Post AG und Gewerkschaft senken Löhne für befristet Beschäftigte

Von Jörg Victor
5. Januar 2001

Die Deutsche Post World Net und die Postgewerkschaft DPG haben einen neuen Manteltarifvertrag vereinbart, der sich bei der Entlohnung der Arbeiter an den "branchenüblichen" Löhnen orientieren soll. Dies bedeutet für die betroffenen Menschen Einkommensverluste von bis zu 25 Prozent des Nettolohns!

Lag der bisherige Einstiegslohn für Arbeiter bei etwas über 19 DM, der in regelmäßigen Abständen automatisch anstieg, so bekommt jeder Arbeiter, der einen Arbeitsvertrag mit Beginn des neuen Jahres unterzeichnet, nunmehr noch 17 DM in der Stunde. Dabei entfallen die automatischen Lohnerhöhungen, die an die Dauer der Unternehmenszugehörigkeit und das Alter gekoppelt waren, gänzlich. Einzige Möglichkeit zur Steigerung des Einkommens bildet ausgeprägtes Duckmäusertum sowie die Übererfüllung der Norm, denn jeder Niederlassung stehen bestimmte finanzielle Mittel zu, die sie nach Benotung jedes Arbeiters an diese ausschütten kann - selbstverständlich mehr Geld bei besserer Benotung durch den Dienststellenleiter und keines bei schlechter Beurteilung.

Doch damit nicht genug. Dem neuen Tarifvertrag für Arbeiter fielen auch die bisherigen Sozialzulagen für Verheiratete und/oder Eltern zum Opfer, die ebenfalls ersatzlos gestrichen wurden. Dabei trifft diese Lohnsenkung nicht nur - wie bisher von den Beschäftigten angenommen - die neu beim Unternehmen angestellten Arbeiter. Vielmehr sind alle, die bisher mit befristeten Verträgen bei der Post beschäftigt waren, betroffen. Denn praktisch endete jeder befristete Vertrag mit dem Ende dieses Jahres und jeder befristet Beschäftigte gilt daher ab diesem Jahr als neuer Beschäftigter.

Somit verlieren gerade die, die am dringendsten auf dieses Geld angewiesen sind - Menschen, die eine Familie zu ernähren haben - bis zu 600 DM ihres bisherigen Nettoeinkommens. Insgesamt trifft diese massive Lohnkürzung 33.000 Arbeiter, die noch dazu durch ihre befristeten Verträge ohnehin keine sichere finanzielle Lebensgrundlage besitzen.

Die Postgewerkschaft, die diesen Tarifvertrag aushandelte, unternahm erst gar keine Versuche, mit den Arbeitern im Vorfeld über die kommende Maßnahme zu diskutieren. Die DPG behandelte sie, wie das Unternehmen auch, als Verschlusssache. Erst kurz vor Jahresende wurde die bereits längst beschlossene Senkung der Löhne öffentlich gemacht. Wie alle anderen Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen und -zeiten stellt die Gewerkschaft auch diesen Angriff als unumgänglich hin und versucht, ihn als taktischen Erfolg zu verkaufen. So brüstet sie sich in ihrer Zeitschrift transparent, den Verschlechterungen stünden Verhandlungserfolge wie die zeitlich befristeten Verbote betriebsbedingter Kündigungen und Vergabe von Zustellbezirken an Konkurrenzunternehmen (die sogenannte Fremdvergabe) gegenüber. Letztendlich seien sowohl Unternehmen als auch die Gewerkschaft zu diesem Tarifvertrag gezwungen gewesen, denn die neuen Löhne orientierten sich an den "branchenüblichen Einkommen".

Dagegen allerdings stehen die bisherigen Erfahrungen mit dem (nun) börsennotierten Unternehmen, das bisher in keiner Phase des massiven Arbeitsplatzabbaus - 140.000 von ehemals 380.000 Stellen - auf das Mittel der betriebsbedingten Kündigung angewiesen war. Auch im kommenden Jahr gedenkt die Post, über 30.000 weitere Arbeitsplätze abzubauen - ohne betriebsbedingte Kündigungen.

Ebenso verhält es sich mit dem Argument der Branchenüblichkeit. Wer, wenn nicht die Deutsche Post World Net, sollte die branchenüblichen Kriterien aufstellen? Das Unternehmen beschäftigt allein doppelt so viele Arbeiter in befristeten Arbeitsverhältnissen (33.000), wie alle Konkurrenzunternehmen in der gesamten Bundesrepublik Beschäftigte haben (16.000). Erst mit Inkrafttreten des neuen Tarifvertrags bei der Post werden diese Hungerlöhne "branchenüblicher Standard".

Auch die Versuche, Keile in die Belegschaft zu treiben, indem am Jahresende an einige Wenige Prämien ausgeschüttet werden oder Arbeiter für die gleiche Arbeit deutlich mehr verdienen als ihre befristet beschäftigten Kollegen, werden ab dem 1. Januar "branchenüblicher Standard". Die Deutsche Post offenbart sich auch bei der Senkung der allgemeinen Arbeitsbedingungen als Motor der Entwicklung und ist keineswegs ihr Opfer.

Siehe auch:
Der Börsengang der Deutschen Post
Teil 1: Vom nationalen Monopolisten zum Global Player

(14. November 2000)
Teil 2: Die sozialen Kosten des Börsengangs
( 15. November 2000)
Teil 3: Die Liberalisierung und ihre Auswirkungen
( 16. November 2000)