Schweres Zugunglück in Belgien fordert acht Todesopfer

Von Hendrik Paul
4. April 2001

Am Montag, den 26. März 2001, stießen bei der belgischen Kleinstadt Pecrot, etwa 20 Kilometer südöstlich von Brüssel, zwei Personenzüge frontal aufeinander. Acht Menschen mussten dieses Unglück mit ihrem Leben bezahlen, darunter die beiden Lokführer und zwei Zugbegleiter. Zehn weitere Passagiere wurden mit zum Teil schweren Verletzungen in umliegende Krankenhäuser eingewiesen, wobei sich ein Jugendlicher noch am Wochenende in lebensbedrohlichem Zustand befand.

Dass diese Zahlen nicht noch höher ausgefallen sind, ist wohl dem Umstand zu danken, dass einer der beiden Züge leer, der andere mit nur 24 Personen besetzt war. Im Durchschnitt transportiert dieser Zug um diese Zeit etwa 80 Personen, ein großer Teil davon Schüler und Studenten.

Unmittelbare Ursache für den Zusammenstoß soll das Übersehen eines roten Haltesignals durch den Fahrer des leeren Zuges gewesen sein. Der 32-jährige Eisenbahner hatte erst fünf Tage zuvor seine Berechtigung, Personenzüge zu lenken, zurückerhalten. Er hatte schon zu Beginn dieses Jahres einmal ein rotes Signal missachtet, worauf er einen Monat lang vom Dienst suspendiert worden war.

Damit war auch gleich die bei solchen Unglücken allenthalben zuerst erwogene Begründung in den Schlagzeilen: Menschliches Versagen.

Doch bringt auch hier eine genauere Betrachtung der Umstände an den Tag, dass der Fahrer des Unglückszuges nicht der Missetäter, sondern erstes Opfer war.

Der Geisterfahrer konnte sich acht Kilometer lang auf dem falschen Gleise bewegen, ohne dass ihn jemand auf dieses Versehen aufmerksam machte. Versuche dazu gab es allerdings eine ganze Reihe. Die dabei aufgetretenen Pannen werfen ein grelles Licht auf den Zustand der belgischen Eisenbahn.

Funkverkehr zwischen Lokführer und Fahrdienstleitung besteht in dieser Region nicht. Den Fahrer per Telefon zu warnen, scheiterte daran, dass der Fahrdienstleiter die Telefonnummer des Lokführers nicht parat hatte. Als man den Versuch unternahm, die Strecke stillzulegen, indem der Strom abgeschaltet wird, wurde das falsche Kraftwerk angerufen.

Zu allem Überfluss gingen noch wichtige Minuten verloren, weil die beiden verantwortlichen Fahrdienstleiter wegen Sprachproblemen nicht in der Lage waren, sich auf notwendige Maßnahmen zu verständigen. Der Zug überquerte auf seinem Weg vom französisch sprechenden Wavre nach dem flämischen Löwen die Sprachgrenze im mehrsprachigen Belgien.

Ein letzter Versuch, den fehlgeleiteten Lokführer auf sein Missgeschick aufmerksam zu machen, unterstreicht das offensichtliche Chaos und die Hilflosigkeit, die im Bahnbetrieb herrschen. Um den Fahrer zu warnen, wurden auf seiner Strecke an den Bahnübergängen die Schranken geöffnet (!), jedoch vergeblich.

Doch auch die tieferliegenden Ursachen für dieses Unglück zeigen, wie abwegig die Begründung der belgischen Eisenbahngesellschaft SNCB ist, der Unfall sei auf menschliches Versagen zurückzuführen.

Für die belgische Bahn steht eine Reform ins Haus, die das Unternehmen in mehrere eigenständige Betriebsteile zerlegen soll. Gerade vergangene Woche wollte die Regierung dazu wichtige Entscheidungen treffen.

Die Vorbereitung dieser Entscheidungen hatte dieselben Folgen, wie sie von der Zerschlagung staatlicher Unternehmen in ganz Europa bekannt sind. Die Notwendigkeit des sparsamen Haushaltes bei gleichzeitig großzügiger Förderung von Prestigeobjekten, die bei der Überführung öffentlicher Unternehmen in privatwirtschaftliche stets oberste Priorität hatte, führte auch im Falle der staatlichen Eisenbahngesellschaft in Belgien zu massiven Personaleinsparungen, zur Vernachlässigung von Sicherheitsaspekten und kleineren Nebenstrecken und zu verkürzten Ausbildungszeiten.

Massenhafte Überstunden und nach Gewerkschaftsangaben ein Überhang von 600 000 Urlaubstagen zeigen die Folgen einer ausgedünnten Personaldecke.

Die Zahl der missachteten Signale ist nach Angaben der SNCB im vergangenen Jahr um 40 Prozent gestiegen, so dass im Durchschnitt einmal pro Woche ein rotes Signal überfahren wurde.

Die Ausbildungszeit für Lokführer, die einst 18 Monate betrug, ist infolge des Personalmangels inzwischen auf zwölf, in manchen Fällen sogar auf neun Monate zusammengeschrumpft. Auch der Unglücksfahrer hatte erst im Dezember 1999 seine Ausbildung begonnen und Ende letzten Jahres nach zwölf Monaten abgeschlossen.

Immer häufiger werden die katastrophalen Auswirkungen sichtbar, wenn das Transportwesen und der massenhafte Personenverkehr aus der gesellschaftlichen Verantwortung in die private übergeht. Erst im August letzten Jahres wurden beim Zusammenstoß von zwei Personenzügen in der Nähe von Lüttich 16 Menschen verletzt.

Sowohl das Ausmaß des jüngsten Unfalls und die ihn unmittelbar begleitenden Pannen als auch die gesellschaftlichen Veränderungen, die ihn provozierten, kennzeichnen ihn als Bestandteil eines zumindest europäischen Phänomens. Die "britischen Zustände" sind mittlerweile sprichwörtlich für ein lebensgefährliches Eisenbahnwesen. Die Zugunglücke der letzten Jahre in Deutschland brachten dieselben untragbaren Verhältnisse, nur in größeren Dimensionen, ans Licht, wie sie auch hier in Belgien sichtbar wurden.

Wie wenig glaubwürdig die Verantwortlichen der Eisenbahn sind, wenn sie von menschlichem Versagen sprechen, zeigt die Reaktion der belgischen Eisenbahner, die am vergangenen Mittwoch mit einem spontanen Streik vorübergehend den Zugverkehr im Süden des Landes lahm legten. Sie protestierten damit gegen den Personalmangel, den sie selbst als die Ursache für das Unglück von Pecrot ansehen.

Siehe auch:
Privatisierung - Deregulierung - und das Zugunglück in London
(20. Oktober 1999)
ICE-Unglück von Eschede: Verantwortung der deutschen Bahn erwiesen
( 28. Mai 1999)
Zugunglück von Brühl: Schwindende Sicherheit bei der Deutschen Bahn AG
( 11. Februar 2000)