Robert Kerrey und das blutige Erbe des Vietnamkriegs

Von Patrick Martin und David North
9. Mai 2001

Der ehemalige amerikanische Senator Robert Kerrey, der seit kurzem als Präsident der New School University eine der angesehensten Positionen in den akademischen Kreisen Amerikas einnimmt, hat zugegeben, vor 32 Jahren am Angriff einer Todesschwadron auf ein vietnamesisches Dorf teilgenommen zu haben, bei dem er und sechs Soldaten unter seinem Kommando 21 Frauen, Kinder und alte Männer töteten.

Kerrey hielt am 26. April eine Pressekonferenz in New York City ab, nachdem der Text eines noch unveröffentlichten Artikels der New York Times bekannt und im Internet verbreitet worden war. Der Artikel, geschrieben von Gregory Vistica, erschien am 29. April als Titelgeschichte des Magazins. Er war auch das Thema der Sendung Sixty Minutes II der Fernsehstation CBS in der Nacht zum 1. Mai. Der Sender CBS und die Times hatten die Nachforschungen Visticas unterstützt, die dieser ursprünglich im Jahre 1998 für das Magazin Newsweek begonnen hatte.

Es gibt kaum Differenzen über die wesentliche Abfolge der Ereignisse am 25. Februar 1969 in dem kleinen Dorf Thanh Phong im Mekong-Delta. Kerreys siebenköpfige Spezialeinheit drang in Thanh Phong ein, um den Bürgermeister des Dorfes zu ermorden, der vom amerikanischen Kommando ins Visier genommen worden war, weil man ihn für einen aktiven Unterstützer der Nationalen Befreiungsfront (Vietcong) hielt. Das Dorf lag inmitten einer vom Vietcong kontrollierten Region, wohin sich normalerweise amerikanische Truppen und solche der Marionettenregierung in Saigon nur bei Tag und mit überlegenen Kräften wagten.

Im Zuge des nächtlichen Anschlags tötete der amerikanische Stoßtrupp jeden Vietnamesen, auf den er traf - Männer, Frauen, Kinder. Die Männer der Spezialeinheit benutzen jede Waffe ihres Arsenals, von Messern, Gewehren und Granaten bis hin zu leichten Anti-Panzer-Waffen, und verschossen 1.200 Kugeln und Granaten auf ein Dorf, in dem nur ein paar Dutzend Menschen lebten.

Der Bericht über die Aktion, der von Kerrey eingereicht und von seinen Vorgesetzten abgestempelt wurde, bezeichnet das Ergebnis des Überfalls als "21 VC KIA" (21 Viet Cong killed in action - 21 Vietcong-Kämpfer bei Kampfhandlungen getötet). Die Tötung von Frauen und Kindern wurde nicht erwähnt, obwohl Kerrey und alle anderen Männer der Einheit die Leichen von mindestens 14 sahen, worunter sich einige Kleinkinder befanden. Die 21 Leichen wurden zur offiziellen amerikanischen Statistik addiert, die angeblich die Erfolge der Kriegsführung demonstrieren sollte. Kerrey erhielt später die Auszeichnung "Bronze Star" für sein Verhalten in Thanh Phong - einen Monat vor einem zweiten Vorstoß, bei dem er schwer verwundet wurde und einen Teil seines Beins verlor, wofür er schließlich die Ehrenmedaille des Kongresses erhielt.

Was passierte in Thanh Phong?

Es gibt einige aufschlussreiche Unterschiede zwischen den Erinnerungen von Gerhard Klann, Teilnehmer an dem Überfall und Hauptinformant des Journalisten Vistica, und der Darstellung von Kerrey.

Die Beweise unterstützen überwiegend Klanns Darstellung - nicht zuletzt spricht für seine Version auch die Tatsache, dass Kerrey zu den Ereignissen in Thanh Phong niemals öffentlich Stellung genommen hatte, bis er auf die Nachforschungen von Times und CBS aufmerksam gemacht wurde. In seinen offiziellen Biografien für den Senat oder die New School University findet sich kein Hinweis auf dieses Vorkommnis, obwohl es eine allgemein bekannte Tatsache ist, dass er die Auszeichnung "Bronze Star" erhalten hat. Seine Haltung während der gesamten Affäre diente der Selbsterhaltung: Er gab Fehlverhalten zu, brachte Scham und Schuldgefühl zum Ausdruck und erwartet dafür, dass sich aus seinen Taten keine Konsequenzen für ihn ergeben. Und die Medien stimmten ein und präsentieren Kerrey als Opfer und nicht die 21 Menschen, die seine Schwadron 1969 massakrierte.

Kerreys eigenes Verhalten riecht stark nach schlechtem Gewissen - selbst jetzt lehnt er es ab, Klann direkt zu widersprechen und behauptet nur, dass sie verschiedene Erinnerungen haben. Der ehemalige Senator gibt abwechselnd zu verstehen, dass er sich nicht mehr genau an die Ereignisse erinnern kann oder dass er sehr wohl weiß, nicht das getan zu haben, was Klann von ihm behauptet. Seine Behauptung, sich nicht an Details erinnern zu können, ist nicht glaubwürdig. Dies war eine von den sehr wenigen Aktionen mit Waffeneinsatz, an denen Kerrey in seiner kurzen militärischen Laufbahn teilgenommen hat - er kam im Januar 1969 in Vietnam an und wurde zwei Monate später als Invalide nach Hause gebracht, nachdem er durch eine Granate einen Teil seines Beins verlor. Die Ereignisse müssten unauslöschlich im Gedächtnis geblieben sein, außer es gäbe einen starken Grund sie zu vergessen.

Obwohl fünf andere Männer der Schwadron Kerreys Behauptungen unterstützen, kann dies kaum als eine wirkliche Bekräftigung seiner Version der Ereignisse gelten, da sie sich durch eine gegenteilige Aussage der Verfolgung durch die Justiz aussetzen würden. Kriegsverbrechen können nicht verjähren. Und zwei Überlebende aus dem Dorf - eine war damals ein junges Mädchen, die andere die Frau eines Vietcong-Kaders - bestätigten unabhängig voneinander Details aus Klanns Behauptung, unter anderem seine Beschreibung, wie Männer der Einheit beim Betreten des Dorfes in der ersten Hütte einem alten Mann, seiner Frau und ihren drei Enkelkindern die Kehle durchschnitten. Die Gräber dieser fünf Opfer, auf denen das gleiche Todesdatum eingraviert ist, können heute am Dorf gefunden werden.

Ein verbrecherischer Krieg

Im Grunde sind diese Differenzen bei der Bewertung von Kerreys Taten zweitrangig. Selbst wenn man den ehemaligen Senator beim Wort nimmt, war der Überfall auf Thanh Phong ein Kriegsverbrechen. Kerrey war schließlich der Anführer einer Todesschwadron, die vom militärischen Kommando der USA ausgeschickt wurde, um einen Mord zu begehen. Dass sich unter seinen Opfern neben Männern auch Frauen und Kinder befanden, war keineswegs ungewöhnlich. Der Überfall auf Than Phong war Teil der Operation Phoenix, eines Programms unter Führung der CIA, das die politische Führung in Südvietnam ins Visier nahm und im Verlaufe dessen 20.000 bis 70.000 Mitglieder und Sympathisanten des Vietcong - und deren Familien - ermordet wurden.

Bei Überfällen wie dem auf Thanh Phong galt der Befehl, keine Gefangenen zu machen und jeden Vietnamesen zu töten, der den US-Truppen über den Weg lief. Alte Männer, Frauen und Kinder wurden als legitime Ziele betrachtet - zum Teil, weil der vietnamesische Widerstand gegen die amerikanische Besatzung ein wirklicher revolutionärer Kampf war und als solcher die gesamte Bevölkerung, auch Kinder, mit einbezog. Der amerikanische Krieg in Vietnam war ein konterrevolutionärer Krieg und als solcher richtete er sich buchstäblich gegen die gesamte Bevölkerung des Landes, was notwendigerweise zu einem wahllosen Abschlachten der Menschen führte.

Kerrey und seine Männer töteten 21 Menschen in der Nacht des 25. Februar 1969. Die jahrzehntelange Intervention des amerikanischen Militärs in Vietnam kostete drei Millionen Vietnamesen das Leben sowie 60.000 amerikanischen Soldaten, Matrosen und Piloten. Ein großer Teil des Landes wurde durch Flächenbombardements, Napalm und den Einsatz von chemischen Entlaubungsmitteln völlig zerstört und unbewohnbar gemacht, und selbst ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Krieges lasten die wirtschaftlichen und ökologischen Folgen weiterhin enorm auf dem Land.

Kerrey mag ein Kriegsverbrecher sein, aber es gibt andere, die vor ihm auf der Anklagebank sitzen sollten - die noch lebenden hohen politischen und militärischen Vertreter Amerikas, die für die Politik des Völkermords in Vietnam verantwortlich sind, von Henry Kissinger und General William Westmoreland bis zum ehemaligen CIA-Leiter Richard Helms und den zahlreichen Generälen, Diplomaten, "Beratern" und Regierungsbeamten, die eine wesentliche Rolle im Krieg spielten.

Das ist der Grund, warum Kerreys Entlarvung von derartigen Sympathiebekundungen in den Medien und von Politikern der Demokraten und Republikaner begrüßt wird. Kerrey war nur eine kleine Figur in einer großen Phalanx amtlicher Verbrecher, die letztendlich eine politische und militärische Niederlage in Vietnam erlitten, aber nie vor Gericht gestellt wurden.

Im politischen Establishment Amerikas herrscht eine gewaltige Angst vor dem Öffnen alter Wunden. Die gesamte herrschende Elite war in die Verbrechen des Vietnamkriegs verstrickt und in den Augen der amerikanischen Bevölkerung zutiefst diskreditiert. Im Krieg log und betrog die Regierung im gigantischen Ausmaß und veranlasste zahllose illegale Aktionen, zu Hause wie auch in Vietnam selbst.

Eine der infamsten Handlungen war die von Präsident Nixon veranlasste Begnadigung von Leutnant William Calley Jr., nachdem dieser wegen der Ermordung von mehr als 100 vietnamesischen Zivilisten im Massaker von My Lai verurteilt worden war. Das Massaker von My Lai war die bekannteste Gräueltat der Amerikaner im Krieg und eine der blutigsten: 500 Männer, Frauen und Kinder wurden systematisch und zumeist aus kürzester Entfernung erschossen. Nixons Begnadigung, die vom politischen Establishment allgemein mit Wohlgefallen aufgenommen wurde, bedeutete die öffentliche Billigung des Massenmordes.

Im Fall von Robert Kerrey kommen die gleichen Fragen auf. Er stört die langwierigen Bemühungen der herrschenden Klasse, den Ruf des Vietnamkriegs aufzupolieren und sich somit wieder in die Lage zu versetzen, Krieg in anderen Ländern zu führen, ohne daheim auf Opposition zu stoßen. Man muss sich nur daran erinnern, wie der Vater des derzeitigen Präsidenten während des Golfkriegs 1991 verkündete, er werde das "Vietnam-Syndrom" beseitigen. Dies ist der Grund, warum die rechte Presse, vor allem solche Publikationen wie das Wall Street Journal, so stark für Kerrey in die Bresche springen.

Die historischen Dimensionen

Von Kerreys Verteidigern in offiziellen Kreisen - die weitaus zahlreicher sind als seine Kritiker - werden zwei Argumente vorgebracht. Die einfallsloseste Entschuldigung lautet, dass diese Ereignisse vor langer Zeit stattfanden, Augenzeugenberichte voneinander abweichen können und man schlafende Hunde besser nicht wecken sollte.

Aber es gibt Verbrechen von solcher Größe und historischen Dimension, dass sie auch nach ein oder zwei Generationen ihre brennende Bedeutung behalten. Die Nazi-Kriegsverbrecher wurden auch nach 50 Jahren noch verurteilt, und zwar nicht nur die höchsten Führer und Architekten des Holocaust, sondern auch die, die ihn Tag für Tag durchführten, die Lageraufseher und Kommandeure von Terroreinheiten - die William Calleys und Robert Kerreys.

Der ehemalige UN-Generalsekretär Kurt Waldheim wurde - als er die Vereinten Nationen schon verlassen hatte und Präsident von Österreich war - international boykottiert, nachdem herauskam, dass er im Zweiten Weltkrieg als Nazi-Offizier in Jugoslawien an den Verbrechen gegen die serbische Bevölkerung beteiligt gewesen war. Die Vereinigten Staaten schlossen sich damals den internationalen Sanktionen gegen Österreich an.

Es gibt auch Beispiele aus Amerika. Niemand hält es für falsch, dass Thomas Blanton im vergangenen Monat für den Mord an vier Mädchen beim Bombenanschlag auf eine Kirche in Birmingham (US-Staat Alabama) im Jahre 1963 verurteilt wurde. Warum ist eine juristische Verfolgung von Robert Kerrey wegen des Mordes an Frauen und Kindern in Thanh Phong im Jahre 1969 undenkbar? Weil die Opfer Vietnamesen waren und nicht Amerikaner?

Außerdem zeigte sich beim Gerichtsverfahren gegen Blanton, dass die ernsthafte und erfolgreiche Verurteilung eines monströsen Verbrechens auch fast 40 Jahre nach der Tat möglich ist, wenn eine Veränderung in der öffentlichen Meinung stattgefunden hat. Die amerikanische Öffentlichkeit, und dies betrifft auch Weiße aus den Südstaaten, betrachtet die Gräueltaten des Ku Klux Klan aus den 60-er Jahren nun mit Abscheu. Die Kampagne zur Verteidigung von Kerrey zeigt dagegen ein außergewöhnliches Bemühen von offizieller Seite, die weitaus größeren Gräueltaten des amerikanischen Imperialismus in Vietnam zu rechtfertigen.

Das andere Argument, das zugunsten von Kerrey vorgebracht wird, besagt, dass seine Taten mit einem anderen Maß gemessen werden müssen, weil sie im Rahmen eines Krieges stattfanden. Kerrey führte lediglich einen militärischen Auftrag aus und kann für das Ergebnis nicht zur Verantwortung gezogen werden. Dies ist kaum besser als die Verteidigung der Nazi-Offiziere in Nürnberg, die vorbrachten, dass sie lediglich die Befehle Adolf Hitlers befolgten.

Ja, Robert Kerrey befolgte die Befehle von Richard Nixon, Richard Helms, General Creighton Abrams und anderen hohen Vertretern der Vereinigten Staaten. Aber er schloss sich freiwillig jener Sondereinheit der Marine an, die speziell für Mordattentate ausgebildet und eingesetzt wird und der Teil des amerikanischen Militärs ist, der den SS-Truppen der Nazis am nächsten kommt. Wie Kerrey selbst zugab, wollte er den Vietnamesen "mit einem Messer zwischen meinen Zähnen" entgegentreten. Später akzeptierte er die Ehrenmedaille des Kongresses bei einer Zeremonie im Weißen Haus 1970, nur wenige Tage, nachdem Nixon die Invasion in Kambodscha angeordnet und öffentlich die Ermordung von Studenten an der Kent State University verteidigt hatte.

Kerrey profitierte von seiner Kriegsteilnahme während seiner gesamten politischen Laufbahn als Gouverneur von Nebraska, Senator und erfolgloser Kandidat bei der Nominierung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten 1992. Er wurde von vielen als potentieller Präsidentschaftskandidat im Jahre 2004 angesehen. Anders als Waldheim, der seine Kriegsteilnahme herunterspielte und verschleierte, nahm Kerrey seine Identität als "Held" des Vietnamkriegs als Ausgangspunkt für seine politische Karriere.

Die Vereinigten Staaten und Kriegsverbrechen

Kerreys Bloßstellung hat die politische Elite in Amerika an einem empfindlichen Nerv getroffen, und zwar nicht nur deshalb, weil sie aus der Zeit des Vietnamkriegs noch viele Leichen im Keller hat und verhindern möchte, dass diese ausgegraben werden. Besonders nach dem Ende des Kalten Krieges ist die "Verteidigung der Menschenrechte" zum Hauptargument geworden, wenn amerikanische Interventionen in Übersee gerechtfertigt werden sollen. Im Irak, in Panama, Somalia, Jugoslawien und sonst wo benutzen das Weiße Haus und das Außenministerium tatsächlich vorgefallene oder erfundene Gräueltaten als Vorwand für ihr militärisches Eingreifen.

Die Bombardierung Jugoslawiens 1999 war angeblich eine Reaktion auf die "ethnischen Säuberungen" der Serben im Kosovo, wobei das Massaker von Racak vom Januar 1999 das Beweisstück A in der Anklageschrift des Haager Kriegsverbrechertribunals gegen den damaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic ist. In Racak, ähnlich wie in Thanh Phong, fand ein militärischer Überfall auf ein von Guerillakämpfern gehaltenes Dorf statt, wobei einige Dutzend Dorfbewohner starben.

Anders aber als in Thanh Phong, wo alle Opfer Zivilisten waren, waren die meisten Toten in Racak Kämpfer der UCK, und es gibt eine beachtliche Anzahl von Hinweisen darauf, dass die UCK die Szene für die westlichen Medien manipulierte, indem sie die Toten nebeneinander legte, um den Eindruck zu erwecken, diese seien bei einer Exekution niedergemäht worden und nicht im Schusswechsel mit der jugoslawischen Armee gestorben.

Die amerikanischen Regierungsvertreter sind sich darüber im Klaren, dass Anklagen wegen Kriegsverbrechen ein zweischneidiges Schwert sind. Deshalb waren sie gegen die Auslieferung des chilenischen Diktators Augusto Pinochet, der wegen tausendfachen Mordes nach seinem Staatsstreich mit CIA-Unterstützung im Jahre 1973 belangt werden sollte - Verbrechen, derentwegen Helms, Kissinger und Konsorten auch leicht hätten angeklagt werden können.

Während Washington Institutionen wie das Haager Kriegsverbrechertribunal im Interesse der eigenen Außenpolitik benutzt, um Milosevic zu dämonisieren, weigern sich die Vereinigten Staaten gleichzeitig, ihre eigenen Taten und Vertreter einer solchen internationalen Gerichtsbarkeit zu unterwerfen - aus Angst, dass eine solche Körperschaft, die nicht vollständig unter der Kontrolle der herrschenden Klasse Amerikas steht, sich, wenn auch nur im beschränkten Maße, gegen amerikanische Militärinterventionen in der ganzen Welt aussprechen könnte.

Kerrey und die New School University

Dass Kerrey nur wenige Wochen nach seiner Amtsübernahme als Präsident der New School University mit diesen Vorwürfen konfrontiert wird, gibt dem Fall eine weitere bedeutende politische und kulturelle Dimension. Die New School University ist nicht einfach nur eine Hochschule, sondern eine der Bastionen des liberalen und fortschrittlichen Denkens in den Vereinigten Staaten. An ihre Spitze einen Mann zu stellen, dem Massenmord vorgeworfen wird, ist eine besondere Provokation.

Die New School for Social Research [Neue Schule der Sozialforschung] wurde 1919 gegründet, unter anderem von dem Historiker Charles Beard, dem Philosophen John Dewey und dem Wirtschaftswissenschaftler und Sozialkritiker Thorstein Veblen. An ihr lehrten unter anderem W.E.B. Dubois, John Maynard Keynes, Aaron Copland, Frank Lloyd Wright und James Baldwin. Sie initiierte die berühmte Theaterwerkstatt, in der viele bekannte Schauspieler der letzen zwei Generationen ihre Ausbildung erhielten.

In den späten 30er Jahren und während des Zweiten Weltkriegs wurde die New School University zur zweiten Heimat vieler berühmter deutscher Exilanten und jüdischer Flüchtlinge, darunter einer großen Zahl derer, die zur Frankfurter Schule der marxistisch beeinflussten Sozial- und Kulturkritik gehörten. Max Horkheimer lehrte an der New School University, ebenso wie Hannah Arendt, die Autorin von "Eichmann in Jerusalem".

Das Kuratorium der New School University reagierte auf die Enthüllung von Kerreys Taten in Vietnam, indem es seine "bedingungslose Unterstützung" für den neuen Präsidenten bekannt gab. Diese widerliche Umarmung geschah trotz der Tatsache, dass Kerrey vor seiner Wahl zum Präsidenten der Universitätsleitung seine Vergangenheit verschwiegen hatte.

Die Frage hat bislang noch keine größeren Proteste an den Fakultäten oder unter den Studenten der New School University hervorgerufen. Dies zeugt vom Niedergang des Liberalismus seit der Zeit, als der Konflikt über den Vietnamkrieg jeden Campus in Amerika erschütterte.

Allgemeiner betrachtet, kann von den liberalen Kreisen generell keine ernsthafte Opposition gegen Kerrey und keine Forderung nach einer Aufdeckung der Verbrechen in Vietnam erwartet werden. Der Vietnamkrieg wurde von der Demokratischen Partei organisiert und politisch durchgesetzt, wobei sie von der Gewerkschaftsbürokratie und dem liberalen akademischen und intellektuellen Establishment unterstützt wurde, die vom Grundprinzip des Antikommunismus ausgehend den Völkermord in Südostasien guthießen.

Die Furore in den Medien über Kerreys Rolle in Vietnam war sehr begrenzt und beginnt nun abzuebben. Die herrschenden Kreise benutzen diese Frage, um die öffentliche Stimmung zu testen. Wenn sie es schaffen, einen Mann, der beschuldigt wird, Kriegsverbrechen begangen zu haben, an der Spitze eines der bekanntesten intellektuellen Zentren zu halten, so wäre dies ein gewaltiger Schub für die Rehabilitierung des Vietnamkriegs und die imperialistische Außenpolitik insgesamt.

Man darf ihnen nicht erlauben, damit durchzukommen. Die World Socialist Web Site lehnt die kriecherische Philosophie ab, wonach man "Vergangenes ruhen lassen" soll. In Amerika ist eine ganze Generation herangewachsen, die kaum etwas über den Vietnamkrieg weiß. Wir befinden uns inmitten eines systematischen Versuchs, den Krieg wieder in einem guten Licht erscheinen zu lassen und jedes Verständnis der Fragen zu verhindern, die in den Vereinigten Staaten und international Millionen zum Widerstand gegen den Krieg bewegten.

Wie viele Studenten und junge Menschen wissen heute, dass 1969, als Lt. Robert Kerrey seine Todesschwadron nach Thanh Phong führte, die amerikanische Regierung in der ganzen Welt zu Recht gehasst wurde? Die Vereinigten Staaten wurden gleichgesetzt mit Napalm, Bombenteppichen, Konzentrationslagern ("strategic hamlets"), Mordanschlägen, Folter ("Tigerkäfige") und mit der barbarischen Politik des "Dörfer zerstören, um sie zu retten".

Die herrschende Elite möchte ihre Geschichte vergessen machen, um ihre Verwicklung in alte Verbrechen zu vertuschen und gleichzeitig neue vorzubereiten. Die Bush-Regierung hat bereits China bedroht, den Irak bombardiert, eine Intervention in Kolumbien vorbereitet, die ABM-Abrüstungsverträge zerrissen und ihre eigenen ehemaligen Alliierten mit unilateralen Schritten in Handels- und Umweltschutzfragen provoziert.

Aber das Erbe des Vietnamkriegs bleibt - die Angst der herrschenden Klasse, dass ein sich hinziehender amerikanischer Krieg unkontrollierbare politische und soziale Konflikte im Innern hervorruft. Deshalb soll Thanh Phong unter den Teppich gekehrt werden. Und deshalb müssen sich die Gegner des amerikanischen Imperialismus und Militarismus auf die sich zuspitzenden sozialen Widersprüche in Amerika stützen, um die Arbeiterklasse gegen neue Vietnams zu mobilisieren.