Großbritannien: Zweiter Nowitschok-Fall wirft weitere Fragen auf

Von Thomas Scripps
13. Juli 2018

Am Abend des 10. Juli ließ das Krankenhaus von Salisbury die britische Öffentlichkeit wissen, dass sich „im Befinden von Charley Rowley eine geringe aber wichtige Besserung“ zeige. „Er ist stabil und bei Bewusstsein.“

Rowley ist das zweite Opfer einer angeblichen Vergiftung mit dem Nervengift „Nowitschok“. Seine Partnerin Dawn Sturgess war am Sonntag gestorben.

Seit der Vergiftung der beiden mit einem Nervengift am 29. Juni wirft der Fall immer neue Fragen auf.

Der Polizei-Vizepräsident im Landkreis Wiltshire, Neil Basu, behauptete am Montag, dass Sturgess und Rowley eine hohe Dosis Nowitschok abbekommen hätten. Sie seien in Kontakt mit einem Behälter geraten, der das Nervengas enthalten habe. „Die Wirkung auf das Paar war so stark, dass sie zu Dawns Tod und zu schweren Symptomen bei Charlie geführt hat. Das bedeutet, dass sie wohl eine hohe Dosis abbekommen haben.“

Rowleys Haus in Amesbury und Sturgess’ Obdachlosenunterkunft in Salisbury, sowie der nahegelegenen Park Queen Elizabeth Gardens und andere Örtlichkeiten wurden abgesperrt. Etwa 100 Polizisten suchen dort nach dem Behälter, den man auch nach zwölf Tagen noch nicht gefunden hat.

21 Personen, darunter Polizisten, Krankenhauspersonal und einfache Bürger, sind auf Kontakt mit Nervengas untersucht worden. Aber alle wurden wieder entlassen.

Jede neue Entwicklung verstärkt nur den zweifelhaften und in sich widersprüchlichen Eindruck, den die Erklärungen hinterlassen, die von Anfang an über die Skripal-Affäre in Umlauf gebracht wurden. So sagte Dr. Mirzayanow, der nach eigener Angabe an der Herstellung von Nowitschok beteiligt gewesen ist, dass sich das Nervengift in den vier Monaten seit den Ereignissen von Salisbury längst zersetzt haben müsste. Das nährt Zweifel, ob Sturgess‘ Tod tatsächlich etwas mit dem Stoff zu tun hat. Leonid Rink, ein weiterer Beteiligter an der Herstellung, bestätigte, dass der Stoff sich zersetzt haben müsste.

Ein anderer Wissenschaftler, der ebenfalls behauptet, früher mit dem Stoff gearbeitet zu haben, Wladimir Uglew, beschreibt dagegen die Substanz als „sehr stabil“. Er sagte: „Sie hätte sich wohl nicht zersetzt.“ Uglew fuhr fort: „Alle möglichen weichen Oberflächen könnten den Stoff absorbiert haben, Bäume, Leder oder auch eine Parkbank. Von dort aus könnte menschliche Haut ihn aufgenommen haben, mit allen bekannten Folgen.“

Die Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) hat einen Bericht über den Fall Skripal veröffentlicht, der schwerwiegende Fragen aufwirft, ob eine solche chemische Waffe überhaupt existiere.

Angesichts dieser widersprüchlichen Erklärungen von Personen mit teilweise zweifelhaften Motiven ist die Frage, wie ein Nervenkampfstoff wie Nowitschok – immer vorausgesetzt, dass er überhaupt existiert – in die Hände von Rowley und Sturgess gelangt sein könnte, eine vollkommen offene Frage.

Angenommen, Nowitschok besitzt die Eigenschaft, längerfristig wirksam zu bleiben und von verschiedenen Oberflächen absorbiert zu werden, und weiter angenommen, dass man es in höchster Konzentration an den Händen des Paares nachgewiesen hat – dann muss man fragen, warum es sich nicht weiter ausgebreitet hat. So weit bekannt, ist keiner der Freunde, die sich zum einen oder anderen Zeitpunkt bei Rowley und Sturgess aufhielten, medizinisch auf Vergiftungen oder Symptome getestet worden.

Ben Milsom, in dessen Lieferwagen Rowley wenige Stunden, bevor er ins Krankenhaus kam, herumgefahren war, wurde bloß aufgefordert, seine Sachen, die er aus dem Auto geholt hatte, mitzunehmen. Erst später wurde der Wagen unter Quarantäne gestellt. „Ich habe die Polizei und die Leute von der Gesundheitsbehörde darauf hingewiesen, aber sie sagten bloß, ich solle nichts berühren und alles liegen lassen“, sagte er der Sun.

Weitere Fragen drängen sich auf: An welchem Gegenstand haben sich Rowley und Sturgess wirklich vergiftet? Wo wurde das Zeug aufbewahrt, dass es eine so hohe Konzentration des Giftstoffes enthalten konnte, und wie kam es dahin?

Das Chemiewaffen-Forschungszentrum des Verteidigungsministeriums in Porton Down liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen Salisbury und Amesbury. Dort kann man Nowitschok ebenso gut herstellen wie analysieren.

Keine offizielle Stelle hat dazu bisher Stellung genommen. Die allgemeine Linie lautet, dass Sturgess und Rowley den Giftstoff irgendwo im Elizabeth Garden aufgenommen und sich damit gegenseitig angesteckt haben. Das soll am Freitag, den 29. Juni, passiert sein, einen Tag bevor sie schwer erkrankten.

Die Theorie der Regierung, die Verteidigungsminister Gavin Williamson jetzt noch entschiedener vertritt, lautet: „Russland hat einen Angriff auf britischem Boden geführt, und dieser hat jetzt auch den Tod eines britischen Bürgers verursacht.“

Diese Beschuldigung muss zwangsläufig die Annahme einschließen, dass die Mörder vor oder nach einem Anschlag auf das Leben der Skripals gefährliches und möglicherweise belastendes Beweismaterial in einem öffentlichen Park zurückließen. Was immer das war, es musste so beschaffen sein, dass Sturgess und Rowley dadurch mit hochdosiertem Gift in Berührung kamen. Das Gift musste sogar noch wirkungsvoller sein als das, welches beim Mordanschlag auf Sergei und Julia Skripal angeblich an den Türknauf geschmiert worden war.

Keine dieser Hypothesen erscheint glaubwürdig. Innenminister Sajid Javid selbst unterhöhlte die Grundlage dieser Theorie, als er zugab, dass die Probe der Substanz, die aus dem Blut von Sturgess entnommen wurde, nicht ausreichend sei. Man könne sie nicht auf die gleiche Charge zurückführen, die angeblich auch die Skripals vergiftet hatte. Das entzieht der Theorie eines „weggeworfenen Behälters“ mit hochkonzentriertem Gift, das sowohl in ihrem Blut als auch an ihren Händen hätte nachgewiesen werden müssen, den Boden.

Ein neues ungeklärtes Kapitel öffnete sich, als ein Auto in Swindon, etwa 65km von Amesbury entfernt, beschlagnahmt wurde. Davor wurden schon zwei Fahrzeuge beschlagnahmt, der Bus, in dem Sturgess und Rowley von Salisbury nach Amesbury fuhren, und der Lieferwagen, in dem Rowley tags darauf durch die Stadt fuhr. Bisher wurde nicht erklärt, was das Paar für eine Verbindung zu dem Wagen hat. Wenn es keinen Zusammenhang gibt, dann könnten weitere Personen etwas mit dem Fall zu tun haben, ohne dass das bisher aufgedeckt wurde.

Auch konnten weder die Regierung noch die Polizei erklären, warum mehrere Krankenhäuser in Südengland schon Tage vor Sturgess‘ Tod darauf vorbereitet wurden, mit Nervengasvergiftungen umzugehen. Der Daily Mirror schreibt: „Die Anweisung wurde fünf Tage vor der Verseuchung der dreifachen Mutter, Dawn (44), und ihres Partners, Charlie Rowley, zirkuliert. Man befürchtete, dass es noch weitere ‚Nowitschok-Fälle‘ geben könnte.“

Das passt aber nicht zu einer öffentlichen Mitteilung in Amesbury und Salisbury, dass für die Öffentlichkeit nur ein geringes Risiko bestehe. Im Gegenteil weist es darauf hin, dass noch weitere Teile der Öffentlichkeit gefährdet sein könnten. Eine solche Situation passt wohl kaum mit der Theorie einer russischen Operation gegen eine Einzelperson zusammen. Warum überhaupt diese Mitteilung an die Öffentlichkeit?

Ein Obduktionsbericht über Sturgess‘ Tod wird gerade erstellt. Der ehemalige britische Botschafter Craig Murray hat wichtige Fragen aufgeworfen, die untersucht werden müssen, wenn die Wahrheit überhaupt jemals herauskommen soll. Er schreibt in einer Nachricht auf seinem Blog: „Ich vertraue darauf, dass Dawn Sturgess eine angemessene öffentliche Untersuchung, entsprechend der rechtlichen Vorschriften, erhält. David Kelly war das vorenthalten worden. Ich fürchte, dass die Regierung versucht, es zu verzögern, oder dass sie es vielleicht gänzlich unter den Tisch kehren möchte.“

Dr. Kelly, der in Porton Down gearbeitet hatte, starb am 17. Juli 2003 offiziell durch Selbstmord, nachdem er Kritik an einem „suspekten Dossier“ geübt hatte. In dem Dossier war es um die Rechtfertigung des Aggressionskriegs gegen den Irak gegangen. Wie man 2010 erfuhr, hatte die Regierung medizinische Unterlagen zu seinem Tod für 70 Jahre unter Verschluss gestellt.

An dem jüngsten Kapitel der Nowitschok-Saga fällt auf, wie zurückhaltend die New York Times und der Guardian diesen Fall behandeln. Das steht völlig im Gegensatz zu den lautstarken Beschuldigungen gegen Moskau, die nach der Vergiftung der Skripals erhoben wurden. Das bedeutet nicht, dass die Presse Abstand von der anti-russischen Politik genommen hat, sondern nur, dass vielleicht verstanden wird, dass die britischen Behörden erst einmal eine klare Linie finden müssen.

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