BBC-Sendung schildert katastrophale Zustände in Angola

Von Barry Mason
20. Juli 1999

Krieg herrscht in Angola praktisch ununterbrochen seit 1975, als das Land von Portugal unabhängig wurde. Südafrikanische Truppen marschierten mit Unterstützung der USA in Angola ein. Die Invasion wurde von der MPLA (Volksbefreiungsbewegung von Angola) zurückgeworfen, aber Südafrika und die CIA setzten ihren Krieg fort, indem sie die Aufständischen von der UNITA (Nationale Union für die vollkommene Unabhängigkeit Angolas) unterstützten.

Am Dienstag, den 6. Juli brachte der BBC in seiner Sendereihe "File On 4" einen Bericht von Jenny Cuffe, der die extrem verschlechterte Situation in Angola dokumentiert. Die Sendung zeichnete ein plastisches Bild der enormen sozialen und wirtschaftlichen Katastrophe.

Das Wiederaufleben des Kriegs zwischen der Regierung und der UNITA im Dezember 1998 hat 1,75 Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht, die in Hunger und Elend leben. Diese neuen Flüchtlinge kommen noch zu denjenigen der früheren Konflikte hinzu. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, sagte, wenn kein Geld zur Verfügung gestellt würde, könnten Hunderttausende sterben. Der angolanische Minister für Soziales und humanitäre Hilfe, Albino Malungo, nannte folgende erschreckenden Zahlen: Drei Millionen Angolaner leben in tiefster Not und 100.000 Kinder haben ihre Eltern verloren oder sind heimatlos geworden.

Die Reporterin war selbst in Kuito, einer Stadt im angolanischen Hochland, wo sie mit einem 14-jährigen Jungen sprach, der aus seinem Dorf vertrieben wurde, als dieses von Einheiten der UNITA angegriffen wurde. Diese hatten seine Mutter und seinen Vater umgebracht. Er konnte mit seiner Großmutter und anderen Verwandten entkommen, indem er fast 70 Kilometer weit nach Kuito marschierte, welches ebenfalls von Landminen und schwerer Artillerie der UNITA eingeschlossen ist. In der Stadt leben ca. 66.000 Flüchtlinge in Strohhütten. Die UNITA verfolgt eine Politik, die Menschen zu terrorisieren, um sie von ihren Feldern und Dörfern zu vertreiben, so daß sie gezwungen sind, als Flüchtlinge in Städten wie Kuito zu hausen.

Die Stadt wird seit März dieses Jahres von UNITA-Truppen belagert. Sie kann nur auf dem Luftweg versorgt werden, und selbst diese Flugzeuge müssen in Spiralen landen, um den Angriffen von UNITA-Raketen auszuweichen. Die UN hat für hundert Millionen Dollar Nahrungsmittel angefordert, um die Menschen in Angola zu ernähren, aber nur die Hälfte des Geldes wurde bisher aufgebracht. Kinder sind kilometerweit zu Fuß unterwegs, um Kuito zu erreichen. Wenn sie ankommen, sind sie häufig völlig ausgezehrt und haben Hungerbäuche, viele von ihnen überleben die ersten 24 Stunden in den Verpflegungsstationen nicht mehr. Das Essen muß an die Bedürftigsten verabreicht werden: die Kinder, die Alten und die stillenden Mütter. Für andere gibt es nichts. Aqmed Mohammed, der Direktor von Care International, sagte, daß Zehntausende in der Stadt kein Essen bekämen, und das schlimmste Szenario wäre, wenn viele Tausende auf der Straße sterben müßten.

In Lusaka, Sambia, wurde im November 1994 eine Friedensvereinbarung zwischen dem angolanischen Präsidenten Jose Eduardo dos Santos und Jonas Savimbi, dem UNITA-Führer unterzeichnet. Die Vereinbarung sollte von den Vereinten Nationen überwacht werden. Siebentausend UN-Soldaten wurden entsandt, um eine Region zu überwachen, die doppelt so groß ist wie Frankreich. Außer der Überwachung des Waffenstillstands sah das UN-Mandat auch Sanktionen vor, um die UNITA daran zu hindern, sich erneut zu bewaffnen, sowie das Aufstellen einer Abteilung für die Einhaltung der Menschenrechte, die beide Seiten von neuerlichen Gewalttaten abhalten sollte. Die Vereinbarung brach zusammen, als Savimbi das Angebot ausschlug, einer von zwei Vizepräsidenten zu werden, und sich weigerte, die gewählte MPLA-Regierung anzuerkennen. Die UNITA nahm Ende letzten Jahres ihre Angriffe auf zivile und militärische Ziele wieder auf. Vergangenen Juni verließ auch die UN-Mission Angola.

Patrick Smith von der politischen Zeitschrift Africa Confidential erklärte, warum die UN in ihrer Aufgabe der Friedensüberwachung gescheitert ist. Er sagte, jeder wußte, daß die UNITA auch weiterhin Waffen hortete, Truppen nach Marokko zur Ausbildung schickte und Waffen aus Sambia importiert. Savimbi war darum in der Lage, den Krieg wieder aufzunehmen, besser ausgerüstet als 1994, als er dem Waffenstillstand zugestimmt hatte. Der Kommandant des UN-Kontingents in Angola gab zu, daß seine Truppen nicht in der Lage waren, die UNITA-Streitkräfte an einer Wiederbewaffnung zu hindern.

Die MPLA-Regierungstruppen wollen in Kürze, vor Ende der Trockenzeit, eine Offensive gegen die UNITA eröffnen. In der Vergangenheit war die UNITA von der Unterstützung durch das Apartheid-Regime in Südafrika und die CIA abhängig; heute verfügt sie jedoch über enorme Reichtümer, weil sie angolanische Diamantenfelder kontrolliert. Die Diamanten werden nach Kinshasa in die Demokratische Republik Kongo geschmuggelt und von dort aus nach Belgien gebracht. Smith erklärte, daß die UNITA diese Diamantenfelder seit zehn Jahren kontrolliere, und daß sie in dieser Zeit 200 bis 300 Millionen Dollar pro Jahr daran verdiene. Er sagte, sie seien die "am besten finanzierte Rebellenorganisation der Welt". Erst jetzt haben die Vereinten Nationen versprochen, tätig zu werden, um diese Finanzquelle der UNITA auszutrocknen, und eine Kommission auf hoher Ebene eingerichtet, um diesen lukrativen Handel zu unterbinden. Letztes Jahr verhängten sie ein Embargo über Diamantenhandel. Die UNITA nutzte die enormen Geldsummen, um Waffen in Osteuropa einzukaufen, die über Sambia eingeschmuggelt wurden. Die Reporterin fügte hinzu, daß einige Minister und Generäle der MPLA-Regierung den illegalen Diamantenschmuggel deckten, um ihre eigene Tasche zu füllen.

Die angolanische Regierung ihrerseits nutzt ihre großen Ölressourcen, um den Krieg zu finanzieren. Sie hat eine Anleihe über 575 Millionen Dollar von internationalen Konzernen erhalten, um ihre Militärausgaben zu finanzieren. Smith erklärte, daß das Land, das bereits praktisch bankrott sei, die Einnahmen aus den zukünftigen Ölerträgen der nächsten zwei bis drei Jahren verpfändet habe, um den Krieg fortsetzen zu können. Er erklärte, daß die Ölgesellschaften der Regierung allein in diesem Jahr Milliarden durch sogenannte "Signature bonuses" (gezeichnete Anleihen) zur Verfügung stellen. Nur so kann der Krieg weiter finanziert werden.

Angola ist potentiell eins der reichsten Länder Afrikas mit enormen Öl- und Diamantenvorkommen. Es verfügt auch über fruchtbares Land und Fischgründe, früher war es einer der großen Kaffeeexporteure. Die vielen Kriegsjahre ließen es jedoch völlig verarmen.

In der BBC-Sendung wurden schockierende Zahlen genannt: Dreißig Prozent der Kinder sterben vor ihrem fünften Geburtstag, die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu Trinkwasser und 82 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Die Weltbank hat wegen des Ungleichgewichts in der Wirtschaft und der unverhältnismäßig hohen Rüstungsausgaben ihre Investitionen in Angola eingefroren. Sie hat versprochen, diese Entscheidung im September 1999 zu überprüfen. Die Regierung hat ihrerseits wirtschaftliche Reformen angekündigt, sie will mehr Marktwirtschaft einführen. Wie der Sozialminister Albino Malungo erklärte, erhält seine Abteilung nur ein Prozent der Staatsausgaben, während der Großteil in das Verteidigungsministerium fließt.

Die meisten Angolaner sehnen sich nur noch nach dem Ende des Kriegs, aber viele Kritiker fürchten sich, das laut auszusprechen, weil sie Angst vor Repressalien haben. Die Sendung brachte ein Interview mit Raphael Markesh, der zu einer Gruppe gehört, die für eine Beendigung des Kriegs eintritt. Er meinte, die Regierung sage den Menschen, sie müßten alle Entbehrungen ertragen, damit der Krieg gewonnen werden könne, und solange seien auch keine sozialen Reformen möglich. Seine Opposition zum Krieg hat ihn in Konflikt mit der Regierung gebracht, und er wird nicht näher erläuterter Verstöße gegen die Interessen des Staats beschuldigt.

Raphael erklärte, wie eine Minderheit von der Situation profitiert. Die Korruption ist weitverbreitet; Regierungsangehörige schaffen Geld beiseite, um ihren verschwenderischen Lebenswandel zu finanzieren; Geschäftsleute mit Verbindungen zur Regierung sind von der Steuer befreit. Die Polizei hält Motorräder in den Straßen an und erwartet "Erfrischungen", man muß den Beamten dann zusammen mit dem Fahrausweis eine Geldsumme aushändigen.

Smith bestätigte diese Korruption. Er erklärte, trotz der enormen Summen für den Militärhaushalt sei die Lage der Soldaten miserabel, viele hätten keine vernünftigen Stiefel und auch sonst nur mangelhafte Ausrüstung. Offensichtlich werde ständig Geld abgezweigt. Die Luftwaffe hat hundert Flugzeuge, aber nur sechs sind funktionsfähig. Die Korruption ist zum integralen Bestandteil der Kriegswirtschaft geworden.

Laut einem Bericht des US-Außenministeriums haben Menschenrechtsverletzungen seit Wiederaufnahme des Kriegs auf beiden Seiten zugenommen. Obwohl Angola die Ottawa-Konvention zum Verbot von Landminen unterzeichnet hat, wird das Abkommen durch weiteres Auslegen von Minen unterlaufen. Achtzigtausend Kinder sind allein im letzten Jahr durch Unfälle mit Landminen verletzt worden. Wie in der Sendung erklärt wurde, ist die Regierung von Angola auch dafür verantwortlich, daß Menschen zusammengeschlagen und gefoltert werden und verschwinden. Alex Vine von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sagte, die Menschen trauten sich nicht, über das Vorgefallene zu sprechen. Er erklärte, wenn jemand einen ranghöheren Politiker beleidige, könne er seinen Arbeitsplatz verlieren, Schikanen ausgesetzt oder sogar verschleppt werden. Vine sagte, daß es in der UNITA-kontrollierten Zone sogar noch schlimmer sei. "Das einzige Recht, das du hast, ist so lange am Leben zu bleiben, wie du schweigst."