Der Film "Feuerreiter" von Nina Grosse

Annäherung an einen toten Dichter

Von Sybille Fuchs
23. Februar 1999

"Feuerreiter"
Regie Nina Grosse
Darsteller: Martin Feifel (Hölderlin), Marianne Denicourt (Susette Gontard),
Ulrich Mühe (Jacob Gontard), Ulrich Matthes (Isaac von Sinclair)
Buch: Susanne Schneider
Kamera Egon Werdinn
Musik: Biber Gullatz, Eckes Maltz
Deutschland/Frankreich/Polen, 1998


In einigen deutschen Kinos läuft zur Zeit ein Film mit einem für das deutsche Gegenwartskino sehr ungewöhnlichen Thema. Der "Feuerreiter" von Nina Grosse erzählt die Lebens- und Leidensgeschichte des deutschen Dichters Friedrich Hölderlin, der im Gegensatz zu seinen Freunden Hegel, Schelling, dem Baron von Sinclair oder auch dem von ihm hochverehrten Friedrich Schiller keinen Platz in der deutschen Gesellschaft um 1800 finden konnte. Seine Persönlichkeit zerbrach, er wurde 1806 zunächst in eine Irrenanstalt eingeliefert und lebte anschließend noch fast vierzig Jahre in geistiger Umnachtung bei einer Tischlerfamilie in Tübingen.

Bis heute reißt das Rätselraten über Hölderlins Wahnsinn und seine Ursachen nicht ab. Erst kürzlich erschien im Focus ein Artikel, der die alte These wieder aufgreift, Hölderlin habe den Geisteskranken nur simuliert. Der Film stellt diese Frage nicht, vielmehr versucht er ein Bild von der Person und der Zeit des Dichters zu zeichnen, das seinen Wahnsinn verständlich macht.

Die Filmemacherin Nina Grosse hat an Hölderlin - so erklärt sie - "fasziniert, wie jemand, der mit einer so großen Begabung und einem solch hohen Anspruch aufgebrochen ist, so elendiglich scheitert." Sie hat sich dieser Geschichte mit filmischen Mitteln genähert und versucht, dem heutigen Publikum einen Weg zu diesem Dichter zu öffnen. Ihr ist ein Film, wenn auch nicht über Hölderlins Dichtkunst, so doch über den Dichter und seine Zeit gelungen.

Martin Walser hat 1970 in einem Vortrag zum 200sten Geburtstag Hölderlins den engen Zusammenhang zwischen dessen Dichtung, seinem Wunsch, als Dichter in und für die Welt und ihren Fortschritt zu wirken, und dem fortschreitenden Wahnsinn aufgezeigt. Er zitiert darin Hölderlin mit den Worten: "Weil ich zerstörbarer bin als mancher andere, so muß ich um so mehr den Dingen, die auf mich zerstörend wirken, einen Vorteil abzugewinnen suchen. Ich muß sie nicht an sich, ich muß sie nur insofern nehmen, als sie meinem wahren Leben dienlich sind. Ich muß sie, wo ich sie finde, schon im voraus als unentbehrlichen Stoff nehmen, ohne den mein Innerstes sich niemals völlig darstellen wird. Ich muß sie auf mich nehmen..."

Hölderlins verzweifeltes Ringen um sein Leben und seine Dichtung in einer von Widersprüchen zerrissenen Zeit ist das Thema dieses Films. Dieses Thema ist es auch, das den Dichter für uns heute interessant macht. Auch wenn der Film es nicht ganz auszuschöpfen vermag, ist es doch schon ein Verdienst, es aufgegriffen zu haben.

"Der Feuerreiter" setzt 1802 ein, als der in Bordeaux als Hauslehrer beim deutschen Konsul arbeitende Hölderlin (Martin Feifel) den Brief seines Freundes Sinclair (Ulrich Matthes) erhält, in dem ihm dieser die lebensbedrohliche Erkrankung der geliebten Susette Gontard mitteilt. Die unglückliche Liebe zu dieser Frau, der Gattin seines Arbeitgebers, hatte den Dichter aus Frankfurt vertrieben und dazu geführt, sich im Ausland eine neue Stellung zu suchen.

Hölderlin macht sich in glühender Hitze, dem Wahnsinn nahe, zu Fuß auf nach Frankfurt. Die Geliebte ist bereits tot, als er dort eintrifft. Die Zerrüttung seines Geistes ist nicht mehr aufzuhalten. Der Film erzählt dann in Rückblenden die Liebesgeschichte des unglücklichen Dichters, der im Alter von 26 Jahren nach dem Studium der Theologie um der Dichtung willen die geistliche Laufbahn ausgeschlagen hat und sich seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer verdienen muß. Die Stelle im Hause des reichen Bankiers Gontard verdankt er dem Baron Sinclair, der den Freund und Geliebten bei sich in der Nähe haben möchte.

Sinclair, obwohl adlig, ist wie Hölderlin selbst von der Französischen Revolution begeistert und sehnt sie für Deutschland herbei. Während Sinclair in Diensten des Landgrafen von Hessen dessen Geschäfte besorgt und insgeheim mit den Franzosen paktiert, die Deutschland besetzt halten, drückt der Hauslehrer und "Domestik" des Bankiers Gontard seine Sehnsucht nach einer vollkommeneren Welt ohne die ihn zutiefst kränkenden Klassenunterschiede, den Mief und die fürchterliche Enge der deutschen Kleinstaaterei in seiner Dichtung aus.

Seine Vorbilder, Goethe und Schiller, sind längst zu Klassikern geworden und haben gesellschaftliche Anerkennung gewonnen. Hölderlins Freunde haben ebenfalls ihren Platz in der Gesellschaft gefunden, doch sein Werk verhallt fast ungehört. Die Liebe zu Susette, die allein ihn zu verstehen scheint, wird unter diesen Bedingungen für den sensiblen, von tiefen Selbstzweifeln geplagten Hölderlin zur Bedingung seines Überlebens.

Der Film widmet sich vor allem dieser Liebe, deren alle Konventionen sprengende Dimension nur vor dem Hintergrund der bürgerlichen Gesellschaft im Deutschland des 18. Jahrhunderts und aus der unglücklichen Biographie des Dichters verständlich ist. Dabei fällt es dem Zuschauer gelegentlich schwer, die Bedeutung dieser rasenden Beziehung zu erfassen. Der Film allein bietet ihm nur wenige Anknüpfungspunkte. Die übergroße Bedeutung dieser Liebe für Hölderlin ist nur im Zusammenhang mit der mit jedem Mißerfolg immer deutlicher zum Ausbruch kommenden Psychose des Dichters nachzuvollziehen, die schon sehr früh in seiner Persönlichkeit angelegt ist und ihm auch in bestimmter Weise immer wieder bewußt wird. "Ach! Die Welt hat meinen Geist von früher Jugend an in sich zurückgescheucht, und daran leid ich noch immer," schreibt Hölderlin 1898 an einen Freund.

Dieses Gefühl des Auf-sich-selbst-zurückgescheucht-Seins, das Hölderlins Lebensgefühl prägt, wird im Film erst in einer späteren Szene ganz deutlich, als seine Lesung vor dem Hofe des Landgrafen in Homburg so kläglich scheitert und in einer Raserei endet. In dieser Szene brüllt der Dichter den kichernden Hofdamen und Herren Hyperions beißende Verurteilung der Deutschen entgegen: "Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien... ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst Du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen. Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen..."

Diese Szene gehört zu den besten des Films wie auch eine andere, frühere, in der ebenfalls das Verhältnis des Dichters zum Publikum thematisiert wird: die Szene, in der Susette dem Dichter Abbitte leistet, weil sie versucht hatte, seine Kunst zur Unterhaltung ihrer Gäste zu mißbrauchen.

Vor diesem Hintergrund wird auch die Person Sinclairs, des zwielichtigen homoerotischen Dandys klar, der aus Eifersucht die Liebe der beiden verrät. Ihm geht es letztlich weder ernsthaft um die Revolution noch um die Dichtung des Freundes, ihm geht es allein um die Erfüllung seiner Liebe. Er reiht sich von daher vollkommen ein in die anderen Freunde Hölderlins, Hegel und Schelling, deren kurzer Auftritt im Film schlaglichtartig die Lage der deutschen Intellektuellen Anfang des 19. Jahrhunderts und ihr Arrangement mit der bestehenden Gesellschaftsordnung beleuchtet, in die sich Hölderlin nicht einzufügen vermag.

"Ich verspräche gerne diesem Buche die Liebe der Deutschen", schreibt Hölderlin in der Vorrede zum Hyperion. Dieser Konjunktiv sagt viel aus über das Verhältnis dieses Dichters zu seinem Publikum. In seiner Romanfigur Hyperion hat er einen Menschen geschildert, der wie er selbst hin- und hergerissen ist zwischen der politischen (und erotischen) Beziehung zum Freund Alabanda und der Liebe zu Diotima. In diesem Werk ist auch der Schlüssel zum Verständnis der Beziehung zwischen Hölderlin und Susette zu suchen. Auch wenn es dem Film nur ansatzweise gelingt, die Vielschichtigkeit dieser Liebesbeziehung in Bilder zu fassen und sich manche tiefere Bedeutung offenbar hinter wehenden Tüchern und Gardinen verstecken soll, wird doch vieles an dieser hochkomplizierten Geschichte von Dichtung und Wahrheit vor allem durch die hervorragende schauspielerische Leistung der drei Hauptdarsteller deutlich und für Menschen unseres Jahrhunderts faßbar. So macht Martin Feifel den schmalen Grad zwischen der "Normalität" des Genies und seinem Wahnsinn sinnlich spürbar.

Sicher wird die Thematik des an der Gesellschaft und sich selbst zerbrechenden Künstlers in diesem Film keineswegs umfassend behandelt. Auch ist sicher nicht der neueste Stand der Hölderlinforschung im Film reflektiert. Aber das ist legitim. Dafür erzählt er eine opulente Geschichte. Sicher schwankt er im Genre etwas zwischen Künstlerdrama und historischem Liebesfilm. Er hat von allem etwas, deshalb fällt es ihm wohl auch nicht leicht, sein Publikum zu finden. Von Regie und Drehbuch her besteht eine Tendenz, die Geschichte in ein großes Liebesdrama jenseits von Zeit und Raum umkippen zu lassen. So verschwindet der in der ersten Hälfte des Films immer wieder präsente historische Hintergrund in der zweiten Hälfte des Films fast ganz.

Trotzdem: der Versuch der Filmemacherinnen, uns Hölderlin nahezubringen, war es wert. Von seiner Dichtung wird im Film gerade soviel zitiert, daß wir neugierig werden auf mehr davon. Nina Grosse hat bei der Rezensentin ihr Ziel erreicht, "daß jemand heimgeht und Lust hat, ein Buch von ihm zu lesen." Filmbesuch und Lektüre seien empfohlen.