"Hier wurde eine der größten Greueltaten der Geschichte begangen"

Ein spanischer Pilot berichtet: Angriffe auf Zivilbevölkerung in Jugoslawien geschahen auf Befehl der USA

Von Chris Marsden
30. Juni 1999

Am 14. Juni veröffentlichte eine spanische Wochenzeitung einen Artikel mit Einzelheiten, wie die amerikanischen NATO-Befehlshaber Angriffe auf zivile Ziele befohlen haben. Der Bericht in der Zeitschrift Articulo 20(der Name nimmt Bezug auf Artikel 20 der spanischen Verfassung, der die Redefreiheit garantiert) stützt sich auf ein Interview mit dem Hauptmann Adolfo Luis Martin de la Hoz, einem spanischen Piloten der NATO. Der Artikel wurde von Jelena Karovic übersetzt und über das Netz für Frieden auf dem Balkan (BalkanPeaceNetwork@listbot.com) verbreitet.

Adolfo de la Hoz hatte seit Kriegsbeginn als Pilot eines Kampfflugzeugs F-18 an den Bombardierungen teilgenommen und kehrte Ende Mai nach Spanien zurück. Er sagte, daß die Operation von den USA geleitet wurde, und daß die NATO all diejenigen mit Medaillen auszeichnete, die zivile Ziele bombardiert hatten.

"Zu allererst möchte ich klarstellen, daß die Mehrheit (und ich meine wirklich die Mehrheit, wenn nicht sogar alle) meiner Kollegen, gegen Krieg im allgemeinen und gegen diesen barbarischen Krieg insbesondere sind," sagte de la Hoz. "Unsere schlimmsten Feinde sind unsere eigenen Regierungen, der Verteidigungsminister und sein ganzer Stab, die Regierungsmitglieder, die über Krieg nichts wissen und ihn doch unterstützen, ohne sich in irgendeiner Weise zu informieren und die, was das Schlimmste ist, die Schuld dafür tragen, daß die spanische Bevölkerung von Zeitungen, Radio, Fernsehen, ausländischen Korrespondenten und Presseagenturen belogen wird," betonte er.

De la Hoz wies die Behauptung zurück, daß die wiederholten Bombardierungen ziviler Einrichtungen durch die NATO ein Versehen gewesen seien: "Mehrere Male hat unser Oberst gegenüber den NATO-Befehlshabern protestiert, weil es sich bei den gewählten Zielen nicht um militärische Ziele handelte. Er wurde von ihnen verflucht und hinausgeworfen, und man sagte ihm, wir Spanier sollten uns darüber im Klaren sein, daß die Amerikaner eine Beschwerde gegen die spanische Armee einreichen würden, einmal über Brüssel und dann über den Verteidigungsminister."

Er berichtete weiter: "Einmal erteilte das amerikanische Militär einen kodierten Befehl, über Pristina und Nis Splitterbomben abzuwerfen. Unser Oberst weigerte sich, diesen Befehl auszuführen. Einige Tage später erhielt er dann seinen Versetzungsbefehl."

Die Beobachtungen von de la Hoz lassen die nationalen Spannungen zwischen den imperialistischen Mächten spürbar werden, die unter der Oberfläche der "vereinten" NATO-Offensive schwelen. De la Hoz kritisierte, daß das spanische Militär wiederholte Male "Erniedrigungen und Beleidigungen" ausgesetzt war, weil die USA die Kontrolle über die ganze Operation hatte.

Er sagte: "Die Befehlsgeber sind ausschließlich die amerikanischen Generale und sonst niemand. Wir sind Nullen, und die, die uns ersetzen, werden auch nicht mehr zu sagen haben. Aber das ist noch nicht alles. Hier hieß es, daß mehrere Operationen von spanischen Befehlshabern und Piloten geleitet worden seien. Nichts als Lügen! Sämtliche Missionen, die wir geflogen sind, wirklich alle waren von den oberen US-Militärbehörden geplant. Und zwar ging die Planung bis ins kleinste Detail, einschließlich der einzusetzenden Angriffsflugzeuge, der Ziele und der Munitionsarten, die wir abwerfen sollten. Wir haben nie irgend etwas selbst geleitet und unsere Missionen beschränkten sich darauf, über die Grenzen von Mazedonien, Albanien, Bosnien und Slowenien zu fliegen."

De la Hoz hielt der spanischen Regierung ihre unterwürfige Haltung gegenüber dem Weißen Haus, dem Pentagon und dem CIA vor und empfand besondere Wut auf "unseren eigenen Mann, Javier Solana", den NATO-Generalsekretär. Er beschrieb ihn als "eine Marionette, die von den Yankees auf diesen Posten gesetzt wurde, um genau das zu tun, was sie ihm sagen."

De la Hoz berichtete von dem Gefühl tiefer Entfremdung unter den am Kosovo-Krieg beteiligten spanischen Soldaten. Angesprochen auf offizielle Erklärungen, die hervorhoben, daß die spanischen Piloten "diszipliniert und patriotisch" seien und "sich auf die komplexen Aufgaben ihrer Kriegsmissionen konzentrierten", meinte er: "Wir mußten so viel Widersprüchliches lesen, so viele Lügen, daß wir beschlossen, bis zu unserer Rückkehr keine einzige Zeitung mehr zu lesen. Wir sind wirklich sehr wütend."

Seine abschließende Schilderung über das wahre Gesicht dieses NATO-Krieges, das von den Regierungen verborgen gehalten wird, läßt den Leser erschaudern.

Er sagte: "Kein einziger Journalist hat auch nur die leiseste Ahnung, was in Jugoslawien wirklich passiert. Sie zerstören das Land, bombardieren es mit neuartigen Waffen, toxischen Nervengasen, platzieren Oberflächenminen, die mit Fallschirmen abgeworfen werden, werfen Bomben ab, die Uran, schwarzes Napalm und sterilisierende Chemikalien enthalten, setzen Spritzmittel ein, die die Ernten vergiften und verwenden Waffen, die auch uns noch völlig unbekannt sind. Die Amerikaner begehen eine der größten Barbareien gegen die Menschheit. In der Zukunft wird man viele sehr schlimme Dinge hören, die hier passiert sind, denn -und das haben uns übrigens die Gespräche mit den britischen und deutschen Offizieren klar gemacht - dieser Krieg zielt darauf ab, die Europäer zu spalten und für viele Jahrzehnte zu unterwerfen."

"Ich kann Ihnen versichern, daß ich mich durch diese Aussagen keineswegs reinwaschen und meine Teilnahme an diesem Krieg durch ein "mea culpa"-Geständnis entschuldigen will, denn ich werde nie vergessen können, daß hier eine der größten Greueltaten der Geschichte begangen wurde."

Siehe auch:
Weitere Artikel zumKrieg in Jugoslawien
Nach der Schlächterei: Politische Lehren aus dem Balkankrieg
( 16. Juni 1999)