51ste Berlinale: Teil 3

Ungeklärte historische Fragen

Von Bernd Reinhardt
6. März 2001

Der Abschlussfilm der jungen Absolventin Branwen Okpako, "Dreckfresser", berichtet über das tragische Schicksal eines ehemaligen schwarzen Polizisten aus Sachsen und offenbart dabei einiges über rassistische Stimmungen in der DDR. Okpako erklärte, der Film gebe nur ihre subjektive Meinung wieder: "Ich steh nicht auf Filme, die versuchen die Wahrheit zu sagen. Das ist nicht möglich, denn Film ist etwas Gemachtes."

Von den zwanzig auf dem Festival gesehenen Filmen - die meisten davon liefen beim 31. Forum des jungen internationalen Films - setzten sich nur wenige in einer wirklich ernsthaften Art und Weise mit Problemen der Vergangenheit und Gegenwart auseinander. Es war zu spüren, dass einige Regisseure die Unsicherheit und Unkenntnis über bestimmte historische Fragen der jüngeren Vergangenheit dadurch kompensierten, dass sie an die Einschätzung komplexer gesellschaftlicher Entwicklungen einen rein subjektiven Maßstab anlegten, der, auf eigenen unmittelbaren Erfahrungen beruhend, sie dann zu fragwürdigen Verallgemeinerungen führte. Einige Filmemacher vertreten offenbar die Ansicht, dass ihr "subjektives Auge" und die objektive Realität zwei Dinge sind, die im Wesentlichen nicht viel miteinander zu haben.

Spielfilme

Bei "My Sweet Home", dem einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag in diesem Jahr, gewinnt man den Eindruck, der junge, in Athen geborene Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Filippos Tsitos (geb. 1966) habe in seinem ersten Spielfilm nur Banales zur heutigen Zeit zu sagen. Es geht um junge Leute Mitte zwanzig, deren Leben bisher ausschließlich von Spontaneität regiert wurde. Eine zufällig zusammengewürfelte Gesellschaft lernt sich auf einem improvisierten Polterabend in der Kneipe kennen. Sie kommen aus allen möglichen Ländern und sind in Berlin gestrandet. Spontan und ungebunden wollten sie sein, weit weg reisen, denn überall ist es schöner als zu Hause, sich nie festlegen. Einer hat inzwischen sein Wirtschaftsstudium in Berlin abgebrochen, um ein Schauspielstudium zu beginnen. Jetzt droht ihm plötzlich Abschiebung. Bei anderen ist schlicht und einfach das Geld alle. Eine Wette bewirkt, dass sie beginnen ihre Eltern anzurufen. Sie fühlen es als persönliche Befreiung endlich zugeben zu können, dass ihre Träume gescheitert sind. Die Devise heißt jetzt: Wieder nach Hause.

Offenbar soll der Zuschauer aus diesem Film lernen, wie wichtig es im gegenwärtigen Leben ist, Niederlagen als Siege aufzufassen. Damit das leichter fällt, spielt eine tschechische Romakapelle den ganzen Film über eine schräge, leidenschaftliche Musik. Am Schluss werden die Akteure des Films mit gutem Gefühl und Selbstbewusstsein in der Lage sein, zu dem langweiligen Leben zurückzukehren, dem sie einst eine andere Lebensweise entgegensetzen wollten. Damit diese Bankrotterklärung nicht allzu offensichtlich wird, weist der Schluss des Films noch einmal betont darauf hin, dass Spontaneität und Radikalität in ihrem weiteren Leben nach wie vor eine große Rolle spielen werden. Schließlich kennen sich der junge Mann aus Kalifornien und seine deutsche zukünftige Braut, die ihn nach Amerika begleiten wird, erst seit wenigen Wochen.

"Mein langsames Leben" von Angela Schanelec (geb. 1962) könnte man als Fortsetzung von "My Sweet Home betrachten" Die jungen Menschen sind zwischen zwanzig und Anfang dreißig, in der Mehrzahl freiberuflich tätig und verdienen nicht schlecht. Man kennt sich lange, trifft sich spontan und erzählt von der Arbeit, Familie und von beruflichen Zukunftsplänen. Doch im Wesentlichen interessiert sich keiner mehr wirklich für den anderen, weil jeder für sich unzufrieden ist mit seinem Leben und das jeweils vor dem anderen verbergen will.

Routine beherrscht ihren Alltag. Routine sind die Begrüßungsküsschen und die Abschiedsfloskeln untereinander, die netten Gespräche, die geübt in eine andere Richtung gelenkt oder abgebrochen werden, sobald sie sich jenem Thema nähern, das alle bewegt und das alle fürchten. Ihr Leben dreht sich im Kreis. Sie wollen eine Veränderung, gleichzeitig haben sie vor nichts mehr Angst als vor Veränderungen. Die Hauptfigur, eine Architekturstudentin, die noch allein lebt, kann die in ihr schlummernden Sehnsüchte und Leidenschaften nur freisetzen, wenn sie tanzt.

Dass der Film, der sehr detailliert beobachtet und dazu nah an die Figuren herangeht, für deren Seelenqualen aber nur Verständnis zeigt, ohne weiter gehende Fragen aufzuwerfen, macht ihn unbefriedigend. Zumal in der Gegenwart viele jüngere Menschen, die ihr Leben als leer und sinnlos empfinden, ähnliche Probleme haben. Davon zeugte nicht zuletzt der große internationale Erfolg von "American Beauty" vor einiger Zeit, wenn der Film selbst auch große Schwächen hatte.

"Berlin is in Germany" zeigt, dass der junge Regisseur und Drehbuchautor Hannes Stöhr (geb. 1970) mit einer guten Grundidee offenbar nicht viel anfangen konnte. Ein Mann, der kurz vor der Wende in der DDR seine Gefängnisstrafe antritt und nach elf Jahren entlassen wird, trifft plötzlich auf eine Welt, die sich seitdem vollkommen verändert hat. Der Film nutzt die potentiellen Möglichkeiten, die in dieser interessanten Grundkonstellation stecken, nicht aus. Das oberflächliche Ergebnis ist stark angelehnt an jene Unterhaltungsfilme, in denen ein Provinzler vom Lande zum ersten Mal in die Großstadt kommt und dann mit dem Fahrkartenautomaten nicht klarkommt und von vielen piepsenden Handys irritiert wird.

"Der schöne Tag" von Thomas Arslan (geb. 1962) distanziert sich wohltuend von persönlicher Nabelschau und einer fatalistischen Haltung, die besonders bei etlichen Dokumentarfilmen zu beobachten war. Der Film wird extra besprochen.

Dokumentarfilme

Der in Bukarest geborene Regisseur Thomas Ciulei (geb. 1965), der in dem deutschen Dokumentarfilm "Asta e" sehr beeindruckend die Armut in der Donaudelta-Region Rumäniens schildert, erklärte nach der Vorstellung sinngemäß auf eine entsprechende Frage, dass er bewusst die Leute in seinem Film nicht animiert habe, vor der Kamera politische Äußerungen abzugeben. Jeder könne an Hand der konkreten Bilder sehen, dass es ihnen schlecht geht. Was sollte man da noch sagen oder fragen? Eine weitere Frage nach den möglichen Ursachen der großen Armut in Rumänien beantwortete er mit Worthülsen wie "Kommunismus" und "Postkommunismus". Es werde noch schlimmer kommen, denn jetzt seien die "Kommunisten" wieder an der Macht. Passend dazu heißt der Titel des Films: "So ist es nun mal".

Das meint offenbar auch die polnisch-französische Koproduktion "Götter von Hammer und Sichel". Die historische Geschichte scheint dem weißrussischem Regisseur Jurij Chaschtschewatskij wie eine Kette von Unsinnigkeiten und Absurditäten vorzukommen, die man nicht verstehen, über die man nur lachen kann.

Der Film geht der nicht uninteressanten Frage nach: Wie kommt es, dass derzeit in Russland eine so starke Hinwendung zur Religion zu verzeichnen ist? Der Dokumentarfilm beginnt damit, wie sich der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche mit dem weißrussischen Staatspräsidenten Lukaschenko trifft. Demonstranten, die sich angesichts dieser Komplizenschaft zwischen Staat und Kirche empören, werden von der Polizei zusammengeknüppelt. Zum Schluss zeigt der Film, bewusst an die erste Szene erinnernd, ein Treffen zwischen dem Staatschef und Boris Jelzin. Dabei lässt der Regisseur keinen Zweifel daran, dass er beide Politiker für Ganoven hält. Dazwischen versucht der Film eine historische Brücke zu spannen, um zu untermauern, dass alle russischen Herrscher die Religion und den Glauben des Volkes stets für den Erhalt der eigenen Macht ausnutzten. Es beginnt bei "Väterchen Zar", setzt sich dann fort mit Lenin und Stalin, zwischen denen es offenbar in dieser Frage nie Differenzen gab, dann folgen Chruschtschow, Breschnjew und deren Nachfolger bis hin zur Gegenwart. Dazwischen philosophiert ein Totengräber, der inzwischen fast das ganze alte Politbüro unter die Erde gebracht hat, über Gott, die Welt und über religiöse "Kommunisten".

Auf die scheinbare Sinnlosigkeit der menschlichen Geschichte weist auch der deutsche Dokumentarfilm "Berlin Babylon" von Hubertus Siegert (geb. 1959) hin. Dazu begibt sich der Filmemacher an die Großbaustellen Berlins, wo jene protzigen Bauten entstehen, die das Berlin des neuen Jahrtausends repräsentieren sollen. Der Film zeigt, dass alles in der Welt vergänglich ist. Das belegt unter anderem eine historische Aufnahme von der Sprengung des alten Lehrter Zentralbahnhofes, der auch einmal für die Ewigkeit gebaut schien. Schon Heraklit stellte fest, dass "alles fließt". Die zentrale Aussage des Film kommt jedoch in einem Zitat des deutschen Philosophen, Essayisten und Kritikers Walter Benjamin zum Ausdruck, wonach die Geschichte nur aus einer Reihe von Katastrophen besteht, einem ewigen Wechsel von Aufbau und Zerstörung.

Ähnliche philosophische Plattheiten beinhaltet der Dokumentarfilm von Hartmut Bitomsky (geb. 1942) "B-52" über jenes Bombenflugzeug, das im Vietnamkrieg, sowie im Golf- und Kosovokrieg eingesetzt wurde. Junge amerikanische Luftwaffenrekruten erklären technische Einzelheiten ihrer Maschine, die noch heute das Rückgrat der US-Luftwaffe ist. Erinnerungen amerikanischer Bomberpiloten werden den Erinnerungen damaliger vietnamesischer Kämpfer der Flugabwehr gegenübergestellt. Der Zuschauer sieht, wie die B-52 in der Wüste verschrottet werden und noch ihre letzten Einzelteile Verwertung finden. Schließlich erlebt er mit, wie eine moderne Boeing 777 in einer riesigen Halle gebaut wird. Nur eine hochentwickelte Gesellschaft ist in der Lage, eine solche technologische Meisterleistung zu vollbringen.

Der Film läuft letztlich auf die Erklärung hinaus, dass hohe Zivilisation und Gewalt immer Hand in Hand gehen, dass das eine ohne das andere nicht möglich ist. Der Film endet mit der fragwürdigen Aussage eines amerikanischen Künstlers, der aus Schrottresten des B-52 Skulpturen herstellt und mit Vorliebe Bombenflugzeuge zu malen scheint. Man hätte - erklärt er sinngemäß - das Recht, in Amerika 40 Sorten Cornflakes zu haben. Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass dies nur auf der Grundlage von Gewalt möglich gewesen sei.

Gerade der letzte Film gibt ein Beispiel, wie eine auf den ersten Blick nur lächerlich anmutende Zivilisationskritik plötzlich einen sehr reaktionären Inhalt offenbart. Was bei "Berlin Babylon" noch hohl und belanglos erscheint, erweist sich bei "B-52" als eine "Philosophie", die durchaus in der Lage ist als ideologische Rechtfertigung einer aggressiven amerikanischen Außenpolitik herzuhalten, obwohl der Regisseur das mit Sicherheit nicht beabsichtigt hat.

Dass eine oberflächliche Herangehensweise an Geschichte und Gegenwart Konsequenzen hat, zeigt auch der ungarische Dokumentarfilm "Kinder, Kosovo 2000" von Ferenc Moldoványi (geb. 1960).

Er berichtet über die verheerenden Auswirkungen des Kosovokrieges auf die Kinder, die unschuldigsten Opfer des Krieges, wie der Regisseur erklärt. Albanische und serbische Kinder erzählen, was sie erlebt haben. Teilweise mussten sie miterleben, wie ihre Eltern, Geschwister und andere Verwandte getötet wurden. Der Film wirkt wie ein Requiem, wozu die Musik stark mit beiträgt.

Nach der Vorstellung sagte der Regisseur, er halte das Eingreifen der NATO im Wesentlichen für richtig, man hätte den ethnischen Auseinandersetzungen viel zu lange zugesehen. Die Frage, ob nicht das Eingreifen der NATO die Konflikte erst richtig angefacht hätte, verneinte er und verwies auf eine 600 Jahre alte Tradition, die nach Tito fortgesetzt worden sei.

Der Verweis auf jahrhundertealte Traditionen entspricht im Grunde genommen der Kriegspropaganda aller Konfliktparteien auf dem Balkan, die sich gleichermaßen um solche Mythen bemühen, um zu "beweisen", dass der jeweils eigene nationalistische Krieg dadurch gerechtfertigt sei. Die Tatsache, dass der größte Teil der Künstler, die sich nach dem Angriff der NATO im März 1999 öffentlich zu Wort meldeten, entweder die Kriegspropaganda der NATO direkt unterstützten oder für ein Eingreifen der UNO plädierten, unterstreicht, wie notwendig und gleichzeitig, wie wenig entwickelt in der heutigen Zeit unabhängiges, kritisches Denken ist.

Die fatalistische Haltung, die in vielen der gesehenen Filme gleichermaßen zum Ausdruck kommt, ist ein Hinweis darauf, dass die einzelnen Werke trotz ihres jeweils individuellen Blickwinkels in ihrer Gesamtheit noch etwas anderes vermitteln. Sie widerspiegeln die Reaktion bestimmter intellektueller Schichten der Gesellschaft auf objektive gesellschaftliche Vorgänge. Offenbar sitzt der Schock über die dramatische Entwicklung der letzten zehn Jahre, die damals nur wenige für möglich gehalten und noch weniger voraus gesehen hatten, tief.

"Der Engel der Geschichte hat das Antlitz der Vergangenheit zugewandt. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft..."

Kurz nachdem Walter Benjamin diese Zeilen schrieb, beging er, auf der Flucht vor den Nazis, 1940 Selbstmord. Seine persönliche Situation war verzweifelt. In jener Zeit empfanden viele kritische Intellektuelle ebenfalls eine gesellschaftliche Ausweglosigkeit, die, ähnlich wie heute, mit ungeklärten historischen Fragen zusammenhing. Sie betrafen damals den Aufstieg des Faschismus in Europa und die politische Degeneration der Sowjetunion durch den Stalinismus. Viele Intellektuelle, die zunächst die Gefahr des Faschismus unterschätzt hatten, vermeinten, entsetzt nach Ausbruch des Krieges, das stalinistische Regime gegen Hitler unterstützen zu müssen. Es erschien ihnen die einzige Möglichkeit zu sein, ein faschistisches Europa zu verhindern. Gleichzeitig war ihnen aber bekannt, dass die stalinistische Bürokratie alle linken Kritiker ihres Regimes umbrachte und noch 1939 ein Bündnis mit Hitler geschlossen hatte.

Der Stalinismus als Stabilitätsfaktor in der Nachkriegszeit führte dann dazu, dass die theoretischen Konzeptionen der damaligen linken Opposition, gegen die sich Stalins Schauprozesse richteten, wenig Gehör fanden. Wie sich das damit verbundene geistige Klima auf kritische Künstler folgender Generationen in der DDR auswirkte, deren Opponieren gegen das SED-Regime nie über beschränkte Formen des Protestes hinaus ging, verspürt man noch etwas in dem Film "Konzert im Freien" von Jürgen Böttcher, der ebenfalls extra besprochen wird.

Ein interessanter Dokumentarstreifen, der sich mit dem Zusammenhang zwischen persönlichem Schicksal und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzt, ist "Danach hätte es schön sein müssen" von Karin Jurschick (geb. 1959). Der Ausgangspunkt des Films ist sehr persönlicher Natur. Die Regisseurin geht der Frage nach: Warum hat sich meine Mutter 1974 das Leben genommen? Die Filmemacherin führt darüber Gespräche mit ihrem Vater. Er hätte damals eine viel zu junge Frau geheiratet, räumt dieser heute ein. Er ist sich ansonsten jedoch keiner persönlichen Schuld bewusst. Der Film kommt zu dem Schluss, dass es keinen unmittelbaren Grund gab, und dass ein solcher ohnehin nur als kleiner Teil der ganzen Wahrheit zu betrachten wäre. Die Regisseurin hebt das Schicksal ihrer Mutter von einer persönlichen auf eine gesellschaftliche Ebene und vermittelt dem Publikum ihren inzwischen über 90 Jahre alten Vaters als eine historische Figur, deren Persönlichkeit sich zusammen mit der Gesellschaft entwickelt hat.

Der herausragende österreichische Film "Spiegelgrund" wird noch extra besprochen.

Siehe auch:
Eine elende Strapaze: Europäische Filme beim diesjährigen Berliner Filmfestival
(2. März 2001)
Weitere Filme der Berlinale
( 3. März 2001)