Genauso viele Morde an Kosovaren unter NATO-Besatzung wie vor dem Krieg

Von Chris Marsden
23. November 1999

Die "International Crisis Group" (ICG, Internationale Krisengruppe), eine private Organisation unter Vorsitz des früheren US-Senators George Mitchell, ist vor zwei Wochen in einem Bericht zu dem Schluss gekommen, dass unter der militärischen Besatzung der NATO jede Woche genauso viele Zivilisten im Kosovo getötet werden, wie vor Beginn des NATO-Krieges gegen Serbien im März 1999.

Der Bericht der Gruppe mit Sitz in Washington und Brüssel erklärte: "Der Krieg mag aufgehört haben, aber die Anzahl der Morde ist genauso hoch wie zur Zeit vor den Luftschlägen im März. In den zwei Monaten vor den Luftschlägen wurden im Durchschnitt 10-15 Serben und etwa die gleiche Anzahl von UCK-Kämpfern bei verschiedenen Angriffen getötet. Seit zwei Monaten ist diese Zahl jetzt immer noch ungefähr ebenso hoch."

Die Einschätzung der ICG, die wenig Aufmerksamkeit in den westlichen Medien erhalten hat, kommt einer vernichtenden Entlarvung der humanitären Vorwände gleich, mit denen die NATO-Länder ihre 10wöchige Bombardierung und anschließende Besetzung des Kosovo gerechtfertigt hatten. Diese Zahl an Morden sollte noch im letzten Winter beweisen, dass sich im Kosovo eine humanitäre Katastrophe abspiele, Serbien ein Schurkenstaat und militärische Vergeltung gegen die serbische Bevölkerung moralisch gerechtfertigt, ja notwendig sei. Heute, wo sie unter der NATO-Besatzung weitergehen, werden sie von den westlichen Regierungen, die den Krieg durchgeführt, und den Medien, die ihn unterstützt haben, kaum noch erwähnt. Natürlich legen die Medien der NATO auch weder ethnische Säuberungen und Kriegsverbrechen zur Last. Nichtsdestotrotz entlarven die Angaben der ICG, welche Zwecke die Organisation damit auch immer verfolgt, den Zynismus und die Heuchelei der amerikanischen und europäischen Politik auf dem Balkan.

Der Bericht der ICG kann nicht als pro-serbische Propaganda abgetan werden. Die Organisation wird von der EU, den USA und 13 weiteren Ländern finanziert. In ihrem Kuratorium sitzen der frühere französische Premierminister Michel Rocard, der ehemalige australische Premierminister Malcolm Fraser, der israelische ex-Premier Schimon Peres, die ehemaligen Premierminister von Belgien und Ungarn, weitere frühere hochrangige Poilitiker und George Soros, der bekannte internationale Finanzspekulant.

Weit davon entfernt, den Krieg und die militärische Besatzung der NATO zu verurteilen, führt die ICG die Gewalt und politische Instabilität im Kosovo im Gegenteil noch als Argument für eine stärkere Truppenpräsenz der NATO und weiteres Vorgehen gegen Serbien an, "um die Stabilität in der Region zu fördern".

Das von der ICG gezeichnete Bild des Kosovo unter der NATO-Besatzung hat mit der etwaigen Entstehung einer multi-ethnischen Demokratie, die der Westen gerne sehen würde, sehr wenig zu tun. Die ICG schreibt: "Vier Monate nach der Ankunft der Friedenstruppen ist von einer multi-ethnischen Gesellschaft immer noch kaum etwas zu sehen. Tatsächlich werden die Gräben in der Gesellschaft Tag für Tag tiefer."

Die Umwandlung der UCK in ein 5.000 Mann starkes "Kosovo Schutz Korps" würde "die anwachsende Welle von Gewalt und Kriminalität im Kosovo kaum aufhalten, ebenso wenig wie den ständigen Exodus der wenigen noch verbliebenen Nicht-Albaner aus der Provinz", so der Bericht. Vielmehr habe sie "die Angst und Isolation der serbischen Bevölkerungsgruppe noch verstärkt".

Der ICG zufolge sind seit der Ankunft der NATO im Juni schätzungsweise 170 Serben getötet worden und 100.000 aus der Provinz geflüchtet. Die "systematischen Angriffe auf die serbische Bevölkerung, und in geringerem Masse auch auf andere Minderheiten deuten darauf hin, dass zumindest einige Vertreter der albanischen Mehrheit alles daran setzen, die Provinz von allen Nicht-Albanern zu säubern", erklärt der Bericht.

Er beschreibt die Gewalttaten und hält fest: "Unzählige Male seit der Rückkehr der Flüchtlinge ist serbischer Besitz mit Granaten angegriffen oder angezündet worden, beständig werden einzelne oder Gruppen von Serben entführt oder ermordet. Der berüchtigtste Vorfall war das Massaker an vierzehn serbischen Bauern in der Ortschaft Gracko am 23. Juli...

Die Roma und Gorani [Minderheiten] werden von ethnischen Albanern im allgemeinen beschuldigt, Verbündete der Serben zu sein, und werden deshalb immer wieder Opfer von Racheakten... Anfang September fanden die KFOR-Truppen die Körper von Vater, Mutter, Tochter und einer älteren Frau einer Roma-Familie, die in Gornji Dragoljevici in West-Kosovo erschossen worden waren."

Der Bericht nennt eine Reihe von möglichen Verdächtigen für die tagtägliche Welle der Gewalt, darunter die UCK, "radikalisierte ethnische Albaner", "Kriminelle aus Albanien", "Teilnehmer an internen Auseinandersetzungen unter Albanern" und serbische Paramilitärs, die immer noch in der Provinz aktiv sind. Er merkt an: "Die befragten Roma gaben an, dass die UCK geheime Gefängnisse unterhalte, in denen Roma, Serben und einige Albaner gefangengehalten würden. Sie sagen aus, dass sich diese Gefängnisse in aufgegebenen Häusern und Fabriken sowie örtlichen UCK-Quartieren befinden."

Weiter weist der Bericht auf den Zustrom albanischer Mafia-Elemente seit dem NATO-Einmarsch in die Provinz hin: "Ein großer Teil der Gewalt im Süd-Kosovo scheint auf das organisierte Verbrechen zurückzugehen", wie die "Einschüchterungen und die Plünderung von serbischem wie albanischem Besitz". Die Verbindungen zwischen der UCK und der albanischen und europäischen Mafia sind allgemein bekannt, trotzdem nimmt der Bericht im wesentlichen die diesbezüglichen Dementis der UCK für bare Münze.

Die ICG führt außerdem zunehmende Beweise an, dass die UCK "politische Rivalen ausschaltet". So erklärt beispielsweise die "Reform-Demokratische Partei der Albaner" (RDPA), welche Unabhängigkeit für Kosovo ablehnt, dass "sechs ihrer Mitglieder in Djakovica/Gjakove getötet wurden, in Mitrovica zwei getötet und zehn vermisst werden, in Pristina neun und in Pec zwölf vermisst werden."

Die NATO selbst meldet, dass 379 Menschen getötet worden sind, seit sie am 12. Juni die Provinz besetzt hat. 135 davon, d.h. 35 Prozent, waren Serben, obwohl sie nur noch fünf Prozent der Bevölkerung des Kosovo ausmachen. Weitere 145 (38 Prozent) waren ethnische Albaner, und 99 (26 Prozent) unbekannter oder anderer Volkszugehörigkeit.