Lebensform oder sozialer Verfall?

Der Film Kanak Attack von Lars Becker

Von Bernd Reinhardt
13. Januar 2001

Viele Jugendliche der zweiten und dritten Einwanderergeneration sind nicht mehr bereit, wie ihre Eltern unauffällig in Deutschland zu leben. Sie beanspruchen einen öffentlichen Raum, der ihnen gehört. Deshalb verachtet der 25-jährige Ertan die "assimilierten Jungs", die "Streber", und hält der Welt stattdessen seine eigene Botschaft entgegen. "Wir sind die Kanaken, vor denen ihr Deutschen immer gewarnt habt. Jetzt gibt es uns, ganz eurem Bild und euren Ängsten entsprechend."

Vor einigen Jahren, gerade aus dem Gefängnis entlassen, schilderte der in Kiel lebende Ertan Ongun dem jungen Autor Feridun Zaimoglu sein bisheriges Leben: Erpressung, Raub, Diebstahl, Drogenkonsum und -handel. Aus diesem Gesprächsprotokoll entstand das Buch "Abschaum", abgefasst in der sogenannten "Kanak Sprak", dem Straßenjargon türkisch-kurdischer Jugendcliquen.

Der Regisseur Lars Becker hat Motive des Buches verfilmt. Der Streifen will, wie das Buch, das in der Vergangenheit arg strapazierte Bild des liebenswerten "ausländischen Mitbürgers" abschütteln, der im Leben ständig von engagierten, toleranten Deutschen gegen rassistische Vorurteile beschützt werden muss. Er präsentiert sein selbstbewusstes, kriminelles Gegenstück. Leider ersetzt er damit nur ein Schwarz-Weiß-Bild durch ein anderes.

Andere Filme bemühten sich, ihre in exotischen Vorurteilen behafteten Milieus in einer eher unromantischen Alltäglichkeit zu zeigen. Das gilt für Sönke Wortmanns St. Pauli Nacht wie für Thomas Arslans Dealer.Während die Hauptfigur in Arslans Film den Versuch unternimmt, aus ihrem Milieu auszubrechen, bedient Becker gängige Klischees und präsentiert die kleinkriminelle Welt eher als schrille, subkulturelle Lebensform, als eine Suche nach "Spaß", die jene melancholischen, aber selbstredend folgenlosen Momente mit einschließt, in denen dem Hauptakteur gleich einem tragischen Westernhelden bewusst wird, dass er sich selbst betrügt.

Besonders eine Szene bringt diese Lebensphilosophie, die den wesentlichen inneren roten Faden des Films abgibt, zum Ausdruck. Ertan rät seinem Onkel, der durch sein jahrelanges Bemühen, sich den kleinbürgerlichen Idealen seiner Umgebung anzupassen, psychisch zerrüttet in der Nervenheilanstalt gelandet ist, sich nicht weiterhin für verrückt zu halten, nur weil Geld, Mercedes und einmal im Jahr Urlaub nicht seine Lebensideale seien. Er selbst sei drogensüchtig und kriminell, hasse sich jedoch nicht deswegen, sondern sehe seine eigene Art zu leben wie eine unheilbare Krankheit, der man nicht entrinnen kann, mit der man sich daher gut stellt.

Pulsierende, poppige Musik und die aus Videoclips und Werbung bekannten kühlen Blautöne der Bilder geben den vielen übertitelten kleinen Storys das nötige Grundfeeling, auf dem die mit leichter Selbstironie durchwachsene, im wesentlichen komisch-unterhaltsame "Geschichte ohne Anfang und ohne Ende" erzählt wird. Ihre Figuren laufen schicksalhaft im Kreis und befinden sich, wie es im Film heißt, in einem permanenten "Ausnahmezustand". Zu Beginn wird Ertans Freund Faruk erschossen, zum Ende des Films sein Freund Kemal. So ist halt das Leben, und so wird es immer weitergehen, bis es einen selbst erwischen wird. Damit ist die Unterwelt fixiert, eine ewige Parallelwelt ohne innere Entwicklung, weitgehend autonom gegenüber der äußeren Welt, zwischen der als einziges Bindeglied die Polizei vermittelt - quasi eine andere Lebens- oder Kulturform.

Dass sich hinter den hohlen Posen der "Kanakster", wie Ertan und seine Kumpane sich selbst stolz bezeichnen, in Wirklichkeit nichts anderes steckt als ein durch soziale Entwurzelung hervorgerufenes Lebensgefühl, das sich vor allem durch brutalen, sozialen Egoismus äußert, geht dabei unter. Als sie den völlig unschuldigen Arzt brutal zusammenschlagen, der ihnen mitteilt, dass er ihren angeschossenen Freund nicht mehr retten konnte, vermag dies beim Zuschauer kaum Befremden auszulösen. Dem Film fehlt jede kritische Distanz zu Ertans Umfeld.

Überhaupt umschiffen die Filmemacher von Kanak Attack erfolgreich alle Klippen der Buchvorlage, die dazu hätte beitragen können, aus dem Streifen mehr als einen Unterhaltungsfilm zu machen, den das Berliner Kinoprogramm nur kurz als "Komödie, Thriller" charakterisiert.

In "Abschaum" äußert sich Ertan auch politisch. Ihm stellt sich die Welt des Geldes und des spießigen Anpassertums als etwas wesentlich Deutsches dar. Dem "lieben Hans" aus "Alymania" gilt seine ganze Verachtung. Auch ist er der Auffassung: "Heute geht es nicht mehr um Christiane F. und die ‚Kinder vom Bahnhof Zoo‘, sondern um die vielen Migrantenkinder." Grund genug für ihn, eine strikte Grenze zu ziehen zwischen allen Deutschen und seiner eigenen Welt.

Im Buch gibt Ertan eine Warnung an die Presse, ganz Kiel zu Kleinholz zu machen, wenn noch einmal ein Skinhead es wagt, eine türkische Frau zusammenzuschlagen, und begründet dies damit, dass "die Arschlöcher ... schon einmal die Juden vergast" hätten - die Deutschen. Gleichzeitig vertreten er und seine Kumpane Auffassungen, die sich nicht von denen rechter Schläger in "national befreiten Zonen" unterscheiden. "Jeder bellt auf seinem Müllhaufen", sagen sie und bringen den schwarzen "Nigger" um, der es gewagt hat ihr Revier zu betreten, statt daheim in der "Bronx" zu bleiben, wo er ihrer Meinung nach hingehört. Ihr Argument: Er habe sich hier anzupassen, sich ordentlich zu benehmen und keine türkischen Frauen anzumachen.

Der Film schneidet diese Begebenheit nur kurz an, wobei der reaktionäre Inhalt verloren geht. Die Geschichte ist nur unwesentlicher Bestandteil einer lustig dargestellten Diskussion darüber, ob es beim Gericht noch als Affekthandlung gilt, wenn eine kurze Pause zwischen dem ersten und allen nachfolgenden Schüssen erfolgt, oder bereits als Mord, da diese Pause ja als Denkpause gewertet werden könne. Den Bundeswehrsoldaten, der damals dem Gericht genau beschrieb in welcher Abfolge die Schüsse abgegeben wurden, verhöhnen sie als übereifrigen Denunzianten - im Buch wieder als typische Eigenschaft der "Arier" charakterisiert -, der sich wahrscheinlich wie in einem Abenteuerfilm vorgekommen sei.

Aus dem Buch "Abschaum" ist herauszulesen, dass Ertans sozial heruntergekommenes Umfeld unzweifelhaft einen Teil des Nährbodens darstellt, auf dem heute rechte Parolen Widerhall finden. Die Filmemacher ignorieren dies. War es ihnen zu aufwendig und unbequem, sich mit dem Widerspruch auseinander zu setzen, dass junge Migranten, die es nicht dulden, als Ausländer diskriminiert zu werden, ebenso wenig wie die Dominanz einer sogenannten deutschen oder türkischer Kultur anzuerkennen, trotzdem zu Rassismus fähig sind?

Der Film hätte die Möglichkeit geboten, näher und differenzierter als das Buch es auf Grund seines protokollarischen Charakters tun konnte, zu beleuchten, wie soziale Verwahrlosung eine beschränkte Ghettomentalität erzeugt, die, sich als selbstbewusste alternative Lebensweise gebärdend, ein ideales Klima für die Entstehung aller möglicher reaktionären Anschauungen schafft. Der Film verstärkt jedoch im Gegenteil den Eindruck, als ob die kriminelle Unterweltwelt, die ihre komischen bis lächerlich-kleinbürgerlichen Seiten hat, eine Art anarchistische Gegenkultur gegenüber der behäbigen bürgerlichen, oder wie Ertan im Buch sagt, "Nullachtfuffzehngesellschaft" darstellt.

Unabhängig von Religion, Kultur und Staatsbürgerschaft sind von der heutigen sozialen Polarisierung immer breitere Bevölkerungsschichten betroffen, was radikale Konsequenzen nach sich ziehen wird, welche die gesamte Gesellschaft betreffen. Der in den neunziger Jahren spielende Film Kanak Attack ist vor diesem Hintergrund alles andere als zeitgemäß. Er speist sich offenbar aus dem hartnäckig weiterexistierenden Geist der Ära davor, in der, abgesehen von einigen Randproblemen, die Welt im Gleichgewicht zu sein schien.

Dazu passt, dass vor einiger Zeit der junge Hauptdarsteller des Films Luke Piyes in der TV-Talkshow von Biolek dem gesetzten und sichtbar gerührten Publikum ein kleines, von ihm in seiner Heimatstadt Köln ins Leben gerufenes soziales Projekt vorstellte, das Menschen wie Ertan Gelegenheit bieten soll, wenigstens am Wochenende von der Straße wegzukommen, indem sie die Möglichkeit erhalten, gemeinsam mit Polizisten in einer Turnhalle Basketball zu spielen.