Vor zehn Jahren fiel die Berliner Mauer

Zwei Filme erinnern an die DDR

"Sonnenallee" und "Helden wie wir"

Von Bernd Reinhardt
4. Dezember 1999

Jubiläen sind ein willkommener Anlass um Rückschau zu halten. Handelt es sich um ein so gravierendes Ereignis wie den Fall der Berliner Mauer, der den endgültigen Zusammenbruch der DDR einleitete, ist man besonders gespannt.

Bei den beiden Filmen über die DDR, die im Herbst in die Kinos kamen, ist der Ruf nach Aussöhnung mit der Vergangenheit unüberhörbar.

Der erste Streifen des erfolgreichen Theaterregisseurs Leander Haußmann.(40), Sonnenallee ist eine Komödie. Sie hatte am 7. Oktober Premiere. An diesem Tag wäre die DDR fünfzig Jahre alt geworden. Der Regisseur sagte zur Entstehung des Films, er wollte "... etwas über die DDR erzählen, was darüber hinaus geht, dass es Schießbefehle und Opfer gegeben hat. Wir wollten einen Film machen, der Alltagsgeschichten zu einem Kinoerlebnis macht".

Als Kulisse seiner in den siebziger Jahren spielenden burlesken Filmposse dient eine Straße unmittelbar an der Berliner Mauer. Die Haupthelden, vier Jugendliche in Ostberlin, wohnen am äußersten Zipfel der Sonnenallee. Ihr längerer Teil liegt jenseits der Mauer, "drüben" im Westen. Die Grenzsoldaten, der stets allgegenwärtige Polizist und die westdeutschen Touristen, die mit Fotoapparat und Fernglas bewaffnet von einer Aussichtsplattform in die "Zone" starren wie in einen Zoo, gehören zu den Alltäglichkeiten ihres Lebens.

Die Mauer hat für die Jugendlichen nichts Unmenschliches an sich, sie war immer da, man ist mit ihr großgeworden. An die Parolen der SED glaubt keiner mehr so richtig. Trotzdem ist man selbstverständlich Mitglied im staatlichen Jugendverband. Ob im Haus, auf der Straße oder in der Schule - überall wird gleichermaßen viel geheuchelt und gelogen. Der Film zeigt humorvoll, zu welchen Verrenkungen es dabei kommt.

So versucht sich Michas Mutter mittels Schminke rund 20 Jahre älter zu machen, um mit dem an der Grenze gefundenen Westpass einer Rentnerin einmal nach Westberlin zu kommen. Im Hausflur nennt sie den Sohn laut "Mischa", dem Nachbarn, den sie bei der Stasi vermutet, wie sollte er sonst zu einem Telefon kommen, so ihre Liebe zur Sowjetunion demonstrierend, während ihr Ehemann zu Hause ständig laut auf die "Kommunisten" schimpft. Micha, der, um seinen Freund Mario zu decken und Miriam zu imponieren, erklärt, derjenige gewesen zu sein, der die sozialistische Losung über der Schultafel leicht verändert hat, soll zur Strafe, eigentlich sei es eine Ehre verbessert die Lehrerin sofort ihren rhetorischen Ausrutscher, einen Beitrag auf der nächsten FDJ-Versammlung halten.

Auf dieser Versammlung wird auch eine "Jugendfreundin" aus der "Sozialistischen Volksrepublik Vietnam" angekündigt, die über den "amerikanischen Imperialismus" sprechen wird. Während die anwesende FDJ-Leitung nach jedem Satz ihr wohlwollendes Einverständnis durch beifälliges Kopfnicken kund tut, versteht in Wirklichkeit niemand etwas, weil die Rednerin in ihrer Heimatsprache spricht. Doch schließlich sind ja alle für den Sozialismus, da versteht man sich sowieso wortlos.

Der Film sei "eine Erinnerung an die DDR" erklärt der im Osten aufgewachsene Regisseur: "Ich hab da gelebt, ich hab da auch gelitten, (sein Vater hatte jahrelang Berufsverbot) aber in erster Linie hab ich mich dort mit meinen Freunden zusammen totgelacht." (...) "Ich hab das Land stets wie einen fremden Planeten gesehen, (...) In meinem Freundeskreis haben wir die Absurditäten des Alltags genossen und waren Meister im Unterwandern. Die Herrschenden waren doch blöd. (...) Man ist in die FDJ gegangen und hat ein Doppelleben geführt. Wie die Heuschrecken hat die Mehrheit der DDR-Bürger mit diesem Verhalten den Staat langsam unterhöhlt."

Die siebziger Jahre waren Honeckers goldene Jahre, die Kredite, die von der DDR-Regierung aufgenommen wurden, sollten einen, wie es damals hieß stetigen "Anstieg des materiellen und kulturellen Lebensniveaus der Werktätigen" sichern und das Vertrauen in die Kraft des Sozialismus stärken. Trotz der Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann 1976, der Ausreise des beliebten Schauspielers Manfred Krug und zahlreicher anderer Künstler schien es im Großen und Ganzen aufwärts zu gehen mit der DDR. In den achtziger Jahren war von dieser Stimmung nichts mehr zu verspüren. Statt dessen Niedergang. Das Hippiehafte in der Jugendszene verlor sich. Statt dessen Frustration und zunehmender Zynismus. Haußmann stellte in dieser Zeit einen Ausreiseantrag in den Westen.

Für das gemeinsame Drehbuch zu Sonnenallee erhielten Leander Haußmann und der junge Schriftsteller Thomas Brussig im Februar diesen Jahres den Drehbuchpreis der Bundesregierung.

Den zweiten Streifen, Helden wie wir, verfilmte der junge westdeutsche Regisseur Sebastian Peterson nach einem satirischen Roman. Autor ist ebenfalls Thomas Brussig. Das Buch erschien bereits 1995, geschrieben aus Wut, wie Brussig anmerkt, über die bisher nicht in Angriff genommene Aufarbeitung der DDR. Die Kritik bescheinigte ihm seinerzeit lobend den ersten unverkrampften Blick auf die untergegangene DDR.

Der Zuschauer kann miterleben, dass die "friedliche Revolution" von 89 völlig anders abgelaufen war, als man im Allgemeinen bisher angenommen hatte. Nicht die mächtigen Demonstrationen und die Bürgerbewegung, sondern die Tat eines Einzelnen hat die Mauer zum Einsturz gebracht. Sein Name - Klaus Uhltzscht. Für einen Journalisten der New York Times spricht der ehemalige Stasimann die Geschichte seines Lebens auf Tonband.

Am Anfang des Films, als Klaus gerade das Licht der Welt erblickt,. fahren sowjetische Panzer am Haus vorbei, man fragt nach der richtigen Straße nach Prag - es ist das Jahr 1968. In der Schule lernt Klaus an der Karte, dass es blaue (kapitalistische) und rote (sozialistische) Länder gibt. Ivonne, die von Holland träumt, erklärt er daher "Wir wollen Holland rot machen." Nach Abschluss der Schule beginnt Klaus, der die Phrasenhaftigkeit "sozialistischer Erziehung" nicht durchschaut und auf der Seite der Guten alles richtig machen will, bei der Stasi, wo auch sein Vater arbeitet.

Der Film blendet kurz den Vater ein, in eine historische Aufnahme montiert, wie er jung und stolz als Grenzsoldat am Brandenburger Tor den Sozialismus bewacht. Klaus kennt ihn nur als mürrischen, abgelebten Mann, der vor dem Fernseher sitzt und sich nicht einmal für seinen Sohn interessiert. Von der Stasi ist Klaus enttäuscht. Das Leben dort ist öde und grau. Statt spannende Auslandseinsätze und Heldentaten für den Sozialismus erwartet ihn geballter Stumpfsinn. Seine neuen Kollegen, die ihren Stützpunkt als Poststelle getarnt haben, erweisen sich als engstirnige und unengagierte Spießer. Im Roman vermutet Klaus, noch gar nicht bei der richtigen Stasi zu sein.

Als er seinen Irrtum erkennt, kostet ihn das fast das Leben - für "unsere Sache". Klaus war bisher immer bereit gewesen, Opfer für den Sozialismus zu bringen. Was bedeutet schon das eigene Leben, hingegeben für den Dienst an der großen Idee Doch in wem lebt diese Idee noch? In der Stasi, so wie er sie kennt, jedenfalls nicht. Auch der senile, Mikado-spielende Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzende Erich Honecker kann nur noch durch Blutspenden von Klaus am Leben gehalten werden. Doch selbst angesichts dieser erbärmlichen Realität sucht Klaus noch hinter allem einen höheren Sinn.

Er gerät erst in Bewegung, als seine Stasi-Kollegen auf seine Liebe Ivonne und ihren oppositionell eingestellten Vater, den lang gesuchten "Vorgang Individualist" einschlagen. Klaus schlägt zurück, ermöglicht ihnen die Flucht, landet im Krankenhaus und steht plötzlich auf der Berliner Mauer.

Petersons Film hat düstere Momente. Die Darstellung der dumpfen, beklemmenden Atmosphäre, in der Klaus heranwächst, wirkt tragisch. Die im Kontrast dazu gezeigten, zum Lachen reizenden Dokumentaraufnahmen voll von hohlem Optimismus verstärken dies noch. Allerdings wird man den Eindruck nicht los, als dienten die vielen, unverbindlich hingeworfenen Schnipsel dem Regisseur auch dazu, seiner Kritik an der DDR einen vorsichtig-allgemeinen und verschwommenen Charakter zu verleihen.

So hinterlässt der Film im Ganzen einen unbefriedigenden, etwas schalen Eindruck. Es empfiehlt sich, den Roman zur Hand zu nehmen. Er ist bissiger, präziser und humorvoller, wenn auch Klaus` ewiger Kampf mit seiner Sexualität streckenweise ermüdet. Eine wesentliche Seite, die der Film weglässt, ist die Kritik des Buches an der Bürgerbewegung, die hier vollständig der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

Die Wende erfasst auch Klaus. Schuldgefühle treiben ihn auf die legendäre Demonstration des 4. November 89 auf dem Alex, wo er eine der Reden hört. In der Annahme, hier spräche die ehemalige, bekannte Eiskunstlauftrainerin der DDR, Jutta Müller, ein Symbol der Generation seiner Mutter, tritt er neugierig näher. Statt davon, "dass uns die Welt endlich offen stehen muss", vernimmt er die Hoffnung der Rednerin, dass aus "Forderungen Rechte, also Pflichten werden" und: "Stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg." Er erkennt in diesen Worten den alten, prüden Ton seiner Erziehung wieder, die ihn zu dem gemacht hat, was er heute ist. Er will ans Mikrofon stürzen, sich als abschreckendes Beispiel des DDR-Sozialismus offenbaren, voller Beunruhigung darüber, was aus dem Land wird, "wenn die Eislauftrainerinnen- und Hygieneinspekteusen-Revolution siegt!" Später erfährt er, dass die Rede (sie ist im Buch nahezu vollständig abgedruckt) nicht Jutta Müller, sondern die Schriftstellerin Christa Wolf gehalten hat.

Nachdem Klaus den Fall der Mauer herbeigeführt hat, den Ausschlag gab das Herunterlassen seiner Hose, packt ihn wieder das schlechte Gewissen: " Was habe ich bloß getan! Wenn Christa Wolf, (...) darauf verzichtete, zur Maueröffnung anzustacheln, dann wird sie schon gewußt haben, warum..."

Am Schluss des Romans befürchtet Klaus, dass die Zeit der Losung "Keine Gewalt!" bald vorbei sein könnte. Er sieht, wie das Zentralorgan der SED, die Zeitung Neues Deutschland"unter Begeisterungsgeheul standrechtlich zerfetzt" wird. Ist er als nächstes dran? Da fällt ihm ein, dass die dem Untergang geweihte DDR nur der kleine Teil eines viel größeren Ganzen ist. Sein zuerst kaum hörbarer Hilferuf: "Deutschland!", der seine Angst und verzweifelte Forderung nach Sicherheit und geordneten Verhältnissen ausdrückt, wird sofort aufgegriffen.

Fakt ist, dass damals der ganze SED-Apparat von dieser existentiellen Angst gepackt war, bis schließlich die letzte DDR-Regierung unter Hans Modrow die Losung "Deutschland einig Vaterland" verbreitete.

Der Film Helden wie wir regt nicht dazu an, die Sinne zu schärfen. Er vermeidet jede tiefergehende Kritik an der DDR und endet sehr idyllisch in einem riesigen holländischen Tulpenbeet. Die Jugendlichen von Sonnenallee haben dagegen etwas von Comic Helden, die, ohne jemals ernsthaft Schaden zu nehmen, überall und zu jeder Zeit leben können. Die Komödie assoziiert, dass aus dem Klima der DDR heraus etwas Gesundes entstehen konnte, etwas, das, um bei den Worten Haußmanns zu bleiben, "den Staat langsam unterhöhlt". In der realen DDR war die ständige Gratwanderung zwischen Provokation und Anpassung eher eine Fähigkeit der "Schlauen", die in der Regel später ihr Talent dafür einsetzten, um persönlich Karriere zu machen, die auch die Bürgerbewegung nur als Sprungbrett für einen weiteren gesellschaftlichen Aufstieg im Kapitalismus nutzten. Das stand überhaupt nicht im Gegensatz zum DDR-System, die DDR selbst brachte dieses Verhalten hervor.

Das Tonbandprotokoll in Brussigs Buch vermerkt: "Das System war nicht unmenschlich. Aber es war menschenfeindlich. Es war nicht am Menschlichen vorbei, sondern gegen das Menschliche. Es verunstaltete Menschen. Es brachte sie dazu, zu lieben, was sie hassen müßten. Und das mit einer Intensität, daß sie das nicht mal heute wahrhaben können".

Dass der Regisseur den Roman entschärfte und beide Filme gleichermaßen so versöhnlich gestimmt sind, verwundert eigentlich nicht. Das heutige politische Klima wird zu keinem unwesentlichen Teil davon geprägt, dass unter dem Druck sozialer Spannungen die etablierten Parteien enger zusammenrücken. Die Distanz zur SED-Nachfolgerin PDS, die trotz im Munde geführter sozialistischer "Visionen", ständig zeigt, dass sie eine ganz normale staatstragende Partei ist und nichts weniger wünscht, als grundlegende gesellschaftliche Veränderungen, schrumpft dabei sichtbar.

Hochrangige Vertreter der CDU wie Angela Merkel und Wolfgang Schäuble ließen es sich nicht nehmen, zur Premiere des Films Sonnenallee im Berliner Kino International anwesend zu sein. Über die "Blöd(heit)" der damaligen "Herrschenden" werden sich auch Ministerpräsident Stolpe (SPD) und Gregor Gysi (PDS) köstlich amüsieren können, die beide, sowohl in der DDR als auch nach der Wende im neuen Deutschland, sich als wichtige politische Stützen des jeweiligen Systems bewährten.