Massakerberichte und die Propaganda

Eine zweite Antwort an einen Unterstützer des Balkankriegs

Von David North
29. Juni 1999

Der folgende Brief von David North, Chefredakteur des WSWS, ist eine Antwort auf einen Leserbrief von P. Harris, einem Unterstützer des Balkankriegs. Harris' Brief kann man unter http://www.wsws.org/articles/1999/jun1999/harr-j25.shtml nachlesen.

Bereits im April dieses Jahres hatte es einen ersten Briefwechsel zwischen North und Harris gegeben. (Siehe: "Hintergründe des Kriegs auf dem Balkan: Eine Antwort auf einen Unterstützer der Bombenangriffe von USA und NATO auf Serbien", http://www.wsws.org/de/1999/apr1999/antw-a09.shtml).

Lieber Mr. Harris,

vielen Dank für Ihren Brief vom 19. Juni. Nachdem das World Socialist Web Site am 8. April Ihre Kritik an unserer Opposition zum Bombardement Jugoslawiens durch die USA und die NATO ausführlich beantwortet hat, wäre es eigentlich zu erwarten gewesen, daß Sie auf meine Argumente eingehen. Leider haben Sie die letzten 10 Wochen offenbar nicht dazu genutzt, eine prinzipielle Antwort vorzubereiten. Sie ignorieren meine Erwiderung auf Ihren ersten Brief und warten stattdessen mit neuen Verleumdungen gegen das WSWS auf.

Was Sie so in Rage versetzt, ist die Tatsache, daß sich das WSWS immer noch nicht bereit findet, in den Chor der imperialistischen Pressekampagne über serbische Greueltaten einzustimmen, mit dem der NATO-Krieg gegen Jugoslawien gerechtfertigt werden soll. Sie sind empört, weil wir die Berichte der Regierung und der Medien über Massaker und Vergewaltigungen nicht unkritisch akzeptieren, bevor nicht Beweise dafür geliefert worden sind. Sie lehnen den Gebrauch des Wortes "angeblich" im Zusammenhang mit den der jugoslawischen Regierung zugeschriebenen Verbrechen ab. Nebenbei ist dies der Standardbegriff bei Gericht, bis ein Fall bewiesen ist.

Wie jeder aufmerksame Leser des WSWS weiß, haben wir nie bestritten, daß die serbischen Truppen eines brutalen Vorgehens gegen die Kosovo-Albaner schuldig sind. Aber entgegen der Propaganda der USA und der NATO haben wir wiederholt auf folgende entscheidende Punkte verwiesen:

(1) Vor Beginn der Bombenangriffe am 24. März 1999 lag die Gesamtzahl der Todesopfer im Kosovo, Albaner und Serben zusammengenommen, bei etwa 2.000. Ihr Tod stand im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg zwischen der jugoslawischen Regierung und separatistischen Guerillakämpfern. So schlimm das Vorgehen der jugoslawischen Staatsorgane auch war, es zeichnete sich keinesfalls durch mehr Brutalität aus als das Vorgehen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs bei ihren Maßnahmen zur Unterdrückung von Rebellionen.

(2) Greueltaten im großen Stil begannen erst nach Einsetzen der Bombardierung Jugoslawiens durch die Streitkräfte der USA und der NATO. Der ursächliche Zusammenhang zwischen dem Beginn der Bombenangriffe und den folgenden blutigen Ereignissen ist unbestreitbar. Die Morde und Gewalttaten, die den Bombenangriffen auf den Fuß folgten, waren vorhersehbar. Die USA, die den Krieg zur bevorzugten Methode ihres Handelns auserkoren haben, tragen eine unermeßliche Verantwortung für die Tragödie im Kosovo.

(3) Die amerikanischen und westeuropäischen Medien haben die Zahl der tatsächlich durch serbische Truppen getöteten Albaner grob verfälscht und unverantwortlich übertrieben. Ihre Vergleiche zwischen Serbien und Nazi-Deutschland, zwischen dem Bürgerkrieg im Kosovo und dem Holocaust, gründeten sich auf eine Verdrehung der Geschichte und dienten der Verschleierung der politischen Zusammenhänge der gewaltsamen Ereignisse im Kosovo.

Das WSWS weist nicht von vorneherein oder "blind", wie Sie behaupten, die Berichte serbischer Grausamkeiten zurück. Allerdings stellen wir den Wahrheitsgehalt solcher Berichte in Frage, nachdem sie von denselben Medien kommen, die regelmäßig bei Unwahrheiten ertappt werden. Erst gestern (24. Juni) wieder! Für den Tod britischer Soldaten wurden sofort serbische Minen verantwortlich gemacht. Später zeigte sich, daß es ein Blindgänger einer Streubombe aus britischer Herstellung war, der ihnen den Tod brachte.

Der ursprüngliche falsche Bericht lag ganz auf der Linie der NATO-Propaganda während des Kriegs: Jeder Verlust an Menschenleben wurde den Serben in die Schuhe geschoben, sofern sich auch nur im entferntesten die Möglichkeit dazu bot.

Bedenkt man die Auftritte von Herrn Jamie Shea , dann brauchen wir uns wirklich nicht für unsere Skepsis gegenüber den Erklärungen der NATO und der USA zu entschuldigen. Doch selbst wenn man die Berichte der Medien über Massengräber für bare Münze nimmt, kann einem nicht entgehen, daß die Anzahl der von serbischen Truppen oder paramilitärischen Einheiten getöteten Albaner nur einen Bruchteil der von den Medien zuvor behaupteten Zahlen ausmacht. Nachdem die Medien und hochrangige Regierungsvertreter - einschließlich Präsident Clinton und Verteidigungsminister Cohen - die öffentliche Empörung mit der Behauptung geschürt hatten, es seien vermutlich 100.000 oder mehr Albaner ermordet worden, scheint jetzt die Zahl (nach den gegenwärtigen Presseberichten) eher bei 10.000 zu liegen.

Jetzt wird gleich Ihr Einwand kommen: "Ihr streitet Euch bloß um Zahlen. Zehntausend Tote sind doch genug schreckliches menschliches Leid." Das stimmt, allerdings war diese Zahl für Clinton, Blair und die anderen NATO-Führer nicht genug, um eine breite öffentliche Unterstützung für das massive Flächenbombardement Jugoslawiens zu mobilisieren. Damit die Öffentlichkeit die Zerstörungen durch die NATO-Bomben akzeptierte, mußte ihr weisgemacht werden, der Krieg werde geführt, um einen neuen Holocaust zu verhindern. Die Fälschung der Anzahl der Toten war wesentlich für die Propaganda und sollte die öffentliche Meinung verwirren. Sie diente dazu, die wahren Hintergründe, die politischen Ziele und materiellen Interessen hinter der NATO-Entscheidung zum Krieg gegen Jugoslawien zu verschleiern.

Gegen Ende Ihres Briefs führen Sie unsere oppositionelle Haltung gegen den Krieg auf eine "total schematische und unflexible Analyse der gegenwärtigen Ereignisse" zurück. Sie beruhe auf "einer Version politisch-ökonomischer Klassenanalyse, der Marx‘ Humanismus und gesunder Menschenverstand völlig abgeht." Wenn man sich auf diese Kritik überhaupt einen Reim machen kann, so geht es darum, daß wir im Gegensatz zu Ihnen unsere Haltung zum Krieg auf eine Analyse der Klasseninteressen der Staaten basieren, die den Krieg geführt haben. Es bleibt Ihnen unbenommen, eine derartige bewußte Klassenanalyse zurückzuweisen, aber lassen Sie bitte Marx aus Ihrem Spiel theoretischer Scharlatanerie. Der Verfasser des Kommunistischen Manifests betonte, wenn wir uns richtig entsinnen (was Sie offensichtlich nicht tun), daß "die Geschichte aller Gesellschaften bisher eine Geschichte von Klassenkämpfen war". Marx‘ "Humanismus" von dieser grundlegenden Einsicht in die Triebkraft der Geschichte zu trennen, heißt, den größten revolutionären Denker der Weltgeschichte in einen gewöhnlichen Liberalen zu verwandeln - in jemanden wie Sie selbst.

Ihre eigene Position zum Krieg zeigt die praktischen Konsequenzen des von Ihnen gehuldigten klassenlosen "Humanismus". Während Sie dem WSWS vorwerfen, mit seiner Opposition zum Krieg "dem Sozialismus einen Bärendienst zu erweisen", vertrauen Sie die Verwirklichung des Sozialismus, d.h. in Ihren Worten "grundlegende Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit, auch für Albaner", der NATO an. Wie vorherzusehen, findet dieses reaktionäre Gemisch von "Humanismus" und Imperialismus seine Krönung in einer Verherrlichung der Bombardierung Jugoslawiens.

Um ehrlich zu sein, diese Positionen sind politisch bankrott. Sie charakterisieren die Weltanschauung eines von tiefem Zynismus geprägten politischen und sozialen Milieus, zu dem auch Sie gehören, eines Kreises von Leuten, die alle sozialistischen Prinzipien aufgegeben haben, an die sie einst glaubten.

Was uns politisch voneinander trennt, Mr. Harris, geht weit über unterschiedliche Einschätzungen des Ausmaßes der Grausamkeiten im Kosovo oder selbst über die Ursachen des Kriegs hinaus. Wir gründen uns auf eine völlig unterschiedliche historische Perspektive. Im Gegensatz zu Ihnen schreiben wir dem Imperialismus keinerlei fortschrittliche soziale und historische Mission zu. Wir erwarten nicht vom Pentagon die Lösung der Probleme des Balkan oder irgendeines anderen Teils der Welt. Das World Socialist Web Site hält vielmehr an der grundlegenden Auffassung von Sozialisten fest, daß das Schicksal der Menschheit von der Entwicklung eines politischen Selbstbewußtseins der internationalen Arbeiterklasse und ihrem unabhängigen politischen Handeln abhängig ist. Oder, wie Marx es so scharf formulierte: "Die Befreiung der Arbeiterklasse muß das Werk der Arbeiterklasse selbst sein." Er sah keine Notwendigkeit hinzuzufügen: "Und wenn diese Aufgabe nicht unmittelbar erreicht werden kann, sollten Sozialisten die Militärmaschine des bürgerlichen Staats um Unterstützung bitten".

Mit freundlichen Grüßen

David North

Siehe auch:
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