Von Tätern und Opfern

Lebensstationen des Mörders der 12jährigen Ulrike aus Eberswalde

Von Dietmar Henning
14. April 2001

Zwei Wochen lang verfolgte die deutsche Bevölkerung gebannt die Suche nach der am 22. Februar verschwundenen Ulrike aus dem ostdeutschen Eberswalde. Bis zu 5.500 Polizeibeamte starteten immer wieder neue Suchaktionen. Am 8. März fand man ihre Leiche Das 12jährige Mädchen war auf dem Weg zur Sporthalle entführt, sexuell missbraucht und anschließend getötet worden. Es sollte weitere drei Wochen dauern, bis der Täter gefunden wurde. Als er am 28. März von der Polizei festgenommen wurde, versuchte die Boulevardpresse das bekannte Muster bei solchen Gelegenheiten abzuspulen. "Ulrikes Mörder: Lasst ihn nie wieder frei" titelte die Bild -Zeitung. Politiker von CDU/CSU forderten die Einrichtung einer Gendatei nicht nur von allen Straftätern, sondern gar von allen Männern in Deutschland.

Doch die sonst übliche Hysterie mit den Forderungen nach harten Strafen bis hin zur Todesstrafe und Überwachungsszenarien wie der Einrichtung von umfassenden Gendateien ebbte sehr schnell wieder ab - und dies nicht nur, weil der Mörder des Mädchens mit Hilfe der bislang gebräuchlichen "Rasterfahndung" überführt wurde. Vielmehr zeigt das Leben des 25-jährigen Täters Stefan J. zu offensichtlich, dass in seiner Person tiefer liegende gesellschaftliche Missstände mit aller Gewalt hervorbrachen. Stefan J. versammelt in seiner Biografie alle Gewalt begünstigenden Faktoren, die Psychologen, Therapeuten und Pädagogen in ihren Lehrbüchern auflisten. "Perfektes Psychogramm" und "idedaltypische Täterbiografie" titelte denn auch der Focus.

Am 17. Dezember 1975 kommt Stefan J. im brandenburgischen Strausberg zur Welt, nahe Ostberlin, der Hauptstadt der DDR. Seine Mutter ist gesundheitlich angeschlagen, und auch der ungewollte Sohn ist blass und kränklich. Seinen leiblichen Vater hat er niemals kennengelernt, er gilt als unbekannt.

1981 wird Stefan im Ort Werneuchen eingeschult, wo die Mutter inzwischen mit ihren beiden Söhnen, Stefans Bruder Marcel ist drei Jahre jünger als er, sowie ihrem neuen Mann wohnt. Stefan besucht die erste Klasse der Polytechnischen Oberschule "Jurij Gagarin". Gagarin war sowjetischer Astronaut, der als erster Raumpilot 1961 die Erde umkreiste. Der Fortschritt, für den der Name Gagarin steht, hat die Schule in der DDR noch nicht erreicht. Auch dort werden Kindern bereits mit sechs Jahren einschneidende Versagenserlebnisse nicht erspart. Stefan bleibt bereits in seinem ersten Schuljahr sitzen. Sein Stiefvater prügelt ihn "grün und blau", wie sich seine ehemalige Klassenlehrerin erinnert.

Stefan beginnt, durch Stehlen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er klaut von Mitschülern Radiergummis und Bleistifte. Seine Klassenlehrerin meldet dies dem Vater, worauf Stefan noch mehr Prügel bezieht. Er verlässt die Schule nach acht Jahren der Demütigung und des Eindrucks eigenen Versagens in der sechsten Klasse. Während seiner Schulzeit stirbt obendrein seine Mutter an Krebs. Er lebt daraufhin gemeinsam mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder bei seinem Stiefvater, der das alleinige Sorgerecht erhält.

1989, nach seiner Schulzeit und im Alter von 14 Jahren, entflieht er der Gewalt des Stiefvaters und lebt für drei Jahre im Kinderheim "Lilo Hermann" in Eberswalde. Die nächste Station, inzwischen ist Deutschland wiedervereinigt, führt ihn nach Bernau in die dortige Einrichtung des "betreuten Wohnens". Die Erzieher kommen nicht an ihn heran, halten ihn zunächst für "lieb und nett", wollen dann aber sein "zweites Ich" entdeckt haben: "ausgebufft, clever und verschlagen".

Mehrere Versuche im Berufsleben Fuß zu fassen scheitern. Weder eine Ausbildung noch ein Arbeitsplatz ist während des Kahlschlags in der ostdeutschen Wirtschaft Anfang der 90er Jahre zu ergattern, erst recht nicht für Jugendliche wie Stefan. Er beginnt herumzuvagabundieren, lebt von Sozialhilfe, zuletzt in einer verwahrlosten Ein-Zimmerwohnung in einem tristen DDR-Plattenbau in Fürstenwalde. Er sucht zeitweise Halt bei den Nazis, auf seinen Fingern ist jetzt "Hass" eintätowiert, sein Kopf kahl rasiert. Medien berichten von Saufgelagen in seiner Wohnung.

Schon 1992, Stefan ist 17, gerät er mit dem Gesetz in Konflikt. Er wird wegen Autodiebstahl und Fahren ohne Führerscheins angeklagt. In den nächsten Jahren folgen weitere Autodiebstähle. Zuletzt wurde er wegen gleicher Delikte im März 1998 zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Strafe kommt er wegen "guter Führung" im März letzten Jahres auf Bewährung frei.

Stefan J. ist kaum über die geschilderten Orte hinaus gekommen. Sie prägten sein bisher kurzes Leben. Beim Mord an der 12-jährigen Ulrike spielen all diese Orte eine Rolle. Der Spiegel weist in seiner vorletzten Ausgabe darauf hin. Es scheine, als habe Stefan J. "mit der Tat seine eigene kaputte Biografie nachvollziehen wollen. In perverser Symmetrie spiegeln Verbrechenshergang und Stationen des Martyriums von Ulrike, [...] den Lebensweg des mutmaßlichen Täters wider. Als habe Jahn seine verkorkste Vita aus Erniedrigung, Hass und Gewalt innerhalb weniger Stunden noch einmal gelebt - im Zeitraffer eben."

Am Morgen des 22. Februar bricht er von seinem jetzigen Wohnort Fürstenwalde auf. Er fährt mit dem Zug nach Strausberg, seinem Geburtsort. Dort stiehlt er einen VW-Polo und fährt nach Eberswalde, wo er drei Jahre im Heim lebte. Im Stadtteil Eberswalde-Finow fährt er - nach seinen Aussagen unbeabsichtigt - auf einem Waldweg Ulrike an, die auf ihrem Fahrrad unterwegs zur Sporthalle ist. In Panik nimmt er das weinende Mädchen mit nach Werneuchen, dem Wohnort während seiner Schulzeit. Wenige hundert Meter von seinem ehemaligen Elternhaus missbraucht er das Mädchen mehrfach. Zwischen den brutalen Vergewaltigungen verarztet er Ulrike mit Hilfe des Verbandskasten aus dem gestohlenen Wagen. Schließlich würgt er das junge Mädchen mit einer Mullbinde zu Tode. Anschließend fährt er nach Bernau, wo er kurz im "betreuten Wohnen" unterkam, und verbrennt dort den VW-Polo.

Der Spiegel zitiert einen Psychologen, der erklärt, dass solche Taten "oftmals Neuinszenierungen selbst erlittener Gewalt" seien, wobei diese "erstaunlich genau" den Gewaltübergriffen gleichen, die "persönlich erduldet" werden mussten. Der Psychologe mutmaßt, Stefan sei womöglich auch sexuell missbraucht worden. In diesem Zusammenhang sei auch der mit Spuren übersäte Tatort zu sehen. Man möchte gefasst und bestraft werden.

Welche Erkenntnisse über den jungen Täter Psychologen und Psychotherapeuten auch noch finden mögen, eines ist bereits durch die bislang öffentlich gewordenen Tatsachen klar. Die deutsche Gesellschaft - in Ost und West - bringt junge Menschen hervor, die durch ihre Lebenserfahrungen kalt, abgestumpft, gewissenlos und unfähig zu jeglichem Mitgefühl werden. Urplötzlich können all ihre aufgestauten Aggressionen mit Gewalt hervorbrechen und willkürlich den nächstbesten Unschuldigen treffen.

Wenn sich also infolge dieser Gewalt besorgte Menschen die Frage stellen, wie es immer wieder zu diesen abscheulichen Verbrechen kommen kann, in denen die Täter eine kaum vorstellbare Gefühlskälte und Brutalität beweisen, muss die Antwort lauten: Sie sind das individuell-subjektive Produkt einer unbarmherzigen und brutalen Gesellschaft, die ihnen Liebe, Wärme und Anerkennung verwehrt.

Siehe auch:
Rechte töten "aus Spaß" Frührentner
(9.April 1999)