Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in Paris teil und beide halten dort eine Rede, über deren Inhalte Rumler nur wenig mitteilt. Er betont zwar, dass beide Autoren, was den Marxismus angeht, durchaus verschiedene Ansichten haben. Auch wenn Feuchtwanger mit linken Ansichten sympathisiert, lehnt er vehement den Marxismus ab und streitet sich mit Brecht darüber. Rumler erwähnt dies kurz, geht aber auf die Frage kaum ein. Das Hauptproblem dabei ist offenbar, dass er nicht die Frage stellt, ob der Stalinismus überhaupt irgendetwas mit dem Marxismus zu tun hat.

Feuchtwanger spricht in Paris über historische Romane, in denen er die Probleme der Gegenwart aufgreift: „Ich für mein Teil habe mich, seitdem ich schreibe, bemüht, historische Romane für die Vernunft zu schreiben, gegen Dummheit und Gewalt, gegen das, was Marx das Versinken in die Geschichtslosigkeit nennt. Vielleicht gibt es auf dem Gebiet der Literatur Waffen, die unmittelbarer wirken, aber mir liegt aus Gründen, die ich darzulegen versuchte, am besten diese Waffe, der historische Roman, und ich beabsichtige, sie weiter zu gebrauchen.“ (S. 85)

Feuchtwanger geht es um Aufklärung durch Literatur. Wie er 1932 in seinem Essay „Der Roman von heute ist international“ ausführt, will er, der „große(n) Masse der Bildungsempfänglichen“ helfen, „im erzählenden Buch auf dem Weg über das Gefühl einen Standpunkt zu finden, von dem aus eine Orientierung in der verworrenen Welt möglich ist“. (S. 35) Ein löbliches Unterfangen, aber wie soll man eine solche Orientierung finden, ohne eine marxistische Analyse der Klassengesellschaft?

In seinem Roman „Erfolg“(1930) tritt ein Schweizer liberaler Schriftsteller Jacques Tüerlin, eine Art alter Ego Feuchtwangers auf, der erklärt: „Ein großer Mann … den Sie nicht leiden können, ich übrigens auch nicht, er heißt Karl Marx, meinte, die Philosophen haben die Welt erklärt, es kommt aber darauf an sie zu ändern. Ich für meine Person glaube, das einzige Mittel sie zu ändern, ist sie zu erklären … Große Reiche vergehen, ein gutes Buch bleibt. Ich glaube an gutgeschriebenes Papier mehr als an Maschinengewehre.“ Rumler kommentiert dieses Zitat mit dem Satz „Tüerlin sollte recht behalten.“ (S. 55)

Auch Brecht ist kein „Marxist“. Zwar hält er sich dafür, er liebt die Dialektik und bekennt sich zum Materialismus, aber die historische Dimension der marxistischen Theorie bleibt ihm fremd, zumindest kann er sie nicht auf seine Gegenwart anwenden. Wie aus einem Brief an George Grosz hervorgeht, verfolgt Brecht den ganzen Kongress in Paris relativ distanziert und fordert in seiner Rede die Schriftstellerkollegen auf, die Ursache des Faschismus nicht in der „Rohheit“ oder mangelnder Erziehung etc. zu sehen, sondern in der „Wurzel der Rohheit“, den herrschenden „Eigentumsverhältnissen“. (S. 86)

Brechts Überzeugung, dass es vor allem auf die Aufhebung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse ankomme, ist natürlich nicht falsch, bleibt so aber vollkommen abstrakt. Weil er nicht auf die konkrete Politik der Kommunistischen Parteien und ihrer Moskauer Führung eingeht, ist seine „Verteidigung der Kultur“ angesichts der stalinistischen Politik zumindest etwas naiv, wenn nicht unaufrichtig. Es ist insofern nicht einsichtig, dass Rumler Brechts Feststellung angesichts des „Raubzugs der deutschen Wehrmacht als ‘Weltanschauungskrieg’ um Rohstoffe und ‘Lebensraum im Osten’ … und der sich zuspitzenden Diktatur Stalins samt ihrem räuberischen Charakter“ als „geradezu hellsichtig“ bezeichnet.

Brecht und Feuchtwanger – und sie sind keineswegs die einzigen Intellektuellen – sehen in der Sowjetunion trotz des Stalinismus die einzige Möglichkeit, den Faschismus zu besiegen, und halten jede Kritik und alle Zweifel, die sie an der Politik der Komintern vielleicht insgeheim haben, in ihren Schubladen zurück. „Angesichts der Erfolge und der Akzeptanz des nationalsozialistischen Deutschlands innerhalb der westlichen Demokratien scheint ihm [Feuchtwanger] die Sowjetunion das letzte verbliebene Bollwerk und der einzig mögliche Verbündete im Kampf gegen den Naziterror zu sein“, beschreibt Rumler gleichsam als Entschuldigung diese Haltung, die Brecht teilt. (S. 95)

Gerade Feuchtwanger geht über die Zurückhaltung von Kritik weit hinaus. Besonders krass wird dies 1937 mit seiner Moskaureise, deren Erfahrungen und Erlebnisse er – offenbar bewusst selektiv – in dem Bändchen „Moskau 1937 – Ein Reisebericht für meine Freunde“ schildert. Feuchtwanger nahm trotz gewisser Zweifel und Vorbehalte die Einladung in die Sowjetunion an, nachdem André Gide seinen äußerst kritischen Bericht über seine eigene Reise in die Sowjetunion veröffentlicht hatte. Er wollte dessen Einschätzungen mit eigenen Augen überprüfen und kommt zu einer diametral entgegengesetzten Einschätzung.

Rumler beschreibt nach einigen Belanglosigkeiten über Programme, Diskussionen, Lesungen, Begegnungen mit Arbeitern, Intellektuellen und Funktionären, wie sie alle berühmten Schrifteller als offizielle Gäste der stalinistischen Diktatur berichten konnten, sogar ein Treffen mit Stalin selbst. Nicht erwähnt wird, dass offensichtlich in Ungnade gefallene Schriftsteller wie Boris Pasternak oder Boris Pilnjak Feuchtwanger gar nicht erst vorgestellt wurden. Auch der berühmteste und von Lenin hochgeschätzte Literaturkritiker Alexander Woronski gehörte nicht zu seinen Gesprächspartnern. Dieser wurde bereits 1935 verhaftet und nach einem 20-minütigen Verfahren vor einem Schnellgericht des Militärischen Kollegiums des Obersten Sowjets im August 1937 hingerichtet.

Moskauer Prozesse

Rumler behandelt recht knapp den besonders abstoßenden Bericht Feuchtwangers über den zweiten „Trotzkistenprozess“, an dem der Schriftsteller gemeinsam mit dem amerikanischen Botschafter Joseph E. Davies teilnahm. In der zweiten Januarhälfte 1937 saß er mehrmals während des zweiten Schauprozesses auf der Zuschauertribüne.

Sowohl der Diplomat als auch der Autor zeigen sich von der Rechtmäßigkeit der Anklagen und der Prozessführung überzeugt. Rumler schreibt recht lapidar „Ähnlich wie der amerikanische Botschafter Davies beurteilte auch Feuchtwanger seine Erlebnisse in der Sowjetunionmit mit einem Wohlwollen, das heute nur schwer nachzuvollziehen ist. Sein Buch Moskau 1937 … enttäuscht, misst man es an den scharfsinnigen Analysen des Nationalsozialismus in Erfolg, Die Geschwister Oppenheim und Exil. Zwar kritisiert er den ‘maßlosen Personenkult’ um Stalin … als eine Art lässlicher Sünde. ‘Geformte Vernunftmäßigkeit’ macht für ihn das Wesen der Sowjetunion aus. Freilich … ‘Gängelei und Bevormundung der Künstler durch den Staat’ stören ihn.“ (S. 94f)

Diese etwas dürftige Einschätzung über Feuchtwangers Bericht überrascht, insbesondere wenn man ihn mit den historischen Tatsachen vergleicht, die schon damals über die Schauprozesse bekannt waren und auch Feuchtwanger nicht verborgen geblieben sein konnten. Feuchtwanger übernimmt die Lügen, die ihm die ihn begleitenden KGB-Agenten und Stalin selbst aufbinden, und verdreht in seinem Bericht historische Tatsachen – z.B. über Lenins Verhältnis zu Trotzki und zu Stalin – und verbreitet Stalins Interpretationen darüber. Die Persönlichkeit Trotzkis schildert er so, als ob Stalin gar nichts anderes übrig geblieben sei, als ihn zu verfolgen (und schließlich ermorden zu lassen), um die Sowjetunion zu retten.

Die abstoßenden Passagen und Charakterisierungen Trotzkis und seiner Anhänger in „Moskau 1937“ erwähnt Rumler mit keinem Wort. So schreibt Feuchtwanger: „Trotzkis Tragik ist, dass er sich nicht damit begnügte, ein großer Schriftsteller zu sein. Diese Ungenügsamkeit machte ihn zu einem zänkischen Doktrinär, der zahllose Menschen über dem Unheil, das er anstiftete und anstiften wollte, seine Verdienste vergessen ließ.“ [3]

Feuchtwanger behauptet: „Bei eingehender Prüfung ergibt sich, dass die Haltung, welche die Anklage Trotzki vorwirft, nicht nur nicht unglaubhaft, sondern die einzige ist, die seiner inneren Situation entspricht. … Unzählige Male hat Trotzki seinem maßlosen Hass und seiner Verachtung Stalins Ausdruck gegeben. Was er in Wort und Schrift tat, sollte er es nicht auch in Taten tun?“ Oder an anderer Stelle: „Stellt man die Äußerungen zusammen, die der exilierte Trotzki gegen Stalin und dessen Staat getan hat, dann ergibt sich ein Lexikonband voll Hass, Wut, Ironie, Verachtung.“ Er unterstellt ihm, dass er alles tun würde, sogar mit der Gestapo zusammenzuarbeiten, um „wieder ins Land hinein, um jeden Preis wieder an die Macht zu kommen.“ [4]

Er preist Stalin als „großen Organisator“, der darum gekämpft habe, „fähige Trotzkisten, statt sie zu vernichten, für sich zu gewinnen; die zähe Mühe, mit der er sie für sein Werk zu verwenden sucht“, habe etwas „Ergreifendes“. [5] Es gehörte schon einige Ignoranz dazu, die Tatsache zu leugnen, dass bereits 1937 unzählige Trotzkisten und bolschewistische Revolutionäre in Gefängnissen und Lagern verschwanden, gefoltert und vernichtet wurden und selbst Kommunisten und einfache Bürger, die nie Sympathien für Trotzki hatten, aber aus anderen Gründen Stalin und seinen Helfershelfern suspekt waren, von einem solchen Schicksal nicht verschont blieben.

Feuchtwanger windet sich und greift zu den abenteuerlichsten Konstruktionen, um „Klarheit und Geheimnis der Trotzkistenprozesse“ zu erklären und sie zu rechtfertigen. Dass er seinen Bericht gegen den Rat von Bekannten veröffentlichte, wertet Rumler als Beweis für „Mut und Zivilcourage“. Um dies zu unterstreichen, zitiert er auch Brechts Lob für Feuchtwangers „tacitäischen Reisebericht“. Brecht pries Feuchtwangers Moskau-Buch „als ein kleines Wunder“ und „eine besondere Leistung … Für einen Skeptiker wie ihn ist es schwer zu loben. Er ist geradezu gezwungen, seinen Stil zu ändern … Und es war allerhand Tapferkeit nötig – und nicht nur geistige – eine Eigenschaft, die in unserer Literatur sehr selten ist.“ (S. 96)

Dass Rumler dieses Kapitel nur knapp und völlig unkritisch abhandelt, lässt vermuten, dass er sich mit den politischen und historischen Hintergründen nicht oder nur aus zweiter Hand befasst hat. Jedenfalls erwähnt er in seinem Literaturverzeichnis nicht eine einzige Schrift Trotzkis.

Dabei hätte ihm dessen Aufsatz „Kunst und Revolution“ (1938) zu einem wesentlich fundierteren Verständnis der Probleme und der Tragik verhelfen können, mit denen Schriftsteller in den 1930er und 1940er Jahren konfrontiert waren. Trotzki schreibt:

„Der Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet eine unerträgliche Verschärfung der gesellschaftlichen Widersprüche. Sie verwandeln sich zwangsläufig in individuelle Widersprüche und machen dadurch die Forderung nach einer befreienden Kunst noch brennender, … Die Kunst, die den komplexesten, empfindlichsten und verwundbarsten Teil der Kultur darstellt, leidet ganz besonders unter dem Niedergang und Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft.

Aus dieser Sackgasse mit den Mitteln der Kunst einen Ausweg zu finden, ist nicht möglich. Die ganze Kultur befindet sich in einer Krise, von der ökonomischen Basis bis zu den höchsten ideologischen Schichten. Die Kunst kann weder der Krise entkommen noch sich von ihr lossagen. Sie kann nicht nur sich selbst retten. Sie wird zwangsläufig verfallen – wie die griechische Kunst unter den Ruinen der Sklavenhalterkultur verfiel –, falls die gegenwärtige Gesellschaft sich nicht zu verändern vermag. Dieses Problem hat einen unbedingt revolutionären Charakter. Aus diesem Grund wird die Funktion der Kunst in unserer Epoche durch ihr Verhältnis zur Revolution bestimmt.

Aber gerade auf diesem Wege hat die Geschichte den Künstlern eine kolossale Falle gestellt. Eine ganze Generation der ‚linken‘ Intelligenz hat während der letzten zehn oder fünfzehn Jahre ihre Augen nach Osten gewandt und ihr Schicksal mehr oder weniger eng, wenn nicht mit dem revolutionären Proletariat, so wenigstens mit der siegreichen Revolution verknüpft. Das ist nicht dasselbe. In der siegreichen Revolution gibt es nicht nur die Revolution, sondern auch jene neue privilegierte Schicht, die sich auf ihren Schultern erhoben hat. In Wirklichkeit hat die ‚linke‘ Intelligenz versucht, ihren Herrn zu wechseln. Hat sie dabei viel gewonnen?“ [6]

Das Buch „Moskau 1937“ verfolgt Feuchtwanger bis in sein neues Exil in die USA und trägt wesentlich dazu bei, dass er, der im Gegensatz zu Brecht nach dem Krieg dort bleibt, bis zu seinem Tod 1958 die beantragte amerikanische Staatsbürgerschaft nicht erhält. Er wird bespitzelt, und immer wieder muss er sich langen Verhören unterziehen. Aber im Gegensatz zu Brecht, Arnold Zweig und anderen will er nicht in die DDR. Seine Briefe werden von den Spitzeln sowohl McCarthys als auch der Stasi kontrolliert. Als ihm 1952 die Stadt München ihren Literaturpreis verleihen will, „geriet die Szene zur bayerischen Provinzposse“ und der Stadtrat muss sich damit rechtfertigen, dass der Preis der literarischen Leistung des Autors und nicht seiner politischen Haltung gelte. (S. 149f)

Feuchtwanger und Brecht sehen sich nach ihrer Trennung 1947 in Santa Monica, nicht mehr wieder. Feuchtwanger bleibt „sein Leben lang Emigrant“, schreibt Rumler und fügt hinzu, „das Exil wird ihm zur geistigen Lebensform“, womit er offenbar ausdrücken will, dass er sich auch in seiner komfortablen Villa am Pazifik nicht wirklich zu Hause fühlt.

Aber das hat sicher weniger mit dem „Geist“ als mit der realen Welt zu tun. So schreibt er 1949 an Brecht: „Meine Situation hier ist nicht gerade gemütlich, eine behäbige Ruhe und am Rand winken ein paar Herren mit Atombomben.“ Die Angst vor einem neuen Krieg teilt er mit Brecht, der 1956 angesichts der Wiederbewaffnung der BRD an den Deutschen Bundestag schreibt: „Da ich gegen den Krieg bin, bin ich gegen die Einführung der Wehrpflicht in beiden Teilen Deutschlands, und da es eine Frage auf Leben und Tod sein mag, schlage ich eine Volksbefragung darüber in beiden Teilen Deutschlands vor.“ (S. 150)

Auch wenn das Buch von Rumler in den politisch-literarischen Analysen nicht befriedigt, regt es doch dazu an, erneut über die Aufgaben nachzudenken, mit denen Künstler und Schriftsteller im 20. Jahrhundert konfrontiert waren und heute wieder sind.

Anmerkungen

[1] Rumler ist hier sehr ungenau. Zwar waren im Frühjahr 1939 seit der Ablösung des Juden Litwinow als sowjetischem Außenminister durch Molotow insgeheim Verhandlungen zwischen Deutschland und der UdSSR begonnen worden, aber der Pakt wurde erst am 23. August 1939 in Moskau unterzeichnet.

[2] B. Brecht: Arbeitsjournal 1938-1942, Frankfurt 1974, S. 48

[3] L. Feuchtwanger, Moskau 1937, Berlin 1993, S: 77

[4] ebd. S. 88-89

[5] ebd. S. 85

[6] L.D. Trotzki, Literaturtheorie und Literaturkritik, München 1973, S. S. 145f

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