Das 10. Filmfestival von Cottbus

Ein weiterer Blick auf den Zustand des Kinos in Osteuropa

Von Stefan Steinberg
17. November 2000

Die in Cottbus Nahe der polnischen Grenze abgehaltenen Filmfestspiele sind das einzige internationale Festival, auf dem Filme aus osteuropäischen Ländern gezeigt werden. Das zehnte Cottbuser Festival bestätigte einmal mehr die enorme Krise, die in vielen noch vor zehn Jahren zum stalinistischen Ostblock gehörenden Staaten ganz allgemein in Kino und Kultur vorherrscht. Während eine Reihe dieser Länder - z.B. Tschechien, Ungarn, Russland - in der Lage waren, wenn auch oftmals in Zusammenarbeit mit westlichen Ländern, eine Art unabhängiger Filmproduktion zu entwickeln, haben viele andere Länder einen massiven Niedergang des Filmschaffens und der Kinobesuche erfahren, die sie bisher nicht verkraften konnten.

Das Ausmaß dieser Krise zeigte sich am Focus, den das diesjährige Festival auf eine Handvoll zentralasiatischer Staaten- Kirgisien, Turkmenistan und Usbekistan - richtete, die alle zu Beginn der neunziger Jahre ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erlangten. Alle diese Länder haben eine lange Geschichte des Filmemachens, die bis in die zwanziger und dreißiger Jahre zurückreicht.

Die Kino- und Kulturkrise ist in diesen Ländern unmittelbar mit dem sozialen und wirtschaftlichen Zusammenbruch verknüpft, der im vergangenen Jahrzehnt Zentralasien heimsuchte. Der zentralasiatische Staat, der nach westlichem Expertenurteil die besten Zukunftsaussichten hat, ist (dank seiner beträchtlichen Ölreserven) Kasachstan, das gemeinsame Grenzen sowohl mit Usbekistan als auch mit Kirgisien hat. In einem neueren Bericht des Roten Kreuzes heißt es jedoch, dass 73 Prozent der Bevölkerung Kasachstans unter der Armutsgrenze lägen. Weite Teile des Landes werden als ökologisch katastrophale Regionen eingestuft. Das Land und eigentlich die ganze Region wird infolge des Trinkwassermangels von Tuberkuloseepidemien heimgesucht, was seit Beginn der neunziger Jahre die Lebenserwartung dramatisch verkürzt hat.

Laut öffentlicher Statistiken haben alle drei zentralasiatischen Länder, die am Festival Filme zeigten, ein niedrigeres Prokopfeinkommen als Kasachstan. Auf dem Festival sprach ich mit Mitgliedern einer kleinen Delegation von Filmemachern und Produzenten aus Turkmenistan. Obwohl diese Delegierten die Hoffnung ausdrückten, dass das Ende der Talsohle erreicht sei und es bald besser ginge, bot ihr Bericht über die aktuelle Situation des Filmemachens in Turkmenistan ein verheerendes Bild.

Trotz der Tatsache, dass der Chef des wichtigsten unabhängigen Filmstudios die Durchschnittskosten für eine Filmproduktion in Turkmenistan auf zwei bis drei Tausend Dollar schätzte, sind in den letzten fünf Jahren gerade mal zwei Filme in dieser Republik mit etwa viereinhalb Millionen Einwohnern entstanden. Seit Turkmenistan 1991 unabhängig wurde, hat es einen dramatischen Rückgang der für die Filmproduktion benötigten Technologie und Ausrüstung erfahren. Zur Zeit fehlt es in der Republik an Möglichkeiten, 35mm-Filme zu verarbeiten, und Farbfilme müssen außer Landes entwickelt werden, da es hierfür keine einheimischen Filmlabors gibt. Die Schwierigkeit, Filme in der Region selbst zu produzieren, trat an vielen Filmen am Festival ganz deutlich zutage: sie bestanden aus schrecklich altem, grobkörnigem Filmmaterial und Filmen, die zuweilen ohne Anlass von Farbe auf schwarzweiß wechselten.

Die wenigen Kinos, die den Wirtschaftszusammenbruch der letzten zehn Jahre überlebt haben, zeigen fast nur amerikanische Videofilme. Es gibt minimale Zusammenarbeit oder Austausch zwischen den Ländern. Mitglieder der nationalen Delegationen gaben ihrer Freude Ausdruck, dass sie in Cottbus zum erstenmal Werke von Regisseuren ihrer Nachbarländer zu Gesicht bekamen. Alle drei Gastländer des Festivals werden von moslemisch beeinflussten Regierungen verwaltet, die durch strenge Zensur verhindern, dass sich Filme mit Themen oder Geschichten befassen, in denen Sex oder Gewalt vorkommt.

Ich sprach mit Ernest Abdyjaparov, einem führenden Filmregisseur aus Kirgisien, der auch als Leiter des wichtigsten unabhängigen Filmstudios der Region arbeitet.

Stefan Steinberg:Was sind die Schwierigkeiten in der heutigen Filmproduktion verglichen mit der Situation vor zehn Jahren, als Kirgisien noch Teil der Sowjetunion war?

Ernest Abdyjaparov:Die Wende war äußerst dramatisch. Als wir Teil der Sowjetunion waren, wurde das Filmemachen vom Staat subventioniert, und jährlich wurden vierzig bis fünfzig Filme gedreht. Dazu gehörten Dokumentarfilme, Kinderfilme, etc. In einem durchschnittlichen Jahr wurden drei bis vier große Themenfilme produziert. Seit der Unabhängigkeit 1991 gibt es von Seiten der Regierung keine finanzielle Unterstützung mehr und im Ganzen wurden nur eine Handvoll Filme produziert. In den Jahren 1995-96 wurde zum Beispiel kein einziger Film im Land gedreht.

SS:Wie sieht es mit dem Kinobesuch in Kirgisien aus?

EA:Da hat es einen ganz außerordentlichen Einbruch gegeben. Früher gab es ungefähr zweitausend Kinos im Land. Filme waren ein wichtiger Bestandteil des Kulturlebens. Heute sind vielleicht noch vierzig oder fünfzig Kinos übrig. Die meisten dieser Kinos zeigen amerikanische Videofilme. Wir hoffen sehr, dass es besser wird und dass wir finanzielle Unterstützung von der Regierung erhalten.

SS:Wie würden Sie den Unterschied zwischen heute und vor zehn Jahren charakterisieren?

EA:Als Teil der Sowjetunion waren wir in der Lage, unsere Leute nach Moskau in die großen Filmschulen zu schicken, wo sie ausgebildet wurden, worauf sie nach Kirgisien zurückkehrten, um Filme zu drehen. Außerdem erhielten wir durch unsere Beziehung zur Sowjetunion Ausrüstung und Geld. Der Nachteil war, dass alles, was hervorgebracht wurde, nach Moskau ging, und dass es buchstäblich unmöglich war, unsere Filme einem internationalen Publikum zugänglich zu machen.

Heute haben wir kein Geld und eine äußerst beschränkte Ausrüstung, aber wenigstens die Chance, Erfahrungen auszutauschen und unsere Filme einem internationalen Publikum vorzuführen. Die Probleme, die wir zur Zeit durchmachen - und da spreche ich nicht nur über das Kino, sondern die schwierige Wirtschaftssituation in meinem Land - bringen es mit sich, dass es viel Nostalgie für das alte System gibt. Jeder weiß, dass es kein Zurück zu den alten Zeiten gibt, aber dennoch existiert diese Nostalgie.

SS:Es scheint, als gäbe es keine osteuropäischen Filme, die sich mit den Erfahrungen unter dem sowjetstalinistischen System auseinandersetzen. Gibt es kirgisische Filme, die solche Themen aufgreifen?

EA:Eigentlich nicht. Nun, da wir die Kontrolle aus Moskau los geworden sind, sehe ich unsere Hauptaufgabe als Filmemacher darin, unsere besondere Kultur und Mentalität wiederaufleben zu lassen.

Osteuropäischer Film und nationalistischer Druck

In vielen Gesprächen mit den Filmemachern aus Zentralasien wurde das Ausmaß der Probleme deutlich, die das osteuropäische Kino stark beeinträchtigen. Gleichzeitig werden Filme unter den schwierigsten Bedingungen gedreht, und auf dem Festival wurden im ganzen über hundert Filme aus 26 Ländern gezeigt. Der letzte Satz im Gespräch mit Ernest Abdyjaparov wies schon auf eine Frage hin, die in vielen Unterhaltungen eine Rolle spielte und in einer Reihe von Filmen am Festival zum Ausdruck kam - der Einsatz des Films für die Verbreitung nationaler Kulturwerte.

Erst kürzlich wies der Altmeister des polnischen Films, Andrzej Wajda, auf einem Seminar in Berlin auf die Gefahr hin, dass der osteuropäische Film bewusst von nationalistischen Tendenzen missbraucht werde. Er muss es wissen, - handelt doch sein eigener jüngster Film Pan Tadeusz von der Befreiung Polens vom Joch des russischen Zarismus, und hat Wajda selbst erst vor einem knappen Jahr diesen Film als seinen Beitrag zur Errichtung einer neuen polnisch nationalen Identität bezeichnet.

Ein großer Teil von Usbekistans gesamtem Filmbudget der neunziger Jahre wurde dazu verwendet, ein eigenes nationales Epos zu kreieren, gewidmet den Abenteuern des Feudalherrschers Timur der Lahme - im Westen besser bekannt unter dem Namen Tamerlan - im vierzehnten Jahrhundert. Mit großem Aufwand zeigt der Film Amir Timurs Vertreibung der mongolischen Horden und die Errichtung der Stadt Samarkand, die eine Schlüsselstellung an der Seidenstraße einnahm, welche Europa mit Asien verband.

Viele andere Filme am Festival griffen ebenfalls das Thema der nationalen Identität in den verschiedensten Formen auf. Der Eröffnungsfilm, Die Milchstraße, ist 1997 in Kirgisien entstanden. Er stützt sich auf eine Novelle des bekanntesten Schriftstellers dieses Landes, Tschingis Aitmatov. Im Zentrum des Films steht das Schicksal einer bäuerlichen Mutter, die als alte Frau über ihr tragisches Leben nachdenkt. Im Krieg verlor sie ihren Mann und drei Söhne. Es bleibt ihr nur der Kontakt zur schwangeren Schwiegertochter, die jedoch während der Geburt stirbt.

Die Eröffnungsszene zeigt die alternde Mutter, wie sie durch das wilde, kirgisische Land wandert, und es ist offensichtlich, dass ihre Erinnerungen eng mit der Erde zu ihren Füßen verbunden sind. Ihr Schicksal ist eine Parabel für die Leiden des ganzen Landes, dem wie ihr Spannkraft und Ausdauer aus dieser Erde erwachsen.

Der Film reiht eine pathetische Szene an die andere. Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass sich der Regisseur ernsthaft bemühte, seine Rollen - allen voran die Mutter - zu plastischen, glaubwürdigen Figuren zu entwickeln. Stattdessen versucht er, so viel Emotionen wie irgend möglich aus jeder einzelnen Sequenz zu gewinnen - die Abreise des Ehemannes an die Front, die Rückkehr eines Verwundeten aus dem Krieg, der nicht in der Lage ist, der Mutter und anderen Dorfbewohnern konkrete Nachrichten über ihre Verwandten zu übermitteln, der Raub des wertvollen Saatgutes des Dorfes. Für die Rolle der Schwiegertochter hat der Regisseur eine Schauspielerin gefunden, die in der Lage ist, auf Kommando zu heulen, was sie auch bei jeder erdenklichen Gelegenheit tut.

Alles im Film ist nur schwarzweiß, es gibt keine Schattierungen, kein Gefühl für gesellschaftliche Beziehungen oder menschliche Züge, mit denen man sich auseinandersetzen könnte. Es gibt hier nur ehrliche Bauern vor dem kontrastierenden erbarmungslosen Schicksal. Der Film erweist der Aufarbeitung von Problemen, welche die kirgisische Bevölkerung im zwanzigsten Jahrhundert tatsächlich durchlitten hat, einen Bärendienst. Ob sich der Regisseur darüber bewusst ist oder nicht, sein Film ermutigt eine Art Fatalismus, der die Menschen in dieser Region im Angesicht der heutigen Notlage nur entwaffnen kann.

Bruder 2 aus Russland ist die Fortsetzung des Originalfilms Bruder von 1997, in dem es um den Konflikt zwischen russischen Brüdern und Mitgliedern einer tschechischen Gangsterbande ging. Bruder 2 gilt zur Zeit beim russischen Publikum als Kinoschlager. Ungeachtet seines Erfolgs ist es ein erbärmliches Machwerk.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben viele osteuropäische Filme das Thema Ost-West-Migration aufgegriffen und die Erfahrungen der Menschen aus den ehemaligen stalinistischen Blockländern in Europa und Amerika behandelt. Solche Filme zeichnen heute ein immer negativeres Bild vom Westen. Die niederländisch-usbekische Koproduktion Blinder Passagier, die am Festival gezeigt wurde, ist ein solcher Film - eine lohnende, wenn auch nicht erschöpfende Behandlung der Erfahrungen usbekischer Flüchtlinge in Holland. Bruder 2 greift das gleiche Thema auf, benutzt es jedoch, um ungeschminkten russischen Chauvinismus zu verbreiten.

Zwei Russen reisen nach Amerika, um den Bruder des Jüngeren zu retten, der in die Hände der Mafia gefallen ist. Der Film lässt keine Gelegenheit aus, um ungezählte bösartige Kommentare und Witze über Rumänen, Frauen, Schwarze, etc. zu reißen. Amerika, wie es in Bruder 2 gezeigt wird, ist ein Land von Drogendealern und Zuhältern, welche ehrliche russische Mädchen zur Prostitution zwingen.

Der jüngere der zwei Brüder wird von Russlands bekanntestem Nachwuchsschauspieler, Sergej Bodrow jr., dargestellt. Seine Rolle im Film besteht zum Beispiel darin, klassische russische Gedichte gelassen zu zitieren, um unmittelbar darauf Gangster niederzumähen in gnadenlosen Gewaltszenen, wie sie sonst für Hollywoodproduktionen typisch sind. Amerikaner werden als hysterische (meistens schwarze), mit moderner Technik bis an die Zähne bewaffnete Gewaltverbrecher geschildert; die russischen Gangster dagegen, (obwohl der von Bodrow dargestellte Typ zu Beginn des Films noch Medizinstudent sein soll!) sind cool und erbarmungslos und verlassen sich auf die gute alte Kalaschnikow oder ein zaristisches Maschinengewehr. Bruder 2ist alles in allem ein ganz mieser Film, der derart voller nationalistischer und rassistischer Vorurteile ist, dass ich nicht in der Lage war, ihn bis zum Ende durchzustehen.

Andere Filme am Festival vermieden den offenen Chauvinismus von Bruder 2,aber dennoch fiel auf, wie viele davon sich unabhängig vom Thema dem nationalen politischen Establishment anbiederten. Ich will ist eine japanisch-usbekische Gemeinschaftsproduktion von 1997 und handelt vom Leben eines Arbeiters, der eines Tages entdeckt, dass er über magische Kräfte verfügt. Der Film zeigt, wie der Arbeiter versucht, mit seinen neuen Kräften zurechtzukommen und, während er langsam Übung gewinnt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. An einen im Grunde verwirrten Film wurde ein noch schlimmeres Ende gesetzt, bei dem der Protagonist seinen letzten Wunsch äußert: "dass ein Einwohner von Usbekistan der erste Mensch sein soll, der den Planeten Mars betritt". In einer peinlichen Schlussszene sehen wir einen schwerelosen Astronauten, der durch eine auffallend unechte Marslandschaft stolpert, um die usbekische Fahne auf einen kleinen Hügel zu pflanzen.

Sogar der Film Der Flug der Biene von Jamshed Usmonow, ein wirklich einnehmender, seit kurzem auch in Deutschland gezeigter Film, der sich mit den Sitten des modernen Tadschikistan auseinandersetzt, beginnt damit, dass die Hauptperson, ein Lehrer, mit seinen Erstklässlern die Nationalhymne absingt.

Drei gute Filme aus Turkmenistan und der tschechischen Republik

Einige Filme am Festival zeigten, was für ein Potential eigentlich im osteuropäischen Kino steckt. Zwei gute Filme von dem erfahrenen turkmenischen Regisseur Halmämmet Kakabayew wurden in Cottbus gezeigt. Sein jüngster Film Reue zeigt die Schwierigkeiten, die durch die Auflösung der Familien- und Gesellschaftsbande im modernen Turkmenistan entstehen. Sein Werk von 1988, Der Sohn, zeigt die Geschichte des Jungen Batyr, dessen Vater zum Militär eingezogen wird.

Der Vater war ein hervorragender Dudar-Spieler. Als er noch zu Hause war, ignorierte der Junge das Instrument; nun, da sein Vater weg ist, reizt es ihn, das Spiel dieses traditionellen und schwierigen Instruments, das einer Balalaika ähnelt, zu erlernen. Im Gegensatz zur mystischen Beschwörung von Mutter Erde in Die Milchstraße zeigt Der Sohn, wie Kultur, in diesem Falle Musik, eine starke Grundlage für die Konfrontation mit den Härten des Lebens bilden kann. In einer besonders zugespitzten Szene werden wir Zeuge, wie der jubelnde Batyr, der mit seinem Saitenspiel ein paar Stück Brot verdient hat, nach Haus zu seiner Mutter rennt und dabei die rundbauchige Dudar mit den Armen umfasst. Die Szene wird mit Schnitten unterbrochen, in denen sein Vater in einem schmutzigen, blutigen und sinnlosen Krieg in die andere Richtung stapft und dabei sein umfangreiches Maschinengewehr festhält.

Schließlich ist Wir müssen zusammenhalten, vom tschechischern Regisseur Jan Hrebejk, eine nachdenkliche und gut gemachte Schilderung der Zwangslage tschechischer Bürger unter deutscher Besetzung während des zweiten Weltkriegs. Die Hauptperson ist ein skurriler und gleichmütiger Held: Joseph räkelt sich am liebsten auf dem Sofa und liest Bücher. Das Leben im besetzten Böhmen verlangt jedoch eine gewisse Art von Konformismus. In einer lustigen Szene wird Joseph von seinem Bekannten Horst überzeugt, dass er sich mehr anstrengen muss um sich anzupassen. Horst bringt Joseph bei, wie er die gefrorene Maske der "unerschütterlichen Loyalität" auf sein Gesicht zaubert, was für das ruhige Überleben unter den neuen Herrschern ganz unerlässlich ist. Die Lage kompliziert sich für Joseph und seine Frau, als ein jüdischer KZ-Überlebender auftaucht und um Zuflucht bittet. Wir müssen zusammenhalten handelt von der Komplexität des Konformismus und der Kollaboration unter den Nazis und zeigt, dass menschliche Solidarität auch unter den drückendsten Umständen Wurzeln schlagen kann.

Wahrhaft zufriedenstellende Filme waren am diesjährigen Cottbuser Festival dünn gesät, so zum Beispiel Kakabayews Filme, welche die poetische Vision, die das zentralasiatische Kino entwickeln könnte, am stärksten enthalten. Das Festival brachte einmal mehr die Probleme und Hindernisse ans Licht, die Regisseure und Drehbuchschreiber lösen müssen, wollen sie das Erbe des Stalinismus im ehemaligen Ostblock bewältigen. Es ist natürlich nicht die Aufgabe der Filmemacher allein, die Ereignisse aufzuarbeiten, die dem Verrat an der Revolution von 1917 durch die stalinistische Bürokratie folgten. Aber die Tatsache, dass nur sehr wenige ernsthafte filmische Versuche unternommen wurden, um das Vorgefallene zu verstehen, ist ein Hinweis darauf, dass die Intelligenz in Russland und Osteuropa bisher ein ernsthaftes Studium ihrer eigenen Geschichte und der gesellschaftlichen Entwicklung im zwanzigsten Jahrhundert vermieden haben. Das ist keine geringe Frage und je nachdem, wie man sie beantwortet, wird dies in jedem Fall Auswirkungen darauf haben, welche ästhetischen und moralischen Werte sich im osteuropäischen Film durchsetzen werden.