Ein Überblick über das zwölfte Human Rights Watch Filmfestival in London

Von Paul Mitchell
5. Juni 2001

Kürzlich veranstaltete die Bürgerrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) ihr zwölftes Filmfestival in London. Auf dem jährlich veranstalteten Festival wurden diesmal 22 Spiel- und Dokumentarfilme gezeigt. Von diesen wurden bereits einige auf der World Socialist Web Site besprochen, wie Julian Schnabels "Before Night Falls".

Das Festival bot die Gelegenheit, die Weltpremiere von Ken Feros "Injustice" zu sehen, in dem der 30-jährige Kampf gegen Todesfälle in Polizeigewahrsam dokumentiert wird. Auch wurden einige Filme in englischer Erstaufführung gezeigt, wie Shaya Mercers "Trade Off" - eine Schilderung des Treffens der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle im Jahr 1999.

An jedes Werk - ob politischer Film oder nicht - muss man einige grundsätzliche Fragen richten: Behandelt der oder die Filmemacher/in sein oder ihr Thema in einer frischen, befriedigenden und durchdachten Weise? Wiederspiegelte der Film die Realität wahrheitsgemäß? Außerdem muss man bei einem Menschenrechts-Filmfestival mit einer großen Anzahl politischer Filme fragen: Was ist die politische Perspektive des Filmemachers? Kann man etwas aus dem Film lernen?

Mein allgemeiner Eindruck am Ende des Festivals war, dass viele der Filme in technischer Hinsicht gut gemacht waren und von Filmemachern produziert worden sind, die offene Sympathie für die Unterdrückten hegen. Wichtige Fragen werden angegangen. Gefühle werden angesprochen - nur Wenige werden ohne emotionale Regung Filme über Kinder in Rumänien und ihr Dasein in der Kanalisation ("Children Underground") ansehen, oder über die Tapferkeit französischer Resistance-Kämpfer, die an die Nazis verraten wurden ("Terrorists in Retirement"). Doch scheinen alle diese Filme mit einer allgemeinen Schwäche behaftet - einem oberflächlichen und leichtfertigen Umgang mit dem jeweiligen geschichtlichen und sozialen Kontext.

Julian Schnabel, der seinen Film "Before Night Falls" in der Gala-Nacht vorstellte, kann als Beispiel dafür gelten. Sein Film behandelt das Leben des homosexuellen kubanischen Poeten Reinaldo Arenas, seine Verfolgung durch das kubanische Regime und schließlich seinen Tod in Armut in New York. Schnabel sagte zu seinem Film: "Was ich mochte war Reinaldos Humor. Sein Sinn für Humor ließ ihn überleben und lässt Kubaner überleben... wie in den USA und auch hier, wie ich vermute."

Humor ist eine wesentliche Zutat vieler Filme, doch in Schnabels Arbeit wird die Möglichkeit, die reichhaltige und komplexe Wechselwirkung zwischen Arenas Leben und Castros Kuba auszuloten, einigen wenigen, billigen Witzen geopfert. Lernen wir auch nur das Geringste über das Regime, wenn wir nichts weiter erfahren, als dass es sich um ein "Kuba mit Hoden" handelt, also eine andere Form des Latino-Machotums?

Die Probleme, mit denen die Menschheit konfrontiert ist, können nur dann in einer kreativen Art und Weise dargestellt werden, wenn der Schaffende verstanden hat, dass diese Probleme historisch begründet und ein Produkt der Klassengesellschaft sind. Wird dies ignoriert, bleibt dem Publikum in der Regel nur die Schlussfolgerung, dass die Menschen "von Natur aus" gewalttätig, voller Vorurteile oder einfach dumm sind. Das Problem wird in Kategorien wie "Männer hassen Frauen" oder "ein Staat der Weißen hasst Schwarze" dargestellt. Einige mutige Individuen versuchen vielleicht dagegen anzukämpfen, doch man kann nichts weiter tun, als sich moralisch zu empören und auf die "herrschenden Mächte" Druck auszuüben, damit diese "etwas" tun.

Es fehlt jegliche Konzeption, dass die Arbeiterklasse und die Unterdrückten mobilisiert werden sollten, um ihre unabhängige Lösung der durch den Kapitalismus hervorgebrachten Probleme vorzubringen. Wenn man die einzige Möglichkeit, den Menschenrechtsverletzungen Einhalt zu gebieten, darin sieht, dass die "internationale Gemeinschaft" interveniert - was in der Regel auf ein Eingreifen der Großmächte oder der Vereinten Nationen hinausläuft -, dann ebnet das den Weg für neue Desaster. Aber das ist der Standpunkt von Human Rights Watch und anderen, auf dem Filmfestival vertretenen liberalen Kritikern.

Siehe auch:
"Before Night Falls"
(16. February 2001)
"Trade Off" and "Pester Power"
( 28. May 2001)
Five Political Films
( 29. May 2001)
"Injustice"
( 31. May 2001)