51ste Berlinale: Teil 5

Asiatische Filme beim Berliner Filmfestival

Von Stefan Steinberg
17. März 2001

Eine Reihe von asiatischen Filmen gehörten zu den besten und provozierendsten Beiträgen, die das diesjährige Berliner Filmfestival zu bieten hatte.

Beijing Bicycle von Wang Xiao-shuai

Wang Xiao-shuai ist Mitglied der sogenannten "sechsten Generation" chinesischer Filmemacher, die anerkennen, dass sie dem taiwanesischen Film und vor allem dem Werk des taiwanesischen Regisseurs Hou Hsiao-hsien viel zu verdanken haben. In seinem jüngsten Werk nimmt Wang ein Thema auf, das er bereits vorher behandelt hat (vor allem in So Close to Paradise, 1995): die Erfahrungen eines Jugendlichen aus der Provinz, der in der Großstadt Tritt zu fassen versucht. Beijing Bicycle gewann den zweiten Preis (Silbernen Bären) der Berlinale, und die zwei Hauptpersonen des Films erhielten die Auszeichnung für die besten Nachwuchsschauspieler.

Kaum angekommen in Peking hat Guo das "Glück", eine Arbeit als Fahrradkurier zu finden. In der Eröffnungsszene des Films sehen wir die Reihen herausgeputzter neuer Rekruten der Kurierdienstfirma, die neben ihren glänzenden neuen Fahrrädern stehen. Der Manager der Firma erklärt seinen versammelten Arbeitern stolz und streng, dass die Firma, weil sie großen Wert auf Professionalität legt, jedem Kurier eine Dusche, einen Haarschnitt, eine neue Uniform und ein stabiles, modernes Mountainbike besorgt hat. Der Boss erklärt den Vertrag, der an feudale Verhältnisse erinnert und den Arbeiter an die Firma bindet. Die Firma erhält 80 Prozent dessen, was der Kurier verdient, von den verbleibenden 20 Prozent sollen die Arbeiter die Kosten für ihr Fahrrad in Raten abbezahlen. Der Boss zeigt auf einen riesigen Stadtplan Pekings, der an der Wand hängt. Ihr erster Auftrag sei, alle Straßen auswendig zu lernen! Guo und seine Kollegen sind die neue Generation von Rikscha-Kulis.

Guo beginnt seine Arbeit im verwirrenden Chaos der Straßen Pekings. In einer vergnüglichen Szene fährt er zu einem Luxushotel, um ein Paket von einem Kunden abzuholen. Er betritt die Lobby und fragt nach dem Kunden, der einen sehr verbreiteten chinesischen Namen trägt. Ihm wird gesagt, dass der Mann in der Sauna auf ihn warte. Mit großen Augen durchquert Guo die luxuriöse Ausstattung des Hotels. Am Eingang der Sauna wird er gebeten, seine Schuhe und Kleidung abzulegen, und dann zu den Duschen geschickt. Nachdem er geduscht hat, wird er schließlich zu seinem angeblichen Kunden geschickt und genießt eine Massage mit den anderen Mitgliedern der chinesischen kapitalistischen Elite. Allerdings hat er unter dem richtigen Namen einen falschen Mann gefunden.

Guo wird schroff hinausgeschickt, zieht sich an und geht zurück zur Hotellobby, um endlich seinen Kunden zu finden. Er hat Zeit verloren und, noch schlimmer, die Rezeption besteht darauf, dass er für die Dusche bezahlen soll - einen Preis, der mehreren Wochenlöhnen entspricht. Er versucht wegzulaufen, wird aber von den Sicherheitskräften des Hotels abgefangen. Auf wunderbar leichte Art zeigt Xiao-shuais Behandlung der gesamten Szene ein vernichtendes Bild der Kluft zwischen Reich und Arm im derzeitigen China.

Unter dem feudalen System besaß der Bauer sein eigenes Stück Land. Alles, was Guo im modernen China hat, ist sein Fahrrad. Der Verlust seines Fahrrads bedeutet den Verlust seiner Arbeit, seines Einkommens und Mittels zum Überleben. Als das Fahrrad zuerst gestohlen und dann von ihm zurückerobert wird, wirft Guo seine gesamte Lebensenergie in den Kampf, um hartnäckig sein Fahrrad zu verteidigen. Ein Thema, das bloß banal hätte sein können, entwickelt sich zu einer eindrucksvollen Geschichte über die Versuche Guos, den Anforderungen der Großstadt gerecht zu werden, und wirft dabei ein Licht auf den extremen Konkurrenzdruck, der auf der jungen Generation der Arbeiter und Studenten lastet.

Wangs Arbeiten haben schon früher zu Problemen mit den chinesischen Autoritäten geführt. So Close to Paradise wurde von der chinesischen Zensur drei Jahre lang zurückgehalten. Obwohl Wangs neuer Film bereits seit einiger Zeit fertig gestellt ist, wartet er noch auf die Billigung des chinesischen Filmbüros. Mit oder ohne Genehmigung der Autoritäten bestätigt Beijing Bicycle die derzeitige Vitalität des Films in verschiedenen Regionen des asiatischen Subkontinents.

Das Ufer der Frauen ohne Männer von Luu Trong Ninh

Besondere Aufmerksamkeit galt auf dem diesjährigen Berliner Filmfestival neuen Filmen aus Vietnam. Besonders interessant waren eine Reihe von Filmen, die von den zwei Kriegen in Vietnam handeln, dem ersten gegen die französische Kolonialmacht (1946-56) und dem zweiten gegen die amerikanische Aggression. Die breite Mehrheit der vietnamesischen Filme, die sich mit diesen Kriegen auseinander setzen, betonen das Heldentum der vietnamesischen Soldaten. Luu Trong Ninh lenkte mit seinen zwei Filmen beim Festival die Aufmerksamkeit auf die Rolle vietnamesischer Frauen im Krieg. Die Kreuzung bei Don Loc (Nga ba don loc) handelt von einem Team junger Frauen, die die Aufgabe haben, amerikanische Blindgänger zur Detonation zu bringen. Der 1997 gedrehte Film setzt die Spontaneität und Lebendigkeit der Frauen in Kontrast zum unheilvollen Wesen ihrer Arbeit. Luu Trong Ninhs jüngster Film Das Ufer der Frauen ohne Männer (Ben Khong Chong) handelt von der Drangsal vietnamesischer Frauen, die seit fast zwei Generationen in Dörfern ohne Männer leben, und ist eine viel nüchternere Behandlung der Kriegsfolgen für normale Vietnamesen.

Van, die Hauptperson in Das Ufer der Frauen ohne Männer, kehrt als junger Mann und Kriegsheld nach dem Krieg gegen Frankreich in sein Dorf zurück. Die älteren Frauen im Dorf haben alle ihre Männer im Krieg verloren. Die jungen Männer, die für die jungen Frauen des Dorfes zu haben wären, werden bald in einen neuen Krieg geschickt. Das traditionelle Leben in Vietnam beruhte stark auf der Familie, nun müssen sich die jungen Frauen darauf einstellen, dass sie wahrscheinlich ein Leben ohne Ehemann führen müssen. Ihre Mütter werden keine Enkelkinder haben. Van fühlt sich zur Kriegswitwe Nhan hingezogen, aber sie ist eine ehemalige Landbesitzerin und die Enteignung des Landes ist in vollem Gange - eine Beziehung zwischen dem Kriegshelden Van und der ehemaligen Landbesitzerin ist unmöglich. Der einzige Mann des Dorfes wird bei seiner Partnerwahl enttäuscht.

Mit einem Minimum an Dialogen zaubert Luu Trong Ninhs aufmerksame Kamera Bilder von Menschen hervor und eine Szenerie, die die grimmige Entschlossenheit ausdrückt, mit der die Dorfbewohner versuchen, sich mit ihrem Schicksal zu arrangieren. Vielleicht das aufschlussreichste Bild im Film ist das einer alten Frau des Dorfes, die buchstäblich zweifach gekrümmt ist - ihren Rücken unter der Last gebeugt, waren vietnamesische Frauen gezwungen den Krieg zu schultern.

Joint Security Area von Park Chan Wook

In Bezug auf Zuschauerzahlen ist Park Chan Wooks neues Werk Joint Security Area der populärste und erfolgreichste Film in der Geschichte des südkoreanischen Kinos; er lockte in Südkorea mehr Menschen ins Kino als die jüngsten Kassenschlager aus Hollywood. Thema des Films ist die Teilung zwischen Nord- und Südkorea. Ort der Handlung ist die Joint Security Area (JSA), ein Kreis mit einem Durchmesser von 800 Metern in der entmilitarisierten Zone, die Norden und Süden voneinander trennt. Seit ihrer Einrichtung 1954 nach dem blutigen Koreakrieg und einer Reihe von Zwischenfällen und Provokationen, die zu Schusswechseln zwischen den beiden Seiten führten, steht die entmilitarisierte Zone zwischen dem stalinistischen Nord- und dem kapitalistischen Südkorea in dem Ruf, die gefährlichste Grenze der Welt zu sein.

In Park Chan Wooks Film führt ein Schusswechsel zwischen Norden und Süden zum Tod von zwei Nordkoreanern und der Verwundung eines weiteren. Zur gleichen Zeit wird ein südkoreanischer Soldat entdeckt, der auf der Brücke (Brücke ohne Wiederkehr) kauert, die die beiden gegensätzlichen Nationen verbindet. Leutnant Sophie Jean erhält die Aufgabe, den Zwischenfall zu untersuchen. Während sie verschiedene, widersprüchliche Informationen zusammenfügt, entdeckt Jean, dass der Hintergrund des Schusswechsels eine Verbrüderung zwischen Soldaten beider Seiten war.

Regisseur Park Chan Wook hat Erfahrungen aus seinen früheren Filmen, die das Gangster-Milieu behandelten, genutzt, um seine Geschichte mit einem spannenden Ermittlungsdrama zu verknüpfen. Gelegentlich irritiert die Wiederholung der Bilder des Schusswechsels zwischen den Soldaten. Die stärksten Szenen in dem Film sind diejenigen, die vom Ausmaß der Kalten-Kriegs-Propaganda handeln, die von den zwei Regimen oder ihrer jeweiligen Grenzseite ausgehen, und - was sehr selten ist im südkoreanischen Kino - die sympathische Darstellung von Nordkoreanern.

In der Mitte der JSA liegt die Grenze zwischen Norden und Süden, die sich an einem Punkt auf eine Markierung auf dem Boden reduziert. An beiden Seiten der Linie patrouillieren ständig Soldaten. Gruppen ausländischer Touristen dürfen die Grenze besuchen. Im Laufe eines solchen Besuchs von Amerikanern und Südkoreanern weht ein Windstoß den Hut einer Touristin auf die nordkoreanische Seite. Sofort geraten Soldaten auf beiden Seiten in Spannung. Dass die Frau nicht die zwei Meter über die Grenze gehen kann, um ihren Hut zurückzuholen, steht außer Frage.

Das Problem löst sich, als ein nordkoreanischer Soldat den Hut aufhebt. Während seine Füße sicher auf der nördlichen Seite der Demarkationslinie bleiben, folgt die Kamera seinem Arm, der die Linie überquert und der Frau ihrem Hut zurückgibt. Wir erfahren, dass er, als er mit seinem Arm die Linie überquerte, nach nordkoreanischem Militärrecht ein strafbares Vergehen beging.

In einer anderen denkwürdigen Szene sind südkoreanische Soldaten mit der neuesten militärischen Ausstattung auf Patrouille. Sie stellen fest, dass sie irrtümlich in die JSA gelangt sind. Ihr Kommandant ordnet einen schnellen Rückzug an. Einer der südkoreanischen Soldaten, Lee, hatte sich von der Gruppe getrennt, um sich zu erleichtern. Als er versucht, schnellstens zu seiner Gruppe zurückzukehren, fühlt er einen Druck an seinem Stiefel - ein Auslöser einer Mine. Wenn er einen Schritt macht, wird die Mine aktiviert und zerreißt ihn. Der Schweiß rinnt ihm über das Gesicht, als er im Wald wartet, versteinert, bis er von einer gegnerischen Patrouille von Nordkoreanern entdeckt wird.

Instinktiv hebt Lee sein Gewehr gegen die drei Soldaten und befiehlt ihnen sich zurückzuziehen, sonst würde er schießen. Sie drehen sich auf der Stelle um, aber er bittet sie zurückzukommen - schließlich sind sie seine einzige Chance gerettet zu werden. Die Entfernung des Auslösers und der Zwischenfall werden der erste Schritt im Prozess der Verbrüderung zwischen Lee und dem nordkoreanischen Trio. Mit der Zeit beginnen beide Seiten zu verstehen, dass die Teufel im Kalten Krieg der offiziellen Propaganda, von Norden und Süden, einfach Menschen sind, mit ähnlichen Zielen, Hoffnungen und Erwartungen.

Bei ihren Ermittlungen, um die tatsächlichen Geschehnisse aufzudecken, stößt Leutnant Jean auf eine Wand offizieller Behinderungen. Keines der beiden offiziellen Koreas hat ein Interesse daran, Details des Zwischenfalls zu enthüllen, die zu einer Minderung der Spannungen zwischen Norden und Süden führen könnten.

Der Regisseur des Films, Park Chan Wook, ist 37 Jahre alt und studierte Philosophie an der Universität von Sogang, bevor er begann Filme zu drehen. Vor Joint Security Area drehte er Filme wie Moon is the Sun's Dream und The Threesome. Zu seinem neuen Film schreibt der Regisseur, dass er die Fragen der koreanischen Teilung vom Standpunkt einer neuen Generation aus untersuchen möchte. Er bezeichnet die Teilung des Landes als "nicht tragisch, sondern ironisch". Weiter sagt er, sein Ziel sei die Bloßstellung des "doppelzüngigen Geredes über die Erhaltung des Friedens" auf beiden Seiten, und er hoffe, "mit diesem Film zu zeigen, wie Ideologien die Menschen in die Katastrophe führen".

Solche Ansichten klingen vertraut. In vielen philosophischen Fakultäten und derzeitigen Strömungen ist es populär, mit Inbrunst alle "Ideologien" zu verurteilen, d.h. alle umfassenden Theorien, die die Entwicklung der Gesellschaft behandeln. Die Beweise, die angeführt werden, um die Illegitimität von "Ideologien" zu belegen, sind die Reihe von Kriegen und Katastrophen, die das 20. Jahrhundert erlebt hat. Tatsächlich ist die generelle Missbilligung der "Ideologie" durch Postmodernisten, Anhänger der Frankfurter Schule und anderen fast unweigerlich mit einer hartnäckigen Weigerung verbunden, die historischen Erfahrungen des letzten Jahrhunderts konkret zu untersuchen.

Park Chan Wook verneint, dass die Teilung Koreas eine Tragödie war, aber wie sonst soll man einen Krieg charakterisieren, der 1953 endete, nachdem über eine Million Menschen gestorben waren, und der dazu führte, dass beide Hälften des Landes in Militärlager verwandelt wurden? Es ist außerdem eine historische Verdrehung, das Regime im Süden dem im Norden mechanisch gleichzusetzen. Ersteres war von seinen Ursprüngen her eine Marionette des westlichen Imperialismus, während Letzteres mit einem revolutionären Aufstand der unterdrückten Massen gegen die Kolonialherrschaft verbunden war. Diese historische Tatsache stellt keine Rechtfertigung für die despotische und korrupte herrschende Elite des Nordens dar, die, wie ihre maoistischen Mentoren in China, der Welt ein weiteres Beispiel für das reaktionäre und anti-marxistische Wesen des kleinbürgerlichen Nationalismus im Gewand des "Bauernsozialismus" geboten hat.

Über ein halbes Jahrhundert lang wurden Millionen Koreaner davon abgehalten, ihre eigenen Familienmitglieder zu sehen - durch eine Grenze, die von den beiden größten Armeen der Welt bewacht wurde. Etwa 37.000 amerikanische Soldaten sind nach wie vor im Süden stationiert. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geriet der stalinistische Norden immer stärker in die Isolation und steht nun, nach Jahrzehnten der von Amerika vorangetriebenen Sanktionen, vor einer Hungerkatastrophe. Ist dies bloß "ironisch"?

Ich konnte mit dem Regisseur nach der Vorführung seines Films sprechen, und er gestand seine eigene Unsicherheit hinsichtlich des Versöhnungsprozesses. Politisch vertraut er auf eine Form der Wiedervereinigung, wie sie derzeit von der südkoreanischen Regierung unter Kim Dae Jung vorgeschlagen wird. Ich erinnerte ihn an die zerstörerischen Folgen der kapitalistischen Restauration für den Osten Deutschlands und den Rest des ehemaligen stalinistischen Ostblocks und fragte ihn nach seinem Standpunkt in Bezug auf die derzeitigen Verhandlung zwischen Nord- und Südkorea. Er gab seinen Bedenken gegenüber einer schnellen kapitalistischen Übernahme des Nordens Ausdruck und sagte, seiner Ansicht nach würden die zwei Hälften des Landes noch für lange Zeit auf irgend eine Weise voneinander getrennt bleiben.

Die begeisterte Reaktion des Publikums auf Park Chan Wooks neuen Film ist insofern verständlich, als er Fragen anspricht, die über Jahrzehnte hinweg im Süden unterdrückt wurden. Aufgrund seiner beschränkten politischen Ansichten und seiner fehlenden Bereitschaft zu einer historischen Analyse der Situation seines Landes hat Park Chan Wook jedoch gleichzeitig einen Film gemacht, der, wissentlich oder nicht, die Pläne der südkoreanischen Regierung zur Erschließung des Nordens als billigen Markt für große Geschäfte unterstützt.