Konservativer Bürgermeisterkandidat in London tritt in Schimpf und Schande zurück

Von Julie Hyland und Chris Marsden
1. Dezember 1999

Lord Jeffrey Archer, der konservative Kandidat in den Londoner Bürgermeisterwahlen im kommenden Jahr, ist aus dem Rennen ausgeschieden und vom Parteiausschluss bedroht. Vorausgegangen waren Enthüllungen, wonach Archer im Rahmen einer Verleumdungsklage gegen die Zeitung Daily Star im Jahre 1987 einen engen Freund, Ted Francis, gebeten hatte, ihn mit einem Alibi zu versorgen.

Archer, damals stellvertretender Vorsitzender der Konservativen Partei (Tories), wurde vom Star beschuldigt, die Prostituierte Monica Coghlan für "perversen" Sex bezahlt zu haben. Diese Behauptungen zwangen ihn zum Rücktritt von seinem Parteiposten. Aber er ging gerichtlich gegen die Zeitung vor und erstritt 500.000 Pfund (etwa 1,5 Millionen DM) Entschädigung. Er hatte geglaubt, dass das Datum für das vermutete Stelldichein der 8. September war, als er mit einer Freundin essen gegangen war. Aus Angst, dass dies, käme es heraus, seine Ehe gefährden könnte, bat Archer seinen Freund Francis, ihn mit einem Alibi zu versorgen. Dieses Alibi wurde schließlich nicht vor Gericht benutzt, weil der Star das angenommene Datum seines Treffens mit Frau Coghlan auf den 9. September verlegt hatte.

Zwölf Jahre später spielte Francis diese Begebenheiten dem einflussreichen Presseagenten Max Clifford zu, der sie wiederum an die Zeitung News of the World weitergab. Obwohl Archer nicht wegen Meineids angeklagt werden kann, könnte er wegen versuchter Täuschung des Gerichts belangt werden. Die Führung der Konservativen Partei hat ihm die Fraktionszugehörigkeit zu den Tories im Oberhaus entzogen, und der Parteiführer William Hague erklärte, dass Archers politische Karriere beendet sei. Der Star verlangt die Rückzahlung der Entschädigung und der Prozesskosten, die die Zeitung damals bezahlen musste, mit Zinsen - geschätzte drei Millionen Pfund.

Die Affäre hat alle Merkmale einer gezielten politischen Kampagne, gesteuert von Labour mit dem Ziel, Archer im Wahlkampf auszuschalten. Obgleich nur wenige eine Träne über das Schicksal des Multimillionärs und Romanschriftstellers Archer verlieren werden, zeigt der Skandal, in welchem Maß von den Medien inszenierte Hexenjagden die offene Diskussion politischer Fragen verdrängt haben.

Bezichtigungen der Lüge und Korruption - sowohl im kleineren wie auch im größeren Rahmen - haben Archers Karriere begleitet. Die ernsteste Beschuldigung gegen ihn war die des Aktienhandels mit Insiderwissen während des Verkaufs von Anglia Television im Jahre 1994 (wo seine Frau Mary Vorstandsmitglied war). Dies hatte ihm angeblich einen Gewinn von 77.219 Pfund eingebracht. Zwei Untersuchungen sprachen ihn von dieser Beschuldigung frei. Archer war trotzdem eine beliebte Figur in der Konservativen Partei. Er wurde aufgrund seiner Position als Bestsellerautor und Fernsehpersönlichkeit als Garant für Wahlsiege angesehen. Seine Nominierung zum Kandidaten hatte er in einer Urabstimmung unter Mitgliedern der Konservativen Partei in London erdrutschartig gewonnen. Er bemühte sich, als Vertreter eines neuen "fürsorglichen Konservatismus" aufzutreten, und war als Gegner der von der Labour-Regierung geplanten Privatisierung der Londoner U-Bahn bekannt.

Jüngere Umfragen zeigten, dass Archer populärer war als der bevorzugte Kandidat der Labour Party, der frühere Gesundheitsminister Frank Dobson. Was die Situation für Labour noch schlimmer machte, war der Umstand, dass die Partei zerstritten war, weil Premierminister Blair versuchte, den ehemaligen Vorsitzenden des Stadtrats von Großlondon Ken Livingstone aus der engeren Wahl der Labour-Kandidaten auszuschließen. Livingstone gilt in den Meinungsumfragen als klarer Favorit für das Bürgermeisteramt. Blair hält ihn aber für zu links, was viele Parteimitglieder befremdete und Livingstones öffentliches Ansehen weiter erhöhte.

Blair lief Gefahr, durch den Ausschluss Livingstones den Weg für Archer zu ebnen. Im letzten Monat hatte sich Archer beschwert, dass Labour in eine schmutzige Kampagne gegen ihn verwickelt sei. Der Handels- und Industrieminister Stephen Byers hatte beschlossen, Archers Rolle beim Verkauf von Anglia Television nochmals durch das Ministerium für Handel und Industrie (DTI) untersuchen zu lassen. Archer sagte, dies sei Teil einer Verschwörung gegen die Rivalen von Frank Dobson. "Sie haben herausgefunden, dass Ken [Livingstone] Herrn Dobson schlagen kann, und sie haben herausgefunden, dass ich Herrn Dobson schlagen kann, und deshalb besudeln sie uns. Ist es nicht merkwürdig, dass nichts von alledem passiert ist, bis die Umfragen zeigten, dass ich ihn schlagen könnte," bemerkte er.

Schließlich kam das DTI zu dem Schluss, dass die Beweislage für eine Neueröffnung der Untersuchung im Fall von Anglia Television zu dürftig sei. Aber ein anderer fauler Trick wurde bereits ausgelotet. Die Enthüllungen über Archers Bitte an Francis, ihm ein Alibi zu verschaffen, erschienen am gleichen Tag, an dem Archer von der für ihn positiven Entscheidung des Ministeriums erfuhr.

Die Presse warf Francis, einem Anhänger von Blair, vor, er habe seinen angeblichen Freund und langjährigen finanziellen Unterstützer aus kleinlicher Missgunst denunziert. Aber seine eigenen Aussagen machen deutlich, dass er von politischen Zielen motiviert wurde. In einem Radiointerview sagte er, er habe beschlossen alles zu erzählen, "weil Archer mehr und mehr ein möglicher Kandidat wurde... weil Dobson und Livingstone aneinander gerieten und man ihn durch die Hintertür hereinkommen sah."

Die Verbindung zwischen Clifford und News of the World spricht ebenfalls stark für eine Verwicklung von Labour in die Kampagne gegen Archer. News of the World ist ein sonntägliches Skandalblatt, das von Blairs Hauptunterstützer in der Medienwelt, Rupert Murdoch, herausgegeben wird. Clifford hatte schon im Wahlkampf 1997 eine Schlüsselrolle dabei gespielt, die Konservative Partei durch Skandalgeschichten in Verruf zu bringen. Er war direkt verantwortlich für den Rücktritt des konservativen Ministers David Mellor. Damals behauptete er, er kämpfe gegen "das Establishment", und sagte: "Ich bin mit ganzer Seele Labour-Wähler."

Auf dem Höhepunkt des parteiinternen Konflikts über die Nominierung von Livingstone, eine Woche vor den Enthüllungen zu Archer, war es wiederum Clifford, der die Nachricht über die Schwangerschaft von Blairs Frau Cherie durchsickern ließ und damit die Nachrichten über die heftigen Kämpfe innerhalb der Labour Party von den Titelseiten warf.

Angesichts der Tatsache, dass buchstäblich jede Zeitung in Großbritannien nun mit zotigen Details aus Archers Vergangenheit gefüllt ist, sind die Bemühungen des Tory-Führer William Hague, seine Partei vom sogenannten Skandalgeschichten-Faktor zu reinigen, gescheitert. Seine eigene Führungsrolle wurde durch seine frühere Unterstützung für Archer weiter unterminiert und es gibt kaum eine oder keine Chance für einen Kandidaten der Tories, die Bürgermeisterwahlen zu gewinnen.

Die Affäre wurde auch benutzt, um Blairs Eingreifen gegen Livingstone zu rechtfertigen. Hague hatte mit Archers Zulassung zur Urabstimmung durch die Parteimitglieder unter andrem auch beweisen wollen, dass innerhalb der Konservativen Partei demokratischer zugeht als bei Labour. Am vergangenen Dienstag betonte die Londoner Times, dass dies ein großer Fehler gewesen sei. "Die Tories benötigen eine interne Kommission, die unangefochten in der Lage ist, Individuen zu entfernen, deren öffentliche Erklärungen, Vergangenheit oder gegenwärtigen Handlungen geneigt sind, ihnen die Unterstützung bei den Wahlen zu kosten... Die Labour Party hat ähnliche Regeln und sie haben es Tony Blair erlaubt, die Partei rücksichtslos umzugestalten."

Wieder einmal sind Sex- und Korruptionsskandale von Labour benutzt worden, um einen prinzipienlosen Machtkampf auf verstohlene Weise auszutragen. Unfähig, sich selbst politisch von den Tories zu unterscheiden oder eine allgemeine Unterstützung für ihre wirtschaftsfreundliche Politik zu gewinnen, bauen sie auf die Unterstützung willfähriger Medien, damit diese ihnen die schmutzige Arbeit erledigen. Dabei hat die offizielle Politik aufgehört, öffentlich Rechenschaft abzulegen. Welche Kandidaten aufgestellt werden und welche Politik sie vertreten, wird allein von einer wohlhabenden Elite und ihren Handlagern in den Medien entschieden.

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