Ohio: 146 Einwanderer bei ICE-Razzien in Fleischverarbeitungsbetrieben verhaftet

Von Jerry White
22. Juni 2018

Am Dienstag stürmte die US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE einen Fleischverarbeitungsbetrieb im Nordosten von Ohio und verhaftete 146 Arbeiter. Die Razzia war eine der größten der letzten Jahre und Teil der Kampagne der Trump-Regierung, die das Ziel verfolgt, Immigranten zu terrorisieren und abzuschieben.

Während am Himmel Helikopter kreisten, drangen Dutzende schwer bewaffnete Bundesagenten von ICE, ihrer Überwachungseinheit Homeland Security Investigations (HSI) und der lokalen Polizei in das Fresh Mark-Werk in Salem (Ohio) ein. 98 Männer und 48 Frauen wurden verhaftet. Gleichzeitig fanden auch in Fresh Mark-Betrieben in Massillon und Canton (Ohio) Razzien statt, bei denen ICE-Beamte die Personalunterlagen beschlagnahmten, aber keine Verhaftungen durchführten.

Es war bereits die zweite Großrazzia in einem Betrieb in Ohio in diesem Monat. Am 5. Juni hatte ICE die Gärtnereibetriebe Corso’s Flower & Garden Center in Sandusky und Castalia gestürmt und 114 Immigranten verhaftet.

ICE veröffentlichte ein Video, auf dem zu sehen ist, wie die Beamten vor der Razzia im Fresh Mark-Werk ihre Waffen kontrollieren, Schusswesten anziehen, Satellitenbilder des Betriebs in Salem studieren und schließlich in SUVs auf dem Parkplatz des Betriebs eintreffen. Die Arbeiter wurden noch in ihren weißen Kitteln aus dem Betrieb geholt und auf einer Verladerampe zusammengetrieben, wo die Agenten ihre Papiere prüften. Auf dem Video ist auch zu sehen, wie Agenten mit Kabelbindern an den Händen gefesselte Arbeiter wegführen.

Fresh Mark-Arbeiter werden vor der Verhaftung von ICE-Agenten zusammengetrieben (Quelle: ICE)

Eine einheimische Arbeiterin erklärte gegenüber der Lokalpresse, es habe sie „erschüttert“, wie ihre Kollegen verhaftet und weggebracht wurden. Ihre Kollegen seien allesamt „gute Leute gewesen“.

Mehrere Freunde und Verwandte versammelten sich vor den Werkstoren, um sich nach dem Schicksal ihrer Angehörigen zu erkundigen, einige von ihnen weinten. Gleichzeitig versammelten sich Familien und lokale Kirchen, um sich um die etwa 60 Kinder zu kümmern, deren Eltern verhaftet wurden. ICE-Agenten verteilten Flugblätter mit der Nummer einer gebührenfreien „Lokalisierungs-Hotline“ an die Familien der Verhafteten.

Justin Wier, ein Reporter der Lokalzeitung Vindicator aus Youngstown erklärte gegenüber der World Socialist Web Site: „Wir kamen während der Razzia und haben gesehen, wie ICE-Agenten die Arbeiter aus dem Werk brachten und in Busse setzten. ... Zeugen erzählten uns, sie hätten die Amerikaner – und natürlich könnten einige der lateinamerikanischen Arbeiter amerikanische Staatsbürger sein – auf die eine Seite gebracht, während sie dann die Dokumente der lateinamerikanischen Arbeiter kontrollierten.“ Er erklärte weiter, man habe der Zeitung gesagt, alle Lateinamerikaner seien weggebracht worden, auch wenn sie die vorschriftsgemäßen Dokumente und eine Arbeitserlaubnis gehabt hätten.

Die Verhafteten, die größtenteils aus Guatemala und Mexiko stammten, wurden in die Haftanstalt Northeast Ohio Correctional Center gebracht. Hier werden auch die Arbeiter festgehalten, die bei der Razzia in Sandusky verhaftet wurden. Das Gefängnis wird von dem Privatunternehmen CoreCivic (früher bekannt als Corrections Corporation of America) betrieben und ist berüchtigt für seine unerträglichen Haftbedingungen, gegen die Häftlinge letztes Jahr mit einem Hungerstreik protestiert hatten. Die Bundesbehörde sperrte daraufhin alle Häftlinge in ihren Zellen ein und gab ihnen 27 Stunden lang weder Nahrung noch Wasser. Ein Angehöriger kommentierte: „Das ist unmenschlich.“ In dieser Einrichtung hat ICE die Unterbringung von 2.000 Immigranten beantragt.

ICE erklärte zwar, sie habe mehrere Verdächtige aus Salem aus „humanitären Gründen, etwa aus gesundheitlichen oder familiären Erwägungen“ freigelassen, doch die meisten der Arbeiter ohne Papiere würden „in Einrichtungen in Michigan und Ohio untergebracht, bis ihre Abschiebung organisiert ist“.

Agenten von Homeland Security Investigations führen am Dienstag Arbeiter ab (Quelle: ICE)

Eine Sprecherin der St. Paul’s Church, die bei der Versorgung der zurückgebliebenen Kinder half, erklärte: „Einige schafften es, SMS abzuschicken, aber die meisten konnten mit niemandem reden. Sie wurden terrorisiert.“

Die Trump-Regierung und ihre faschistischen Berater behaupten zynischerweise, ihre Hetzkampagne gegen Immigranten diene dem Schutz der Arbeitsplätze und Löhne von gebürtigen Amerikanern. Doch im Lauf der Geschichte richtete sich der Terror gegen Immigranten immer gegen die ganze Arbeiterklasse. Das Ziel der Kapitalisten und fremdenfeidnlichen Politiker ist es, die Arbeiterklasse zu spalten und zu schwächen und so eine Atmosphäre der Angst und der Einschüchterung zu schaffen, damit die Arbeitgeber sowohl einheimische Arbeiter als auch Immigranten ungestraft ausbeuten können.

Die Fleischindustrie und besonders Fresh Mark sind dafür berüchtigt, Immigranten mit vollem Wissen der Behörden auszubeuten. Im Dezember 2017 wurde der 62-jährige Samuel Martinez aus Guatemala in der Fresh Mark’s-Niederlassung in Canton getötet, nachdem sein Bein in einen Fleischwolf geriet. Im Jahr 2011 starb der zwanzigjährige Marcos Perez-Velasquez, ebenfalls aus Guatemala, in dem gleichen Betrieb an einem Stromschlag, als er einen Ventilator einstecken wollte.

Die Gewerkschaften Retail, Wholesale and Department Store Union (RWDSU) und ihre Dachgewerkschaft, die United Food and Commercial Workers (UFCW), die in den drei Ohio-Werken einschließlich der Verhafteten vom Dienstag 2.800 Mitglieder haben, reagierten auf die Razzien mit einem oberflächlichen Protest.

Der langjährige Präsident der RWDSU Stuart Applebaum erklärte, die Gewerkschaft sei „empört über Donald Trumps Vorgehen“. Weiter sagte er, man werde „Gewalt gegen Immigranten nicht dulden. Wir werden nicht dulden, dass Familien auseinandergerissen werden, und wir werden die erschreckende Taktik der Trump-Regierung nicht dulden.“

Appelbaum machte jedoch deutlich, dass die Gewerkschaft nichts gegen die Gestapo-ähnlichen Razzien unternehmen wird. Er versprach lediglich in Worten, den Arbeitern „zu helfen, die von dieser ICE-Razzia betroffen sind“.

UFCW-Präsident Marc Perrone wiederholte in einer feigen Stellungnahme die Kritik führender Demokraten und Republikaner an Trump, die sich hauptsächlich gegen die brutale Trennung der Kinder von ihren Eltern richtet, jedoch die Verhaftungen und Abschiebungen an sich nicht ablehnt.

Perrone erklärte: „Die heutigen Maßnahmen werden diese Nation nur noch weiter auseinandertreiben und gleichzeitig großes Leid unter Nachbarn, Freunden, Kollegen und Angehörigen hervorrufen. Wir rufen Präsident Trump und die Mitglieder des Kongresses auf, zusammen unser kaputtes Einwanderungssystem wieder in Ordnung zu bringen und die Forderungen nach rechtsstaatlichem Vorgehen und der Einheit der Familien zu erfüllen.“

Die Gewerkschaften sind voll und ganz mitschuldig am Niedergang der Löhne und der Rückkehr zu Bedingungen, wie Upton Sinclair sie 1906 in seinem Roman Der Dschungel über die Ausbeutung hauptsächlich osteuropäischer Arbeiter in den Schlachthöfen und Verarbeitungswerken in Chicago beschrieb.

In den 1980er Jahren verriet die UFCW bedeutende Streiks bei Iowa Beef Processors, Oscar Mayer, Hormel und anderen Fleischproduzenten. Nachdem die Hormel-Beschäftigten im Betrieb P-9 in Austin (Minnesota) sich weigerten, die branchenweite 23-prozentige Lohnsenkung hinzunehmen, der die UFCW zugestimmt hatte, stellte die Gewerkschaft den rebellische Betrieb unter Treuhänderschaft und setzte ihre Vorsitzenden ab. Der Gouverneur der Demokraten in Minnesota, Rudy Perpich, setzte die Nationalgarde ein, um Streikbrecher zur Arbeit zu eskortieren und streikende Hormel-Arbeiter zu verhaften. Dabei kam es zu Szenen, die auf unheimliche Weise denen bei der Verhaftung von Immigranten in Ohio ähnelten. Nachdem der Streik besiegt war, gründete die UFCW mit den Streikbrechern eine neue Niederlassung von Hormel.

Nationalgarde im Einsatz gegen streikende Hormel-Arbeiter 1985

Der Zuzug von Immigranten aus Mittelamerika, Zentralasien und Afrika erfolgte größtenteils nach dieser Welle an Streiks, die ausverkauft wurden und einen 50-prozentigen Rückgang der Löhne in der ganzen Industrie zur Folge hatte.

Trump macht die ausländischen Arbeiter für die Zerstörung von Arbeitsplätzen verantwortlich. Doch nur knapp 30 Kilometer von dem Werk in Salem entfernt liegt das General Motors-Werk Lordstown, wo am Freitag 1.200 Arbeiter ihre Stellen verlieren werden, da der Autobauer die zweite Schicht abschaffen will. GM hat letztes Jahr Profite in Höhe von 12,8 Milliarden Dollar gemacht, ersetzt jedoch mit dem Segen der United Auto Workers Vollzeitarbeitsplätze durch schlecht bezahlte Leiharbeitsstellen. Gleichzeitig benutzt das Unternehmen Trumps Steuersenkungen, um den Wert seiner Aktien in die Höhe zu treiben und den Geldfluss an seine reichsten Investoren zu erhöhen.

Immer mehr Arbeiter erkennen, dass der Chauvinismus gegen Immigranten, der in den USA und weltweit geschürt wird, davon ablenken soll, wer wirklich für den Angriff auf die Arbeiterklasse verantwortlich ist.

Beth aus Kokomo (Indiana), deren Familie seit fünf Generationen bei Chrysler arbeitet, sagte der WSWS: „Es ist Zeit aufzuwachen und zu erkennen, dass wir alle Bürger dieser Erde sind und alle rotes Blut haben. Ich sage den Arbeitern, dass das eine Falle ist, um uns zu spalten und zu besiegen, angetrieben von der Gier der Wirtschaft. Sie versuchen, in der Arbeiterklasse die Angst zu schüren, es gebe auf der Welt nicht genug Geld für alle. Aber es gibt mehr als genug Geld, Nahrung und Ressourcen. Das Problem ist, dass alles von den Reichen kontrolliert wird.

Nicht die Immigranten nehmen uns die Arbeit weg, sondern Konzerne wie GM, die Arbeiter entlassen. Wir sind ihnen egal. Die Reichen haben nie genug, sie wollen alles haben. Wir müssen Verbrechen wie die ICE-Razzien und die Trennung von Kindern und Eltern verhindern und die Arbeiter weltweit vereinen.“

Die Verteidigung von Immigranten ist eine Klassenfrage. Die Arbeiter müssen unabhängig von den Gewerkschaften Betriebskomitees bilden, um alle Arbeiter zu mobilisieren, Widerstand gegen diese Razzien zu leisten und ihre Kollegen zu verteidigen, u.a. durch Streiks und andere Arbeitskampfmaßnahmen. Sie sollten die sofortige Freilassung aller verhafteten Immigranten, ein sofortiges Ende der Abschiebungen und eine vollständige Amnestie für alle nicht registrierten Arbeiter fordern.

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