Der Holocaust im amerikanischen Leben

Buchbesprechung

Von Nancy Russell
12. April 2001

Novick, Peter: Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord. Aus dem Amerikanischen von Irma Arnsperger und Boike Rehbein. 432 Seiten, Stuttgart/München 2001. 430 S. ISBN: 3-421-05479-7, 44,- DM; 321,- öS; 41,- sFr

Der Autor ist ein bekannter amerikanischer Geschichtsprofessor, der an der Universität von Chicago lehrt. Sein 1988 veröffentlichtes Buch That Noble Dream: The "Objectivity Question" and the American Historical Profession (Der edle Traum: Die Objektivitätsfrage und die amerikanische Geschichtswissenschaft)wurde von der amerikanischen Historikervereinigung als bestes historisches Buch des Jahres ausgezeichnet.

Peter Novicks Nach dem Holocaust ist ein geschichtlicher Überblick über die amerikanische Haltung zum Holocaust von den Kriegszeiten bis zur Gegenwart. Es wurde sehr kontrovers diskutiert. Das Buch stellt sich die Aufgabe, gegen den Missbrauch des Holocaust zu argumentieren und aufzudecken, wie sich das gegenwärtige Bewusstsein darüber aus den politischen Umständen heraus entwickelt hat.

Auch wenn man nicht jeder Behauptung des Buches zustimmt, muss man anerkennen, dass es hinter öffentlicher Meinung und allgemeinen Wahrheiten die politischen Hintergründe zu erkunden sucht. Es ist zuweilen faszinierend und erkenntnisreich. Im Endeffekt jedoch entlässt die Entscheidung des Autors, das Problem zu beschreiben, ohne eine Lösung anzusprechen - die dem wirklichen Stellenwert des Holocausts in der amerikanischen Geschichte entspricht - den Leser unbefriedigt.

Novick beabsichtigt aufzuzeigen, auf welche Weise der Holocaust in das Gesichtsfeld der Amerikaner trat. Im Gegensatz zu anderen großen Weltgeschehnissen hat seiner Einschätzung nach der Holocaust weder während des Zweiten Weltkrieges noch unmittelbar danach das Denken der Menschen beherrscht, sondern wurde erst etwa 20 Jahre später zum zentralen Anliegen von jüdischen und anderen Amerikanern.

Er beschreibt detailliert, welchen Einfluss der Aufstieg des Zionismus und die Unterstützung für Israel im Allgemeinen, die Abkehr einer großen Schicht jüdischer Intellektueller vom sozialen Engagement und die Entstehung einer sogenannten "Identitäts-Politik" hatten - dies alles, so fasst er zusammen, trug zur Entstehung des "Holocaust-Bewusstseins" bei.

Geschichten gegen Geschichtsschreibung

Um in diese Themen einzuführen, stellt der Autor der gegenwärtig so beliebten Überschüttung des Publikums mit Erinnerungen und Erzählungen einen wissenschaftlich-historischen Ansatz entgegen. Er beruft sich dabei auf einen Gedanken des französischen Soziologen Maurice Halbach: "Das kollektive Gedächtnis vereinfacht; es sieht Ereignisse aus einer einzigen, interessierten Perspektive; es duldet keine Mehrdeutigkeit; reduziert Ereignisse auf mythische Archetypen. Das historische Bewusstsein konzentriert sich von Natur aus auf die Geschichtlichkeit der Ereignisse - dass sie damals und nicht heute stattfanden, dass sie aus Bedingungen erwuchsen, die sich von den heutigen unterscheiden. Das Gedächtnis dagegen hat kein Gespür für das Verstreichen der Zeit; es negiert die ‚Vergangenheit‘ seiner Gegenstände und beharrt auf ihrer fortdauernden Gegenwart." (S. 14) Die philosophische Maßgabe, wenn man es so nennen will, der Arbeit Novicks besteht darin, die Geschehnisse im Zusammenhang zu verstehen, die Geschichtlichkeit des Geschehens zu erkennen.

Novick macht zunächst deutlich, dass der Begriff des Holocaust erst nachträglich entstanden ist. Heutzutage erinnern sich die meisten Menschen durchaus des entsetzlichen Schicksals von sechs Millionen Juden, stellen es jedoch nicht in den Kontext des Weltkrieges, in dem 50-60 Millionen Menschen starben. Damals war es anders, wie der Autor feststellt: Der Krieg selbst beherrschte das Denken der Amerikaner.

Der in der Holocaust-Literatur weitgehend vorherrschenden ethnischen Ausschließlichkeit entgegentretend, weist der Autor darauf hin, dass die Politik des Massenmordes sich in erster Instanz gegen sowjetische Kriegsgefangene richtete, und dass während der ersten fünf Jahre des Hitler-Regimes die Insassen der Konzentrationslager überwiegend Kommunisten, Sozialisten, Gewerkschafter oder andere Gegner des Regimes waren. Die Tötung der Zigeuner entsprach proportional derjenigen der Juden, sagt Novick, und Hitler habe auch die slawischen Völker vernichten wollen. Der Autor widerspricht der Ansicht, der Grund für den Holocaust sei einfach Antisemitismus gewesen, und es genüge, künftigen Generationen die Ablehnung des Antisemitismus als "Lehre" zu vermitteln.

In einem der eher kontroversen Teile des Buches wendet sich Novick gegen die Behauptung, dass die Amerikaner Hitlers Opfer "im Stich gelassen" hätten. Er argumentiert gegen die Auffassung, dass die Amerikaner die Gründung Israels als eine Art moralischer Buße dafür unterstützten, dass sie passive Zuschauer des Genozids gewesen seien. Novick betont das zur Kriegszeit überall vorherrschende Interesse am militärischen Geschehen und die elementare Angst von Millionen, die Nazis könnten in ganz Europa obsiegen. Als die Zahl der Berichte über die Grausamkeiten gegen Juden um 1940-42 anstieg, herrschte, so hebt der Autor hervor, keine Einstimmigkeit darüber, dass ein eigenes Land für Juden die Lösung wäre. Amerikanische Juden identifizierten sich damals wie die meisten Menschen über ihre politische Einstellung und ihre soziale Stellung: Linke, Gewerkschafter, republikanische Banker, Roosevelt-Anhänger, zionistische Arbeiter, Kommunisten usw. waren sich über die beste Politik, um dem Töten Einhalt zu gebieten, durchaus nicht einig. (Über diesen Punkt später genauer.)

Die "Endlösung" und die Notwendigkeiten der US-Politik

Der Autor diskutiert dann die Beziehungen zwischen der offiziellen Auffassung über die "Endlösung" und den Zielen der amerikanischen Außenpolitik. Seit Ende der vierziger und bis in die fünfziger Jahre hinein drehte sich die amerikanische Politik um die Achse "Freiheit" gegen "kommunistischen Totalitarismus". Bald nach dem Krieg waren die Schlüsselfiguren der amerikanischen Politik vor allem damit beschäftigt, eine ganz bestimmte Geisteshaltung zu erzeugen: der Kommunismus ist an allem Übel schuld.

Novick schreibt: "Der Holocaust wurde nicht nur durch den Kalten Krieg die ‚falsche Gräueltat‘, um das neue Bewusstsein zu aktivieren, sondern er wurde auch durch die Diskussionen über den Totalitarismus marginalisiert." (S. 119) Die Opfer der Nazis mussten nach politischen, nicht nach ethnischen Begriffen definiert werden, um die Nazis mit den Sowjets vergleichen zu können.

Die "Entnazifizierung", welche die Alliierten nach Kriegsende - allerdings nie mit besonderem Eifer - durchführten, machte bald der Rekrutierung von Ex-Nazis in alliierte Geheimdienste und andere, für die Fortführung des Kalten Krieges passende Positionen Platz. Viele Ex-Nazis nahmen nach nur kurzer Dienstunterbrechung ihre Stellungen in den deutschen Regierungsbehörden wieder ein. Novick weist darauf hin, dass in den USA zahlreiche prominente jüdische Organisationen, weit davon entfernt gegen die neue politische Orientierung zu opponieren, sich vielmehr der ideologischen Linie des antikommunistischen Kreuzzuges anschlossen. Die Antidiffamierungs-Liga und das American Jewish Committee beispielsweise trugen bereitwillig dazu bei, die Akten des Ausschusses für unamerikanische Umtriebe zu füllen.

Der Nachkriegsboom und wechselnde Haltungen

In den folgenden Jahren des Nachkriegsbooms war die vorherrschende Haltung bei Juden, wie bei den meisten Amerikanern, so schätzt es Novick ein, optimistisch und universalistisch. "In den Nachkriegsjahren war nicht das partikularistische Bewusstsein die Norm, sondern ein integrationistisches. Differenz und Besonderheit waren nicht gefragt: statt dessen herrschte ein Ethos vor, nach dem alle Menschen Brüder waren. Die Schwarzen waren noch nicht vollständig in die Familie aufgenommen, wohl aber die Juden. Und die jüdischen Gruppen taten alles in ihrer Macht Stehende, um diese Position zu festigen." (S. 155)... "Er (der Holocaust) war ein unpassendes Symbol für die damalige Stimmung, und das ist sicher einer der Hauptgründe dafür, dass er am Rande des Bewusstseins blieb." (S. 156)

Was waren jüdische Anliegen? Eine interessante Studie aus dem Ende der fünfziger Jahre, die Novick zitiert, fragte in einem Vorort im Mittleren Westen danach, was einen guten Juden ausmachen würde. "Israel unterstützen" wurde von 21Prozent angekreuzt, aber 58 Prozent waren dafür, "Unterprivilegierten zu helfen" (S. 147).

Der Wendepunkt: 1967

Der Begriff "Holocaust" wurde nach dem Eichmann-Prozess in Jerusalem geprägt, als zum ersten Mal, so Novick, der Völkermord an den europäischen Juden an sich, im Unterschied zur allgemeinen Nazi-Barbarei, in der amerikanischen Öffentlichkeit dargestellt wurde. Aber zum eigentlichen Wendepunkt in der Beziehung zwischen amerikanischen Juden, Israel und dem Holocaust wurde der Sechs-Tage-Krieg von 1967. Zu einem erneuten Ausbruch von Sorge und Unterstützung für Israel kam es im Zusammenhang mit dem Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973.

Gegen die These, dass der Konflikt im Nahen Osten aus der Vertreibung der Palästinenser resultierte, schrieben viele jüdische Organisationen die fortdauernden Kriege dort der Tatsache zu, dass die Welt den Holocaust vergessen habe, schreibt Novick. Zwar kamen auch andere Strategien in Frage, um Unterstützung für Israel zu mobilisieren - seine Bedeutung für strategische Anliegen der USA, biblische Forderungen und so weiter - aber der Holocaust blieb doch das weitaus wirksamste Mittel, um die Öffentlichkeit zu beeinflussen.

Dass der Holocaust immer stärker ins Bewusstsein gerückt wurde, kam den politischen Bedürfnissen der amerikanischen Regierung unmittelbar entgegen, Unterstützung für Israel zu mobilisieren, seinen wichtigsten Verbündeten im unverzichtbaren Nahen Osten, wie der Autor zusammenfasst. "Nie wieder" wurde der Schlachtruf zur Unterstützung des Zionismus.

"Ewige Wahrheiten"

Zunächst, darauf weist Novick hin, war der Holocaust ein Teil der Geschichte, ein Aspekt einer historischen Periode, der Periode des Faschismus. Aber als der Holocaust von der Historie zum Mythos wurde, wurde er zum Träger "ewiger Wahrheiten", der nicht an geschichtliche Umstände gebunden war; er wurde zum Symbol für den natürlichen und unausweichlichen Endpunkt des Antisemitismus. Wo die politischen Notwendigkeiten amerikanischer Interessen nicht mehr überzeugten, musste der historische Relativismus, gefördert durch postmodernistische intellektuelle Tendenzen, eintreten. Es wurde Mode, wenn nicht für unabdingbar gehalten, den Holocaust als unbegreiflich und unerklärbar zu bezeichnen, während man ihn gleichzeitig als Symbol für den Irrweg der modernen Gesellschaft und ihren moralischen Zusammenbruch hinstellte.

Novick hebt die Tatsache hervor, dass diese Ansichten zusammentrafen mit einem allgemeinen Rechtsschwenk der bessergestellten Juden, die dem sozialen Impetus der vorherigen Periode abschworen. Die in manchen Kreisen nun populäre Idee, dass man immer erst fragen sollte: "Ist das gut für die Juden?", widerspiegelte die allgemeine Einkommensdifferenzierung innerhalb der Gesellschaft als Ganzer.

"In den siebziger Jahren", schreibt der Autor, "fielen die Juden unter den Wohlhabenden der amerikanischen Gesellschaft auf, und die Kluft zwischen Juden und Nichtjuden, sowohl in den Einkünften als auch in der Anzahl der Eliteposten vergrößerte sich in den folgenden Jahrzehnten. Juden hatten alles zu verlieren und nichts zu gewinnen bei einer gleicheren Verteilung von Einkommen, die das Anliegen liberaler Sozialpolitik gewesen war... Aber es stimmte nicht mehr, dass Juden entschieden liberaler waren als andere Amerikaner gleichen Alters, Erziehung und Einkommens, wenn es um praktische Streitpunkte ging wie Wohlfahrt, Einkommensverteilung und Unterstützung Schwarzer." (S. 241f)

Von den sechziger Jahren an begann die jüdische Rechte sich gegen die Assimilation zu wenden und bezeichnete sie sogar als "ruhigen", "stillen", "unblutigen" oder "geistigen" Holocaust. Dem Schwinden der jüdischen Identität musste entgegengetreten werden: viele meinten, der Holocaust sei nicht genügend "in die Erinnerung einer Generation nach dem Zweiten Weltkrieg" eingedrungen. (S. 246) Der Millionär, der den größten Beitrag zum ersten Stiftungsbetrag des Simon-Wiesenthal-Centers leistete, sagte einem Reporter: "Es ist eine traurige Tatsache, dass Israel und die jüdische Erziehung und all die anderen bekannten Schlagworte die Juden nicht mehr in den Bann zu ziehen scheinen. Beim Holocaust hingegen gelingt es immer." (S. 247)

Novick hebt hervor, dass diese Entwicklung mit dem allgemeinen Anwachsen ethnisch oder religiös definierter Politik ("new ethnicity") zusammenkam, das mit dem Abflauen des amerikanischen Liberalismus in den Vordergrund trat. In diesem ungesunden Klima erkoren Elie Wiesel und andere den Holocaust zum letzten, nicht zu hinterfragenden Symbol von Identität und Unterdrückung. Diese Haltung wurde unterstützt durch Erklärungen wie "Jeder Überlebende hat mehr zu sagen als alle Historiker zusammen" (Wiesel) und "Wer nicht da gewesen ist, kann sich nicht vorstellen, wie es war" (Raul Hilberg).

Novick schließt sein Werk, indem er die ständige Anrufung des Holocaust durch die amerikanischen Autoritäten und die Medien in den letzten Jahren verurteilt - die Opfer rangieren von den afghanischen Mujaheddin bis zu abgetriebenen Föten. Besonders bezeichnend nennt der Autor die platte Rhetorik zur Rechtfertigung von militärischen Interventionen gegen den Irak 1991, Somalia 1992 und auf dem Balkan sowohl 1992 wie 1999.

Novick schreibt als ein jüdischer Historiker, der die gegenwärtige "Holocaust-Industrie" ablehnt, sowohl ihre intellektuelle Flachheit als auch ihren schädlichen Einfluss auf das menschliche Verhalten. Er missbilligt die "Opfer-Olympiaden" zwischen miteinander wetteifernden ethnischen Gruppen. Seine beißenden Angriffe auf Ideologen wie Elie Wiesel sind geistreich. Novick verweist darauf, dass die Interpretation der Geschichte das Handeln von Menschen maßgeblich beeinflusst. Er sieht die Aufgabe des Historikers darin, zur Verbesserung der Gesellschaft beizutragen. Indem er einige der politischen Faktoren untersucht, die während der Nachkriegs-Epoche wirkten, beleuchtet sein Buch die Entwicklung der gesellschaftlichen Einstellungen gegenüber dem Holocaust.

Unterschied zwischen öffentlicher Meinung und Regierungspolitik

Novick betont zwar, wie sehr das amerikanische Denken von den Interessen der Regierung manipuliert wird, dennoch ist seine Perspektive beschränkt. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass die öffentliche Meinung im Wesentlichen mit der offiziellen Regierungspolitik übereinstimmt - erst die schreckliche Lage der Holocaust-Flüchtlinge zu ignorieren, dann, als es politisch förderlich war, das Interesse an diesen Tatsachen wieder zu beleben. Aber das ist nicht alles. Unabhängig davon versuchen Millionen Menschen, den Horror dieser historischen Periode zu begreifen.

Novick versagt, das ist jedenfalls die Meinung dieser Rezensentin, wenn es darum geht, die gegensätzlichen ideologischen Positionen zu gewichten. Er beschäftigt sich mit vielen offiziellen Richtungen und Nuancen der Debatte zwischen offiziellen jüdischen und christlichen Organisationen, der Regierung und den Medien, aber er lässt die Ansichten der Sozialisten ebenso aus wie die der großen Menge von Bürgern, die weder an der Wahlurne noch in den Medien Ausdruck finden. Man kann die Entwicklung des Denkens nicht aufzeigen, indem man einfach den herrschenden Trends nachspürt, ohne auch die anhaltende polemische Debatte in der gesamten Gesellschaft zu berücksichtigen. Dieser Mangel zeigt sich besonders, wenn man die führende Rolle betrachtet, die die internationale sozialistische Bewegung als Speerspitze im Kampf gegen Antisemitismus und Faschismus spielte.

Darüber hinaus muss man unterscheiden zwischen der von Novick kritisierten einseitigen "großen Bedeutung" des Holocaust im heutigen Bewusstsein - Tausende von Vollzeit-Holocaust-Beruflern, zahllose Bücher, Zusammenfassungen etc. - und der Tatsache, dass Millionen Menschen die Frage der "Endlösung" nach wie vor zutiefst erschüttert. Brachte sie doch Viele dazu, die Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft in Frage zu stellen und daran zu zweifeln, ob das Profitsystem die Menschheit zu sozialem Forschritt führen würde. Die Tatsache, dass Millionen Menschen Holocaust-Museen besuchen und an entsprechenden Seminaren teilnehmen, zeugt von einer gesunden, weitverbreiteten Sorge und von der Suche nach historischen Antworten. Dies ist etwas anderes als zynische Manipulationen reaktionärer Interessen.

Gewöhnliche Amerikaner, jüdische Amerikaner eingeschlossen, waren sich nicht einig darüber, wie man Hitlers Opfern helfen konnte. Es ist nicht ihre Schuld, dass Letztere im Stich gelassen wurden. Mit ihrer Uneinigkeit kann man aber keinesfalls rechtfertigen, dass die amerikanische und die britische Regierung Informationen über die "Endlösung" unterdrückten und die verzweifelten Flüchtlinge abwiesen. Das sind zwei vollkommen verschiedene Dinge.

Die Politik der USA war Ausdruck ihrer Position im Wettbewerb der imperialistischen Mächte und diente dazu, rücksichtslos ihre Hegemonie über den europäischen Kontinent zu festigen. Aber für normale Leute wurde die Tatsache, dass die geopolitischen Interessen der Vereinigten Staaten Vorrang gewannen vor dem Schicksal von Millionen Juden und anderen Opfern, zu einer Erleuchtung. Wurden sie etwa nicht "im Stich gelassen"? Ein Amerika, dem die Interessen der Menschen am Herzen lagen, hätte völlig anders reagiert. Es hätte sich an die Spitze einer humanitären Kampagne gestellt, um die Berichte über die Grausamkeiten zu untersuchen und das Töten zu stoppen, gefolgt von einem groß angelegten Rettungsversuch. Solche Geschehnisse hätten ein völlig anderes Forum für die öffentliche Meinung erzeugt.

Novick hat Recht, wenn er versichert, dass die "amerikanische Schuld" nicht die Ursache dafür war, dass die US-Regierung die Gründung eines jüdischen Staates unterstützte. Dennoch wurden Millionen Menschen, die mit dem Schicksal des jüdischen Volkes sympathisierten, den zionistischen Argumenten gegenüber aufgeschlossen. Andererseits veranlassten die moralischen Widersprüche der amerikanischen Politik viele Menschen zu der Frage, ob die USA wirklich in den Krieg eingetreten waren, um die "Demokratie zu retten", oder ob sie ihrer vorgegebenen Selbstlosigkeit überhaupt entsprachen. Das Verhalten der amerikanischen Regierung während dieser Periode wirkte als Katalysator für das Erwachen einer neuen Generation kritischer Denker.

Die Bedeutung von 1967 für den Staat Israel

Novick scheint Recht zu haben, wenn er die veränderte Rolle des Holocaust im amerikanischen Denken mit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 und dem anschließenden Jom-Kippur-Krieg 1973 in Zusammenhang bringt. Aber um das Ineinandergreifen dieser politischen Geschehnisse zu verstehen, muss man die fundamentale Veränderung in Rechnung stellen, die 1967 für den Staat Israel bedeutete. Mit massiver militärischer Hilfe der USA war Israel in der Lage, in Ägypten, Syrien und Jordanien einzumarschieren und das Westufer des Jordan, die Golan-Höhen und den Gaza-Streifen zu besetzen. Der Zionismus wurde zu einer starken, aggressiven und expandierenden Macht. Israels sozialistische Vorgaben wurden hinweggefegt, als die Begin-Regierung ihre Politik des Expansionismus in der Region einleitete.

Genau zu diesem Zeitpunkt, als mehr als eine Million Palästinenser einer Militärdiktatur unterworfen worden waren, bemächtigten sich die führenden amerikanischen Politiker des Holocausts, redigierten ihn natürlich sorgfältig, institutionalisierten ihn und benutzten ihn, um die öffentliche Meinung hinter Israel zu mobilisieren. Er diente als moralisches Deckmäntelchen für Bestrebungen der USA. Dies wurde besonders entscheidend, als nach 1973 die öffentliche Kritik am zionistischen Expansionsstreben zunahm.

Novick schreibt über diese Periode: "Übliche Konflikte wurden mit all der moralischen Schwarz-Weiß-Klarheit des Holocaust ausgestattet, die für die israelische Sache ein strategischer Trumpf war." (S. 208)

So ist es kein Wunder, dass offizielle Holocaust-Erinnerungen keine störenden Fakten untersuchen, sondern dazu dienen, Klassenfragen zu verdunkeln, ob in Nazi-Deutschland, in Roosevelts Amerika oder in Israel selbst.

Warum konnte der Zionismus öffentliche Unterstützung gewinnen?

Die Veränderungen der amerikanischen Regierungspolitik und ihrer Interessen allein können nicht erklären, weshalb es dem Zionismus, eigentlich die Weltanschauung einer kleinen Minderheit, nach 1967 gelang, wachsende Unterstützung zu mobilisieren. Warum konnte eine solche kleinbürgerliche nationalistische Weltanschauung einen derartigen Aufschwung erleben?

Novick stellt diese komplexen, aber entscheidenden Fragen nicht. Er weist lediglich die Bedürfnisse der US-Außenpolitik und ihren Einfluss auf das öffentliche Denken nach.

Um die Quelle für die Unterstützung des Zionismus zu verstehen, muss man die Kämpfe der Arbeiterklasse während des 20. Jahrhunderts verstehen und besonders das Schicksal sowohl der deutschen wie der sowjetischen Arbeiter in Betracht ziehen. Der Triumph des Nationalismus in beiden Ländern, einmal in der faschistischen Variante und dann im stalinistischen Typ, ließ die Arbeiterklasse physisch und ideologisch verkrüppeln. Die Anziehungskraft des Zionismus war vor allem die Folge und ein Erbe dieser Niederlagen.

Wenn die jetzigen Generationen die Lehren aus dieser Zeit verstehen und nicht nur pessimistische Schlüsse aus dem Grauen des Holocaust ziehen sollen, müssen sie sowohl das Schicksal der Sowjetunion wie das politische Ziel des Hitler-Regimes begreifen. Man muss beispielweise verstehen, woraus der Faschismus erwuchs. Worauf war er die Antwort? Warum unterdrückte Hitler als Erstes die Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und andere politische Gegner des Regimes? Welche politische Rolle spielte der moderne Antisemitismus? Warum nahm die europäische Bourgeoisie in den dreißiger Jahren Zuflucht zum Faschismus? Man muss die Lehren aus dem Verrat an der deutschen Arbeiterklasse durch die stalinistische Kommunistische Partei ziehen. (Vergl. dazu die exzellente Broschüre von David North: Antisemitismus, Faschismus und der Holocaust " von 1997)

Novick hingegen vernachlässigt diese Tatsachen. Er stellt den Ideen über den Holocaust, die er ablehnt, keine eigenen Analysen von dessen Kontext gegenüber. Obwohl er für wahre Geschichte plädiert, die auf den Widersprüchen und Komplexitäten der Zeit und einem breiteren politischen Kontext basiert, zieht Novick den Einfluss der Rolle der Arbeiterklasse und der Sozialisten auf die öffentliche Meinung nicht in Betracht.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass dies eine sehr bewusste Auslassung ist. Novick ist ein gründlicher und besonders kenntnisreicher Historiker. Er hat nicht einfach etwas übersehen, sondern eine politische Entscheidung getroffen. Novick war in seinen jüngeren Jahren ein Anhänger sozialistischer Ansichten, ein Unterstützer der Shachtman-Richtung.*) Weil er seine persönlichen Hoffnungen auf eine sozialistische Zukunft abgelegt hat, lässt Novick offensichtlich die Bedeutung dieser Tradition außer Acht.

Wenn Durchschnittsmenschen heutzutage durch den Zionismus oder eine Politik der (nationalen, ethnischen oder religiösen) Identität in die Irre geführt werden, liegt das im Allgemeinen daran, dass sie weder die Klasseninteressen, denen diese Ideologien dienen, verstehen noch den historischen Zusammenhang des Holocaust selbst. Novick sieht zwar den Erfolg rechter Denkrichtungen und verurteilt sie, aber eine Alternative dazu arbeitet er nicht heraus.

Der fortdauernde Einfluss des Stalinismus

In Verbindung mit der Nachkriegsepoche ist es besonders aufschlussreich, dass es der Autor versäumt, sich mit der Rolle der Kommunistischen Partei der USA besonders unter jüdischen Intellektuellen auseinander zu setzen. Um den allgemeinen Umschwung in diesem Milieu von linken sozialistischen Orientierungen hin zum Pro-Zionismus zu verstehen, müsste man untersuchen, welchen Einfluss die Unterstützung der Kommunistischen Partei bei der Gründung Israels oder die antikommunistische Hexenjagd in den Gewerkschaften hatten, weshalb die Kommunistische Partei die Verteidigung der Rosenbergs (die 1953 hingerichtet wurden) mit den Mitteln des Klassenkampfs ablehnte und welche Bedeutung der riesige Einfluss der McCarthy-Ära und die Unterwerfung der Kommunistischen Partei unter ihren rechten Flügel hatten.

Das traumatische Jahr 1956, das Jahr von Chrustschows "Geheimrede" und der stalinistischen Niederschlagung der Ungarischen Revolution, wird in Nach dem Holocaust nicht erwähnt. Diese Geschehnisse schockierten Zehntausende sozialistisch gesinnter Amerikaner. Die Mitgliederzahl der Kommunistischen Partei der USA schrumpfte. Ein bedeutender Teil der Bevölkerung, die früher sozialistisch orientiert war, zweifelte nun an einer linken Lösung für die historischen Anliegen des jüdischen Volkes.

Entsprechend kam es, wie der Autor beschreibt, zu einem breiten Niedergang des universalistischen Bewusstseins. Stattdessen identifizierte man sich vermehrt mit einer ethnischen oder religiösen Gruppe. Die Neigung zu ethnisch begründeten Erklärungen, die heute so populär ist, erwächst aus einer tiefen Enttäuschung über den Liberalismus, über Gewerkschaftertum und andere reformorientierte Weltanschauungen. Verstärkt wird sie durch diejenigen, die direkt davon profitieren - von den verschiedenen Formen des "schwarzen Kapitalismus", Quotenregelungen und ähnlichen Heilsversprechen. Endlich veranlasste auch das augenscheinliche Scheitern der Sowjetunion und die Unfähigkeit, ihre Widersprüche zu erklären, viele Leute dazu, ihre Hoffnungen auf eine Lösung im Sinne der Arbeiterklasse aufzugeben und nationalistische, ethnisch definierte oder individualistische "Lösungen" innerhalb des Kapitalismus anzustreben.

In der Beurteilung des Buches wird klar, dass Novicks politische Einstellung seine Sichtweise begrenzt. Seine Weigerung, sich mit dem Verhältnis zwischen den Kämpfen der Arbeiterklasse und dem Aufstieg des Antisemitismus, dem Holocaust und dessen Stellenwert in der öffentlichen Diskussion auseinander zu setzen, lässt sein Buch einseitig werden. Darum überrascht es nicht, wenn er in einem höchst skeptischen Ton schließt und Zweifel äußert, ob die Menschheit aus dem Holocaust irgendeine Lehre ziehen kann.

Novicks Nach dem Holocaust ist als Beitrag über Amerika im zwanzigsten Jahrhundert zu begrüßen, aber letztlich kann es die Geschehnisse, die es beschreibt, nicht erklären.

Anmerkung: Max Shachtman: Ehemaliger Anhänger der trotzkistischen Bewegung, der es ablehnte, die Sowjetunion als Arbeiterstaat zu verteidigen und sie mit einem kapitalistischen Regime gleichsetzte. Diese Haltung ließ ihn zu einem Unterstützer des US-Imperialismus werden.

Siehe auch:
Vortrag von David North zu den Thesen Daniel Goldhagens (in englischer Sprache)