Professor Mario Keßler über Jörg Baberowski

„Eine Feinderklärung an Grundsätze der Humanität“

Von Christoph Vandreier
18. Mai 2017

Am Sonntag veröffentlichte der Berliner Tagesspiegel einen Leserkommentar von Professor Mario Keßler, der dem rechtsradikalen Professor Jörg Baberowski einen „elementaren Mangel an Gefühl“ für die Opfer der Nazis attestiert und die Frage aufwirft, ob er die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zur Grausamkeit Hitlers „aus Unbildung oder Kalkül“ beiseite wische.

Keßler ist ein international renommierter Professor an der Universität Potsdam und arbeitet am Zentrum für Zeithistorische Forschung. Er hat über zwei Dutzend Bücher zur Geschichte des Antisemitismus, der europäischen Arbeiterbewegung, zur Historiographie-Geschichte und zur Exilforschung in deutscher und englischer Sprache publiziert. Er war Gastprofessor an der University of Massachusetts (Amherst), der Columbus State University in Georgia und der Hebräischen Universität in Jerusalem. Forschungsaufenthalte führten ihn u. a. an die Johns Hopkins University (Baltimore), das King’s College (London) und zuletzt an die Harvard University.

Keßler antwortet mit seinem Kommentar auf einen Artikel im Tagesspiegel, der über ein Interview mit Baberowski berichtet, das in der Zeitschrift des Deutschen Hochschulverbands „Forschung & Lehre“ erschienen ist. Der Professor für Osteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität bekräftigt darin eine Aussage, die er bereits im Februar 2014 im Spiegel geäußert hatte. Damals sagte er: „Hitler war kein Psychopath, er war nicht grausam. Er wollte nicht, dass an seinem Tisch über die Judenvernichtung geredet wird.“

In „Forschung und Lehre“ verteidigt Baberowski diese ungeheure Verharmlosung der Nazi-Verbrechen nun mit den Worten: „Ich habe Hitler mit Stalin verglichen. Stalin war ein Psychopath. Hitler war keiner. Stalin hatte Freude an Gewalt, Hitler nicht. Hitler wusste, was er tat. Er war ein Schreibtischtäter, der von den blutigen Folgen seiner Taten nichts wissen wollte. Das macht seine Taten moralisch nicht besser, sondern schlimmer. Niemand kann das wirklich missverstehen“. Der Tagesspiegel hat diese Passage zitiert.

Keßler widerspricht dieser Darstellung vehement. „Hier – sagen wir es freundlich – ignoriert Baberowski die von den Zeitgenossen mit Erschrecken aufgenommene und in einer jahrzehntelangen Forschung in Detail nachgewiesene Tatsache, dass Hitler sehr wohl die möglichen und dann tatsächlich durch ihn und sein Regime verursachten Folgen der Vernichtung von Millionen Juden und Nichtjuden in ebenso grausamen wie zynischen Bildern beschrieben hat, dass er diese Vernichtung kaltblütig geplant und angeordnet hat.“ Auch die dokumentierten Tischgespräche Hitlers und „viele andere öffentliche und halböffentliche Äußerungen Hitlers gerade ab 1941“ zeigten Hitlers Grausamkeit.

Keßler berichtet von Diskussionen an der jüdischen Yeshiva University in New York, wo er bis Januar dieses Jahres als Gastprofessor tätig war. Kollegen und Studenten hätten ihn gefragt, „ob Baberowski ein Nazi sei“, nachdem das Spiegel-Interview von 2014 auch in englischer Sprache veröffentlicht worden war. „Ich verneinte dies klar, aber die Fragesteller hakten nach“, schreibt Keßler. „Ist er vielleicht ein Nazi, der sich nicht oder noch nicht getraut, seiner Gesinnung freien Lauf zu lassen? Auch dies verneinte ich, konnte meine Gesprächspartner aber nur teilweise überzeugen.“

Schließlich habe er erkannt, so Keßler, dass die Kollegen „instinktiv einen wichtigen Punkt getroffen hatten: Wer behauptet, Hitler sei nicht grausam, lässt einen elementaren Mangel an Gefühl für seine Opfer erkennen, ganz gleich, was er an Erklärungen dafür anbringen mag. Dass Juden, aber nicht nur sie, dies als Feinderklärung an sie selbst und an Grundsätze der Humanität auffassen, ist mehr als verständlich.“

Keßler bringt damit die Ausrichtung von Baberowskis Äußerungen auf den Punkt. Sein Satz „Hitler war nicht grausam“ ist darauf ausgerichtet, die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu verharmlosen. Das wird durch den Kontext seiner Aussage unterstrichen. In dem gleichen Spiegel-Artikel von 2014 wird Baberowski mit den Worten zitiert: „Nolte wurde Unrecht getan. Er hatte historisch recht.“ Außerdem relativiert er darin den Holocaust, wenn er in Bezug auf angebliche Erschießungen im Jahr 1918 nahe Moskau erklärt: „Im Grunde war es das Gleiche: industrielle Tötung.“

Die Jugendorganisation der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP), die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE), hatte diese Formulierungen schon unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung scharf angegriffen. In der Folge zeigte sie auf, dass sich die Relativierung der Nazi-Verbrechen wie ein roter Faden durch Baberowskis akademisches Werk zieht und in engem Zusammenhang mit seinen rechtsradikalen Positionen in Bezug auf aktuelle politische Entwicklungen steht.

In ihrem Kampf gegen rechte und militaristische Ideologie an der Humboldt-Universität gewannen die IYSSE immer mehr Unterstützung unter Studierenden. Sie machten Veranstaltungen mit hunderten Teilnehmern zum Thema und gewannen sieben Prozent der Stimmen bei den letzten Wahlen zum Studierendenparlament. Auch Studierendenvertretungen in Bremen und Hamburg schrieben Flugblätter gegen Baberowski und bezeichneten ihn als „Rechtsradikalen“. In Berlin stellten sich die Studierendenparlamente der HU und FU gegen Baberowski. Zuletzt solidarisierte sich der Asta der PH Heidelberg mit den IYSSE.

Zur gleichen Zeit stellten sich etliche Professoren hinter Baberowski und verteidigten seine Geschichtsklitterung.

Das Institut für Geschichtswissenschaften an der HU warf den IYSSE schon 2014 vor, Baberowski als rechten Historiker zu diffamieren, und rief Studierende auf, ihnen entgegenzutreten. Der damalige Präsident der HU, Jan-Hendrik Olbertz, und 27 weitere Professoren sprachen in einer Stellungnahme von einer „Rufmordkampagne“. Zuletzt hatte sich die aktuelle Präsidentin der Universität, Sabine Kunst, hinter Baberowski gestellt und „mediale Angriffe“ auf den rechtsradikalen Professor für „inakzeptabel“ erklärt.

Sie alle ignorierten, um es mit Mario Keßler „freundlich“ zu formulieren, „die von den Zeitgenossen mit Erschrecken aufgenommene und in einer jahrzehntelangen Forschung in Detail nachgewiesene Tatsache“ der Verbrechen des Nationalsozialismus und der Wehrmacht.

Begleitet wurden diese Stellungnahmen von einer regelrechten Hetzkampagne gegen die IYSSE, der Verleumdung, Psychoterror und sogar Gewalt unterstellt wurde. Keiner der Artikel und Stellungnahmen zitierte auch nur ein Wort von den Aussagen Baberowskis, die die IYSSE aufgegriffen und kritisiert hatten. Das war auch deshalb möglich, weil sich in ganz Deutschland kein Professor zu Baberowskis haarsträubenden Aussagen geäußert hatte. Dreieinhalb Jahre lang blieb die Aussage „Hitler war nicht grausam“ in der Professorenschaft unwidersprochen.

Deshalb ist es bedeutsam, dass jetzt nicht nur zehntausende Studierende, sondern auch ein international angesehener Professor Stellung bezieht und Baberowskis rechten Positionen beim Namen nennt. Es bleibt zu hoffen, dass sich nun andere Akademiker ein Beispiel nehmen und nicht länger über Baberowskis Verharmlosung der Nazi-Verbrechen schweigen.

Das im Mehring-Verlag erschienene Buch "Wissenschaft oder Kriegspropaganda?" dokumentiert den Kampf der IYSSE und der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) gegen die Wiederkehr des deutschen Militarismus in den vergangenen zwei Jahren.

Wer nicht bereit ist, die Wiederbelebung des deutschen Militarismus und die Verwandlung der Universitäten in staatlich gelenkte Kaderschmieden für rechte und militaristische Ideologien hinzunehmen, muss dieses Buch lesen. 

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