Weshalb wurde die Clinton-Regierung von den Ereignissen in Kosovo überrascht?

Von Martin McLaughlin
2. April 1999

Vertreter der Clinton-Regierung haben in den vergangenen Tagen zugegeben, daß sie die wahrscheinlichen Folgen der Luftschläge gegen Serbien völlig falsch eingeschätzt hatten. Sie zeigten sich "überrascht" über das verstärkte Blutvergießen und die gesteigerten ethnischen Säuberungen in Kosovo, die zehntausende Albaner zur Flucht nach Albanien und Mazedonien getrieben haben.

Wenn man einmal unterstellt, daß diese Behauptungen der Wahrheit entsprechen, dann illustrieren sie, von welcher Blindheit und Dummheit die amerikanische Außenpolitik geleitet wird. Blindheit, weil die aus einer NATO-Bombardierung resultierende Katastrophe im Kosovo sogar in der amerikanischen Presse vielfach vorausgesagt worden war. Dummheit, weil einfache Grundkenntnisse über die Geschichte der Region ausreichen, um zu wissen, daß der Abwurf von Bomben über Serbien garantiert den Nationalismus anheizt und weitere Gewalttaten auslöst.

Noch erstaunlicher ist die Schlußfolgerung, die Sprecher der Regierung aus diesem Eingeständnis ziehen. Nachdem sie eingeräumt haben, daß ihre Entscheidung zur Bombardierung Serbiens zumindest teilweise auf einer kolossalen Fehleinschätzung beruhte, erklären das Weiße Haus und das Außenministerium, der Ausweg liege in einem noch stärkeren Bombardement! Aber weshalb sollte man diesem Argument Glauben schenken, da es doch von denselben Leuten stammt, welche die offenkundigen Folgen der ersten Angriffswoche nicht vorausgesehen hatten?

Woher rührt diese augenfällige Unfähigkeit der amerikanischen Außenpolitiker - nicht nur im Weißen Haus und im zuständigen Ministerium, sondern auch im Kongreß und in den Elitekreisen in Washington, wo diese Fragen debattiert werden? Das ist eine wichtige Frage, denn diese Einfältigkeit betrifft nicht nur Einzelpersonen in der Regierung, sondern ist eine sozialpolitische Erscheinung. In letzter Analyse ergibt sich der politische Schwachsinn, der offensichtlich in Washington vorherrscht, aus dem Charakter des amerikanischen Imperialismus und aus den Widersprüchen, die seine Weltrolle prägen.

Es klafft eine enorme Lücke zwischen den globalen Ansprüchen der Vereinigten Staaten, die jedem Winkel der Erde ihren Willen aufzuzwingen versuchen, und ihrem tatsächlichen Einfluß auf den Lauf der Dinge. Die Vereinigten Staaten sind, wie Clinton und zahlreiche Medien eifrig verkünden, "die einzige Supermacht der Welt". Aber dieser Status entledigt Amerika nicht sämtlicher Schranken seiner Vorherrschaft. Betrachtet man ihre wirtschaftliche und politische Stärke, so sind die Vereinigten Staaten heute weitaus schwächer als vor 50 Jahren, zum Ende des Zweiten Weltkriegs, als die amerikanische Industrie den Weltmarkt dominierte und ihre wichtigsten imperialistischen Rivalen - Deutschland, Japan, Großbritannien und Frankreich - entweder erobert oder bankrott gegangen waren.

Dieser relative Niedergang hat den Vereinigten Staaten nur auf einem Gebiet - dem militärischen - die unangefochtene Führung belassen. Daher die Sucht der amerikanischen Politikerkaste nach Gewalt, ihre unerschütterliche Überzeugung, daß Cruise Missiles, intelligente Bomben und andere High-Tech-Waffen ganz unabhängig von historischen Prozessen oder lokalen Umständen die von Washington gewünschten Resultate herbeiführen können.

Ein weiterer Faktor ist die Rolle der Massenmedien, die das politische und geistige Leben in den USA auf das niedrigste Niveau herabdrücken. Besonders seit dem Debakel in Vietnam - nach dem es heftige Vorwürfe über die Auswirkungen der kritischen Medienberichterstattung auf die öffentliche Meinung hagelte - hat die herrschende Klasse die Medien zu einer Riesenmaschinerie zur Narkotisierung der öffentlichen Meinung ausgebaut, die jede wirklich demokratische Diskussion über die amerikanische Außenpolitik ersticken soll. Natürlich haben auch rein kommerzielle Gesichtspunkte dazu beigetragen, daß ernsthafte Analysen und Kommentare aus den Nachrichtensendungen verschwunden sind.

Sie bestehen weitgehend aus 30 bis 60 Sekunden langen Clips. Ein Zwei-Minuten-Beitrag gilt bereits als "Hintergrundbericht". Die Verwandlung der Nachrichten- in Unterhaltungssendungen verlangt, daß alle politischen Themen, egal wie komplex, auf möglichst einfache Formeln zurückgeführt werden müssen: die "guten" Amerikaner gegen die "bösen" Fremden. Jeder Gegner des amerikanischen Kapitalismus im Ausland kann sich unversehens als "neuer Hitler" wiederfinden.

Die Flächenbombardierung der öffentlichen Meinung mit Dummheiten und Lügen hat jedoch, um in der Sprache des Pentagon zu bleiben, auch erhebliche "Nebenschäden" hinterlassen. Die Leute, die bei den Medien angestellt werden, gehören einem sozialen Typus an, der fast ausnahmslos mit keinerlei Kenntnissen über die Themen und Probleme belastet ist, zu denen er sich äußert. Und wer dennoch eine gewisse Intelligenz erkennen läßt, wird durch Geld und Ruhm dieser Stellung vollkommen korrumpiert. Daher findet man in den Medien keinen einzigen Kommentator, der die Voraussetzungen und Annahmen, auf welchen die Außenpolitik basiert, ernsthaft hinterfragen würde. Doch indem sie das öffentliche Verständnis der Weltereignisse derart herabgedrückt hat, ist es der amerikanischen herrschenden Klasse gleichzeitig gelungen selbst zu verblöden.

Siehe auch:
Die Logik des Krieges - Der Angriff auf Serbien hat Auswirkungen in ganz Europa
(31. März 1999)
Rot-grüner Militarismus - Die deutsche Regierung und der Krieg gegen Serbien
( 31. März 1999)
Die NATO bombardiert Serbien - Die neue Weltordnung nimmt Gestalt an
( 25. März 1999)