Im heutigen Großbritannien werden verstorbene Menschen zum Abfallprodukt

Von Jean Shaoul
25. August 1998

Ein grotesker Streit zwischen dem Gemeinderat von Castle Morpeth, einer kleinen Stadt im Nordosten Englands, und dem Altersheim von Howard Castle wurde vor kurzem durch einen Bericht der Kontrollkommission der Regierung bekannt.

Maggie Dodds verstarb im letzten Januar im Alter von 85 Jahren. Seit ihrem 28. Lebensjahr, als sie in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen worden war, hatte sie ihr ganzes Leben in Krankenhäusern und Pflegeheimen verbracht. Angehörige ließen sich nicht finden Ihre Ersparnisse von 450 Pfund (ca. 1350 DM) reichten nicht aus, um die gesetzlichen Beerdigungskosten von 665 Pfund (knapp 2000 DM) zu begleichen.

Gemäß dem Gesetz von 1984 über das Gesundheitswesen sind die kommunalen Behörden verpflichtet, die Beerdigungskosten für alle Verstorbenen zu übernehmen, die weder Angehörige noch hinreichende Mittel hinterlassen. Aber der Gemeinderat von Castle Morpeth weigerte sich, die Kosten für ein Armutsbegräbnis zu übernehmen.

Doch das Schlimmste ist nicht der Geiz des Gemeinderats, den ein paar hundert Pfund reuten, sondern die Rechtfertigung, mit der er sich aus seiner Verantwortung gestohlen hat. Weil die Kommune wöchentlich 300 Pfund Pflegegeld für die Betreuung von Frau Dodds an das private Pflegeheim überwiesen hatte, behauptete Castle Morpeth, der tote Frauenkörper sei ein Abfallprodukt des Pflegeheims, und aus diesem Grund sei das Heim verpflichtet, gemäß dem Umweltschutzgesetz die Kosten zu seiner Entsorgung zu tragen.

In dem Brief des Gemeinderats an das Pflegeheim heißt es: "...Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus sind die Insassen eines Heimes dessen gewinnbringendes Rohmaterial. Ergo, von einem rein kommerziellen Standpunkt aus, können die verstorbenen Insassen als Abfallprodukt Ihres Unternehmens betrachtet werden."

So sieht die Politik aus, die den Staat nicht mehr als Fürsorger, sondern als Einkäufer betrachtet, der die Gesundheits- und sozialen Dienstleistungen vom privaten Sektor bezieht - eine Politik, die von konservativen und sozialdemokratischen Regierungen gleichermaßen betrieben und auf der ganzen Welt gefeiert wird. Sie hat eine neue Art von Schmarotzerunternehmen geschaffen und die Börsen bereichert. Menschen werden zu Lebzeiten auf den Status von Waren, und, wenn sie gestorben sind, zu Abfallprodukten degradiert.