“Lenin” in der Berliner Schaubühne: Zwei Stunden Schmutz

Von Peter Schwarz
21. Oktober 2017

Lenin als debiler Gewaltverherrlicher, Trotzki als pädophiler Kaffeehaus-Revoluzzer umgeben von Sadisten und verkrachten Existenzen in einer morbiden Endzeit-Atmosphäre, die an Samuel Beckett erinnert – das ist, auf den Punkt gebracht, der Inhalt des Stücks „Lenin“, das am 19. Oktober in der Berliner Schaubühne seine Weltpremiere erlebte.

Der Autor und Regisseur Milo Rau hat alles, was er an historischen Fälschungen, anti-bolschewistischer Propaganda und Hass auf die Revolution finden konnte, gesammelt, zusammengerührt, verfaulen lassen und dann destilliert, um es als Theaterstück auf die Bühne zu bringen.

Rau erspart dem Zuschauer keine Geschmacklosigkeit, keine Obszönität und keinen Akt der Gewalt. Man braucht starke Magennerven, um das Stück bis zum Ende durchzustehen. Da alle Szenen von zwei ständig präsenten Kameraleuten in Großaufnahme auf die Leinwand übertragen werden, entgeht einem kein Detail.

Lenin und Krupskaja (Bild:Thomas Aurin)

Lenin, den eine Frau (Ursina Lardi) spielt, wird nach einem Schlaganfall vom Arzt körperlich geschunden, nackt auf der Bühne herumgeschleppt, verliert oft den Verstand, blickt zuckend und geifernd in die Kamera und bricht immer wieder in wilde Morddrohungen aus.

Er droht zwei Kindern, die ihm einen Rollstuhl als Geschenk überbringen, mit dem Messer: „Ich werde euch alle erschießen, auch die Kinder.“ Als sich die Szene kurz vor Lenins Tod wiederholt, brüllt er: „Teufel … alle erschießen. Kopf einschlagen! Erschießen! Schweine … geht weg!“ Er ruft nach dem Wachsoldaten: „Stiefel … Stiefel! Erschießen! Erschießen!“

Da er Trotzki aufgrund seiner Krankheit nicht wiedererkennt, betatscht Lenin seine Nase und murmelt: „Was ist er? Jude?“ Als Trotzki bejaht, reagieren Lenins Sekretärin und ein Wachsoldat mit antisemitischen Äußerungen.

Trotzki (Felix Römer), der in breitem Wiener Dialekt spricht, wird schon im Prolog als „Kaffeehaus-Kommunist, Kaviar-Kommunist, Schnitzel-Kommunist“ bezeichnet, der in „gottgleicher Haltung“ auf die Menschen schaut und, „als er merkt, das alles umsonst war“, einfach schreibt: „Das ist das Gesetz der Geschichte, das Trägheitsgesetz“.

Als Lunatscharski (Ulrich Hoppe) einen Artikel Trotzkis über Wedekind lobt, schwärmt Trotzki von einem Besuch im Wiener Burgtheater, wo er der Premiere von „Frühlings Erwachen“ beiwohnte. Er schildert unter wachsender Erregung, wie dort ein junger Mann, der noch aussah wie ein Kind, ins Publikum onanierte: „Er wichste und wichste und onanierte und onanierte! Die Leute haben geguckt und geschaut, er war völlig mit Pickeln übersät und plötzlich AH AH AH AH AH AH AH AH – da wichste er direkt in die erste Reihe. Das ganze Premierenpublikum war völlig nassgespritzt, es war wirklich wahnsinnig.“

Wir muten dem Leser hier nur einen kleinen Ausschnitt aus der unerträglich langen Szene zu, deren Obszönität völlig im Gegensatz zu allem steht, was Trotzki, den selbst Bertolt Brecht als „größten lebenden Schriftsteller“ bezeichnete, jemals geschrieben, geäußert oder getan hat. In Wirklichkeit beschreibt Trotzki-Darsteller Römer hier seinen eigenen Auftritt in Wedekinds „Frühlings Erwachen“ in den 1980er Jahren.

Ähnlich lang und abstoßend ist eine Szene, in der Lenins Protokollchef Pakaln (Lukas Turtur) genüsslich und bis ins kleinste grausige Detail schildert, wie er im Bürgerkrieg einen Menschen langsam und qualvoll zu Tode folterte, indem er ihm den Bauch aufschnitt, den Darm an einen Baum nagelte und dem immer noch Lebenden nach und nach die Eingeweide herauszog. Die Quelle für diese Szene sind die Memoiren des Bolschewiken Gawriil Mjasnikow. Dieser beschreibt allerdings nicht den Terror der Bolschewiki, sondern den der konterrevolutionären „weißen“ Truppen. Rau unterstellt hier also den Bolschewiki die Methoden ihrer schärfsten Gegner.

Auf Lenins Frage, warum er so gefoltert habe, antwortet Pakaln im Stück: „Um die Welt zu verändern. Den Menschen. So wie es ist, kann es nicht bleiben.“

Das ist die eigentliche Botschaft des Stücks: Wer versucht, die Welt zu verändern, wer gar eine Revolution wagt, wird zum brutalen Verbrecher und endet wie Lenin in Krankheit und Isolation. An einer anderen Stelle sagt Lenins Leibwächter: „Die Revolution hat uns nichts gebracht. Die Menschen sind nur noch dreckiger und gemeiner geworden. Aber die meisten sind sowieso tot.“

Stalin (Damir Avdic), der in dem Stück Lenins Frau Krupskaja (Nina Kuzendorf) quält, damit sie einwilligt, Lenin nach seinem Tod zu balsamieren und zur Ikone zu verwandeln, erscheint da als logische Konsequenz von Lenins Politik.

Szene aus Lenin (Bild: Thomas Aurin)

Milo Rau schreckt vor keiner, auch noch so plumpen Fälschung zurück, um Lenin als blutrünstigen Gewalttäter zu diskreditieren. Das unterstreicht eine Schlüsselszene des Stücks, eine ausführliche Rede, die Lenin kurz vor seinem Tod hält.

Im Original – einer Ansprache, die Lenin im ehemaligen Michelson-Werk in Moskau am 30. August 1918 hielt – nimmt dieser die Bolschewiki gegen den Vorwurf in Schutz, sie wichen von der Demokratie ab. Er geht auf die Kerenski-Regierung ein, die die Interessen der Kapitalisten vertrat und „einen Krieg mit Millionen Toten“ weiterführte, und auf die Demokratie in Amerika, wo „ein Häuflein Milliardäre“ herrscht. Er ruft dazu auf, „unser revolutionäres Werk zu tun, ohne auf das ganze heuchlerische und unverschämte Geschrei und Gezeter der räuberischen Bourgeoisie zu achten“.

Rau übernimmt diese Rede weitgehend wörtlich, fügt aber mehrere selbsterfundene Absätze hinzu, in denen Lenin zu Mord und Totschlag aufruft.

Erklärt Lenin, der Verbleib von Palästen, Grund und Boden, Fabriken und Reichtümern in den Händen der Kapitalisten und Gutsbesitzer vertrage sich nicht mit Freiheit und Gleichheit, ergänzt Rau: „Und wer gibt seinen Reichtum her, wenn nicht durch Gewalt.“

Ruft Lenin dazu auf, den „Müßiggängern und Parasiten, die dem werktätigen Volk das Blut aussaugen“, die Güter zu entziehen, ergänzt Rau: „Sie sollen Hungers sterben.“ Auch die frei erfundenen Worte: „Man kann die Unterdrückung leugnen, oder man muss sie vernichten. vernichten, bis der letzte Unterdrücker tot ist“, legt Rau dem Bühnen-Lenin in den Mund.

Am Ende der Rede bricht Lenin nach den Worten, „Der Revolutionär muss … der Revolutionär muss…“, zusammen. Er kotzt ins Klobecken und röchelt: „Der Revolutionär muss … den Rest geben … schonungslos vernichten … Scheißhaufen.“ Dann erleidet er einen zweiten Schlaganfall.

Der Autor dieses widerlichen Stücks, der 1977 geborene Schweizer Milo Rau, der unter anderem bei Tzvetan Todorov und Pierre Bourdieu in Frankreich studierte, gab der Neuen Zürcher Zeitung vor einem Jahr eine recht treffende Selbstbeschreibung. „Ich glaube, ich bin und ich bleibe ein Schweizer Autor“, sagte er. „Es bleibt ein Teil schweizerischer Blindheit in dem, was ich tue. Schweizerischer Gier, schweizerischer Selbstgerechtigkeit, schweizerischer Kleinherzigkeit.“

Im selben Text bekannte sich Rau zu einer rein subjektiven Herangehensweise an seinen Stoff: „Ich bin meinen Ängsten, meinen Vorurteilen, meinem Körper, meinem Land genauso ausgeliefert, wenn ich schreibe oder inszeniere oder reise, wie beim Einkaufen oder im Zustand des Träumens. Denn was ist ein Theaterstück oder ein Roman anderes als das Zeugnis der Zufälle und Zwangsvorstellungen, die sich als besonders wirkungsmächtig erwiesen haben?“

Welche „Zwangsvorstellungen“ haben diesen selbstbekennenden Schweizer Kleingeist dazu gebracht, zum hundertsten Jahrestag der Russischen Revolution ein Stück über Lenin zu produzieren, das die übelsten antikommunistischen Verleumdungen und Lügen wiederholt?

Rau selbst würde dies vermutlich abstreiten, aber die Ursache dafür liegt nicht in seiner Psyche, sondern in der objektiven Welt. Die Voraussetzungen, die die Oktoberrevolution 1917 möglich und notwendig machten, entwickeln sich heute wieder – eine tiefe Krise des Weltkapitalismus, eskalierende Kriege, das Anwachsen reaktionärer Parteien und explosive Klassenspannungen.

Rau reproduziert die Zwangsvorstellungen wohlhabender Kleinbürger, die sich im Kapitalismus – oft unter dem Deckmantel pseudolinker, postmoderner und anderer subjektivistischer Theorien – bequem eingerichtet haben und gesellschaftliche Erschütterungen fürchten. Sein Hass auf Lenin widerspiegelt die Angst vor der Revolution.

Aus demselben Grund dürfte sich die Schaubühne entschlossen haben, dieses reaktionäre Machwerk unter enormer Verschwendung schauspielerischen Talents und technischen Könnens auf die Bühne zu bringen. Sie sollte sich dafür schämen.

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