"Wege in die Nacht"

Ein Film von Andreas Kleinert

Von Bernd Reinhardt
24. Dezember 1999

Der Regisseur Andreas Kleinert gehört zu der letzten Filmemachergeneration, die die DDR hervorbracht hat. Geboren im Jahr 1962, prägen ihn die Ausläufer der siebziger und vor allem die achtziger Jahre, eine Periode von wachsender Desillusionierung. Er schreibt 1989 seine Diplomarbeit über "Bewusstseinsebenen in der Filmpoesie von Andrej Tarkowski", jenem sowjetischen Filmregisseur, der in den Jahren der Vor-Perestroika mit düsteren Filmen wie Stalker beeindruckte.

Als sich Kleinert mit dem Film Leb wohl Joseph von der Filmhochschule verabschiedet, fällt die Berliner Mauer und leitet den Zusammenbruch der DDR ein. Die folgenden Filme tragen die Titel: Verlorene Landschaft(92), Neben der Zeit (95), Niemandsland(95), Im Namen der Unschuld (97). Vielleicht ist die Erfahrung mit dem langsamen Siechtum der DDR der Punkt, der ihn, wie auch Andreas Dresen(Nachtgestalten) so sensibel macht gegenüber dem heutigen gesellschaftlichen Niedergang.

Wege in die Nacht zeigt den Verfall eines Menschen, eines Arbeitslosen. Früher war Walter (Hilmar Thate) Betriebsleiter in der DDR. Dann kam die Wende, der Betrieb wurde dichtgemacht. Gewohnt, sich aktiv einzumischen, fühlt er sich auch jetzt verantwortlich für die Gesellschaft. Doch aller früheren Einflussmöglichkeiten beraubt, muss er ohnmächtig mit ansehen, wie die Welt aus den Fugen gerät.

In seinem alten Werk, das er nachts noch öfter besucht, nisten Vögel. Im Gegensatz dazu sieht er die neuen, jungen, dynamischen Aufsteiger im teuren Auto und mit lauter Musik durch die Strassen dröhnen. Für die ehemaligen Genossen von der Betriebsleitung, die in der Gegenwart als Geschäftsmänner oder beim privaten Wachschutz ihre Nische suchen, hat er nur Verachtung und das Wort "Opportunisten" übrig.

Mit Renè, einem Jugendlichen, der schon im Gefängnis gesessen hat, und dessen Halbschwester Gina - beide hat er scheinbar irgendwo zufällig aufgelesen - geht Walter nachts auf Streife, um selbst Ordnung zu schaffen. Als in der S-Bahn Ausländer angepöbelt werden, als der Verkäufer eines Obdachlosenmagazins beschimpft wird: auf Walters Zeichen hin wird ohne Vorwarnung erbarmungslos zugeschlagen. Der Höhepunkt ist in der Filmszene erreicht, in der Walter einen jugendlichen Täter zwingt, aus der fahrenden S-Bahn zu springen.

"Er ist wirklich gesprungen," lallt er später stockbetrunken, er, der sonst nie trinkt. In Walters Kopf hämmern nicht nur die harten Schlagzeugrhythmen aus den Kopfhörern von Ginas Walkman. In dem energischen Mittfünfziger hämmern Ohnmacht, Wut, Angst und die Einbildung: "Außer uns tut doch niemand etwas." Einen bessergestellten Angestellten, der betroffen guckt, als der Jugendliche aus dem Zug springt, jedoch nicht eingreift, sondern hinterher fragt: "War das nötig?", blafft Walter an: "Ihr seid leer - ohne Zukunft!"

Doch er selbst ist im Begriff, jeglichen Halt zu verlieren. Seine Frau (Cornelia Schmaus), die nach der Wende einen Job als Kellnerin gefunden hat, kann ihm nicht mehr helfen. Ihre Kraft reicht gerade dazu, sich selbst immer wieder an alltäglichen Kleinigkeiten aufzurichten, sei es die Orgelmusik in der Kirche oder ein kurzes Lächeln aus dem Fenster, das ein junger Fahrradkurier erwidert. Als Walter neben der Arbeit in ihr seine zweite Stütze verliert, stürzt er ins Bodenlose.

Der Traum von einer gerechten Welt, "die kommen wird", ist nur noch ein Strohhalm, an den er sich klammert. Dann "werden solche Leute wie wir gebraucht", solche, die zupacken können, versucht er Gina zu erklären, deren Gesicht für einen kurzen Augenblick einen verträumten Ausdruck bekommt. Walter ist der Auffassung, die beiden für eine gerechte Sache "aus dem Dreck" geholt zu haben und ihrem Leben einen Sinn zu geben. Doch Renés erschreckende Brutalität ist nicht geleitet von hohen moralischen Ansprüchen, eher von einer tiefsitzenden Wut auf alles und jeden. Und Gina ist jung und unreif.

Schließlich rutscht Walter selbst in die Kriminalität. Zum Schluss, unfähig noch in irgend einer Art rational zu denken, will er in einen Juwelierladen einbrechen, um seiner Frau ein "wirklich großes Geschenk" zu machen. Dann tritt die Katastrophe ein, die man schon lange voraus ahnt.

Von Selbstmördern, berichtet die Boulevardpresse fast täglich, Leute, die sich vor die U-Bahn werfen, aus dem Fenster springen oder ihre ganze Familie töten, bevor sie sich selbst umbringen. Als unfassbar erschienen vielen Menschen die in den letzten Jahren bekannt gewordenen spektakulären Amokläufe in Australien, den USA und in jüngster Zeit auch in Deutschland. Wege in die Nacht zeigt, welche psychologischen und gesellschaftlichen Komponenten dazu gehören, die einen Menschen soweit bringen.

Kleinert erklärte gegenüber der Zeitung Freitag: "Für mich war das entscheidende Thema die Wertschätzung des Menschen. Was passiert, wenn man nicht mehr das Gefühl hat, gebraucht zu werden, wenn man es nicht mehr schafft, sich in der Gesellschaft irgendwo einzubringen?" Obwohl die Handlung in Ostdeutschland spielt, geht es dem Regisseur nicht um speziell ostdeutsche, sondern um "existentielle Probleme,... ich glaube, diese Geschichte der verlorenen Liebe in einer Ehe oder einer Beziehung, kann jeder nachvollziehen." Wege in die Nacht wurde inzwischen auf mehren internationalen Filmfestivals, wie Montreal und Cannes gezeigt.

Trotz seiner übergreifenden Ausrichtung zeichnet der Film einen Arbeitslosen, der in der DDR seine wesentliche charakterliche Prägung erhalten hat. Walter war kein einfacher DDR-Bürger, sondern bekleidete eine höhere Position. Seine soziale Reaktion auf den Verlust seiner Arbeit verrät mehr über das politische Wesen der DDR, als mancher mit "totalitärem" Wortschatz gespickter Vortrag.

Walter kehrt sich vollkommen nach innen. Er sucht nicht in der Bevölkerung nach Solidarität und Verbündeten für "eine gerechte Welt", sondern bindet Leute an sich, die noch eine Stufe tiefer stehen als er, die er führen, zu sich hinaufziehen, notfalls auch wieder verstoßen kann, und - die ihn nicht duzen dürfen. Seine Wut richtet sich nicht gegen die, die für den Verfall der Gesellschaft verantwortlich sind, sondern gegen jene, die im Grunde genommen wie er selbst an den gesellschaftlichen Rand gedrängt wurden.

Walters Sichtweise der Bevölkerung als passive Masse, die nie von selbst die Initiative ergreift, die man anleiten, notfalls zu ihrem Glück zwingen muss, der man auch nichts selbst überlassen darf, ist nicht erst nach der Wende entstanden. Nachdem der politische Umschwung Walter aus dem Sattel gehoben hat, wird der ganze Pessimismus, der der Konzeption von "Sozialismus" in der DDR zu Grunde lag, erst in vollem Maße sichtbar. Walters Selbstmord ist in dem Sinne auch die politische Endstation eines Mannes, der zum Schluss völlig isoliert und verbittert seinen Kampf führt und trotz der Massenarbeitslosigkeit in Deutschland und Europa nicht davon ausgeht, dass sich das ändern könnte.

Als er Gina im Affekt anschießt, verbietet er René, sie in ein Krankenhaus zu bringen. Hinter Walters hochgeschraubter Moral kommt eine in Wirklichkeit menschenverachtende Haltung zum Vorschein. Er riskiert ihr Leben, um selbst nicht mit Unannehmlichkeiten behelligt zu werden. Seine Vorstellung von einer gerechten Gesellschaft entpuppt sich im Grunde genommen als Sehnsucht nach einer spießigen Kleinbürgeroase, in welcher der Staat in preußischer Manier dafür sorgt, dass jeglicher Schmutz und Unrat vom unbescholtenen Bürger ferngehalten wird, sei es das Papier auf den Strassen oder ein angetrunkener Jugendlicher in der S-Bahn.

Es gelingt dem Schauspieler Hilmar Thate beeindruckend, den Charakter Walters in seiner ganzen Widersprüchlichkeit sehr menschlich darzustellen. Das gelingt ihm umso mehr, als er Walter nicht als negative Figur vorführt. Obwohl dieser nicht die Sympathie des Zuschauers gewinnen kann, empfindet man Mitgefühl. Sehr überzeugend spielt Cornelia Schmaus seine Ehefrau.

Viele der intensiven, poetischen Bilder des in schwarz-weiß gedrehten Spielfilms bleiben im Nachhinein in Erinnerung: die nächtliche Werksruine, ihre Sprengung, die selbst geernteten Äpfel, die Walter in der Emailleschüssel wäscht, sehr bewusst und doch nervös, und der Augenblick, in dem er das kleine, ihn anlächelnde Mädchen wegschickt, um die Autoscheibe hochzudrehen - endgültig.

Der Film zeigt die heutige Gegenwart unerbittlich und düster. Jegliche vermittelnden, lichten Momente fehlen. Trotzdem wirkt der Film nicht aufgesetzt oder plakativ anklagend, sondern regt an über Charaktere wie Walter nachzudenken.