Balkan Black Box

Ein Festival mit Filmen aus dem ehemaligen Jugoslawien in Berlin

Von Stefan Steinberg und Anders Ernst
30. Juni 2001

Teil 1

Dies ist der erste von zwei Artikeln über ein Filmfestival mit Filmen aus der Balkanregion, das kürzlich in Berlin stattgefunden hat.

Ein Festival mit Filmen aus dem ehemaligen Jugoslawien in Berlin bot kürzlich die Gelegenheit, die Stärken der Filme der Region zu untersuchen und gleichzeitig einen Eindruck von dem gewaltigen sozialen und kulturellen Niedergang zu gewinnen, der sich im Laufe der letzten zehn Jahre auf dem gesamten Gebiet des ehemaligen stalinistischen Blocks ereignet hat. Aus dem ehemaligen Jugoslawien, das neben wirtschaftlichem Niedergang auch verheerende Kriegsschäden erlitten hat, kommen eine Anzahl von Filmemachern, die eine bemerkenswerte Immunität gegenüber dem Nationalismus und eine gesunde Skepsis gegenüber den "Wundern" der westlichen Demokratie zur Schau stellen.

Das Festival, das von einer Gruppe namens "black box network" (http://www.balkanblackbox.de) in Zusammenarbeit mit im Verleih von Filmen aus der Region engagierten Kinobetreibern veranstaltet wurde, brachte eine Werkschau mit Filmen des jugoslawischen Regisseurs Zelimir Zilnik (siehe Teil 2) nebst einer Auswahl von Filmen, die in den letzten Jahren aus dem Festivalbetrieb in die unabhängige Distribution gelangt sind. Zu den letzteren gehören Emir Kusturicas Underground(1995) und Schwarze Katze, weißer Kater(1998), Goran Rebic' The Punishment(2000) und der enttäuschend unkritische und oberflächliche Dokumentarfilm Nach Saison(1994-97) von den aus der Freiburger Medienwerkstatt stammenden, seit 1992 als Duo arbeitenden Filmemachern Mirjam Quinte und Pepe Danquart, die den ehemaligen Bremer Bürgermeister Hans Koschnick bei seiner Arbeit als EU-Verwalter der geteilten Stadt Mostar in Bosnien-Herzegowina filmten.

Ferner wurden ein paar Spielfilmdebüts der letzten Jahre gezeigt, darunter die äußerst platte und klischeebeladene Komödie Beautiful People(1999) von dem in England lebenden bosnischen Regisseur Jasmin Dizdar, das effektvolle, aber fatalistische und wenig erhellende Drama Before the Rain(1994) von Milcho Manchewski aus Mazedonien, und die ebenso bezaubernde wie nichtssagende und dadurch leider ins Fade abgleitende Komödie Express, Express(1996) von dem slowenischen Regisseur Igor Sterk. Das Festival bot außerdem Kunstausstellungen, Diskussionsforen, Kurzfilmprogramme und Musikkonzerte.

Um als Filmemacher aus dem ehemaligen Jugoslawien auf die Beine zu kommen, ist es unumgänglich, mit dem Erbe der stalinistischen Herrschaft Titos und seiner ins Nationale gewendeten Erbfolgekämpfer ins Reine zu gelangen, und immerhin erscheint eine Reihe balkanischer Filmemacher willens und fähig, zur vorläufig unvermeidlichen wie unvermeidlich vorläufigen Aufarbeitung der letzten Jahrzehnte beizutragen. Im folgenden widmen wir uns den uns in dieser Hinsicht erfreulicheren Filmen des Festivals.

Der chinesische Markt

Der chinesische Markt ist ein neuer Dokumentarfilm des in Berlin lebenden kroatischstämmigen Regisseurs Zoran Solomun (siehe auch das Interview anlässlich des Toronto Film Festival 1997).

Der Film handelt von dem 1992 entstandenen sogenannten "chinesischen Markt" im Stadtteil Jozsefvaros in Budapest. Der chinesische Markt wirft Licht auf die abstoßenden Lebensumstände, denen Millionen Menschen in den Ländern des östlichen Europa in der Folge des Kollapses der stalinistischen Regimes ausgesetzt sind. Der Markt wuchs stark in der Mitte der 1990er Jahre, als Tausende Chinesen in die ungarische Hauptstadt zogen und den örtlichen Markt zu einem Zentrum des Kleinhandels mit massenproduzierten Billigwaren chinesischer Herkunft machten.

Rasid aus Bosnien, Mihaela aus Rumänien, Bosko aus Mazedonien und Margit aus Ungarn sind regelmäßige Besucher des chinesischen Marktes in Budapest. So wie Zehntausende anderer Menschen in ganz Osteuropa, verdienen sie ihren Lebensunterhalt dadurch, dass sie jeden Monat Hunderte, manchmal Tausende von Kilometern reisen, um sich auf dem chinesischen Markt preiswert mit Waren einzudecken und diese dann zum Weiterverkauf auf ihren Heimatmärkten zurück zu transportieren. Der Aufwand an Zeit und Energie auf Seiten der Händler ist dabei außerordentlich.

Wir sehen, wie sich Rasid vor dem Spiegel rasiert, bevor sich auf die weite Reise zu dem Markt macht. Er will schick aussehen und die Zollbeamten überzeugen, dass er kein Schmuggler ist. Auf dem Markt in Budapest füllt er eine voluminöse Tasche mit einer Auswahl von Blusen, Sandalen, Kosmetika usw. Wegen der Sprachbarriere kommuniziert er mit den chinesischen Händlern fast nur mittels Taschenrechner. Rasid tippt seine Kaufangebot ein und zeigt es dem Händler, der chinesische Verkäufer tippt einen höheren Preis in seinen eigenen Taschenrechner - und so beginnt die Feilscherei.

Ein osteuropäischer Fahrer erzählt, dass er drei oder viermal in der Woche jeweils 1000 km zum Markt und zurück reist. Nachdem sie ihre Waren erworben haben, müssen die osteuropäischen Händler für Stunden an den diversen Grenzen warten - Rumänien, Serbien, Bosnien, Mazedonien, usw. - während Zollbeamte ihr Gepäck überprüfen. Zusätzlich zu einer offiziellen Zollgebühr von durchschnittlich etwa 50 DM pro Kopf, wird von den Händlern ebenfalls erwartet, dass sie Schmiergelder an die Grenzbeamten zahlen (oder Aufträge für zukünftige Erwerbungen von den Beamten entgegen nehmen).

In Gesprächen offenbaren die Händler und Kaufleute ihre früheren Berufe und Lebenshintergründe. Einer der Händler sagt, dass er der ehemalige Direktor einer Fabrik mit 1000 Arbeitern ist. Ein anderer hat als Redakteur in einem Verlag gearbeitet. Ein dritter war Professor an einer osteuropäischen Universität - heute bemannen sie entweder die Marktbuden oder verbringen ihre Arbeitswoche mit langen, beschwerlichen Reisen und dem Feilschen um Billigwaren.

Mihaela aus Rumänien arbeitete für vier Jahre als Krankenschwester, dem Beruf ihrer Wahl. Jetzt, über dreißig und mit einem Kind, wurde sie kürzlich entlassen und kann es sich nicht leisten, von ihren Eltern wegzuziehen. Viele der in dem Film dargestellten Menschen sind hochwertig ausgebildete und qualifizierte Leute, die jetzt verzweifelt versuchen, sich ihren Lebensunterhalt zusammen zu kratzen.

In einer Szene treffen wir eine Frau, die vor den schäbigen Containertoiletten außerhalb des Marktes Wache hält. Sie erzählt, dass sie als Sekretärin ausgebildet und für die Abfassung von Parlamentsprotokollen qualifiziert ist. Jetzt ist sie 12 Stunden am Tag damit beschäftigt, jedem der Toilettenbesucher 40 Forint abzuknöpfen. Die Toiletten sind in einem hochgradig unappetitlichen Zustand - nichtsdestotrotz hat der Besitzer einen elektronischen Sensor angebracht, der jedes Betreten der Toilette registriert. Am Ende des Tages prüft er die Übereinstimmung der Einnahmen mit den Besucherdaten, um sich seine Profitmarge zu sichern.

Der Markt ist ein schwindelerregendes Gemisch von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten. Viertausend chinesische Händler betreiben ihre Marktstände - hauptsächlich arme Bauern, die nach Budapest gereist sind, um in Ungarn mehr Geld zu machen als sie in China jemals könnten. Weitere Stände sind von Türken und Indern bemannt. Die Kunden kommen aus ganz Osteuropa und aus der ehemaligen Sowjetunion. Nichtsdestotrotz sind der Markt und die Stadt starr in nationale Ghettos aufgeteilt - es gibt nicht die leiseste Anstrengung von Seiten der Behörden, irgendeine Art interkulturellen Austauschs zu fördern. Darüber hinaus gestehen die im Film interviewten Leute ein, dass sie trotz ihrer 12-Stunden-Tage, manchmal in eisiger Kälte, niemals reich sein werden. Irgendwo daheim in China macht ein Fabrikdirektor ein Vermögen, doch die Mehrheit der Menschen, die in den europäischen Handel verwickelt sind, verdienen kaum das Überlebensnotwendige.

In der Diskussion nach seinem Film gestand Regisseur Zoran Solomun ein, dass in dem ehemaligen Ostblock Hunderttausende Menschen in dieser Weise leben. Grenzzölle und Schmiergelder unterhalten die Zollbehörden. Die von den Markthändlern gezahlten Standmieten werden von den Stadtbehörden eingesackt. Im zum ehemaligen Jugoslawien gehörigen Bosnien zeigt sich der wirtschaftliche Niedergang darin, dass der größte einzelne Einkommensposten der Region die Ausgaben (einschließlich derer für Prostitution) von Seiten der okkupierenden NATO-Truppen sind.

Zu Beginn eines neuen Jahrtausends dokumentiert dieser Film auf beeindruckende Weise die außerordentliche Verschwendung menschlicher Ressourcen und Potentiale in der östlichen Version des "freien Marktes".

Marschall Titos Geist

Marschall Titos Geist ist eine kroatische Produktion des Filmemachers Vinko Bresan, der die ursprünglich von Regisseur Zelimir Zilnik (s. Teil 2) stammende Idee aufgegriffen hat, den Geist von Marschall Tito, dem langjährigen stalinistischen Führer Jugoslawiens, wieder auferstehen zu lassen.

Während der Beerdigung eines alten Partisanenkämpfers auf einer kleinen Insel an der kroatischen Küste erscheint der Geist von Marschall Tito (der 1980 verstarb). Der örtliche Bürgermeister Luka ruft nach Hilfe und der Polizeibeamte Stipan, der in dem kleinen Ort aufwuchs, wird zur Untersuchung dorthin geschickt. Stipan erlebt die Feindseligkeit einer Gruppe alter Partisanen, die loyal zu Tito geblieben sind und die Gelegenheit seiner Wiederkehr nutzen wollen, um die Insel wieder unter die "kommunistische" Macht zu bringen.

Stipan hat auch Probleme mit dem örtlichen Bürgermeister, der nach dem Kollaps des Stalinismus das Hotel, das Museum, und andere öffentliche Einrichtungen in Besitz genommen hat. Als rabiater Verfechter des kapitalistischen Freihandels und des Antikommunismus erkennt der Bürgermeister die Möglichkeit, die schlummernden wirtschaftlichen Potentiale des Ortes durch die Förderung des "Polit-Tourismus" wieder zu beleben. Wenn es ihm gelingt, die Wirklichkeit der Tito-Erscheinung nachzuweisen, vermeint er, so werden Zehntausende nostalgischer Tito-Veteranen zu der Insel reisen, in seinem Hotel übernachten und ihm endlich zu Reichtum verhelfen.

Er denkt über weitere Möglichkeiten nach: Wenn es mit Tito klappt, warum nicht den Geist von Erich Honecker für die Deutschen wieder auferstehen lassen, oder sogar Mao, mit potentiell Hunderttausenden chinesischer Touristen! In den lustigsten Szenen des Films kehrt der Bürgermeister seinen Antikommunismus pragmatisch unter den Teppich, dekoriert den Ort mit Hammer-und-Sichel-Flaggen und organisiert eine Maiparade mit Traktoren, Bauern, "Helden der Arbeit", jungen Pionieren und anderem stalinistischen Putz.

Der Film war in Kroatien ein riesiger Erfolg und hat dort offenbar einen Nerv getroffen. Millionen Menschen in der Region sind hochgradig enttäuscht von ihren Erfahrungen mit der sogenannten Demokratie und dem freien Markt. Besonders unter den älteren Bevölkerungsschichten findet man eine profunde Sehnsucht nach der relativen Stabilität des Lebens unter Tito. Bresans Film ist amüsant, voller bewegender Musik und durchaus sehenswert, aber mit seiner Parodie auf die Veteranen des Titoismus hat er sich eine einfache Zielscheibe ausgesucht. Es bleibt zu hoffen, dass er und andere Filmemacher sich an einer intensiveren und tiefer gehenden Auseinandersetzung mit der Gesellschaft des Balkans im 20. Jahrhundert versuchen werden.

Siehe auch:
Radu Mihaileanus Film Zug des Lebens
(23. März 2000)