„Ein deutsches Leben“ – aktuelle Vergangenheit

Von Bernd Reinhardt und Verena Nees
18. Mai 2017

Der österreichische Film „Ein deutsches Leben“ von Florian Weigensamer, Olaf S. Müller, Christian Krönes und Roland Schrotthofer, der im April in die deutschen Kinos kam, ist ein verstörender, teils schockierender Film und gerade deshalb sehenswert. Im Zentrum der Dokumentation steht Brunhilde Pomsel (1911 bis 2017), die von 1942 bis 1945 als Sekretärin im Büro von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels gearbeitet hat.

Brunhilde Pomsel © Salzgeber & Co. Medien GmbH

Die 103-Jährige blickt konzentriert in die Kamera, spricht ruhig, sachlich, fast druckreif. Die schwarz-weißen Nahaufnahmen zeigen das greisenhafte Gesicht mit seinen vielen Falten. Der lebhafte Blick verrät einen erstaunlich klaren Verstand und ein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen. Brunhilde Pomsel spricht über ihre Arbeit bei Goebbels, als sei es gestern gewesen.

Nicht nur die Kamera ist nah dran, alles ist nah. Dem Zuschauer wird schlagartig klar: Hier sitzt jemand, der im Zentrum der Nazi-Macht dabei war, bis zum Schluss im Bunker des Propagandaministeriums saß und Schriftstücke tippte, als einer der schrecklichsten Nazi-Verbrecher an der Seite Hitlers mit seiner ganzen Familie Selbstmord beging. Es ist alles nicht lange her.

Am Ende ihrer 115-Minuten Erzählung, die in den Jahren 2013/14 aufgenommen wurde und im Buch zum Film (Europa-Verlag 2017) abgedruckt ist, resümiert Pomsel: „Auch das Schöne hat Flecken. Und auch das Schreckliche hat Sonnenstellen. Es ist nicht schwarz-weiß.“ Vehement lehnt sie jedes Schuldeingeständnis ab. Sie habe ja nichts getan, „als bei Herrn Goebbels zu tippen“.

„Nein. Ich würde mich nicht als schuldig betrachten. Es sei denn, man wirft dem ganzen deutschen Volke vor, dass es letzten Endes dazu beigetragen hat, dass diese Regierung überhaupt ans Ruder gekommen ist.“

Pomsel kommt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Die Eltern sind nicht wohlhabend, können sich aber eine Wohnung in einer besseren Gegend im Berliner Süden leisten. Die Erziehung ist auf Gehorsam ausgerichtet. Politisches Interesse wird nicht gefördert, schon gar nicht bei Mädchen.

Als junge Frau entspricht Pomsel dem verbreiteten Frauenideal: hübsch, adrett und etwas naiv. Mit Vorliebe sitzt sie mit ihren Freundinnen im Café. Ihr erster Freund Heinz ist ein rechter Student aus Heidelberg, der sie in den Berliner Sportpalast einlädt. Zu ihrer Enttäuschung erlebt sie keins der beliebten Sport-Events, sondern eine Propagandaveranstaltung der NSDAP, wo Göring spricht und sie sich furchtbar langweilt.

Am 30. Januar 1933 wird Hitler von Reichspräsident Hindenburg als Reichskanzler eingesetzt und Pomsel winkt ihm beim Fackelzug am Brandenburger Tor zu: „Warum auch nicht, ein neuer Mann.“ Da ist sie Anfang Zwanzig.

Vor 1933 habe „kein Mensch über die Juden nachgedacht“, sagt Pomsel, „reine Erfindungen der späteren Nazis“. Ihre jüdische Freundin Eva Löwenthal ist bei den Freundinnentreffs immer dabei. Weil Eva nie Geld hat, wird sie von den anderen eingeladen.

Eine Zeitlang arbeitet Pomsel als Sekretärin bei dem jüdischen Anwalt und wohlhabenden Versicherungsmakler Goldberg. Dass sie Hitler zugejubelt hat, sagt sie ihm nicht, aus Taktgefühl, wie sie erklärt.

Als Goldberg nach 1933 weniger Aufträge hat und sie nur halbtags bezahlen kann, bessert Pomsel ihr Gehalt auf, indem sie die Kriegserlebnisse des ehemaligen Flieger-Leutnants aus dem Ersten Weltkrieg und Sturmbannführers der SA, Wulf Bley, abtippt. Bley verhilft ihr, nachdem sie seinen Rat befolgt und für ihr berufliches Weiterkommen in die NSDAP eintritt, zu einer gutbezahlten Arbeit beim Rundfunk.

Später hätte Eva sie beim Rundfunk sogar öfters besucht, erzählt Pomsel. Die Reporter hätten sie nett gefunden, weil sie „so witzig und schlagfertig“ war. Ihre Sprache verrät die Vorurteile, die sich in den kleinbürgerlichen Kreisen des Berliner Südens breitmachten. Eva sei sehr hübsch gewesen, „rötliches Haar, sehr zierlich, sehr zart, aber sie hatte schon diesen Judenzinken“. Sie weist auf ihre Nase.

1942 wird Pomsel ins Reichspropagandaministerium versetzt, wo sie zur Sekretärin im Vorzimmer von Goebbels aufsteigt. Dort verdient sie so überdurchschnittlich gut, dass alle Freundinnen sie beneiden. Mehrmals erklärt sie, wie wohl sie sich dort gefühlt habe: freundliche Leute, schöne Möbel. Der Arbeitgeber Goebbels tritt vornehm auf, hat tolle Anzüge an und ist überhaupt immer sehr gepflegt, „überhaupt nichts auszusetzen“. Manchmal kommen Goebbels kleine, niedliche Töchter, sind neugierig, wollen auch mal an die Schreibmaschine.

Danach besucht sie noch einmal Eva Löwenthal, die inzwischen umgezogen ist und der es sehr schlecht geht. Es ist ihr später peinlich, dass sie als Geschenk für ihre stark rauchende Freundin nur Zigaretten statt Lebensmittel mitgebracht hat. Die Familie hat fast keine Möbel mehr, muss zu viert in einem Zimmer leben. „Dann war Eva plötzlich weg. Und wir konnten es nicht ändern.“ Eva wurde 1943 deportiert und 1945 in Auschwitz ermordet.

„Wir hatten ja insgesamt keine Ahnung, was da mit Hitler auf uns zukam“, rechtfertigt Pomsel sich. Aber: „Man wollte auch gar nicht so viel wissen, man wollte sich nicht unnötig mehr belasten.“

Die Stärke des Films besteht auch darin, dass er Pomsel immer wieder unterbricht und mit der Wirklichkeit konfrontiert: Dokumentaraufnahmen, größtenteils neu erschlossenes Archivmaterial u.a. aus dem US Holocaust Memorial Museum, zeigen die Massenentsorgung von Leichen im Warschauer Ghetto, von US-Soldaten befreite KZ-Insassen, lebende Gerippe, schließlich in voller Länge die Sequenz vom KZ Buchenwald, als die Weimarer Bevölkerung nach Kriegsende gezwungen wird, sich Leichenberge anzusehen und die ermordeten KZ-Toten eigenhändig zu bestatten. Ergänzend sieht man Ausschnitte aus Nachrichten- und Propaganda-Filmen der verschiedenen kriegsführenden Nationen.

Zur Ermordung von Juden und anderen Minderheiten, oder auch Kommunisten, Sozialdemokraten und Widerstandskämpfern hat Pomsel nicht viel zu sagen. Sie hätte seit „ewigen Zeiten“ von den KZs gewusst, gibt sie zu. Sie hätte sich aber mit der offiziellen Wahrheit begnügt, es handele sich um Lager zur „Umerziehung“ von Staatsfeinden und Kriminellen.

Widerstand hätte keinen Sinn gemacht. Seit Hitler an der Macht war, sei ohnehin alles zu spät gewesen. „Wir waren ja alle in einem riesigen Konzentrationslager.“

Zufällig sind die Gerichtsakten Sophie Scholls und der „Weißen Rose“ durch ihre Hände gegangen. Pomsel erinnert sich, wie stolz sie war, nicht heimlich in die Akten geschaut zu haben. Den Tod der jungen Leute habe sie bedauert. Sie bewundere den Mut von Sophie Scholl und ihren Mitstreitern. Aber es sei auch „Dummheit“ gewesen, „wegen einem Scheißpapier, wegen eines Flugblattes“ ihr Leben zu riskieren.

Der Film „Ein deutsches Leben“ verstört vor allem durch das scheinbar Normale, das Ausmaß an Banalität, mit dem Pomsel die Jahre im Hause Goebbels beschreibt. Man gewinnt den Eindruck von einem hundsgewöhnlichen Büro eines heutigen Ministerialbeamten. Und doch tippt Pomsel pflichtbewusst Beschlüsse, Anweisungen, Protokolle, in denen Massenmord und Vernichtungskrieg propagiert werden.

Ihren Chef bewundert Pomsel am Ende ihres Lebens immer noch als „begnadeten Schauspieler“. Entsetzt sei sie nur gewesen, als er in der Sportpalast-Rede tobte: „Wollt ihr den totalen Krieg“, und tosenden Beifall erhielt – ein einzelner Mann, der die Massen verhexte, ein ihr unerklärliches „Naturereignis“.

Diese Ignoranz von Brunhilde Pomsel siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ihr freimütiges Bekenntnis, die Nazis aus Eigennutz unterstützt zu haben, und die dreiste Behauptung, sie habe nichts gesehen und nichts gewusst, ist frappierend, aber nicht so neu, wie der ebenfalls verfilmte Bericht von Hitlers Sekretärin Traudl Junge zeigt.

Die NSDAP war eine kleinbürgerliche Bewegung, die sich auf viele solcher Opportunisten stützen konnte. Ihre späteren Rechtfertigungen, sie hätten nichts gewusst, dienten neuen Karrieren in der Bundesrepublik. Auch Pomsel konnte nach fünf Jahren russischer Gefangenschaft wieder an ihre alte berufliche Stellung anknüpfen. Sie wurde Chefsekretärin bei der ARD, auf Empfehlung des ehemaligen NS-Reporters Dr. Naumann, der längst einen neuen Posten hatte.

Der Film geht vor allem deshalb unter die Haut, weil er so aktuell ist. Die heutige Kriegsgefahr, das Elend der Millionen Flüchtlinge und der aufkommende Nationalismus und Faschismus lassen die Gespenster der Vergangenheit wieder auferstehen. Es gebe „erschreckende Analogien zur Gegenwart“, sagen auch die Regisseure. „Heute ist es nicht nur ein Land, sondern ein ganzer Kontinent, der nach rechts zu driften droht. Es scheint uns erschreckend, wie wenig wir aus jener Geschichte gelernt haben, die noch kein Menschenleben zurückliegt.“

Es sei ihnen nicht darum gegangen, „die persönliche Schuld von Frau Pomsel aufzudecken, sie als Nationalsozialistin zu entlarven, sie zu verurteilen. Das wäre zu einfach gewesen.“ Sie wollten vielmehr die Zuschauer damit konfrontieren, „wie schnell man zur Mitläuferin werden kann“. Das Mitläufertum greife wieder um sich, „die Gleichgültigkeit anderen gegenüber, das Fehlen von Empathie“.

Der Film endet mit der eindringlichen Mahnung, die Toten des KZ Buchenwald nicht zu vergessen. Die Dokumentarbilder aufgestapelter Leichen erinnern an eine jüngere Dokumentation. Der Film „Fuocoammare – Feuer auf See“ von Gianfranco Rosi, der auf der Berlinale 2016 den Hauptpreis gewann, zeigte Dutzende ineinander verknäulte Leichen afrikanischer Flüchtlinge im Rumpf eines Flüchtlingsbootes.