NS-Raubkunst: Stadt Düsseldorf sagt Max-Stern-Ausstellung ab

Von Sibylle Fuchs
7. Dezember 2017

Eigentlich sollte im Stadtmuseum Düsseldorf am 1. Februar 2018 eine Ausstellung über den jüdischen, von den Nazis vertriebenen Kunsthistoriker und Galeristen Max Stern (1904–1987) eröffnet werden, dessen Sammlung unter dem Druck der Nationalsozialisten zwangsversteigert worden war und bis heute weitgehend verschollen ist.

Die Ausstellung war seit mehreren Jahren vorbereitet worden und sollte anschließend auch in Kanada und Israel gezeigt werden. Die Concordia Universität und die Jüdische Gemeinde von Montreal sowie die israelische Stadt Haifa hatten sich an der Planung und an der Finanzierung beteiligt. Die Ausstellung sollte ein Beispiel für den grenzüberschreitenden, offenen und verantwortungsvollen Umgang mit Kunstwerken setzen, die von den Nazis geraubt waren.

Doch im November sagte die Stadt Düsseldorf die Ausstellung plötzlich ab, anscheinend ohne Rücksprache mit den kanadischen und israelischen Partnern. Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) begründete dies mit „aktuell laufenden Auskunfts- und Restitutionsgesuchen in deutschen Museen“, die im Zusammenhang mit der einstigen Galerie Max Stern stünden. Eine Antwort, weshalb die Ausstellung diesbezüglich ein Hindernis darstelle, blieb Geisel schuldig.

Später schob die städtische Pressestelle eine Begründung nach, die aber auch nicht über schwammige Floskeln hinausgeht. Kritiker vermuten, dass die Stadt keine Angriffspunkte für weitere Rückgabeforderungen und laufende Verhandlungen über die Rückgabe von Bildern liefern will.

Die Galerie Stern an der Düsseldorfer Königsallee

Der jüdische Kunsthändler Max Stern betrieb eine von wohlhabenden Bürgern viel frequentierte Galerie an der Düsseldorfer Königsallee. Am 13. September 1937 forderte ihn die Reichskammer der Deutschen Künste schriftlich auf, sein Geschäft zum 31. September endgültig zu schließen. Eine Kopie ging an die Gestapo. Ihm wurde „untersagt, sich nach dem genannten Termin bei der Verbreitung, der Wiedergabe oder bei Vermittlung des Absatzes von Kulturgut … zu betätigen“. Ihm wurde anheimgestellt, noch in seinem „Besitz befindliches Kulturgut einem Kunsthändler oder Versteigerer zu übergeben“, der Mitglied der Reichskulturkammer sei.

Das Schreiben der Reichskammer

Nach der Versteigerung von 228 Gemälden am 13. November 1937 in der Auktion 392 im Kölner Auktionshaus Lempertz gelang Stern zunächst die Flucht nach Paris. Der Löwenanteil des Versteigerungserlöses ging in die von den Nazis erhobene sognannte Reichsfluchtsteuer in Höhe von 25 Prozent des Gesamtvermögens und die „Dego-Abgabe“, eine Gebühr, die für ins Ausland transferierte Sach- und Geldwerte an die Deutsche Golddiskontbank abgeführt werden musste. 1936 betrug sie 81 Prozent, später wurde sie auf 95 Prozent angehoben.

Wie in diesen Fällen üblich, wurde der Wert bei der Versteigerung der Bilder sehr niedrig angesetzt. Die steigernden Kunsthändler sprachen sich zudem in der Regel ab, um die Bilder zu dem jeweils günstigsten Preis für sich zu sichern. Bei der Mehrzahl der Bilder der Galerie, die Max Stern von seinem Vater geerbt hatte, handelte es sich nicht um moderne, als „entartet“ verfemte Kunst, sondern um alte Meister, gerade in der Nazizeit sehr beliebte Gemälde der Düsseldorfer Malerschule und Genrebilder aus dem 19. Jahrhundert. Allerdings hatte sich Max Stern zunehmend bemüht, auch Werke zeitgenössischer Maler wie Otto Dix zu erwerben.

Wie Stefan Koldehoff in seinem Buch „Die Bilder sind unter uns“ an Einzelbeispielen nachweist, sind Bilder von Stern in den Besitz von Nazigrößen gelangt. Andere Bilder sind wiederholt im Kunsthandel aufgetaucht und wieder verkauft worden, einige wurden sogar erneut bei Lempertz versteigert, ohne dass auf die Zwangsversteigerung von 1937 hingewiesen wurde. [1]

Sterns Privatsammlung wurde bei der Spedition Josef Roggendorf in Köln in Verwahrung gegeben. Dort wurde sie vor Kriegsausbruch von der Gestapo konfisziert und einem Kölner Auktionshaus zur Versteigerung übergeben. Der Erlös dieser Auktion wurde an die Regierungshauptkasse in Düsseldorf überwiesen.

Stern flüchtete zunächst nach Paris und dann nach London, wo er erneut eine Kunsthandlung eröffnete. Von dort wurde er jedoch 1940 als feindlicher Ausländer auf die Isle of Man gebracht und interniert. 1943 schickte man ihn mit vielen anderen jüdischen Flüchtlingen nach Kanada. Nach seiner Entlassung aus der Internierung konnte er 1944 wieder in den Kunsthandel einsteigen. 1947 gelang es ihm, einen Teil seiner Bilder aus Deutschland zurückzuerlangen und seine Galerie in Montreal zu einer bedeutenden Vermittlerin der modernen Kunst zu machen.

Max Stern 1951

Der kinderlos verstorbene Max Stern vermachte seinen Besitz größtenteils drei Universitäten, der McGill University und der Concordia University in Montreal sowie der Hebrew University in Jerusalem. Ein Teilnachlass ging an die National Gallery of Canada und das McCord Museum of Canadian History. Die Erben Sterns waren in die Vorbereitung der Düsseldorfer Ausstellung eingebunden.

Die drei Universitäten gründeten das Max Stern Art Restitution Project. Es erforscht systematisch das Schicksal von rund 400 Bildern, die in der NS-Zeit zwangsversteigert und geraubt wurden. Einige Werke sind inzwischen aufgespürt, restituiert oder zurückgefordert worden. Auf der Homepage des Projekts sind viele davon abgebildet.

Ausgangspunkt der Ausstellung sollte das Gemälde Selbstbildnis von Wilhelm von Schadow (1788–1862) werden, einem Vertreter der Düsseldorfer Malerschule und Direktor der Kunstakademie. Das Düsseldorfer Stadtmuseum hatte es vor vier Jahren an die Erben Max Sterns zurückgegeben, es verblieb jedoch als Leihgabe im Stadtmuseum. Die Direktorin des Museums, Susanne Anna, hatte damals angekündigt, das Schicksal von Max Stern in Düsseldorf aufzuarbeiten. So entstand der Plan zur Ausstellung.

Jetzt stehen zahlreiche Dokumente, von privaten Briefen bis zum Inventar der Galerien, für die Ausstellung zur Verfügung. Das Lenbachhaus in München, die Tate Gallery in London und andere Institutionen haben zugesagt, Gemälde als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. In Kanada wurden mehr als 50.000 Dollar zur Unterstützung des Projekts gesammelt.

Ein weiteres Gemälde aus der Sammlung Stern, Italienische Familie (1837) von Wilhelm Krafft, hängt bereits als Leihgabe im Stadtmuseum. Es war im Juni 2016 von einem Düsseldorfer Auktionshaus der Max and Iris Stern Foundation sowie den drei von Stern begünstigten Universitäten zurückgegeben worden.

Ein weiteres Gemälde, Die Kinder des Künstlers von Wilhelm von Schadow, das früher im Büro des Düsseldorfer Oberbürgermeisters hing und sich nun im Depot des Museums Kunstpalast befindet, ist dagegen umstritten. Die Stadt verhandelt noch über die Rückgabeforderung der Erben Max Sterns. Oberbürgermeister Geisel hat sich gegen eine Rückgabe ausgesprochen. Er habe sich einen ganzen Tag lang mit Experten mit dem Schadow-Gemälde beschäftigt und könne die Position nicht teilen, dass es restitutionspflichtig sei, erklärte er, ohne dies näher zu begründen.

Entlarvend war auch eine andere Äußerung Geisels, mit der er die Absage der Ausstellung begründete. Es habe „die Gefahr“ bestanden, „dass man die Ausstellung in dem Sinne hätte missverstehen können, als teilten wir ausschließlich den Standpunkt des Max Stern Art Restitution Project und würden diesen als den einzig richtigen ansehen. Das aber ist unzutreffend“, sagte er.

Das ist kaum anders zu verstehen, als dass der SPD-Oberbürgermeister befürchtet, die Ausstellung könnte weitere Rückgabeforderungen von Bildern aus der Sammlung Max Stern ins Rollen bringen, die sich derzeit noch in Privatbesitz oder öffentlichen Sammlungen befinden.

Heftig umstritten ist auch die Restitution des Gemäldes Die Kartoffelpflücker von Max Liebermann, auf das Koldehoff in seinem Buch hinweist. [2] Es hängt im privaten Kartoffelmuseum des Pfanni-Knödel-Königs Otto Eckart in München, der die Herausgabe kategorisch ablehnt und erklärt hat: „Man müsste zu irgendeinem Zeitpunkt sagen, dass Forderungen dieser Art verjährt sein müssten.“

Die Absage der Düsseldorfer Ausstellung wurde international mit Empörung zur Kenntnis genommen. Die Direktorin des Max Stern Art Restitution Project, Clarence Epstein, bezeichnete sie als „tragisch“. Düsseldorf habe bereits einmal Max Stern aus der Geschichte getilgt. „Jetzt geschieht das erneut, und es gibt wenig Widerstand in Deutschland von denen, die in der Lage wären, das zu stoppen.“

Der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde-Stiftung in Montreal erklärte: „Zu sagen, wir wären enttäuscht, ist eine Untertreibung.“ Auch von den Direktionen der Partner-Museen in Haifa und Montreal kam Kritik.

Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, der auch Ehrenvorsitzender des New Yorker Museums of Modern Art ist, hält die Düsseldorfer Entscheidung für einen großen „Rückschlag, insbesondere für die Opfer des Holocaust und ihre Erben. Ich hoffe sehr, dass die Stadt Düsseldorf und ihr Oberbürgermeister Thomas Geisel ihre Entscheidung im Interesse der Opfer der nationalsozialistischen Raubzüge, ihrer Erben und der internationalen Kunstgemeinde überdenken.“

In einem Brief an das Düsseldorfer Stadtoberhaupt schreibt Lauder, seine Begründung klinge, als „habe die Stadt etwas zu verbergen“. Viele Mitglieder der internationalen Kunstwelt und von jüdischen Gemeinden hätten die Ausstellung mit großer Spannung erwartet. Die offizielle Begründung für die Absage der Ausstellung, „dass die Opfer des Kunstraubs der Nationalsozialisten und ihre Erben noch immer auf der Suche nach ihrem Eigentum sind“, sei absurd.

Er verwies auf die Gurlitt-Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn. Sie habe gezeigt, dass es möglich sei, eine Ausstellung zu präsentieren, während die Opfer und ihre Erben noch auf der Suche nach ihrem rechtmäßigen Eigentum seien. Mit der Düsseldorfer Max-Stern-Ausstellung wäre es möglich gewesen, „Transparenz zu schaffen und über den Kunstraub der Nazis sowie über Provenienzforschung aufzuklären“.

Auch der Direktor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Michael Szentei-Heise, protestierte gegen die Entscheidung der Stadt und erklärte: „Bei mir stellt sich der Verdacht ein, dass es in Düsseldorf einzelne Stücke an Raubkunst gibt, über welche die Ausstellung eine Diskussion ausgelöst hätte, die man anscheinend nicht haben möchte.“

Auch im Fall Gurlitt war anfangs versucht worden, die Bilder, die der inzwischen verstorbene Sohn des wichtigsten Kunsthändlers Hitlers in seinen Münchner und Salzburger Wohnungen versteckt hatte, der Öffentlichkeit zu verheimlichen. Staatsanwaltschaft und Regierung wollten den Fund, der durch zufällige Zollkontrollen bekannt geworden war, zunächst nicht ins Internet stellen.

Der Grund für dieses Verhalten ist nicht so sehr die Furcht, Verwandte und Nachfahren der ehemaligen Besitzer könnten die Rückgabe der Bilder einfordern. Eher treibt die offizielle Kulturpolitik die Angst um, dass die Nazi-Netzwerke aufgedeckt werden, die auch nach 1945 weiterexistierten, gestohlene Werke in die Auktionen brachten und sich dabei bereicherten. Gurlitt selbst hat diese Netze genutzt, um sich damit seinen Lebensabend zu finanzieren.

Das Thema Kunstraub wurde nach 1945 jahrzehntelang totgeschwiegen. Erst in den 1990er Jahren gab es in Deutschland zaghafte Versuche, zur Provenienz der Bilder zu forschen, die jüdischen Eigentümern in der Nazizeit unter Zwang weggenommen worden waren. Erst seit kurzer Zeit gibt es Institutionen wie das in Magdeburg ansässige Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste, die systematisch Nachforschungen betreiben können, soweit die verlorenen Kunstobjekte sich nicht heute noch, den Augen der Öffentlichkeit entzogen, in den Depots oder in Villen reicher Privateigentümer befinden. Auch die Museen beteiligen sich zum Teil nur zögerlich an derartigen Forschungen.

Quellen

1) Stefan Koldehoff, Die Bilder sind unter uns. Das Geschäft mit der NS-Raubkunst, Frankfurt 2009, S. 24ff

2) Ebd. S. 26

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