Buena Vista Social Club

Musik des Lebens

Von Helen Halyard und Fred Mazelis
14. Juli 1999

Buena Vista Social Club - Regie, Buch und Produktion: Wim Wenders Darsteller: Compay Segundo, Ibrahim Ferrer, Rubén González, Omara Portuondo, Eliades Ochoa, Orlando ‘Cachaito' Lopez, Barbarito Torres, Ry Cooder und andere.

Wim Wenders nennt diesen Film eine ";Musikumentation". Wir werden auf eine Reise nach Kuba entführt, wo wir außergewöhnliche Musiker kennenlernen, die ihre Musik für sich sprechen lassen, um ihre Erlebnisse und Erfahrungen auszudrücken, und uns mit ihrer Leidenschaft, ihrer Stimme und ihren Rhythmen anrühren. Man kann ihr Leben und ihre Geschichte von ihrer Musik nicht trennen, sagt Wenders. Ihre Musik sei so warmherzig, so reich und so voller erlebter Geschichten, daß es unmöglich sei, beides auseinanderzuhalten.

Die Idee für diesen Film entstand in den siebziger Jahren, als der amerikanische Gitarrist, Komponist und Musikwissenschaftler Ry Cooder nach Havanna reiste, um die Musik zu finden, die ihm ein Freund auf einer Kassette vorgespielt hatte. Er verliebte sich in diese Musik, besonders berührte ihn das Spiel eines Meisters der Tres, einer Art kubanischer Gitarre. Er beschrieb die Musik als unerhört verführerisch, voller aufreizender, raffinierter Rhythmen und kurzer, lyrischer Melodien. Sie könne Gefühle prägnant zum Ausdruck bringen.

Die Musik ging Cooder nicht mehr aus dem Sinn, aber er hatte lange keine Gelegenheit, wieder dorthin zurückzukehren. Bis 1996, als der britische Plattenproduzent Nick Gold ein Projekt vorschlug, an dem westafrikanische und kubanische Musiker mitwirken sollten. Als sich herausstellte, daß die Musiker aus Westafrika die Reise nach Havanna nicht machen konnten, wurde das Plattenprojekt trotzdem weiter verfolgt, und Cooder spürte einige ältere Musiker auf, deren Karriere offensichtlich schon eine Weile zurücklag.

Das Ergebnis dieser Tour war Buena Vista Social Club, eine CD mit dem Namen eines Clubs in Havanna, wo zahlreiche Musiker vor Jahrzehnten aufgetreten waren. Die CD wurde ein gigantischer internationaler Erfolg, sie wurde in 1,5 Millionen Exemplaren verkauft und mit einem Grammy prämiert.

Als Wim Wenders, der seit fast zwanzig Jahren mit Ry Cooder zusammenarbeitet, Buena Vista Social Club hörte, packte auch ihn diese Musik, und er schlug vor, Cooder auf dessen nächster Reise nach Havanna zu begleiten. "Als ich die Aufnahme zum erstenmal hörte und noch keine Ahnung hatte, wer diese Leute waren, überkam mich so ein Gefühl der Leichtigkeit oder schierer Freude und Sorglosigkeit", sagte Wenders. "Diese Musik weckte wie keine andere in mir das Gefühl tiefer Empfindung und Echtheit."

1998 bot sich Wenders die Gelegenheit, die Künstler selbst kennenzulernen. Es wurde eine CD produziert, die Ibrahim Ferrer, einem Solosänger der 1996er Aufnahme, gewidmet war. Auf dieser Reise entstand der Film.

Der Film bringt die Schönheit und Lebenskraft von Havanna stark zur Geltung, trotz der Armut und der unübersehbaren Spuren, die das jahrzehntelange Embargo und die Isolation hinterlassen haben. Der 53jährige Wenders, ein führender Vertreter des Neuen Deutschen Films der siebziger Jahre, ist ein erfahrener und talentierten Filmemacher ( Alice in den Städten; Im Lauf der Zeit; Der amerikanische Freund; Paris, Texas; Der Himmel über Berlin). Der betörenden Schönheit der Musik stehen die hinreißenden Aufnahmen von der Stadt, der Küste und dem Meer in nichts nach.

Der Film setzt interessante Interviews mit den Künstlern neben Filmmaterial über ihr Alltagsleben, die Probeaufnahmen und die Konzerte. Die Musiker werden auf ein besonders gelungenes Konzert in Amsterdam begleitet, von dem Wenders erwartete, es werde das einzige sein, das die Band jemals geben würde. Die CD hatte jedoch bereits eine so gewaltige Popularität gewonnen, daß die Künstler ein weiteres Konzert in der Carnegie Hall in New York geben konnten, das ebenfalls im Film gezeigt wird. Das Resultat ist eine packende Kombination, die das Besondere von Buena Vista Social Club effektvoll zum Ausdruck bringt.

Alle 14 Songs der CD sind faszinierend. Sie bringen kubanische Folklore mit anderen Gesangsformen zusammen, in erster Linie mit dem kubanischen Son und dem Bolero, aber auch mit Mambo, Danzon und den Tumboa-Rhythmen. Außerdem gibt es Lieder, die vom amerikanischen Jazz, Gospel und Blues beeinflußt sind.

Die Kraft dieser Musik rührt daher, daß sie aus zahlreichen verschiedenen Kulturen zu schöpfen vermag. Afro-kubanische Musik, entstanden aus afrikanischen und europäischen Klängen, fand in der Karibik und in Lateinamerika große Verbreitung. Doch die Musiker zeigen, daß sie auch von den afrikanischen und europäischen Einflüssen in Nordamerika gelernt haben - besonders vom Jazz und dem Blues. Jazzharmonien fanden in den frühen vierziger Jahren Eingang in die kubanische Musik, und viele der Buena Vista Social Club-Musiker sind stark vom Jazz geprägt.

Die Musik ist national und international zugleich. Sie hat einen universellen Anspruch, denn sie handelt von allgemein gültigen Erfahrungen - dem Leben voller Arbeit und Kampf; eine wesentlich lebensbejahende Einstellung liegt ihr zugrunde. Nach stundenlanger Arbeit in den Tabakfeldern und Zuckerplantagen fanden die Menschen Zeit für Erholung und Spaß. Die Texte dieser Lieder handeln von den tagtäglichen Erfahrungen der Menschen, von erfüllter und verlorener Liebe.

I'm going to the crossing
To unburden my load
I'm going to the crossing
To unburden my load
There I'll reach the end
Of my crushing labor.
Ride up on the mountain.
I work without rest
So I can marry
I work without rest
So I can marry
And if I can achieve that
I'll be a happy man.

Ein weiteres Thema des Films, das umso stärker wirkt, da es nicht offen ausgesprochen wird, ist die Rolle der älteren Generation. Die Buena Vista Social Club wird vom 92-jährigen Compay Segundo, dem 80-jährigen Rubén González und dem 72-jährigen Ibrahim Ferrer getragen. Ry Cooder erklärte vor ein paar Wochen bei seinem Auftritt in der Nightline Television Show: "Obwohl die Menschen auf Kuba sogar weniger schnell altern als hier, hört man nicht so oft von älteren Menschen... Für sie kann sich ein Fenster öffnen, damit sie sagen können, was sie wissen. Sie wissen eine Menge."

Diese Musiker zeigen durch ihre bloße Gegenwart, daß Geschichte kein Wegwerfartikel ist, daß kulturelle Traditionen zum Leben erweckt werden können, wenn sie noch aktuell sind und ein Publikum finden. Segundo, González und Ferrer arbeiten mit einer jüngeren Generation von Musikern zusammen, mit 40-, 50- und 60-jährigen. Und die Amerikaner Ry Cooder auf der Gitarre und sein Sohn Joachim auf der Udu-Trommel und der Conga reihen sich ebenfalls ein und werden von ihren kubanischen Brüdern und Schwestern willkommen geheißen. Ry Cooder sagt: "Die kubanischen Musiker sind einmalig. Sie haben diese äußerst verfeinerte und durch und durch gediegene Musik in einer Atmosphäre bewahrt, die diese ganze hyperorganisierte Welt draußen läßt. Sie haben das makellose Konzept eines Ensembles entwickelt, das die Organisation der Musik perfekt versteht. Es gibt keinen Egoismus und keine Prestigekämpfe, so daß sie perfekt zusammenspielen."

Diese erstaunlichen Musiker erzählen ihre Lebensgeschichte in aller Einfachheit, mit Anekdoten und Humor. Wir treffen Compay Segundo und hören seine Geschichte. Er wurde 1907 in Repilado geboren. Sein Spitzname enthält den umgangssprachlichen Ausdruck für "Compadre" (Väterlicher Freund) und eine Anspielung auf seine harmonische zweite Baßstimme.

Cooder beschreibt den Neunzigjährigen als "den letzten der Besten, das Orakel, die Quelle, den Ursprung von allem." Compay tritt seit fast 80 Jahren auf. Er erfand sein eigenes Instrument, das Armonico. Es hat sieben Saiten und kombiniert die Charakteristik der konventionellen Gitarre und des kubanischen Tres, indem die dritte Saite doppelt ausgeführt ist.

Compay wuchs auf dem Land auf, wo er tagsüber auf den Tabakplantagen arbeitete und abends mit bekannten Musikern spielte und sang. Wie viele andere Mitglieder der Gruppe kommt er aus Santiago im Osten Kubas. Man kann ihn im ersten Song auf der CD mit dem Titel Chan Chan hören; das ist ein kubanisches Folklorelied über die Sehnsucht eines Bauern, der in die Stadt zu seiner Liebsten fahren möchte.

Obwohl alle Musiker eine bemerkenswerte Vita aufweisen, waren wir doch von zweien besonders beeindruckt, von dem Solosänger Ibrahim Ferrer und dem Pianisten Rubén González.

Der 72-jährige Ibrahim Ferrer hat die Energie und Leidenschaft eines Jungen. Seine Augen zwinkern und glühen, wenn er in seiner Wohnung in einem baufälligen Haus in Havanna von seiner Familiengeschichte erzählt. Ferrer wurde 1927 während einer Tanzveranstaltung geboren und begann 1941 mit lokalen Gruppen in Santiago eine professionelle Gesangskarriere. Er war in seiner Familie zwar der einzige Sänger, aber leidenschaftliche Tänzer waren sie alle. Ibrahim ist in seinem Element, wenn er zur Candela -Musik singt und tanzt.

Oh fire, fire, fire, I'm burning!
Oh fire, fire, fire, I'm burning!
A rodent put on a dance for some great amusement
He chose a mouse as his drummer, to play for the whole day
An elegant and amiable cat came along too,
‘Good evening my friend'
he said to the drummer
‘I can play too,
and you can take a rest'
The mouse left the room half-crazy,
‘now I'll go and rest!'
And the cat played a lighthearted danzon in his delightful way...

Rubén González wurde 1919 in Santa Clara geboren und erhielt eine Ausbildung zum Pianisten. Nach der Absolvierung des Konservatoriums von Cienfuego begann er 1934 eine medizinische Ausbildung in der Hoffnung, tagsüber als Arzt und abends als Musiker arbeiten zu können. 1941 hängte er seine medizinischen Studien aber endgültig an den Nagel und ging nach Havanna, wo er bald zu einem der größten Pianisten Kubas avancierte. Rubén González besitzt die Fähigkeit, seine Zuhörer zu verzaubern. In einer denkwürdigen Szene im Film sammelt sich während einer Probe ein Schwarm kleiner Ballerinen um sein Klavier. Als er ihrer Gegenwart gewahr wird, erhöht er sein Tempo, und die kleinen Mädchen fangen alle zu tanzen an.

Das sind nur drei der einzigartig talentierten Musiker in dem Film. Einer der "jüngeren" Darsteller, Orlando ‘Cachaito' Lopez - er ist "erst" 66 - zeigt, wie afrikanische, europäische und amerikanische Einflüsse in Kuba ineinander geflossen sind. Cachaito wuchs in einer Familie auf, die einige der berühmtesten Bassisten Kubas hervorgebracht hat. In den 60er Jahren spielte er mit dem Nationalen Symphonieorchester klassische Musik. Oft wechselte er nach einem Auftritt im großen Konzert nachts an die elektrische Bassgitarre in einem Club. Er wurde stark von Charlie Mingus beeinflußt und spielt noch heute mit gleicher Hingabe Jazz, kubanische und klassische Musik.

Das einzige weibliche Mitglied der Gruppe, die Sängerin Omara Portuondo, hat eine außergewöhnliche Stimme. Sie singt als Solistin einen Bolero, der von der 1964 gestorbenen Maria Teresa Vera komponiert wurde, einer der ganz Großen der kubanischen Musik. Der Text zu der Melodie kann im Zusammenhang mit einem Thema des Films verstanden werden, da viele der Musiker, von denen man hier hört, nicht mehr auftreten oder in Vergessenheit geraten waren.

I was your life's desire
One day long ago
Now I'm history
I can't face the change
Now I'm history
I can't face the change.

Diese Musik ist so großartig, weil die Musiker ohne Abstriche sorgfältig mit ihrer Tradition umgehen, weil sie hohes künstlerisches Niveau mit Kreativität, Frische und Emotionalität verbinden. Wim Wenders und Ry Cooder haben der Menschheit einen großen Dienst erwiesen, indem sie diesem beinahe vergessenen musikalischen Schatz ein internationales Publikum verschafft haben.