Konjunkturrückgang in der Eurozone

Von Nick Beams
29. Mai 2001

Noch im März betonte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Wim Duisenberg, die konjunkturellen Aussichten in der Eurozone seien "robust" und es gebe keine Anzeichen dafür, dass die Abschwächung der US-Wirtschaft "bedeutende und dauerhafte Auswirkungen" haben werde.

Vor zwei Wochen war der EZB Präsident kaum weniger optimistisch, als er behauptete, das geringere Wachstum der US-Wirtschaft werde nur "begrenzte Auswirkungen" auf Europa haben.

Die jetzt veröffentlichten Zahlen zeigen jedoch, dass sich die Abkühlung in Europa wesentlich schneller entwickelt als erwartet.

Die wichtigsten Daten kommen aus Deutschland, das in der Wirtschaft der Eurozone die Schlüsselrolle hat. Das Wachstum im ersten Quartal betrug nur 0,4 Prozent, was das Jahreswachstum auf 2 Prozent verringert, gegenüber 2,6 Prozent im vorhergehenden Quartal. Die wichtigsten Faktoren waren: ein starker Rückgang der Investitionen in Maschinen und Ausrüstung, sowie eine Entwicklung, die in einem Bericht als ein "blutarmes Wachstum der Exporte und des privaten Verbrauchs" beschrieben wurde.

Gleichzeitig wiesen vorläufige Zahlen für den Verbraucherpreisindex einen Anstieg der Inflation auf 3,5 Prozent aus - die höchste Rate seit Dezember 1993. Lebensmittelpreise stiegen demnach um 5,7 bis 9,9 Prozent, Energiepreise für Privathaushalte um mehr als 15 Prozent und Benzinpreise um 17 Prozent.

Während sich in Deutschland schon seit einigen Monaten ein schwächeres Wachstum abzeichnete, überraschten die Zahlen für Frankreich. Sie zeigten, dass die französische Wirtschaft im ersten Quartal nur noch um 0,5 Prozent - gegenüber 0,8 Prozent im letzten Quartal des vergangenen Jahres - gewachsen ist, wesentlich weniger als erwartet.

Die gleichen Tendenzen sind auch in anderen Teilen der Eurozone festzustellen. In einem Bericht der New York Times hieß es: "Die Niederlande, die im vergangenen Jahrzehnt in Europa meistens zu den Wachtumsführern gehörten, berichteten vor ein paar Tagen, dass ihre Wirtschaft im letzten Quartal quasi zu wachsen aufgehört habe, und im benachbarten Belgien, wo Stimmungen in der Wirtschaft oft Entwicklungen in der Eurozone insgesamt vorwegnehmen, ist das Vertrauen in die konjunkturelle Entwicklung auf dem tiefsten Punkt seit zwei Jahren.

Ein Leitartikel der Londoner Financial Times mit dem Titel "Ein kühler Wind über Europa" lenkte die Aufmerksamkeit auf die Kombination von langsamerem Wachstum und steigender Inflation.

"Diese unglückselige Kombination," hieß es dort, "ist nur ein Schatten der 'Stagflation' der siebziger Jahre, als steigende Ölpreise die Inflation in Europa auf über 13 Prozent ansteigen ließen, während das Wachstum zum Stillstand kam. Aber die Parallele ist dennoch ungemütlich. Bei immer noch mehr als acht Prozent Arbeitslosigkeit in der Eurozone sollte es genügend Spielraum für nicht-inflationäres Wachstum geben. Aber trotz eines willkommenen Anziehens der Wirtschaft in Frankreich seit 1998 war die wirtschaftliche Bilanz der Zone enttäuschend, eine Tatsache, die sich in der fortgesetzten Schwäche des Euro widerspiegelt."

Das Zusammentreffen von negativem Wachstum und steigenden Preisen in den Daten dieser Woche hatte sofort Auswirkungen auf die Geldmärkte und drückte den Euro auf seinen tiefsten Stand in diesem Jahr: auf 85,03 US Cent, gegenüber dem Höchststand von 95,95 Cent im Januar.

Die Reaktion der Geldmärkte wird von der widersprüchlichen Bedeutung diktiert, die die Wachstums- und Inflations-Daten für die Geldpolitik haben. Zurückgehende Wachstumsraten weisen einerseits auf die Notwendigkeit hin, die Zinssätze zu senken. Aber auf der anderen Seite wird die EZB angesichts steigender Inflation die Zinssätze unverändert lassen oder sogar anheben.

Aussicht auf eine Weltrezession

Der Rückgang der Wachstumsraten in Europa hat Auswirkungen auf die ganze Weltwirtschaft. Er bedeutet, dass drei bedeutende Regionen - die Vereinigten Staaten, Europa und Japan - mit deutlich verringerten Wachstumsraten und selbst mit der Möglichkeit einer Rezession konfrontiert sind.

Die globale Verlangsamung schlägt sich in den Voraussagen der Welthandelsorganisation (WHO) dieser Woche nieder. Es wird eine Ausweitung des Welthandels in diesem Jahr um noch 7 Prozent vorhergesagt, verglichen mit 12,5 Prozent im vergangenen Jahr.

Die WHO erklärte: "Die Aussichten für den Welthandel im Jahre 2001 haben sich den letzten Monaten bewölkt. Die Verlangsamung des Welthandelswachstums, die zum Ende 2000 einsetzte, wird sich wahrscheinlich fast das ganze Jahr 2001 fortsetzen."

Die größten Risiken bringe die Abschwächung der amerikanischen Wirtschaft für die 20 wichtigsten Exportländer, die mehr als ein Drittel ihrer Exporte in die USA lieferten, sagte die WHO.

Es kann auch keine schnelle Wende in der amerikanischen Wirtschaft erwartet werden, trotz der zahlreichen raschen Senkungen der Leitzinsen durch die amerikanische Bundesbank.

In einer wichtigen Rede vor dem Economic Club of New York am Dienstag Abend behauptete der Vorsitzende der Fed, Alan Greenspan, dass die USA nur eine "Pause" im wirtschaftlichen Wachstum erlebten; die umfassendere Anwendung innovativer Technologien "sollte die Nachfrage nach Kapitalinvestitionen wieder stärken und ein solides Wirtschaftswachstum wieder herstellen".

Aber im selben Atemzug warnte Greenspan, dass die amerikanische Wirtschaft sich weiter abschwächen könnte. "Die Periode von wirtschaftlichem Negativwachstum ist noch nicht vorüber", sagte er, "und das Risiko besteht weiter, dass die wirtschaftliche Schwäche stärker als gegenwärtig angenommen ausfallen und weitere politische Reaktionen erfordern wird."

Einige Wirtschaftskommentatoren haben die Möglichkeit in Zweifel gezogen, dass eine solche "politische Reaktion" - die Senkung der Leitzinsen - eine erneute Expansion bewirken könnte, und wiesen darauf hin, dass der Abschwung nicht durch die Geldpolitik der Fed hervorgerufen worden sei, und daher auch nicht von ihr geheilt werden könne.

Diese Beobachter merkten an, dass in der Nachkriegsperiode Rezessionen durch eine Verschärfung der Geldpolitik ausgelöst wurden. In diesem Falle ist der Abschwung jedoch das Ergebnis von Überkapazitäten aufgrund der beispiellosen Investitionen in Hightech-Ausrüstungen und Infrastruktur.

In einem Artikel mit dem Titel "Die Impotenz der Geldpolitik" in der Financial Times vom Donnerstag lieferte der Weltökonom David Hale von den Zurich Financial Services Zahlen, die zeigten, mit welcher Geschwindigkeit diese Investitionen in den späten neunziger Jahren anwuchsen, und zeigte ihre Rolle für das amerikanische Wirtschaftswachstum.

Der Boom der Kapitalinvestitionen der späten neunziger Jahren, schrieb er, resultierte aus "einem beispiellosen Geldfluss in den Technologiesektor, der sich aus ganz unterschiedlichen Kanälen speiste." Die spektakulärste Zunahme erlebte das Risikokapital, mit dem neue Unternehmen finanziert wurden. Dies schoss von 4,4 Mrd. Dollar im Jahre 1995 auf 114,6 Mrd. Dollar im Jahr 2000 in die Höhe.

"Die Ausstattung mit Risikokapital von 1990 bis 2000 entsprach 70 Prozent des Risikokapitals der vorangegangenen zwei Jahrzehnte. Der Wert der ausgegebenen Aktien bei Börsengängen im Technologiesektor schoss im Jahr 2000 auf 37,5 Mrd. Dollar hoch, von durchschnittlich zwei bis drei Mrd. Dollar Anfang der neunziger Jahre. Der Junk-Bond-Markt stellte von 1997-2000 zweihundert Mrd. Dollar für neue Service Provider in der Telekommunikation zur Verfügung."

Insgesamt waren Investitionen in neue Technologien die "wichtigste Wachstumslokomotive der späten neunziger Jahre". Von 1995 an stiegen die Ausgaben für Informationstechnologie von 227,5 Mrd. Dollar auf 713 Mrd. Dollar. Das waren fast 25 Prozent des Wachstums des Bruttosozialprodukts dieser Periode.

Noch so viele Senkungen der Leitzinsen durch die Fed werden keine Rückkehr zu diesen Bedingungen bringen, denn das Problem besteht nicht aus zu hohen Kapitalkosten, sondern überschüssigen Produktionskapazitäten, die Druck auf die Profitraten ausüben und Kürzungen von Investitionen und vermindertes Wirtschaftswachstum hervorrufen.

Die Weltwirtschaft ist in all ihren Teilen derart eng verbunden, dass dieser Druck jetzt auch außerhalb der USA spürbar wird, wie die jüngsten Zahlen aus Europa zeigen.