Radikalität und Spießertum

Der Film "Der Krieger und die Kaiserin" von Tom Tykwer

Von Bernd Reinhardt
23. November 2000

Der Regisseur Tom Tykwer (Jahrgang 1965) hat bisher in seinen Filmen ein ausgeprägtes Talent für stimmungsvolle und suggestive Bilder unter Beweis gestellt. Dabei bedient er sich der Bildsprache von Video und Werbung samt der ihnen eigenen starken Verbindung zum Musikalisch-Rhythmischen. Mit "Lola rennt" (1998) glückte dem Regisseur eine Form, die ausschließlich diese Aspekte zur Geltung brachte. Der frische Film mit seinem treibenden Techno-Sound wurde ein internationaler Erfolg.

Tykwers Filme kranken jedoch an der Künstlichkeit ihrer Geschichte. Dabei ist das Grundthema nicht uninteressant. Junge Menschen beginnen ihr bisheriges Leben plötzlich in Frage zu stellen, wollen aus dem alltäglichen Trott ausbrechen, verspüren einen gewissen Lebensüberdruss. Sie erfüllt eine Sehnsucht nach etwas Bedeutendem, Elementaren, was alle Sinne ergreift und sie aus ihrer, ihnen belanglos erscheinenden Existenz herausreißt.

Während solche Stimmungen in der Realität immer sehr verschwommene und unbewusste Reflexionen auf konkrete Entwicklungen in der Gesellschaft sind, gerät Tykwer das Unbewusste zu einer geheimnisvollen, nicht fassbaren, autonomen Kraft, die das Individuum vor sich her treibt. An vielen Stellen wirken seine Filme daher abgehoben, märchenhaft-romantisch und verklärend, wozu schicksalsschwere, quälend lang stehende musikalische Klangflächen noch das ihre dazu beitragen. Sie vermitteln die Gewissheit, dass im bezug auf die Ewigkeit, Stillstand und Bewegung im Wesentlichen dasselbe sind.

Tykwers unernste Spielerei und Koketterie mit Zufall und Notwendigkeit erklärt sich wohl daraus, dass er nicht in der Lage ist, Entwicklungen und Gesetzmäßigkeiten aus dem Fluss des gesellschaftlichen Zusammenlebens heraus zu erkennen, und darum die Auffassung vertritt, das Leben des Einzelnen werde innerhalb des Rahmens eines "ordnenden Systems" durch lauter Zufälle bestimmt Er findet es spannend und faszinierend, das zu inszenieren. Bei "Lola rennt" konnte der Zuschauer erfahren, dass alles anders kommt, wenn sich nur ein Detail in der Kette festgelegter Vorgänge verändert. Diese Auffassung hat nichts mit der Dynamik des wirklichen Lebens zu tun, die sich oft hinter der gleichförmigen Oberfläche des Alltag verbirgt, kommt jedoch einem heutigen Zeitgefühl entgegen.

Auch in "Der Krieger und die Kaiserin" geht es um Figuren in einem gigantischen Spiel, wo der Zufall die Akteure so oft zusammenstoßen lässt, bis sie dies als Schicksal begreifen und sich fügen. Während der Film vorgibt, eine Liebesgeschichte zu sein, findet weder innerhalb der Hauptfiguren noch zwischen ihnen irgend eine wirkliche Form von Entwicklung statt. Sissi, die weibliche, behäbige Hauptfigur des Films, die immer irgendwie abwesend erscheint, hat manchmal etwas geradezu Marionettenhaftes.

Ihr Leben verlief bisher in geregelten Bahnen, die im wesentlichen vom Rhythmus ihrer Arbeit in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie bestimmt wurden. Dann fallen plötzlich die Dominosteine ihres Lebens in eine andere Richtung. Auslösender Impuls ist ein Verkehrsunfall und die Begegnung mit Bodo.

Der junge Unfallverursacher im Armeehemd, der sich im Kleinkriminellen-Milieu bewegt und zuletzt auf einem Friedhof als Sargträger arbeitete, scheint ständig auf der Flucht vor der Welt und sich selbst zu sein scheint. Er rastet leicht aus, absolviert in seiner Freizeit Nahkampfübungen und wohnt mit seinem Bruder in einer abgelegenen Hütte. Seit dem tragischen Tod seiner Frau, für den er sich verantwortlich fühlt, verfolgen ihn nachts regelmäßig Alpträume.

Unmittelbar nach dem Unfall versteckt er sich unter dem Tanklaster, der Sissi angefahren hat. Wie unter einer großen Glocke von der lärmenden Außenwelt abgeschirmt, ist er plötzlich allein mit ihr, in einer Welt der Stille, die jeden Atemzug erlebbar und bedeutungsvoll macht. Er vernimmt das Röcheln von Sissi, die keine Luft bekommt. Als Bodo zu einem Schnitt durch die Luftröhre ansetzt, entscheidet er über ihr Leben. Dabei rinnen ihm, Tränen über das Gesicht.

Jedes mal überkommt ihn dieses Gefühl der Ergriffenheit, wenn er diese konzentrierte Ruhe spürt, innerlich nicht auf der Flucht ist. Sissi dagegen spürt, als sie nach dem fürchterlichen Stoß des Lastwagens wieder zu sich kommt, ein Ausgeliefertsein, dem sie sich widerstandslos hingibt. Für Sissi verschmilzt das ganze Geschehen zu einem Erlebnis faszinierenden Totalität.

Von nun an ist ihr Leben anders. Aus dem Krankenhaus entlassen und davon überzeugt, dass Bodo und sie für einander bestimmt sind, begibt sie sich auf die Suche nach ihm. Doch dieser will Sissi nicht wiedersehen. Seit dem Tod seiner Frau hat sich das Thema Liebe für ihn erledigt. Er stößt Sissi brutal von sich, als sie plötzlich vor seiner Tür steht. Aber der Zufall, - oder ist es eine innere Seelengemeinschaft? -, führt sie immer wieder zusammen, bis es zur Katastrophe kommt. Nach einem Banküberfall werden beide von der Polizei gejagt und springen Hand in Hand vom Dach der Psychiatrie.

Tom Tykwer nennt diesen Sprung eine "Katharsis", also etwas wie eine befreiende Extase. Die Sehnsucht von Bodo und Sissi nach allumfassender Liebe und Leidenschaft, nach dem absoluten Gefühl, bläht sich zu etwas Göttlichen auf, in dem auch die Sehnsucht nach dem Tod noch ihren Platz hat.

Dieses Todesmotiv taucht schon in Tykwers anderen Filmen auf. In "Die tödliche Maria" lässt sich die Hauptfigur aus dem Fenster fallen in "Winterschläfer" fährt der Skilehrer in einen Abgrund. Während man ihn erst in die Weite und dann in die Tiefe schweben sieht, vernimmt man einen Strom überirdisch anmutender Klänge - Arvo Pärt. Der Zuschauer erlebt den Selbstmord als etwas Ästhetisches und Erhebendes. Auch Bodo und Sissi schweben in Zeitlupe sacht nach unten und plötzlich tut sich, oh Wunder, dort ein grüner See auf, wo vorher keiner war.

Die Kraft ihrer Liebe triumphiert über die Realität. Eine Art Wiedergeburt findet statt. Ein neues Leben, eine neue Chance beginnt. Der neue Bodo lässt sein altes zerrissenes Ich samt Alpträumen und Gewissensbissen hinter sich. Keinen Blick an die Vergangenheit verschwendend, wird er sich endlich den schönen Seiten des irdischen Daseins widmen können.

Die romantische Sehnsucht nach dem Wahren, erweist sich am Ende des Films als sehr gewöhnliche spießige Sehnsucht nach privatem Glück und Geborgenheit in einem abgeschiedenen Haus am Meer. Der Mut, Grenzen zu durchbrechen, offenbart sich als Mut, dieses Bedürfnis selbstbewusst geltend zu machen. Der Regisseur stellt sich schützend vor seine Hauptfiguren, indem er nicht vergisst mit der Kamera auf das nach wie vor Radikale im neuen Leben von Sissi und Bodo hinzuweisen. Das Häuschen steht auf einem hohen Felsen, nahe einem gähnenden Abgrund, - was allerdings auf gewissen südlichen Urlauberinseln nichts Besonderes ist.

Werden "der Krieger" und "die Kaiserin", in naher Zukunft, wenn die nicht sehr erhebende Realität der heutigen Welt ihre Sorglosigkeit zu stören beginnt, auch zu denjenigen gehören, die bei Kerzenschein mit Hilfe von Räucherstäbchen und Meditationsübungen ganz radikal um das Gleichgewicht ihrer inneren seelischen Mitte kämpfen, und dies umso mehr, je stärker in der äußeren Welt die gesellschaftliche Mitte aus dem Gleichgewicht gerät?

Tykwers Film ist ein aufgetürmtes Gebilde, aus dem am Ende eine unscheinbare graue Maus läuft.

Siehe auch:
Tom Tykwers neuer Film Lola rennt
(18. September 1998)