Paracelsus-Kliniken melden Insolvenz an

Von Markus Salzmann
11. Januar 2018

Wenige Tage vor Weihnachten meldete der private Klinikbetreiber Paracelsus aus Osnabrück Insolvenz an. Das bundesweit tätige Unternehmen kündigte an, es werde die Insolvenz in Eigenregie umsetzen. Dadurch können massive Kürzungen erzwungen werden.

Das Management des Klinikbetreibers erklärte, die Insolvenz sei notwendig geworden, nachdem einzelne Standorte erhebliche Verluste geschrieben hätten. Dadurch sei die gesamte Klinikgruppe in eine „finanzielle Schieflage“ geraten. Die Schulden liegen Verlautbarungen zufolge im zweistelligen Millionenbereich.

Paracelsus beschäftigt in Deutschland 5200 Ärzte, Pflegekräfte und anderes Personal in 40 Einrichtungen an 23 Standorten. Für diese soll sich zunächst einmal nichts ändern, kündigte die Geschäftsführung an. Die Löhne und Gehälter seien über das Insolvenzgeld gesichert.

Geplant ist bis spätestens Anfang März die Ausarbeitung eines Sanierungsplans in Eigenverwaltung. Bereits jetzt ist klar, dass im Zentrum der Sanierung die Schließung unrentabler Standorte und massive Kürzungen zulasten der Beschäftigten stehen wird. Die Paracelsus-Klinik in Karlsruhe steht bereits zum Verkauf an. Hier hatte es 2015 einen aufsehenerregenden Skandal um verunreinigtes OP-Besteck gegeben. Seither steckt die Klinik tief in den roten Zahlen.

Mit der Ausarbeitung des Sanierungsplans sind die bekannten Sanierer Andreas Ziegenhagen und Daniel Fritz von Dentons beauftragt worden. Ziegenhagen war in diesem Jahr bereits für den Küchenhersteller Alno zuständig. Nach dessen Insolvenz im letzten Jahr verloren hunderte Beschäftigte ihren Arbeitsplatz.

Reinhard Wichels, Generalbevollmächtigter während des Insolvenzverfahrens und Geschäftsführer der Unternehmensberatung WMC Healthcare, wird im Hamburger Abendblatt mit den Worten zitiert: „Einige Abteilungen werden voraussichtlich mit weniger Personal auskommen.“

Boris Augurzky vom RWI-Leibnizinstitut für Wirtschaftsforschung in Essen, der auch an dem jährlichen Krankenhaus Rating-Report beteiligt ist, erklärte in der Wirtschaftswoche, dass künftig mit weiteren Schließungen von Klinken zu rechnen sei.

Seiner Ansicht nach ist jedes zehnte der rund 1800 Krankenhäuser in Deutschland insolvenzgefährdet. Etwa ein Viertel aller Kliniken schreiben rote Zahlen. Vor allem kommunale Kliniken sind gefährdet. „Aber die kommen oft gar nicht in die Insolvenz, weil zuvor die Städte oder der Landkreis einspringen. Da werden Defizite viel länger geduldet oder die Lücken einfach gestopft.“

Im Interview erklärt Augurzky, welche Absicht hinter der Insolvenz bei Paracelsus steckt: „So ein Sanierungsverfahren in Eigenregie bietet auch eine Chance. So kann die Geschäftsführung gewisse harte Maßnahmen leichter umsetzen, ohne ständig an rechtliche Hürden zu stoßen. Es kann die Sanierung konsequenter verfolgen und sein bestehendes Portfolio bereinigen. Es gilt jetzt, eine klare Strategie zu verfolgen. Vielleicht heißt dies auch, sich ‚gesund zu schrumpfen‘ und sich von dem einen oder anderen Standort zu trennen.“

Die Paracelsus-Kliniken sind bei Weitem nicht die einzigen, die schließen. Alleine in Niedersachsen ist es die dritte Krankenhaus-Insolvenz innerhalb eines Jahres. Zuvor waren das Klinikum in Delmenhorst und das Bürgerspital in Einbeck betroffen. Von der Paracelsus-Insolvenz sind allein in Niedersachsen drei Häuser in Osnabrück, Langenhagen bei Hannover und Bad Gandersheim bedroht.

Die Insolvenz eines der größten Klinikbetreiber in Deutschland wirf ein Schlaglicht auf die Situation im Gesundheitswesen, das von Privatisierung, Kürzung und Unterfinanzierung gekennzeichnet ist. Dies drückt sich in katastrophalen Arbeitsbedingungen und schlechten Löhnen für Beschäftigte sowie in der dramatischen Zunahme von Krankenhausinfektionen aus.

Allein in Berliner Kliniken gab es 2017 insgesamt 225 Fälle, bei denen sich 1763 Patienten mit Krankheitserregern ansteckten, wie aus der Antwort der Senatsverwaltung für Gesundheit auf eine Anfrage der FDP hervorgeht. 2016 waren es noch 59 Fälle, die 424 Patienten trafen. Ursache für die Ausbreitung der Viren sind hauptsächlich mangelhafte hygienische Bedingungen, die wiederum durch die enorme Arbeitshetze und den Druck auf das Personal entstehen.

Aufgrund der sogenannten Fallpauschalen, über die Kliniken jeweils mit den Krankenkassen abrechnen, entsteht ein immenser Druck, Patienten frühzeitig zu entlassen und rasch Betten neu zu belegen. Die durchschnittliche Verweildauer in Kliniken ist im letzten Jahr auf 7,3 Tage gesunken.

Die größten Klinikverbünde in Deutschland sind mittlerweile in privater Hand und arbeiten profitorientiert. Auf fallende Gewinne wird entsprechend reagiert. So hat die Rhön-Klinikum AG nach einem deutlichen Gewinnrückgang 2016 und schlechten Prognosen für das folgende Jahr dem Unternehmen einen Spar- und Modernisierungskurs verordnet.

Die Helios Kliniken, eine Tochter des Gesundheitskonzerns Fresenius, besitzen in Deutschland 112 Kliniken und sind einer der größten Gesundheitsdienstleister Europas. Das Unternehmen wurde in der Vergangenheit wiederholt wegen schlechter Lohn- und Arbeitsbedingungen kritisiert.

Dieser Trend wird durch die zunehmende Fusionswelle angeheizt. Neben der Immobilienwirtschaft verzeichnet das Gesundheitswesen den stärksten Anstieg an M&A-Aktivitäten. 2016 fanden drei der vier größten Übernahmen von Private-Equity-Fonds im Gesundheitssektor statt. Insgesamt investierten Beteiligungsgesellschaften fast 60 Prozent mehr als noch im Jahr davor.

Wie in allen Branchen arbeiten auch hier die Gewerkschaften eng mit den Unternehmen gegen die Beschäftigten zusammen. Bereits 2013 und 2014 hatten die Mitarbeiter von Paracelsus nach Zustimmung von Verdi auf Weihnachtsgeld verzichten müssen. Auch jetzt stimmen die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat mit dem Management überein und unterstützen einen radikalen Sanierungsplan. „Wir werden den eingeschlagenen Weg in vollem Umfang und mit vollem Engagement unterstützen“, sagte die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Sylvia Tausche dazu. Bei einer Restrukturierung habe das Unternehmen gute Chancen, erklärte Verdi-Vertreter Sven Bergelin.

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