Eine Atmosphäre der Instabilität und Krise

Staats- und Regierungschefs aus aller Welt versammeln sich an König Husseins Grab

Von Peter Symonds
16. Februar 1999

Die Beerdigungszeremonie für König Hussein von Jordanien, die Montag vergangener Woche mit großem Pomp in der Hauptstadt Amman begangen wurde, war ein ungewöhnliches, um nicht zu sagen groteskes Schauspiel. Der hoch explosive und widersprüchliche Charakter der politischen Beziehungen in der ganzen Region und weltweit kam hier deutlich zum Ausdruck.

Delegationen und Repräsentanten von 75 verschiedenen Ländern hatten sich eingefunden - ein stärkeres Aufgebot, als bei der Beerdigung von Jitzak Rabin, dem israelischen Ministerpräsidenten, der 1995 ermordet worden war, oder bei der Beisetzung von Anwar Sadat, dem ägyptischen Präsidenten, den 1981 dieses Schicksal ereilt hatte. Die US-Delegation bestand aus Bill Clinton nebst dreier früherer US-Präsidenten, Bush, Carter und Ford, hohen Beamten und politischen Beratern. Der französische Präsident Jacques Chirac, der britische Premierminister Tony Blair und Prinz Charles waren dabei, wie auch der russische Präsident Boris Jelzin, der von seinem Krankenlager auferstanden war und entgegen dem Rat seines Arztes nach Amman flog, nur um noch vor Abschluß der Feierlichkeiten wieder abzureisen.

Paradoxerweise führte die Beerdigung erbitterte Feinde zusammen. Im letzten Moment traf an der Spitze der syrischen Delegation Präsident Hafez Assad ein, der 1958 Kampfjets losgeschickt hatte, um Husseins Flugzeug abzuschießen, und zahlreiche weitere Mordversuche lanciert hatte. Es war das erste Mal, daß Assad an einer öffentlichen Zeremonie teilnahm, obwohl auch eine 23köpfige Delegation aus Israel dabei war, darunter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Spitzenpolitiker aus dem Irak und aus Libyen - Ländern, die sich faktisch immer noch im Kriegszustand mit Israel befinden - waren anwesend, wie auch Vertreter der islamischen Hamas-Fundamentalisten. Unter den Gästen befand sich sowohl der Hamas-Führer Khaled Meshal, der 1997 das Ziel eines Mordversuchs in Amman war, als auch Efraim Halevy, Direktor des israelischen Geheimdienstes Mossad, der jenes gescheiterte Attentat angeordnet hatte.

Das Aufgebot an Prominenz wurde noch durch den Schwall an Ehrenbezeugungen für König Hussein und seine Familie übertroffen, der sich über die internationale Medienwelt ergoß. Die TV-Kameras brachten Großaufnahmen von Jordaniern, die sich in Ammans Straßen ungehemmt ihrer Trauer über den toten König hingaben. Kommentatoren porträtierten ihn immer wieder als einen Mann des Volkes, einen populären Monarchen mit "Volksnähe", Erbauer der modernen jordanischen Nation und "größten Friedensstifter" im sogenannten Nahost-Friedensprozeß.

Bei aller Begeisterung fehlte jedoch eine plausible Erklärung dafür, womit der verstorbene Monarch ein solches Maß an Aufmerksamkeit und Ehrerbietung verdient haben soll, die doch in keinem Verhältnis zur aktuellen politischen und wirtschaftlichen Bedeutung Jordaniens steht. Dieses Land ist ein künstliches Konstrukt, das aus den Großmachtintrigen während und nach dem ersten Weltkrieg hervorgegangen ist. Es hat die Größe des US-Bundesstaats South Carolina, wobei sieben Achtel aus Wüste bestehen, mit einer Bevölkerung von ca. fünf Millionen Menschen, einem Bruttosozialprodukt von etwa acht Mrd. Dollar und keinerlei Ölquellen oder anderen wertvollen Rohstoffen. Das Land ist auf allen Seiten zwischen größeren, mächtigeren und oft feindlichen Nationen eingeklemmt.

Es gibt zwei Gründe dafür, daß sich eine derartige Aufmerksamkeit auf Hussein und Jordanien richtet. Erstens zollten die Politiker nicht einem Vertreter der arabischen Massen Tribut, sondern beklagten den Verlust einer wertvollen politischen Institution, die nahezu 47 Jahre lang ziemlich unverhüllt den Intrigen der Großmächte, darunter auch Israels, in dieser Region als Instrument gedient hat. Die Lobhudeleien schienen im direkten Verhältnis zur Unterwürfigkeit des jordanischen Regimes zu stehen. Es ist erwähnenswert, daß die israelische Führung, für welche der Staat Jordanien ein getreuer Vasall geworden ist, einen Trauertag ausgerufen hatte, um Husseins Tod zu begehen, und ihre Fahnen auf Halbmast gesetzt hatte.

Zweifellos schwang auch ein Element der Bewunderung für einen Autokraten mit, der sich so zäh an der Macht gehalten und mit einer Mischung von Grausamkeit, List und schierem Glück mindestens zwölf Mordversuche und sieben Putschverschwörungen überstanden hat. Als Hussein 1952 im Alter von 16 Jahren zum König ernannt worden war, hatte niemand geglaubt, daß seine Herrschaft vier Jahrzehnte überdauern würde. Jedoch mit Unterstützung zuerst von Großbritannien und dann der USA war er mit seinem halb-feudalen Regime in der Lage, durch all die wechselhaften und widersprüchlichen Interessen im Nahen Osten hindurch zu lavieren - und zu überleben.

Zweitens zeigt die große Aufmerksamkeit der internationalen Führer, wie labil die Situation ist, nicht nur in Jordanien, sondern auch in der benachbarten Westbank und Israel, sowie in der ganzen Region und weltweit. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß bei allem absurden Geschwätz über Hussein als Vater des Friedens und der Stabilität in der Region gerade Jordanien mit seiner wachsenden wirtschaftlichen und politischen Krise der Funke sein könnte, an dem sich das Pulverfaß des Nahen Ostens entzündet. Nur wenige Tage vor seinem Tod inszenierte Hussein geradezu eine Palastrevolution, als er seinen 37jährigen Sohn Abdullah anstelle seines jüngeren Bruders Hassan als Thronfolger einsetzte. Der neue König ist so gut wie unbekannt, ohne jede politische Erfahrung, seine Ausbildung besteht bloß aus dem Absolvieren mehrerer Eliteschulen in Großbritannien und den USA sowie einer Karriere im jordanischen Militär, wo er sich bezeichnenderweise auf die Terrorismus-Bekämpfung spezialisiert hat.

Die Palastintrige zeigt, wie schmal die Schicht ist, auf der das Regime ruht, und wie selbstherrlich die Methoden seiner Herrschaft sind. Als Präsident eines Landes, dessen Einwohnerschaft zu über zwei Dritteln aus Palästinensern besteht, viele von ihnen arme Arbeiter und Bauern, stützte sich Hussein weitgehend auf eine Beduinen-Armee, die sich überwiegend aus seinem eigenen Haschemiten-Stamm rekrutiert. Hussein herrschte als beinahe absoluter Monarch, in dessen Hand legislative und exekutive Gewalt lagen. Von 1957 bis 1990 waren alle politischen Parteien verboten. Nur die Zusammensetzung des parlamentarischen Unterhauses wurde durch beschränkte Wahlen bestimmt. Das Oberhaus wurde von der Königsfamilie und deren engsten Verbündeten ernannt. Jeder Aspekt des Lebens in Jordanien wurde scharf von der Geheimpolizei des Monarchen, der Muhabarat, überwacht. Erst im vergangenen Jahr wurden wieder neue Gesetze über Pressezensur erlassen.

Jordanien steht vor tiefen wirtschaftlichen Problemen, einer wachsenden sozialen Polarisierung und politischer Instabilität. Aber das gleiche könnte man von buchstäblich jedem Land sagen, das bei Husseins Beerdigung repräsentiert war. Jenseits der jordanischen Grenze, in der Westbank und Israel, steckt der viel beschworene Friedensprozeß in einer Sackgasse. Dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu stehen Wahlen bevor, und seine regierende Likud-Partei bricht mit einer solchen Geschwindigkeit auseinander, daß jedermann erleichtert aufatmete, als es der Delegation dieses Landes gelungen war, die Zeremonie ohne öffentlichen Streit durchzustehen.

Die ganze Region ist Schauplatz intensiver Rivalitäten der Großmächte, die sich um die Kontrolle über die unmittelbaren Ölreserven und die Durchgangsstrecken möglicher Pipelines für die Ölquellen im Kaspischen Meer und in Zentralasien streiten. Die USA, Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Japan liegen sich in den Haaren und versuchen jeweils separate Abmachungen mit den verschiedenen Schichten der arabischen Bourgeoisie zu treffen. In einer sprunghaften Zeit wechselhafter Allianzen bot die Beerdigung Husseins eine ideale Gelegenheit für Gespräche und Verhandlungen, sowohl offen wie im Geheimen. Es konnte sich gewissermaßen gar niemand leisten, nicht dabei zu sein.

Ein Repräsentant der arabischen Bourgeoisie

In vielerlei Hinsicht war Hussein ein typischer Repräsentant der korrupten arabischen Bourgeoisie - jener schmalen, privilegierten Schicht, auf die sich der Imperialismus während der vergangenen fünfzig Jahre gestützt hat, um seine Interessen im Nahen Osten durchzusetzen. In seinem Regime jedoch wurden all diese Wesensmerkmale - Doppelzüngigkeit, Instabilität, autokratische Herrschaft und Abhängigkeit von den Großmächten - noch durch die innere Schwäche des jordanischen Staates verstärkt.

Hussein wurde 1935 geboren, als das britische Mandat oder Protektorat Transjordanien gerade zwölf Jahre bestand. Es war ein künstliches Produkt der britischen Kolonialpolitik, abhängig von umfangreichen finanziellen Subventionen Londons. Seine Grenzen wurden nicht durch alte Bindungen oder nationales Zugehörigkeitsgefühl bestimmt, sondern 1923 vom damaligen Kolonialminister Winston Churchill buchstäblich in den Wüstensand gezogen. Churchill brüstete sich später damit, Jordanien "an einem Nachmittag" geschaffen zu haben.

Seine Ursprünge liegen in den Ambitionen von Husseins Urgroßvater, Scharif Hussein, einem Haschemitenführer. Die Haschemiten sind ein Wüstenclan, dessen Stammländer in Hijaz liegen, wo die Heiligen Stätten der Muslime, Mekka und Medina, stehen, die heute zu Saudi-Arabien gehören. Wenn irgend etwas die Haschemiten vor anderen arabischen Stämmen im Nahen Osten auszeichnete, dann ihre Bereitschaft, sich an den Meistbietenden zu verkaufen.

Anfänglich hatte Großbritannien die Angebote arabischer Nationalisten zurückgewiesen, sie würden im Gegenzug für die Anerkennung eines unabhängigen Arabiens durch Großbritannien Krieg gegen das osmanisch-türkische Reich führen. Aber nach der katastrophalen Niederlage der alliierten Landung bei Gallipolli im Jahre 1915 akzeptierte Großbritannien in einem Brief an die Haschemiten deren Bedingungen.

Daraufhin riefen Scharif Hussein und seine Söhne Abdullah und Faisal 1916 die "arabische Revolte" aus, die durch die populären Berichte über die Abenteuer des britischen Agenten T. E. Lawrence, besser bekannt als "Lawrence von Arabien", zu Berühmtheit gelangte. Faisal führte die Alliierten nach Damaskus, heute Hauptstadt Syriens, und errichtete im Oktober 1918 vorübergehend seine eigene Herrschaft.

Aber die Briten hatten nicht die Absicht, ihre Versprechen einzuhalten. Im Sykes-Picot-Abkommen, das sie 1916 mit den Franzosen abschlossen, wurde das Osmanische Reich zwischen beiden Mächten aufgeteilt und die Kontrolle über Syrien dem französischen Imperialismus zugesprochen. Nachdem es die Haschemiten während des Kriegs getäuscht hatte, ging Großbritannien nun dazu über, sie als willfährige Lakaien seiner Vorherrschaft über die Region zu benutzen. Faisal und sein Gefolge wurden unter britischem Schutz nach Irak geführt.

Was die britischen Pläne für die Region noch komplizierter machte, war das Versprechen auf eine "nationale Heimat" für das jüdische Volk, das sie 1917 im Rahmen ihres Palästina-Mandats unter der Balfour-Deklaration abgegeben hatten. Weil die Briten angesichts der Ausbreitung jüdischer Siedler in dieser Region lokale Revolten befürchteten, gründeten sie in den östlichen Wüsten Palästinas "Transjordanien" mit Faisals älterem Bruder Abdullah als nominellem Monarchen. Aus Transjordanien wurde buchstäblich ein Gefangenenlager, in das die Palästinenser getrieben wurden, sowie eine militärische Bastion gegen Frankreichs Pläne in der Region.

Großbritannien behielt durch die Bildung der arabischen Legion, rekrutiert aus den Haschemiten-Stämmen, die Zügel fest in der Hand. Diese wurde von den Briten organisiert, ausgebildet sowie mit Offizieren bestückt und zur stärksten militärischen Kraft in der Region aufgebaut. Obwohl Jordanien 1946 formell in die Unabhängigkeit entlassen wurde, blieb seine Armee unter der Führung britischer Generäle und Offiziere. 1948 besiegte die jordanische Armee den neuen Staat Israel, überquerte den Jordan und eroberte die Westbank und die Heiligen Stätten in Ost-Jerusalem.

Hussein wuchs in diese Welt kolonialer Ränke und Palast-Intrigen hinein. Er war erst 15, als sein Großvater Abdullah 1951 neben ihm von einem palästinensischen Attentäter in Jerusalems Al-Aksa-Moschee erschossen wurde. Ein Jahr später wurde er zum König ausgerufen, als sein Vater aus gesundheitlichen Gründen auf den Thron verzichten mußte. Seine Ausbildung hatte er an dem hochangesehenen Victoria College in Alexandria und dann an der Harrow Grammar School in England erhalten. Danach absolvierte er eine sechsmonatige militärische Ausbildung an der britischen Militärakademie in Sandhurst.

In seiner 1962 veröffentlichten Autobiographie erinnerte sich Hussein, daß er schon in jungen Jahren seine prekäre Lage erkannt hatte: "Ich hatte schon mit 17 genug von Europa gesehen, um zu wissen, daß seine Vergnügungsstätten von Ex-Königen wimmelten, die zum Teil deshalb ihren Thron verloren hatten, weil sie die Pflichten eines Monarchen nicht kannten... Ich beschloß, kein ständiges Mitglied ihrer Badeparties in Südfrankreich zu werden."

Wechselnde Allianzen

Anfang der fünfziger Jahre mußte sich Hussein an den wachsenden arabischen Nationalismus anpassen. 1956 entließ er den britischen Kommandanten der jordanischen Armee, Sir John Bagott Glubb, ersetzte alle britischen Offiziere durch Jordanier und verhängte das Kriegsrecht. Während der Suez-Krise einige Monate später bot Hussein dem ägyptischen Präsidenten Nasser die jordanischen Streitkräfte für seine Konfrontation mit Großbritannien und Frankreich an.

Er war ständig gezwungen, zwischen den größeren arabischen Staaten - insbesondere Ägypten und Syrien - zu manövrieren und zwischen den Großmächten zu balancieren. Gleichzeitig war er auf einer Seite mit dem immer mächtigeren israelischen Staat und auf der anderen mit den Forderungen der jordanischen Massen konfrontiert. Die unsichere Lage der haschemitischen Monarchen wurde deutlich, als 1958 König Faisal von Irak, Husseins Cousin, in einem blutigen Putsch gestürzt und getötet wurde. Hussein wandte sich hilfesuchend an die Briten, die sofort Truppen nach Jordanien entsandten, um sein Regime zu stützen.

Nach der Suez-Krise begann Hussein, sich statt wie bisher mit Großbritannien, nun mit den USA einzulassen. 1977 kam heraus, daß er seit 1958 auf der Lohnliste der amerikanischen CIA gestanden hatte. Die monatlichen Überweisungen auf sein Konto wurden nach dieser Enthüllung angeblich eingestellt, seine enge Zusammenarbeit mit den USA aber fortgesetzt. Schon 1963 nahm Hussein auch geheime Treffen mit dem zionistischen Regime in Israel auf. Selbst gegen Ende seines Lebens weigerte er sich noch, Einzelheiten der insgesamt schätzungsweise 500 Stunden dauernden Gespräche mit israelischen Führern zu enthüllen - mit Ausnahme der Gespräche, die er mit Menachem Begin geführt hatte.

1967 beteiligte sich Hussein gemeinsam mit Ägypten und Syrien an dem katastrophalen Sechstagekrieg gegen Israel. Das Ergebnis war, daß Jordanien die Westbank und die Altstadt von Jerusalem verlor und seine gesamte Luftwaffe sowie 15.000 Soldaten einbüßte. Tausende Palästinenser strömten über den Jordan in die schon überfüllten Flüchtlingslager im Land, wodurch der palästinensische Nationalismus weiter angeheizt wurde und die Reihen der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO anschwollen.

Hussein schloß sich mit den anderen arabischen Staaten zusammen, weil er davon ausging, daß Jordanien unvermeidlich in den drohenden Konflikt hineingezogen würde. "Wir hätten einen Konflikt mit Israel nicht überleben können. Unsere einzige Verteidigung lag darin, uns mit den anderen zusammenzutun", kommentierte er später. Nach der Niederlage kam er schnell zum Schluß, daß engere Allianzen mit den USA und mit Israel notwendig seien, um ein weiteres Desaster zu verhindern.

Um seine Zuverlässigkeit unter Beweis zu stellen, ging er daran, die Operationen der bewaffneten palästinensischen Widerstandsgruppen von ihren Basen in Jordanien her zu unterbinden. Das brachte ihn in immer schärferen Konflikt mit den palästinensischen Massen, die in seinem Land die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten. Der Höhepunkt des Konflikts im September 1970 ist als der "schwarze September" bekannt, weil die Palästinenser dabei enorme Verluste zu beklagen hatten. Hussein befahl seinen regulären Truppen, die Flüchtlingslager mit Panzern anzugreifen, angeblich um Guerilla-Aktionen zu unterdrücken. In seinem Buch Palästina und die Palästinenser beschreibt Samih Farsoun die Ereignisse:

"1970 gelang es dem Regime, eine Anti-Guerilla-Kampagne zu organisieren, und im September wurde ein brutaler Militärangriff gegen die Guerilla geführt, wodurch sie aus den Lagern und aus Amman vertrieben wurde. Das kostete Zehntausenden unschuldiger Lagerbewohner das Leben. 1971 wurden die palästinensischen Guerillas aus den Bergregionen im Westen Jordaniens vertrieben. Sie suchten im Südwesten Israels Zuflucht. Nach ihrer Vertreibung lebten die Palästinenserlager und andere dicht besiedelte Gebiete in Jordanien bis in die 90er Jahre hinein in einem Polizeistaat; erst später führte Jordanien eine politische Liberalisierung und einige demokratische Reformen durch."

Die arabische Bourgeoisie schaute dem Massaker zynisch tatenlos zu. Eine halbherzige Intervention des syrischen Regimes auf Seiten der palästinensischen Kämpfer führte zu nichts. Israel hatte mit Unterstützung der USA seine Armee in Alarmbereitschaft versetzt und war bereit, auf Seiten Husseins einzugreifen, falls die syrische Armee die Machtbalance zu seinen Ungunsten zu verändern drohte.

Die Massaker des schwarzen September stärkten die guten Beziehungen zu den USA und Israel. Im Jom-Kippur-Krieg mit Israel von 1973 spielte Jordanien nur eine symbolische militärische Rolle und warnte in Wirklichkeit den zionistischen Staat heimlich vor dem bevorstehenden Angriff Ägyptens und Syriens, Warnungen, die jedoch ignoriert wurden.

In den achtziger Jahren wandte sich die Reagan-Regierung immer stärker Hussein zu, als die USA nach Wegen suchten, um ein neues imperialistisches Arrangement mit der arabischen Bourgeoisie im Nahen Osten zu treffen. 1988 gab Hussein nach dem Ausbruch der Intifada in den israelisch besetzten Gebieten die Kontrolle über die Westbank auf und zog sich zum größten Teil aus deren Verwaltung zurück.

Während des Golfkriegs 1990-91 sah er sich aufgrund großer anti-amerikanischer Demonstrationen und Proteste im eigenen Land gezwungen, den militärischen Angriff Amerikas und seiner Alliierten gegen den Irak öffentlich zu kritisieren. Aber nach dem Krieg gab er seine Unterstützung für Saddam Hussein schnell auf, um die wichtige finanzielle Unterstützung Saudi-Arabiens und der anderen Golfstaaten nicht ganz zu verlieren. Die amerikanische Regierung vergab ihm rasch, und er spielte bei den palästinensisch-israelischen Gesprächen in Madrid Ende 1991 eine Schlüsselrolle.

Hussein unterstützte den Nahost-Friedensprozeß nach dem Golfkrieg in der Hoffnung, daß ein Abkommen die Region und auch Jordanien für umfangreiche Investitionen öffnen würde. 1994 unterschrieb Hussein nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Oslo zwischen Israel und der PLO sein eigenes Abkommen mit Israel und knüpfte Handelsbeziehungen an. Erst letztes Jahr wurde er im Rollstuhl aus der Mayo-Krebsklinik in Minnesota geholt, als es galt, durch den Abschluß der Gespräche von Wye Plantation den stockenden Osloer Friedensprozeß wieder in Gang zu bringen.

Husseins Erwartungen erfüllten sich kaum. Die Wahl der Netanjahu-Regierung führte zu einer Krise der politischen und wirtschaftlichen Normalisierung und verhinderte, daß Investitionen flossen. Ein weiterer Schlag für Jordanien war die Entscheidung der USA, Saudi-Arabiens und der Golfstaaten, als Strafe für Husseins Unterstützung des Iraks 1991 vorübergehend die dringend benötigte Finanzhilfe auszusetzen. Außerdem haben die andauernden Wirtschaftssanktionen der UNO gegen den Irak schlimme Auswirkungen auf Jordaniens wichtigsten Absatzmarkt. Das Land hat acht Milliarden Dollar Auslandsschulden, eine Summe, die sein Bruttosozialprodukt übersteigt.

Hussein begrüßte ursprünglich das Eingreifen des Internationalen Währungsfonds als ein Mittel, um Auslandsinvestitionen anzuziehen. Aber je brutaler die Stabilitätsmaßnahmen des IWF den Lebensstandard der Bevölkerung einschränkten, desto mehr war er mit wachsender Unruhe und Protesten konfrontiert. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen stagniert bei 1.500 Dollar und ist niedriger als das auf der palästinensischen Westbank. Die Arbeitslosigkeit beträgt 15 Prozent und steigt weiter; etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze.

1996 brachen im Süden Jordaniens Demonstrationen aus, als von einem Tag auf den andern die Preissubventionen für Mehl abgeschafft wurden und der Brotpreis sich verdoppelte. Die Polizei griff mit Tränengas und unter Hubschraubereinsatz ein, um Husseins Anweisung auszuführen, "jeden, der die Sicherheit bedroht und Unzufriedenheit stiftet, ... mit eiserner Faust zu treffen." Er schickte das Parlament nach Hause, in dem weniger als die Hälfte der Abgeordneten für die Preiserhöhungen gestimmt hatten.

Husseins Erbe in Jordanien und der ganzen Region ist keineswegs Friede und Stabilität, sondern gesellschaftlicher und politischer Aufruhr. Die Stimmung in Jordanien selbst wurde von einem der wohlhabenderen Zeugen der Beerdigung treffend zusammengefaßt: "Man hört diese Zahlen im Fernsehen, wie die 300 Millionen Dollar US-Hilfe, aber die Leute bekommen nichts davon zu sehen. Wir haben Leute, deren Mahlzeiten aus Tee und Brot bestehen. Der neue König muß beweisen, daß er die wirtschaftliche Lage verbessern kann, und zwar bald."

Siehe auch:
50 Jahre seit der Gründung Israels
(10. Juni 1998)