Stimmen von der Antikriegsdemonstration am 27. März in Berlin

Die Gefahr einer Eskalation des Kosovo-Krieges ist groß

Von Stefan Steinberg
30. März 1999

In einer Reihe von deutschen Städten kam es am Samstag, dem 27. März zu Demonstrationen gegen die Militärschläge der Nato in Jugoslawien. In Stuttgart beteiligten sich rund 3000 Menschen zumeist serbischer Herkunft an einem Protestmarsch durch die Innenstadt. Auf mitgeführten Transparenten verurteilten sie die Rolle der Regierungen in Deutschland, Europa und den USA. In der Bundesrepublik Deutschland leben heute insgesamt rund 800.000 Serben.

In Nürnberg trafen sich 1500 Teilnehmer zu einer fünfstündigen Kundgebung, und in Berlin kamen rund 5000 zu einer Protestkundgebung der PDS, die sich als einzige im Parlament vertretene Partei gegen den Angriff ausgesprochen hatte. Große Gruppen Arbeiter aus Jugoslawien waren mit ihren Familien gekommen. Auf den Transparenten hieß es unter anderem: "Kein Krieg im Kosovo", "Vereint Europa ohne Waffen". Verurteilt wurden vor allem die Regierungsparteien SPD und Bündnis 90 / Die Grünen für den ersten Kampfeinsatz der deutschen Armee im Ausland seit dem Zweiten Weltkrieg.

Das WSWS sprach mit CT und drei seiner Freunde, die sich auf dem Alexanderplatz eingefunden hatten. CT stammt aus Belgrad und ist 28 Jahre alt. Seit 1988 lebt und arbeitet er in Berlin. Täglich telefoniert er mit seinem Vater, der in einer Vorstadt Belgrads wohnt und ihm berichtet hat, welche Verwüstungen die Bombardierungen anrichten.

"Das Vorgehen der Europäer und Amerikaner bei der Bombardierung Jugoslawiens ist abscheulich. Ich mache mir große Sorgen um meine Familie, die in Belgrad geblieben ist. Mein Vater berichtet von Bombeneinschlägen in der Nähe seiner Wohnung. Dort gibt es eine Militärbasis, die stark beschossen worden ist. Aber nicht nur militärische Ziele werden getroffen. Bei den jüngsten Angriffen kamen auch zivile Flughäfen zu Schaden. In der Belgrader Innenstadt gingen Bomben nieder. Außerdem wurde beiläufig auch das Elektrizitätswerk in der Nähe seiner Wohnung getroffen, so daß in der ganzen Siedlung der Strom ausfiel.

Die Aggressormächte unterschätzen die Lage, wenn sie glauben, sie könnten das serbische Volk mit Missiles niederschlagen. Es besteht die Gefahr, daß sich der Krieg zu einem mit Bodentruppen ausgetragenen Konflikt ausweitet, und dann wird er sich über ganz Osteuropa ausbreiten. Schließlich haben die Russen vor kurzem sechs Monate lang Tschetschenien bombardiert, ohne daß sie die Bevölkerung zur Kapitulation zwingen konnten. Die Gefahr ist groß, daß sich der Konflikt bis zu einem neuen Weltkrieg ausweitet. Die gegenwärtige Stärke der jugoslawischen Armee beträgt eine halbe Million, aber wenn es sein muß, kann die Regierung bis zu zwei Millionen Männer mobil machen. Ich muß sagen, daß ich selbst mit Milosevic nichts zu tun habe, ich habe ihn bisher immer gehaßt, aber angesichts dieser Offensive stehe ich vollkommen hinter der Regierung - immerhin ist sie demokratisch von der Bevölkerung gewählt worden. Wenn es sein muß, bin ich bereit zu kämpfen, und das gilt auch für die meisten meiner Freunde. Das Vorgehen der europäischen und amerikanischen Regierungen ist eine Schweinerei."

Bojnuobuli Muha lebt seit 27 Jahren in Deutschland. Er ist ebenfalls serbischer Abstammung und war mit seiner Frau und seinem jüngsten Kind zur Kundgebung gekommen. Gegenüber dem WSWS meinte er:

"Ich stehe mit Freunden und Verwandten in Verbindung, und sie erzählten mir, daß willkürlich bombardiert werde. In der Stadt Nis zum Beispiel wurde ein Krankenhaus getroffen - glücklicherweise waren die meisten Patienten evakuiert worden. Gestern wurde ein Chemiefabrik nahe Belgrad schwer beschädigt, und die Bomben trafen sogar eine Kirche, die unter europäischem Denkmalschutz steht. Bomben fielen auch auf die Gegend um Kragujevac, wo es eine Fahrzeug- und Munitionsfabrik gibt. Insgesamt arbeiten dort 38.000 Menschen, und die gesamte Belegschaft hat beschlossen, im Betrieb zu bleiben und rund um die Uhr zu arbeiten, um zu zeigen, daß sie sich von den Luftschlägen nicht einschüchtern läßt.

Ich frage mich vor allem, weshalb sich die Europäer von den Amerikanern derart provozieren lassen. Wo sind nur die demokratischen Werte geblieben? Es ist klar, daß sie nicht mehr zählen - das große Geld und Coca Cola entscheiden alles. Wo bleibt der internationale Gerichtshof in Den Haag, den die europäischen Staaten eingerichtet hatten, um Menschenrechtsverstöße in Jugoslawien zu ahnden? Weshalb äußert er sich nicht zu den Greueltaten, die von den Regierungen Europas und Amerikas in meinem Land verübt werden? Meiner Ansicht nach verschließen die Regierungen die Augen vor den wirklichen Ursachen der Konflikte in der Region. Alle Zeitungen machen Serbien für den Krieg verantwortlich, jeder spricht von der Schuld der Serben. Ein berühmter serbischer Dichter schrieb einmal, das einzige Verbrechen der Serben bestehe darin, daß sie in einem Land leben, das ungünstig gelegen ist - dort, wo sich die entgegengesetzten Interessen einer Reihe Großmächte kreuzen.

Was Kosovo angeht, so hatte die Region erstmals 1974 unter Tito die Autonomie bekommen. Sie wurde in den neuen Verträgen, die nach dem Zusammenbruch des Tito-Systems 1989 abgeschlossen wurden, mit einigen Einschränkungen anerkannt. Ich möchte einen Vergleich zur Lage in der Türkei ziehen. Dort wird eine Minderheit - die Kurden - vom türkischen Staat unterdrückt, der ihnen beispielsweise offiziell verbietet, die eigene Sprache zu benutzen. Ein kurdisches Buch ist in der Türkei ein Verbrechen. Doch in Kosovo haben die Leute ihre eigene Universität, die in ihrer Sprache unterrichtet, sie haben ihr eigenes Fernsehen, Radio, und 40 Zeitungen, die in ihrer Sprache publizieren. Weshalb unterstützen die Amerikaner bedingungslos die Türkei, wenn sie die Kurden unterdrückt, und bekriegen die Serben, die dem Kosovo beträchtliche Zugeständnisse gemacht haben?

Wir wissen jedenfalls, daß eine ganze Zeitlang moderne Waffen aus Amerika, Deutschland und anderen Ländern in den Kosovo geschmuggelt worden waren, bevor plötzlich der große Schrei nach Unabhängigkeit ertönte. Diese Region gilt seit langem als fester Bestandteil Serbiens, und meiner Ansicht nach hatte Milosevic völlig recht, als er die Bedingungen des Rambouillet-Abkommens ablehnte. Denn es hätte bedeutet, den Kosovo preiszugeben und Unruhen in der gesamten Region auszulösen.

Ich möchte klarstellen, daß ich ein völliger Gegner des Politikers Milosevic bin. Er ist für das Volk nicht gut. Er ist von Kriminellen und Korrupten umgeben. Sein Sohn Marko zum Beispiel ist Besitzer der größten Diskothek in Jugoslawien - sie heißt Madonna und ist Posarevac. Jeder weiß, daß er enge Verbindungen zur Verbrecherwelt unterhält. Ich bin auch Gegner des Nationalismus. Ich lebe seit 27 Jahren in Deutschland und weiß, daß es wichtig ist, sich zu integrieren. Ich betrachte mich als loyalen deutschen Staatsbürger, doch was jetzt in Jugoslawien abläuft, ist versuchter Völkermord an einem souveränen Volk. So also sieht die neue Weltordnung aus. Ich bin nicht mehr der Jüngste, aber zum Krieg der Europäer und Amerikaner kann ich nur sagen, daß ich bereit bin, sofort nachhause zu fahren und für mein Land zu kämpfen."

Siehe auch:
Die NATO bombardiert Serbien: Die neue Weltordnung nimmt Gestalt an
(25. März 1999)
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