Bulworth. Regie: Warren Beatty, Buch: Warren Beatty und Jeremy Pikser

Doch noch auf den Spuren von John Reed

Von David Walsh
17. Juli 1999

Bulworth ist ein zorniger und politisch intelligenter Film. Darüber hinaus ist er von befreiender Offenheit, Warren Beatty hat als Produzent viel Mut bewiesen.

Wir befinden uns im Jahr 1996. Jay Billington Bulworth (Beatty) ist ein demokratischer Senator, er stammt aus Kalifornien und war einmal liberal eingestellt. Die Vorwahlen des Bundesstaats stehen vor der Tür, und er steht kurz vor dem totalen Nervenzusammenbruch, nicht zuletzt weil er wegen seines eigenen Rechtsschwenks unter Schuldgefühlen leidet. Da schließt er mittels eines korrupten Lobbyisten eine millionenschwere Lebensversicherung ab und heuert einen Auftragskiller für sich selbst an.

Wie von einer großen Last befreit, fängt er nun an, seine Meinung offen zu sagen. Als er von einem schwarzen Zuhörer gefragt wird, warum die Bundesregierung die Versprechen, die sie nach den Unruhen in Los Angeles gegeben hatte, nicht einlöse, erklärt der völlig übernächtigte Bulworth fröhlich: "Wir haben euch nur gesagt, was ihr hören wolltet, und dann haben wir's gleich wieder vergessen." Vor einer Gesellschaft von Prominenten aus Hollywood überlegt er laut, wie es komme, daß diese Industrie trotz der enormen investierten Geldsummen nur lauter "Scheiße" hervorbringe. An einem Arbeitsfrühstück von Konzernchefs bemerkt der Senator, daß die Anwesenden die Armen ausbeuteten und die Natur zu Schanden ritten.

Bulworth' plötzliche Offenheit beschert ihm die Bekanntschaft von Nina (Halle Berry), einer schwarzen jungen Frau. Das Vergnügen, das Bulworth aus seiner neuen politischen Lebensweise gewinnt, wie auch Ninas Gesellschaft, bringen ihn dazu, seinen ausgeklügelten Selbstmordplan nochmals zu überdenken. Es erweist sich jedoch als etwas schwierig, den Mörder wieder abzubestellen. Bulworth sieht sich gezwungen, in Ninas Haus im südlichen Zentrum von Los Angeles Zuflucht zu suchen; hier schlüpft er in ganz unmögliche Klamotten, die einen Ghettojungen aus ihm machen sollen, und verwendet große Zeit darauf, den Rap zu erlernen.

In einem Fernsehauftritt, der zum Höhepunkt von Bulworth' politischer Odyssee wird, zieht er gegen die Ungleichheit zwischen Reich und Arm, gegen den Mangel an vernünftigen Arbeitsplätzen, gegen die miserable Gesundheitsversorgung und die systematische Spaltung zwischen Schwarz und Weiß vom Leder. In Amerika, versichert er, seien nicht die Rap-Ausdrücke mit vier Buchstaben unanständig, sondern die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen. In seiner Tirade in Rap-Reimen spricht er sogar das Unaussprechliche aus: den Namen Sozialismus. Schließlich gewinnt Bulworth die Vorwahlen und die Liebe der jungen Frau, aber er hat sich mächtige neue Feinde verschafft.

Der schonungslose Zorn und die Verachtung, die der Film für die heutige amerikanische Politik zu Tage legt, ist wie ein frischer Wind, er hat obendrein das Recht auf seiner Seite. Beatty nimmt besonders die Kriecherei der Medien und der zwei großen politischen Parteien vor dem Kapital aufs Korn. In einer begnadeten Szene wendet sich Bulworth an den verblüfften Fernsehmoderator und seinen demokratischen Gegenkandidaten und sagt sinngemäß: Ich bin schwerreich, ihr beide seid schwerreich, und alles, was wir tun und sagen, dient dem Interesse anderer Schwerreicher, ist es nicht so? Solche Sachen, die wir alle so gerne einmal laut sagen würden, werden aber in Amerika normalerweise nicht ausgesprochen.

Bulworth ist in seinen besten Szenen provokant und erfrischend. Es gelingt ihm, seine Lust am Tabubruch und an der Entlarvung der öffentlichen Heuchelei auf den Zuschauer zu übertragen. Wenn Bulworth vorschlägt - und dabei immer seinen Rap vorführt -, daß die beste Lösung für Menschen verschiedener Rassen darin bestehe, Sex zu machen und damit die Unterschiede nach und nach einfach zu beseitigen... kann man nur zustimmen.

Und dies ist keineswegs eine unwichtige Frage. Die Kritiker neigen dazu, sich über Bulworth' Neigung zu Nina lustig zu machen oder sie zu ignorieren. Aber die Beziehung der beiden ist für den Film und seine Grundsätze entscheidend. Man mag Beattys Vorliebe für Rapmusik und für schwarze Kultur belächeln oder ernst nehmen, aber die Affäre seines Protagonisten mit Nina ist ein bewußter Schlag gegen Nationalismus jeder Art. Die Empörung und das Zähneknirschen, die das auslösen wird, kann man sich bestens vorstellen.

Hier hat Beatty als Schauspieler, als Künstler und als Mensch festen Boden unter den Füßen. In dieser Frage ist der Film absolut sattelfest, nämlich daß Hautfarbe, Rasse und Ethnie für das wirklich menschliche Wesen völlig nebensächlich sind. Die Menschen, das weiß Beatty, sind in und unter ihrer Haut im Großen und Ganzen dieselben. Zwar verhalten sich Bulworth und Nina bei ihren "intimen" Zweier-Szenen etwas unterkühlt. Aber die Szenen, wo die Kamera ihre Blicke einfängt, wie sich die beiden voller Faszination und zuweilen auch Verlangen betrachten, in Anwesenheit vieler anderer Personen und diesen zum Trotz, gehören zu den ausdrucksvollsten des ganzen Films.

Was Beattys Plädoyer über die soziale Ungleichheit betrifft, - in einem Interview mit der New York Times erklärt er: "Die wirkliche Frage ... betrifft die ungleiche Verteilung des Wohlstands in diesem Land" - so macht gerade diese Überzeugung, daß Liebe und Leidenschaft alle Schranken überwindet, das eigentlich subversive Element von Bulworth aus. Denn wenn Rasse ein völlig zufälliges und oberflächliches Kriterium ist, was zutrifft, wo bitte verlaufen dann die wirklichen Trennungslinien dieser Gesellschaft?

Und gerade die Art und Weise, wie Beatty mit dieser Frage umgeht, unterscheidet Bulworth schließlich von anderen Filmen wie zum Beispiel Wag the Dog oder Primary Colors.Dies sind beides auf ihre Art wertvolle Filme, aber Wag the Dog,der außerordentlich lustig sein kann, ist von tiefem Zynismus geprägt, ausgenommen vielleicht nur die liebevolle Art und Weise, mit der Dustin Hoffman ein Hollywood-Monster darstellt; und der zweite Film bestätigt einmal mehr den Eindruck, daß Mike Nichols seinem offensichtlichen Talent zum Trotz "eher ein Taktiker als ein Stratege" ist, wie ein Kritiker sagte, und daß er "unfähig ist, die göttliche Dummheit eines persönlichen Credos auszusprechen". Bulworth hingegen ist ein Film von tiefer Überzeugung, einer, der seinem Produzenten große Hingabe abverlangt. Er vermittelt viel stärker den Eindruck der komplizierten und ernsten Probleme Amerikas, wie sie Millionen Menschen tatsächlich erleben.

Man könnte sowohl in künstlerischer als auch politischer Hinsicht Kritik an diesem Film anmelden. Bulworth ist schwerlich ein verfeinertes und poliertes Gesamtkunstwerk. Sein Plot hat Lücken, sein Timing ist oftmals gar nicht vorhanden, die Handlung ist oft stockend und gleich darauf wieder gehetzt - schlimmer als ein Wagen im Stoßverkehr. Man wird Beatty niemals mit Preston Sturges oder Billy Wilder vergleichen können. Er ist weder als Filmemacher, noch als Schriftsteller, vielleicht nicht einmal als komischer Schauspieler ein Naturtalent. Aber weder Sturges noch Wilder haben jemals ein so vernichtendes Bild von Amerikas politischer Welt gemalt. An einem Film wie diesem erweist sich eine gewisse formale Kritik einfach als Pedanterie, mindestens geht sie am Wesentlichen vorbei.

Ob sich Beatty selbst als Demokrat versteht oder nicht, ist nicht so wichtig. Die Ansichten, die in Bulworth zum Ausdruck kommen, sind jedenfalls mit dem gesellschaftlichen Charakter und der Entwicklung der Demokratischen Partei unvereinbar. Es kann sein, daß Beatty eine Art Demokratische Partei vorschwebt, die einem wirklichen Sozialreformismus verpflichtet wäre oder sogar bis zum bestimmten Grad Sozialismus in ihren Reihen duldete, aber diese Partei gibt es nicht. Der Standpunkt, der im Film entwickelt wird, ist zornig und radikal, und was die Möglichkeit betrifft, die Grenzen der gegenwärtigen politischen Lage zu überwinden, voller Optimismus.

Enthält Bulworth vielleicht autobiographische Züge von Beattys eigener Karriere, - in dieser Geschichte eines Mannes, der plötzlich aus einem tiefen politischen Schlaf erwacht? Es muß nicht sein; jedenfalls gibt es keine festen Anhaltspunkte. Eins ist sicher, sein Filmwerk seit Reds(1981) - dem Film über den amerikanischen Sozialisten und Chronisten der Oktoberrevolution John Reed - ist nicht gerade ein Muster an Vielfalt: Ishtar(1987), Dick Tracy(1990), Bugsy(1991) und Perfect Love Affair(1994).

Oder soll uns dieser Film ins Gedächtnis rufen, daß Beatty als Regisseur sehr wohl ernst zu nehmen ist? Er fing in Hollywood an, als dort trotz niedrigem kulturellem Niveau und alles beherrschendem Kommerz in den großen Studios noch gehaltvolle Filme gedreht wurden. Man könnte zum Beispiel zwischen 1958 und 1961 unter vielen anderen Vertigo nennen, oder Duell in den Wolken, Bonjour Tristesse, Wind Across the Everglades, The Last Hurrah, Solange es Menschen gibt, Rio Bravo, Verdammt sind sie alle, Manche mögen's heiß, Psycho, Mit einem Fuß in der Hölle, Spartakus, Wilder Strom, Elmer Gantry, Zwei ritten zusammen und One Eyed Jacks.

Über all die Jahre arbeitete er mit Regisseuren zusammen, die zwar nicht alle erstklassige Künstler waren, mindestens aber kompetent und professionell auf ihrem Gebiet, darunter Elia Kazan, Robert Rossen, Arthur Penn, Robert Altman, Richard Brooks, Alan Pakula, Hal Ashby, Barry Levinson und Nichols. Und mit Schauspielern von Talent und Intelligenz - unter vielen anderen mit Vivien Leigh, Lotte Lenya, Eva Marie Saint, Karl Malden, Jean Seberg, Kim Hunter, Susannah York, Gene Hackman, Faye Dunnaway, Julie Christie, Lee Grant, Jack Warden, Jack Nicholson, Diane Keaton, Dustin Hoffman, Katherine Hepburn und Annette Bening.

Man könnte in diesem Zusammenhang sagen, daß Bulworth aus einer gewissen Tradition heraus entstanden ist, Filme mit einer bestimmten sozialen Grundhaltung zu drehen, eine Tradition, die offenbar von dem heute in Hollywood üblichen Verschnitt noch nicht vollkommen ausgelöscht ist und möglicherweise unter den heutigen Bedingungen sogar zu neuem Leben erweckt werden könnte.

Viele Filmbesprechungen von Bulworth sind auf ihre Art erheiternd und verräterisch. Einige loben den Film ungefähr mit folgenden Worten: ein mitreißender Film, einer, der das offen ausspricht, was die Wahrheit ist - wie jeder wisse. Ein Kritiker geht sogar so weit, zu schreiben, die politischen Argumente in Bulworth"hören sich deprimierend banal an". Stimmt es denn, daß jeder weiß, daß das Kapital die zwei Hauptparteien und die Massenmedien kontrolliert, daß die große Mehrheit schlechte Karten hat, daß Rasse dazu dient, die Menschen zu spalten, daß soziale Ungleichheit die zentrale Frage im amerikanischen Leben ist? Oh ja, jeder weiß das! Aber warum schreiben dann diese Ladies und Gentlemen der Filme-kritisierenden Zunft in ihren gediegenen Zeitschriften darüber kein einziges Wort?

Natürlich ist an ihren Kritiken etwas Wahres dran. Es stimmt ja, daß "jedermann", bewußt oder unbewußt, weiß, daß die Realität so aussieht, ganz im Gegensatz zu der offiziellen Version, die von Medien und Politikern verbreitet wird. Aber eine Wahrheit, die nur als Spekulation existiert, die man in seiner Westentasche mit sich rumträgt oder höchstens hinter vorgehaltener Hand anspricht, nützt niemandem. Es ist Beattys großes und bleibendes Verdienst, daß er laut ausspricht, was auszusprechen so wenige in seiner Lage den Mut haben, und daß er es mit großem Temperament tut. Man kann nur vermuten und hoffen, daß dieses Beispiel Schule machen wird. Zur Statur von Warren Beatty hat dieser Film jedenfalls noch mehr beigetragen, als Reds das tun konnte.