Neuerscheinung im Arbeiterpresse Verlag

Leo Trotzki: Stalin - Eine Biographie

Von Wolfgang Zimmermann
27. April 2001

Soeben ist die umfangreiche Stalin-Biographie von Leo Trotzki im Arbeiterpresse Verlag neu erschienen. Sie liegt in gebundener Ausstattung vor. Wir dokumentieren im Folgenden die editorische Notiz zu dieser Ausgabe.

Leo Trotzki schrieb Ende der dreißiger Jahre in seinem erzwungenen Exil in Mexiko an dieser umfangreichen Biographie Josef Stalins. Seine Ablehnung der Politik der Bürokratie in der Sowjetunion, an deren Spitze sich Stalin fand, geht zurück auf den Beginn der zwanziger Jahre, als die Linke Opposition sich formierte, um den wachsenden Apparat in Partei und Staat zu bekämpfen. Verfolgt, aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, verbannt und ins Exil getrieben, wusste Trotzki dennoch die Politik Stalins in jeder Phase einer gründlichen Kritik zu unterziehen.

1923 begann er mit einer Artikelserie unter dem Titel "Der neue Kurs" die Auseinandersetzung mit der entstehenden Bürokratie. In dieser Zeit widmete Trotzki auch viele seiner Artikel und Reden Fragen der Kultur und der Kunst. Weit entfernt davon, eine Ablenkung von den politischen Fragen zu sein, thematisierten sie den Konfliktstoff im Alltagsleben der jungen sowjetischen Gesellschaft: die aus der alten zaristischen Gesellschaft ererbte Rückständigkeit, Kulturlosigkeit und Unbildung.

Zu den zentralen politischen Werken Leo Trotzkis aus den zwanziger Jahren gehören die "Permanente Revolution" und "Die Dritte Internationale nach Lenin", in denen er Stalins Theorie des "Sozialismus in einem Land" zurückweist. Er zeigt auf, dass im Zeitalter der weltweiten Ausdehnung des Kapitals, des Weltmarkts jede national beschränkte Herangehensweise zum Scheitern verurteilt ist. Der Aufbau des Sozialismus hängt ab von der weiteren Entwicklung der Weltrevolution und ist im nationalen Rahmen unmöglich.

Leo Trotzkis Schriften und Artikel zum Nationalsozialismus in Deutschland vor und nach 1933 sind eine scharfe Anklage der stalinistischen Politik, die zur Spaltung der deutschen Arbeiterklasse führte und damit erst den Sieg Hitlers ermöglichte. Aus der Niederlage der deutschen Arbeiterklasse zog Trotzki die Schlussfolgerung, dass die ursprünglich unter Lenins und seiner Leitung gegründete Kommunistische Internationale zu einem Werkzeug der stalinistischen Bürokratie verkommen war und eine neue "Vierte Internationale" geschaffen werden müsse.

Trotzkis Analyse der Entstehung dieser stalinistischen Bürokratie wurde 1936 unter dem Titel "Verratene Revolution" veröffentlicht. Dieses Werk besticht auch heute nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch durch die Klarheit, mit der die Konsequenzen der stalinistischen Politik aufgezeigt werden: "Ein Zusammenbruch des Sowjetregimes würde unweigerlich einen Zusammenbruch der Planwirtschaft und damit die Abschaffung des staatlichen Eigentums nach sich ziehen. Die Zwangsbindung der Trusts untereinander und zwischen den Fabriken eines Trusts würde sich lockern. Die erfolgreichsten Unternehmen würden sich beeilen, selbstständige Wege zu gehen. Sie könnten sich in Aktiengesellschaften umwandeln oder eine andere Übergangsform des Eigentums finden, etwa mit Gewinnbeteiligung der Arbeiter. Gleichzeitig und noch leichter würden die Kolchosen zerfallen. Der Sturz der heutigen bürokratischen Diktatur wäre also, wenn keine neue sozialistische Macht sie ersetzt, gleichbedeutend mit einer Rückkehr zu kapitalistischen Verhältnissen bei katastrophalem Rückgang von Wirtschaft und Kultur."

Ende der dreißiger Jahre, nach dem Beginn der Moskauer Prozesse, in denen die Generation der Führer der Oktoberrevolution durch Stalin vernichtet wurde, war Trotzki mit dem Phänomen konfrontiert, dass ein großer Teil der öffentlichen Meinung im Westen entweder eine völlig unkritische Haltung gegenüber Stalin und den Gräueln der Prozesse, Zwangslager usw. einnahm oder die Position vertrat, dass der Stalinismus nur die folgerichtige Entwicklung aus dem Bolschewismus wäre.

Aus dieser Zeit datiert die Arbeit an der Biographie Stalins. Trotzki erklärt in seinem Vorwort: "Das Ziel, das ich mir mit dieser politischen Biographie gestellt habe, ist aufzuzeigen, wie sich eine Persönlichkeit von dieser Art und diesem Charakter gebildet hat und zur Macht gelangen konnte..."

Die Biographie stieß bei Isaac Deutscher, der Mitglied der Linken Opposition gewesen war, aber später die Gründung der Vierten Internationale zurückwies, auf starke Opposition. Im 1963 veröffentlichten dritten Band seiner Trotzki-Biographie "Der verstoßene Prophet" nennt er die Stalin-Biographie, "selbst wenn es ihm (Trotzki) noch vergönnt gewesen wäre, ihr seine endgültige Fassung zu verleihen und die zahlreichen Probeformulierungen und Übertreibungen der ersten Entwürfe auszumerzen, vermutlich sein schwächstes Werk..." (Isaac Deutscher, Trotzki, Der verstoßene Prophet, Stuttgart 1963, S. 417)

Dieses scharfe Urteil fußt auf einer Ablehnung der grundlegenden Einschätzung Leo Trotzkis, die in "Stalin" immer wieder zum Ausdruck kommt: Stalin ist der Vollstrecker des Thermidor, der Kopf der Bürokratie, die ihre steigenden Privilegien festigen muss, der Totengräber der Revolution. Trotzki schreibt: "Versuchen wir eine historische Parallele für Stalin zu finden, müssen wir nicht nur Cromwell, Robespierre, Napoleon und Lenin zurückweisen, sondern auch Mussolini und Hitler. Wir kommen dem Verständnis Stalins näher, wenn wir Mustafa Kemal Pascha oder vielleicht Porfirio Diaz zum Vergleich heranziehen."

Isaac Deutscher antwortet darauf in seiner Ende der vierziger Jahre verfassten Biographie Stalins: "Wie Cromwell als Lord Protektor und Napoleon als Kaiser so blieb auch Stalin Hüter und Treuhänder der Revolution... Er ›formte den Sozialismus‹, und sogar seine Gegner, die ihn wegen seiner autokratischen Herrschaft angriffen, mussten zugeben, dass die meisten seiner wirtschaftlichen Reformen für den Sozialismus unerlässlich waren." (Isaac Deutscher, Stalin, Berlin 1979, S. 384) Seine Schlussfolgerung, dass deshalb "die russische Gesellschaft eine so gründliche und vielseitige Umschichtung erfahren (habe), dass eine Rückwärtsentwicklung ausgeschlossen erscheint", (ebenda, S. 597) ist durch die Geschichte längst wiederlegt.

Trotzki hingegen entfaltet vor den Augen des Lesers die Persönlichkeit Stalins in ihrer Beschränktheit, ihrer Ablehnung systematischer theoretischer Arbeit, die sich nie die weitgespannte Weltanschauung des Marxismus zu Eigen gemacht hat. Er zeigt, wie die Vorbereitung auf die Oktoberrevolution 1917 in der Erarbeitung der großen Ideen und in der Auseinandersetzung darüber lag und keine Frage organisatorischer Art war. Aus diesem Grunde fand sich Stalin 1917 abseits der Ereignisse. Seine Zeit begann nach dem Ende des Bürgerkriegs, nach der Konsolidierung der Macht, die zusammenfiel mit Niederlagen der internationalen Arbeiterbewegung. Der wachsende Apparat im Staat fand in Stalin den Kopf, der weder moralische Skrupel noch ideologische Vorbehalte kannte.

Trotzkis Stalin-Biographie ist in der heutigen Zeit, in der die Gleichsetzung von Bolschewismus und Stalinismus weit verbreitet ist, ein wichtiger Beitrag zur Klärung der Grundfragen des vergangenen Jahrhunderts.

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Leo Trotzki konnte seine Ende der dreißiger Jahre begonnene Arbeit an der Stalin-Biographie nicht vollenden. Am 20. August 1940 wurde er von einem GPU-Agenten mit einem Eispickel niedergeschlagen und starb am nächsten Tag. Die ersten sieben Kapitel der Biographie und der Anhang "Drei Konzeptionen der russischen Revolution" waren fertig gestellt. Die übrigen Kapitel und der Nachtrag wurden von Charles Malamuth, einem Übersetzer Trotzkis, zusammengestellt. In einer Vorbemerkung zur englischen Ausgabe von 1947 berichtet er: "Ein Teil der Manuskripte der unvollendeten Kapitel befand sich in Trotzkis Arbeitszimmer, die Seiten zu langen Bahnen aneinander geklebt, als der mörderische Angriff stattfand. Im Kampf mit dem Mörder wurden Teile des Manuskripts nicht nur mit Blut verschmiert sondern völlig zerstört." Es handelte sich um Notizen, Auszüge aus den Werken anderer Autoren und verschiedene Dokumente, zusammengefasst "in 81 Unterkapiteln in mehr als zweimal so vielen Mappen".

Bei der Erarbeitung dieser Ausgabe stieß der Herausgeber auf Textunterschiede in der englischen Ausgabe von 1947 und der deutschen von 1952. 1990 erschien zwar eine russische Ausgabe, die jedoch in ihrer Anordnung und dem Inhalt der Kapitel von der Edition von Charles Malamuth abweicht, ohne eine Erklärung dafür zu liefern. So können letztlich nur durch eine Arbeit im Trotzki-Archiv die Kapitel acht bis zwölf und der Nachtrag überprüft werden. Dies muss jedoch einer späteren Neuauflage vorbehalten bleiben.

Diese Ausgabe entspricht bis auf die Korrektur einiger Fehler der deutschen Ausgabe aus dem Jahre 1952 im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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