War CNN an einem Mordanschlag der NATO auf den serbischen Informationsminister beteiligt?

Von Chris Marsden
10. Juli 1999

Am Freitag, den 2. Juli, brachte der britische Independent einen Artikel seines Belgrader Kriegskorrespondenten Robert Fisk mit dem Titel "Von der NATO instrumentalisiert". Der Artikel liefert ein vernichtendes Bild der Rolle des Pressecorps im Krieg gegen Jugoslawien.

Fisk weist nach, wie - von seltenen Ausnahmen abgesehen - die Reporter jegliche Objektivität aufgaben und unkritisch die offizielle Begründung für den Krieg übernahmen. Die meisten waren selbst von der anti-serbischen Hysterie der offiziellen Vertreter der USA, Großbritanniens und der NATO angesteckt und rechtfertigten die Bombardierungen, indem sie NATO-Propaganda als Fakten weitergaben und die Erklärungen von NATO-Sprecher Jamie Shea, Präsident Clinton und Premierminister Blair blindlings akzeptierten.

Er führt das Beispiel eines CNN-Reporters in Belgrad an; dieser habe "einen seiner englischen Kollegen schockiert, als er nach der Bombardierung einer engen Straßenbrücke im jugoslawischen Dorf Varvarin, die Dutzende Zivilisten das Leben kostete (wobei viele in den Fluß Morava stürzten) mit der Bemerkung reagierte: ‘Das wird ihnen eine Lehre sein, nicht auf Brücken zu stehen.'"

Fisk merkt an: "Das war natürlich nicht die Sprache, derer er sich bediente, wenn er auf Sendung war. So wurde der CNN-Bericht über die Toten an der Brücke mit der Bemerkung kommentiert, daß es ‘den serbischen Behörden zufolge' zivile Opfer gegeben habe - als ob nicht das CNN-Team selbst vor Ort gewesen wäre und die enthauptete Leiche des örtlichen Priesters gefilmt hätte."

Der Korrespondent des Independent deutet sogar an, daß die Zusammenarbeit der großen Medien mit der NATO über unehrliches und unethisches journalistisches Verhalten hinausging. Am Ende des Artikels läßt er durchblicken, daß CNN und die Larry King Live Show dieses Senders sich zum Komplizen eines Mordanschlags auf dem serbsichen Informationsminister Alexander Vucic gemacht haben könnte.

Fisk schreibt: "Zwei Tage vor der Bombardierung des serbischen Fernsehsenders in Belgrad erhielt CNN von seiner Zentrale in Atlanta den Hinweis, daß das Gebäude zerstört werden solle. Die Mitarbeiter wurden angewiesen, ihre Ausrüstung sofort aus dem Gebäude herauszuschaffen, was sie auch taten.

Einen Tag später erhielt der serbische Informationsminister Alexander Vucic ein Fax mit einer Einladung, in der Larry King Live Show des CNN in den USA aufzutreten. Die Sendung sollte um 2.30 Uhr in der Nacht zum 23. April ausgestrahlt werden, und man bat ihn, sich für die Maske eine halbe Stunde vorher beim serbischen Fernsehsender einzufinden.

Vucic kam zu spät, - was ihm das Leben gerettet hat. Denn um sechs Minuten nach zwei zerstörten NATO-Raketen das Gebäude. Die erste Rakete schlug in der Maske ein, wo eine junge serbische Assistentin verbrannte. CNN nennt das alles Zufall. Die Larry King Show, die von der Unterhaltungsabteilung produziert werde, habe "von der Anweisung der CNN-Nachrichtenredaktion an ihre Leute, das Gebäude in Belgrad zu verlassen, nichts gewußt."

Das World Socialist Web Site hat versucht, eine Stellungnahme des Larry King Live Programms in Washington und der CNN-Zentrale in Atlanta, Georgia, zu der Darstellung Fisks zu erhalten. Die Redakteurin von Larry King Live und die Pressesprecherin der CNN-News haben jedoch auch auf wiederholte Anrufe nicht reagiert.

Inzwischen ist Fisk von Teilen der britischen Medien unter Beschuß geraten. Am 4. Juli veröffentlichte Henry Porter vom Observer,einer der entschiedensten Befürworter des NATO-Kriegs, eine Antwort auf Fisks Beitrag. Er beschuldigte den Independent-Reporter geradezu, ein Handlanger des jugoslawischen Präsidenten Milosevic zu sein. Porter behauptet, daß Fisk "ohne Zweifel von den serbischen Behörden unterstützt wurde" und Berichte über den Krieg verfaßt habe, die durch die Brille serbischer Interessen gesehen worden seien.

Porter gesteht, es habe "bei fast allen Herausgebern und Reportern Zweifel an der Richtigkeit der NATO-Stellungnahmen gegeben", und er gibt zu, daß man mit gutem Grund zu der Ansicht kommen könne, daß "die Allianz einen fast rassistischen Kreuzzug gegen die Serben geführt hat". Das hält ihn aber nicht davon ab, auch seinerseits anti-serbischen Rassismus zu verbreiten: Fisk habe von einigen seiner Kollegen den Spitznamen "Fiskovic" erhalten.

Porter entrüstet sich, daß Fisk anscheinend "der NATO imperialistische Tendenzen" zuschreibe. Aber noch unerträglicher ist ihm Fisks Entscheidung, einen Medien-internen Streit zu veröffentlichen.

Der Angriff auf Fisk zeigt, daß seine Enthüllung des beklagenswerten Verhaltens des Pressecorps einen empfindlichen Nerv getroffen hat. Und besonders seine Enthüllung der Rolle von CNN bei der Bombardierung der serbischen Fernsehzentrale hat in höchsten Kreisen beträchtliche Unruhe ausgelöst.

Siehe auch:
Keine Antwort von CNN
(10. Juli 1999)