Der Tod von Jack Lemmon

Eine Verkörperung des Nachkriegs-Amerika

Von David Walsh
25. Juli 2001

Am 27. Juni starb der amerikanische Film-, Fernseh- und Bühnenschauspieler Jack Lemmon in einem Krankenhaus in Los Angeles an Krebs. Er wurde 76 Jahre alt.

Lemmon (Jahrgang 1925) war vielleicht nicht der amerikanische Schauspieler seiner Generation mit dem größten Talent - so überragte ihn sicherlich Marlon Brando, um nur einen zu nennen -, aber wenige Darsteller kamen ihm darin gleich, im Komischen wie im Tragischen bestimmte moralische Konflikte des amerikanischen Nachkriegslebens zu vermitteln, ja zu verkörpern.

Lemmon wurde in einem Vorort von Boston geboren, der Vater war Direktor einer Backwarenfabrik und die Mutter führte ein ausschweifendes Leben: Wie man sagte, verbrachte sie die meisten Nächte in der Hotelbar des Ritz-Carlton. Lemmon, der auf die besten Schulen und dann nach Harvard geschickt wurde, musste im Teenageralter mit ansehen, wie die Ehe seiner Eltern zerbrach. Als Reaktion darauf baute er sich eine Fassade aus Witz und Spiel auf, die später für ihn charakteristisch wurde. Nach seinem Harvard-Abschluss (und einem kurzen Zwischenspiel in der Navy in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs) zog Lemmon nach New York, um ans Theater zu gehen. Am häufigsten arbeitete er jedoch für das Live-Fernsehen, wo er in den folgenden Jahren in über 400 Stücken mitspielte. 1953 entdeckte ihn ein Talentsucher für Columbia Pictures in einem Stück am Broadway, und Lemmons Hollywood-Karriere begann.

Nach zwei Rollen an der Seite von Judy Holliday - It Should Happen to You (Regie: George Cukor) und Phffft! (Eine Glückliche Scheidung, Regie: Mark Robson) - erhielt Lemmon, während er noch in verschiedenen Musicals mitspielte - am bekanntesten: My Sister Eileen (Meine Schwester Ellen, von Richard Quine) mit Janet Leigh - die Rolle von Ensign Pulver in Mister Roberts (Keine Zeit für Heldentum), unter der Regie von John Ford und Mervyn Le Roy. Im gerissenen und umtriebigen Pulver brachte Lemmon zum erstenmal Aspekte seines Komikertalents zum Ausdruck: das Unbändige, die manische Energie, die pfiffige Intelligenz und, wenn es drauf ankommt, die nötige Integrität.

Auch wenn Lemmon für mehrere Filmemacher mehr als einmal spielte, darunter Richard Quine (sechsmal), Blake Edwards (dreimal), David Swift und Robert Altman (zweimal), ist wohl unbestritten, dass er in den Filmen des Regisseurs Billy Wilder aus Österreich in seinem Element war und seine besonderen Fähigkeiten wohl am besten zum Ausdruck bringen konnte. Mit Wilder arbeitete er siebenmal.

Die erste dieser Koproduktionen, Some like it Hot (Manche mögen's heiß, 1959), ist die bekannteste. Lemmon und Tony Curtis spielen Musiker der zwanziger Jahre in Chicago, die zufällig zu Mordzeugen in der Unterwelt werden und gezwungen sind, sich als Frauen zu verkleiden, um mit dem Leben davonzukommen. Sie treten einer Damenkapelle bei, zu der auch Sugar Kane, gespielt von Marilyn Monroe, gehört. (Monroes Darstellung ist ausgezeichnet und besonders bemerkenswert, wenn man berücksichtigt, dass sie zu der Zeit in einer Krise und von Selbstzweifeln gepeinigt war, so dass sie an manchen Tagen nicht einmal die Szenerie betreten konnte.) Es entwickeln sich zahlreiche erotische Spannungen der verschiedensten Art. Zweifellos trug dieser Film dazu bei, Hollywoods zur Schau gestelltes Puritanertum, das über ein Vierteljahrhundert vorgeherrscht hatte, aufzulockern.

Lemmons nächster Film mit Wilder, The Apartment (Das Appartement), ist eher von gesellschaftskritischer Art. C.C. "Bud" Baxter (Lemmon) ist ein ehrgeiziger kleiner Büroangestellter, der die Karriereleiter im Konzern hochklettert, weil er sein Apartment seinen Vorgesetzten für ihre Liebesabenteuer zur Verfügung stellt. Als nun die Frau, die er liebt (Shirley MacLaine), sich als jüngste Mätresse seines Vorgesetzten entpuppt und einen Selbstmordversuch unternimmt, ist Lemmon gezwungen, sich mit dessen korrupten und korrumpierenden Machenschaften auseinander zu setzen. Der Film wirft einen amüsanten und recht scharfen Blick auf das kapitalistische Amerika voller Konformismus, Heuchelei und Grausamkeit. Es werden jedoch auch die Grenzen von Wilders Haltung sichtbar: sein Zynismus, der zu oft ins Sentimentale umschlägt, seine Tendenz zum Überkarikieren und vor allem seine Akzeptanz des beschränkten Liberalismus der Kalten-Kriegs-Zeit. Dennoch bleibt einem The Apartment im Gedächtnis haften.

In den Sechzigern war Lemmon wohl Hollywoods erster und zuverlässigster komischer Darsteller - in The Wackiest Ship in the Army (Auf schrägem Kurs), The Notorious Landlady (Noch Zimmer frei), Irma La Douce (Das Mädchen Irma La Douce, wieder mit Wilder and Shirley MacLaine), Under the Yum Yum Tree (Ein Ehebett zur Probe), Good Neighbor Sam (Leih mir deinen Mann), How to Murder Your Wife (Wie bringt man seine Frau um), The Great Race (Das große Rennen rund um die Welt), The Fortune Cookie (Der Glückspilz) und The Odd Couple (Ein seltsames Paar).

Entschlossen, eine andere Seite seiner Schauspielkunst unter Beweis zu stellen, spielte Lemmon die Hauptrolle in Days of Wine and Roses (Die Tage des Weines und der Rosen/Stärker als alle Vernunft, Blake Edwards), nämlich den alkoholkranken Ehemann einer Alkoholikerin (gespielt von Lee Remicks). Der Film war nicht sehr erfolgreich, aber er zeigt, dass Lemmon nicht bereit war, die Grenzen, die den Schauspielern allgemein von den Studios gesteckt wurden, zu akzeptieren. (Als er Jahre später, in Eugene O'Neills Long Days Journey into Night mitspielte, äußerte sich Lemmon ganz offen über die Abhängigkeit seiner Mutter von Alkohol und Schlaftabletten.)

Lemmon spielte mit zahlreichen führenden Schauspielerinnen seiner Zeit- Leigh, Monroe, MacLaine, Kim Novak, Lee Remick und Anne Bancroft - und später mit Sissy Spacek, Jane Fonda und Julie Andrews. Aber am bekanntesten ist wahrscheinlich seine Zusammenarbeit mit Walter Matthau. Die zwei traten in zehn Filmen gemeinsam auf und blieben Freunde, bis Matthau vor einem Jahr starb. In ihren Filmen übernahm Matthau meistens die Rolle des angeberischen Anstifters, während Lemmon den nervösen oder neurotischen Ehrlichen darstellte. Typisch ist in dieser Hinsicht Fortune Cookie (Der Glückspilz, 1966), ein weiterer Film von Wilder, in dem Lemmon einen Fernsehkameramann spielt, der während eines Football-Spiels leicht verletzt wird, worauf Matthau als sein zweifelhafter Schwager und Winkeladvokat versucht, den Höchstbetrag von der Versicherung zu ergaunern.

Nach 1970 nahmen Lemmons Rollen einen etwas anderen, im allgemeinen dunkleren Grundton an, vielleicht entsprechend der zunehmend komplexeren und stärker polarisierten Gesellschaftslage in den USA. Etwas verallgemeinernd ausgedrückt, wenn Lemmons Filme aus den Sechzigern im Großen und Ganzen die komische Seite von Eigennutz, Sinneslust und sozialem Aufstieg betonen und allseitigen Optimismus verströmen, so zeichnen die späteren Filme ein dunkleres Bild einer krisenbehafteten Nachkriegsgesellschaft, die starke Zweifel an ihrer Zukunft hegt.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass diese eher beunruhigende Realität nicht immer (oder nicht einmal oft) einen adäquaten künstlerischen Ausdruck findet. So ist man mit dem Paradox konfrontiert, dass die Filme der siebziger Jahre normalerweise zwar nicht von besonders hoher Qualität sind, Lemmon hier aber zu sich selbst zu finden scheint - seine Persönlichkeit füllt oft ein ganzes Werk aus - und zum Prototyp des ängstlichen, bedrängten Angestellten oder Verkäufers wird, der mit neuen und beunruhigenden Realitäten konfrontiert ist. Es ist dem Schauspieler hoch anzurechnen, dass er sich, intuitiv oder nicht, mit dieser veränderten Situation abfand. Sowohl sein politischer Liberalismus, den er unverändert bis zum Ende seines Lebens beibehielt, als auch sein eigener unerfreulicher Familienhintergrund mögen dazu beigetragen haben. Matthau, der in der Lower East Side von Manhattan in Armut aufwuchs, beschrieb seinen Freund einmal als "gekämmter und geschniegelter Bostoner Chorknabe, dem aus jeder Pore eine ruhige Hysterie entströmt".

In The Out-of-Towners (Nie wieder New York, 1970) spielen Lemmon und Sandy Dennis einen Geschäftsmann aus Ohio und seine Frau, die auf einer Reise, auf der alles schief geht, New York City auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind; Lemmon stellt in Save the Tiger (Rettet den Tiger, 1973) einen Tuchfabrikanten dar, der am Ende seines Lateins angekommen ist; In The Prisoner of Second Avenue (Das Nervenbündel) erleidet er einen Nervenzusammenbruch; in The Entertainer (Der Entertainer, 1975), die zweite Filmversion des Stücks von John Osborne, spielt Lemmon einen heruntergekommenen Variété-Bänkelsänger; in Alex and the Gypsy (Liebe und andere Verbrechen, 1976) - ein furchtbarer Film - ist er ein Zyniker, der für 30.000 Dollar Kaution eine Frau aus dem Gefängnis holt. Ende der siebziger Jahre spielt Lemmon im China Syndrome (Das China-Syndrom, 1979), dem Film über einen Verschleierungsversuch eines Unfalls in einem Atomkraftwerk in Kalifornien, einen engagierten Manager, der entschlossen ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen; und in Tribute (Ein Sommer in Manhattan, 1980), spielt er einen Presseagenten am Broadway, der von Krebs gezeichnet ist und versucht, sich mit seinem Sohn zu versöhnen.

Einer von Lemmons unvergänglichsten Beiträgen ist seine Darstellung in Constantin Costa-Gavras Missing (Vermisst, 1982), das sich auf die wahre Geschichte des amerikanischen Geschäftsmannes Ed Horman stützt, der nach Pinochets Putsch nach Chile reiste, um seinen verschwundenen Sohn, einen Linken, zu suchen. Lemmon stellt den Horman bemerkenswert dar, dessen Vertrauen in die US-Regierung erschüttert wird, als er mit den Lügen ihrer Vertreter in Chile konfrontiert wird und die Wahrheit über ihre Verstrickung in die Taten der blutigen Militärkamarilla erfährt.

Lemmon engagierte sich offensichtlich stark für dieses Projekt. In einem Interview beschrieb er Costa-Gavras "sowohl beruflich als auch persönlich... als einen der größten Menschen, die ich jemals kennen gelernt habe". Er fuhr fort: "Als ich das Drehbuch von Missing las, war ich ganz verrückt danach. Ich wollte für mein Leben gern mit ihm zusammenarbeiten. Ich rief Costa an und sagte: ‚Warum kommst du nicht in mein Haus, wo es ruhig ist und wir reden können.‘ Also kam er rüber, und alles was er sagen konnte, war: ‚Jack, das ist keine Komödie.‘ Ich sagte zu ihm: ‚Ich bin nicht blöd. Ich kann lesen. Ich will das machen!‘ Er dachte eine Weile nach und sagte dann: ‚Okay, aber denk daran, Jack. Das ist nicht lustig.‘..."

Auch ein nur flüchtiger Blick auf Lemmons Werk der zwei nächsten Jahrzehnte macht seinen Versuch deutlich, innerhalb der Grenzen seiner gesellschaftlichen und künstlerischen Anschauungen wertvolle Projekte zu wählen. Da sind seine Hommages an Billy Wilder, Harold Lloyd, Charlie Chaplin und George Cukor. Da gibt es die Fernsehrollen in The Murder of Mary Phagan (Der Fall Mary Phagan, 1988) - über den Lynchmord an Leo Frank 1915 durch einen antisemitischen Mob in Georgia - und Remakes von 12 Angry Men (1997) und Inherit the Wind (1999). Da ist seine Rolle in Oliver Stones JFK (John F. Kennedy - Tatort Dallas, 1991), seine bemerkenswerte Darstellung des scheiternden Immobilienmaklers in Glengarry Glen Ross (James Foley, 1992) und sein Auftritt in zwei Robert Altman Filmen - The Player (1992) und Short Cuts (1993). Da ist seine Darstellung des James Tyrone senior, in O'Neills Long Days Journey into Night von 1986 und, zehn Jahre später, ein kurzer Auftritt in Kenneth Branaghs Hamlet -Version.

Es ist auffällig, dass jeder erwähnenswerte Kommentar, der anlässlich Lemmons Tod in der Presse erschien, sich bemüßigt sah, auf die beunruhigende Note hinzuweisen, die sein ganzes Werk durchzieht. Die New York Times zitierte Lemmon selbst: "Ich fühle mich vor allem zu zeitgenössischen Charakteren hingezogen. Ich verstehe sie und ihre Frustration", und nannte ihn "den ultimativen komischen Helden für ein Zeitalter der Ängstlichkeit". Die BBC zitierte einen nicht genannten Kritiker, der die gleiche Melodie intonierte und Lemmon als "einen Clown im Zeitalter der Angst" bezeichnete, außerdem wies sie darauf hin, dass er häufig "den dezenten Mittelklasse-Amerikaner darstellte, der kämpft, um seine Integrität zu behalten". Die Washington Post zitierte einen Kommentar von Donald Widener, Lemmons Biographen: "Seiner ganzen Persönlichkeit auf der Leinwand zum Trotz war er einer der traurigsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe. Man konnte es in seinen Augen sehen. Das Gesicht konnte lachen, aber die Augen waren traurig. Ich habe nie herausgefunden, warum das so war."

Man kann fast überall in Lemmons Werk Mängel finden. Er war empfänglich für Sentimentalität. Er wollte etwas zu sehr geliebt werden. In seinem allerersten Film gab ihm George Cukor den Rat, den er später als besten Schauspielerratschlag bezeichnete, den er je erhalten habe, als sie eine Klappe nach der andern drehten: "Jack, weniger, ein bisschen weniger." Und Lemmons Tendenz zum Übertreiben, besonders wenn der Stoff dünn war, verschwand nie ganz. In seinen schlimmsten Momenten konnte er beinahe hysterisch werden.

Seine Schwächen verdienen Beachtung, doch wird man sich am Ende an Lemmon wegen seiner besten Qualitäten erinnern: der Intelligenz, der Süße, der Verletzlichkeit, des demokratischen Geistes. Er widmete sich der Darstellung von Individuen die sich ernsthaft mit ihren eigenen Schwächen und der Welt auseinandersetzen. Wenn er dadurch letzten Endes das Scheitern der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft nicht offen zur Sprache brachte, so hat er es doch als Frage aufgeworfen, wie der aufmerksame Zuschauer sicherlich erkennen wird.