Die Debatte über die Verbrechen der Wehrmacht

Von Wolfgang Weber
26. Juli 2001

Das Schicksal der Wanderausstellung "Verbrechen der Wehrmacht"

Seit geraumer Zeit wird in der deutschen Öffentlichkeit eine heftige Debatte über die Rolle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg geführt, mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem "Unternehmen Barbarossa", dem Feldzug der Nazis gegen die Sowjetunion.

Sie hatte sich 1995 an der Wanderausstellung "Die Verbrechen der Wehrmacht - Vernichtungskrieg 1941-44" entzündet, die von dem Historiker und Publizisten Hannes Heer, einem Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, initiiert und geleitet worden war. In zahlreichen Städten zog sie innerhalb von vier Jahren Hunderttausende Besucher an und wurde von einem Trommelfeuer scharfer Angriffe von Rechts begleitet, bis der Finanzier und Leiter des Instituts, Jan Philipp Reemtsma, sie schloss, Hannes Heer den Stuhl vor die Tür setzte und für den Herbst dieses Jahres die Eröffnung einer Ausstellung zum selben Thema, aber mit einem völlig neuen Konzept ankündigte.

Worum geht es bei dieser Kontroverse?

Die bisherige Ausstellung war aus einem Forschungsprojekt hervorgegangen, das die Rolle der Wehrmacht im Vernichtungsfeldzug gegen die Juden und gegen die gesamte Bevölkerung der Sowjetunion, des Balkans und Osteuropas während des Zweiten Weltkrieges untersuchte. Die beteiligten Historiker arbeiteten zum Teil am Hamburger Institut für Sozialforschung, zum Teil am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg/Breisgau und Potsdam, zum Teil auch an britischen, amerikanischen und anderen ausländischen Universitäten.

Der Mythos von der "sauberen Wehrmacht"

Die Ergebnisse ihrer umfangreichen und akribischen Recherchen in zahlreichen staatlichen und privaten Archiven Deutschlands, Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion und ihrer Auswertung unzähliger Briefe und Fotoalben ehemaliger Wehrmachtsangehöriger sind 1995 in dem Buch "Vernichtungskrieg. Die Verbrechen der Wehrmacht 1941-44" veröffentlicht worden. [1] Zusammengefasst bedeuteten sie:

1. In Polen, auf dem Balkan und in der Sowjetunion führte die Wehrmacht einen Vernichtungskrieg, der die Schaffung von "Lebensraum im Osten" durch die "Liquidierung der jüdisch-bolschewistischen Intelligenz" und die Ermordung der slawischen Bevölkerung, aller Juden und anderer "minderwertigen Rassen" bezweckte.

2. Die Wehrmacht war nicht ein "missbrauchtes Werkzeug", sondern ein fester Bestandteil des faschistischen NS-Regimes. Nicht nur SS und Gestapo, sondern auch die Wehrmacht, ihre Generäle und Zigtausende von Offizieren und Soldaten waren aktive Helfer im Holocaust.

3. Alles in allem sind etwa zehn Millionen Menschen von der Wehrmacht nicht in Kriegshandlungen an der Front, sondern durch Massenerschießungen, Hinrichtungen oder das Niederbrennen von Dörfern, Städten und ganzen Regionen umgebracht worden.

4. Der Mythos vom "Widerstand der Männer vom 20. Juli" beruht auf Lügen. Die Opposition der Offiziere, die am 20. Juli 1944 ein halbherziges und erfolgloses Attentat auf Adolf Hitler durchgeführt hatten und anschließend hingerichtet worden waren, erschöpfte sich in Differenzen mit Hitler darüber, wie der Krieg doch noch zu gewinnen oder mit möglichst wenig Verlusten und gesellschaftlichen Erschütterungen zu beenden sei. "Widerständler" wie Arthur Nebe oder General von Tresckow waren selbst notorische Massenmörder und Organisatoren des Holocausts, oder sie fabrizierten wie General Graf von der Schulenburg selbst die Rechtfertigungen und Befehle für die Massenexekutionen von Zivilisten durch die Wehrmacht.

Die historischen Daten zu diesen Vorgängen, die Befehlsmechanismen dieser ungeheuerlichen Schlächterei, ihre verschiedenen Tätergruppen und Operationsgebiete wie Serbien, Weißrussland, Lettland, Griechenland - alles ist in dem Buch durch eine Fülle von Material detailliert dokumentiert.

Im Kern wurde damit ein ideologischer Grundpfeiler der westdeutschen Nachkriegspolitik zerstört, nämlich die Legende von der "sauberen Wehrmacht". Die Wehrmacht, so lautet diese von Historikern ebenso wie von Generälen, Politikern und Publizisten verbreitete Geschichtsthese, habe nichts mit dem Völkermord an den Juden und anderen Nazi-Verbrechen zu tun gehabt. Sie sei lediglich von rein soldatischem Pflichtbewusstsein erfüllt gewesen und in dieser "an sich ehrenhaften Haltung" von den Nazis missbraucht worden. Mehr, noch: wenn es überhaupt einen tragfähigen Widerstand gegen Hitler gegeben habe, dann sei er von den höchsten Kreisen der Wehrmacht wie den Männern des 20. Juli ausgegangen. Diese Legende half in den fünfziger Jahren Protest und Widerstand der Bevölkerung gegen die Wiederaufrüstung überwinden. Und sie erleichterte es der Bundeswehr, nicht nur personell (durch die Reaktivierung des alten Offizierskorps) nahtlos an die alten Traditionen der Wehrmacht anzuknüpfen.

Während die Ergebnisse des Forschungsprojekts nach der Veröffentlichung in Buchform in der Fachwelt nur Zustimmung fanden, in den Medien aber kaum beachtet wurden, erregten sie bald Aufsehen und Empörung, als sie mit der Wanderausstellung, eindrucksvoll illustriert durch 1.400 Fotos, einem größeren Publikum zugänglich gemacht wurden. Das war nicht verwunderlich, enthüllten und thematisierten sie doch auf diese Wiese in der Öffentlichkeit die wahre Rolle der Wehrmacht gerade zu einer Zeit, als Bundesregierung und Bundeswehr sich zum ersten Mal seit dem Ende des Zeiten Weltkriegs wieder zu kriegerischen Taten auf der Weltbühne anschickten und daher großen Wert auf den Fortbestand der Wehrmachts-Legende legen mussten. Der Übergang von der Landesverteidigung gegen äußere Feinde zur Verteidigung geostrategischer Interessen in fernen Ländern, der Umbau der Bundeswehr von einer "Armee für Friedenszeiten" in eine hochgerüstete Truppe für internationale Kampfeinsätze - all dies war Mitte der 90er Jahre bereits in Diskussion und zum Teil schon in vollem Gange.

Regierung, alte Kameraden und rechter Pöbel im Gleichschritt

Die Reaktion der höchsten politischen und militärischen Kreise war dementsprechend unmissverständlich, wenn auch zunächst versteckt hinter den Kulissen. Eine Einladung des Historischen Instituts in Warschau, die Ausstellung dort zu zeigen, wurde auf Betreiben der Kohl-Regierung zurückgezogen; im selben Sinne, wenn auch erfolglos, wurde auf das Goethe-Institut in New York Druck ausgeübt.

Der damalige Bundesverteidigungsminister Volker Rühe (CDU) verhängte für Angehörige der Streitkräfte ein Verbot, "bei Veranstaltungen im Rahmenprogramm der Ausstellung", wie zum Beispiel Podiumsdiskussionen, aufzutreten, und verfügte darüber hinaus: "Mitglieder des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes dürfen sich an Diskussionen um die Ausstellung nicht beteiligen." Damit waren Historiker wie Manfred Messerschmidt und Wolfram Wette gemeint, die selbst an dem Forschungsprojekt und der Ausstellung mitgearbeitet hatten.

Rühes Nachfolger Rudolf Scharping (SPD) hat beide Verfügungen ausdrücklich bestätigt. Darüber hinaus bekräftigte er, dass ungeachtet der in der Ausstellung gezeigten Forschungsergebnisse und Dokumente "die Männer im Umkreis des Widerstands vom 20. Juli" den "Traditionsstrang der Bundeswehr" bildeten.

Bald wurden die Angriffe auf die Ausstellung aber auch in aller Öffentlichkeit, in zahllosen Fernsehsendungen und Zeitungskommentaren geführt. Alte Kriegsveteranen wie der rechte CDU-Politiker Alfred Dregger oder der frühere FDP-Vorsitzende und Wehrmachtsoffizier Erich Mende tauchten plötzlich wieder aus der Versenkung in Fernseh-Talkshows auf, um in einer gemeinsamen Front mit Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) die "besudelte Ehre der Wehrmacht" zu verteidigen. Unisono erklärten sie, die Ausstellung sei "unseriös", diffamiere mit "pauschalen Urteilen" die Wehrmacht und damit auch die Traditionen der Bundeswehr. Sie zeige "nur die halbe Wahrheit", sie selbst, die einstigen Offiziere und ihre Einheiten, hätten mit den Verbrechen der Nazis nichts zu tun gehabt. Hannes Heer und seine Mitarbeiter konnten ihnen zwar im Detail die Beteiligung ihrer jeweiligen Einheiten an den Verbrechen des Vernichtungskrieges nachweisen, doch dies hinderte die Medien nicht daran, den Legendenstrickern immer wieder eine Plattform zu bieten.

Mit ihrer Propaganda und ihrem Vorwurf, die Ausstellung spreche ein pauschales Verdammungsurteil über alle Wehrmachtssoldaten aus, wollten diese ehemaligen Offiziere Hitlers auch nicht jene einfachen Soldaten verteidigen, die tatsächlich unfreiwillig und widerwillig in den Krieg gezogen sind; die sich, wenn nicht durch äußeren Widerstand, der fast unmöglich war, so doch innerlich moralisch schon damals von den Verbrechen ihrer Offiziere und Mitsoldaten distanziert haben. Dies wird durch ihre eigene Politik nach 1945 hinreichend bewiesen. Solange sie mit ihren Parteien, sei es der CDU, FDP oder SPD, an den Schalthebeln der Macht saßen, verhinderten sie erfolgreich, dass die zahllosen Kriegsgerichtsurteile der Wehrmacht gegen Widerstandskämpfer, Befehlsverweigerer und Deserteure als unrechtmäßig bzw. kriminell eingestuft und aufgehoben wurden. Nein, sie mobilisierten mit ihrem Auftreten all jene gesellschaftlichen Kräfte, die den Krieg gegen die Sowjetunion auch heute noch für richtig halten und als Großtat soldatischer Pflichterfüllung betrachten.

Dies wurde besonders deutlich, seit ihnen ab Anfang 1997 der CSU-Politiker Peter Gauweiler Schützenhilfe leistete und mit den für ihn typischen unflätigen Attacken über Hannes Heer und Jan Philipp Reemtsma herfiel. Ebenso wie Kommentatoren in den Tageszeitungen Die Welt und Frankfurter Allgemeine Zeitung machte Gauweiler mit der Ausstellung und ihren Verteidigern eine linksextremistische Verschwörung von "Roten Zellen" im Hamburger Institut für Sozialforschung, im Militärgeschichtlichen Forschungsamt und zahlreichen Zeitungsredaktionen aus und veranstaltete zur "Ehrenrettung für die Wehrmacht" unweit der Ausstellungseröffnung in München eine Kranzniederlegung am "Grabmal des Unbekannten Soldaten". Gauweiler gab damit den Startschuss für zahlreiche Propagandaaktionen und Provokationen der NPD und anderen rechtsradikalen Organisationen, die Anfang 1999 in einem Bombenanschlag auf die Ausstellung in Saarbrücken gipfelten.

Zunächst hatte diese ganze Auseinandersetzung aber nur zum Ergebnis, dass der Strom der Besucher anschwoll. Fast eine Million waren es bis zur Schließung der Ausstellung im Herbst 1999, die sich in zahlreichen Städten, auch im europäischen Ausland, für die Dokumente zu dem größten Vernichtungskrieg der Geschichte interessierten und zum größten Teil erschüttert und geschockt von dem Gesehenen waren.

Dabei hatte Jan Philipp Reemtsma anfangs in vielen Podiumsdiskussionen, Talkshows und Interviews die von ihm finanzierte Ausstellung, ihre Ziele und Kernaussagen gegen den rechten Pöbel und seine Gesinnungsgenossen in den etablierten Bundestagsparteien und Redaktionsstuben noch energisch in Schutz genommen. Auch als 1997 das Nachrichtenmagazin Focus in einem reißerischen Artikel den Vorwurf erhob, einige Fotos der Ausstellung seien gefälscht, trat er diesem Angriff auf gerichtlichem Weg erfolgreich entgegen.

"Historiker" greifen in das Gefecht ein

Das Blatt wendete sich jedoch 1999, als ähnliche Vorwürfe erhoben und vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel öffentlichkeitswirksam platziert wurden, diesmal aber versehen mit der Autorität von "Historikern", angesehenen Forschungsinstituten und Fachzeitschriften.

In der Oktoberausgabe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, die vom Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZG) herausgegeben werden, erklärte der polnische Historiker Bogdan Musial, neun Ausstellungsfotos seien falsch zugeordnet bzw. mit einer falschen Bildunterschrift versehen. Sie zeigten zwar Opfer von Massenexekutionen, doch sie seien zumindest im Falle dieser Aufnahmen nicht von der Wehrmacht, sondern von der sowjetischen Geheimpolizei NKWD vorgenommen worden.

Seit dem Pakt von Stalin mit Hitler im Herbst 1939 waren die östlichen Teile Polens von der sowjetischen Armee besetzt und vom NKWD (früher GPU genannt) nach den Wünschen der Kreml-Führung politisch "gesäubert" worden. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion hatte der NKWD dann keine Zeit mehr gehabt, seine Opfer alle weiter in Richtung Osten zu deportieren und sie daher kurz vor der Ankunft der rasch vorrückenden deutschen Armee zu Tausenden einfach umgebracht.

Musial konnte Belege dafür anführen, dass die besagten Aufnahmen solche Mordopfer des NKWD in den Gefängnishöfen von Zloczów, Tarnopol und Lemberg zeigten. Meist hatte man nach der Ankunft der Wehrmacht Juden gezwungen, die Leichen wieder auszugraben, bevor sie dann selbst in den Gräbern erschossen worden sind. Eines der Fotos zeigt ermordete Juden, die nach dem Einrücken der deutschen Armee einem Pogrom zum Opfer gefallen sind. Nicht deutsche Soldaten, sondern ukrainische Nationalisten seien jedoch die Täter gewesen, hob Musial hervor. Auch bei anderen Fotos unterstellte der Autor falsche, ja sogar manipulierte Zuordnungen, ohne jedoch mit stichhaltigen Argumenten oder Beweisen dafür aufwarten zu können.

Zeitgleich veröffentlichte in der Zeitschrift Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Krisztián Ungváry aus Ungarn eine "quantitative und qualitative Analyse" des Fotomaterials der Ausstellung. Im Gegensatz zu Musial hielt sich dieser "Historiker" nicht lange mit der Prüfung der geschichtlichen Ereignisse oder der Vorlage auch nur eines Beleges auf, sondern behauptete rundweg, 90 Prozent der Fotos zeigten in Wirklichkeit keine Verbrechen der Wehrmacht.

Er begründete dies damit, dass die Hinrichtungen oft von Polizisten, SS und SD, litauischen, ukrainischen oder lettischen "Hilfswilligen" und Paramilitärs begangen und daher der Wehrmacht nicht zuzurechnen seien - obwohl sie nur unter deren Schutz und Anwesenheit durchgeführt werden konnten und meist auch auf ihre direkte Anweisung hin verübt worden sind. Keine Verbrechen der Wehrmacht seien zudem "normale Kampfhandlungen" gegen Partisanen und andere Widerstandsgruppen in der Zivilbevölkerung. Diese Argumentation entspricht natürlich dem Originalton der Nazi- und Wehrmachtspropaganda. Dennoch wurde Ungváry in Medien und Fachzeitschriften als "Historiker", ja als besonders ernstzunehmender "Kronzeuge" gegen die Ausstellung zitiert, weil er ja auch aus Osteuropa, dem Ort des Geschehens stamme.

Aber auch die von Musial aufgeführten eindeutig falschen Bildunterschriften - ein halbes Dutzend Bilder oder etwas mehr - sind bei insgesamt 1.400 ausgestellten Fotos ihrer Anzahl nach im Grunde gering. Sie konnten am Gesamtbefund des Forschungsprojektes über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht absolut nichts ändern, zumal sich dieser völlig unabhängig von den Fotos der Ausstellung auf die Auswertung unzähliger unstrittiger Dokumente stützt. Die Fotos waren auch von den Initiatoren der Ausstellung lediglich zur Illustration der historischen Fakten zusammengestellt worden.

Dennoch nutzten Musial selbst, insbesondere aber der Leiter des Instituts für Zeitgeschichte, Horst Möller, nach den Veröffentlichungen in den beiden Fachzeitschriften die Gelegenheit, um nicht nur eine Überprüfung und Korrektur einiger Bildunterschriften zu fordern, sondern in den Medien eine gewaltige Hetzkampagne gegen die Ausstellung und ihre Kernaussagen überhaupt in Gang zu setzen. Hannes Heer und das Hamburger Institut "instrumentalisierten" die Verbrechen der Wehrmacht, behauptete Musial und verkündete: "So wurden im kommunistischen Polen Ausstellungen gemacht." Möller warf den Ausstellungsmachern vor, zu "agitieren" und einen "Einhämmerungseffekt" beabsichtigt zu haben, den "auch Hitler gekannt" habe. "Verantwortungslos" sei es, die Ausstellung auch in den USA zeigen zu wollen.

Angesichts solcher und ähnlicher polemischer Attacken weigerten Heer und seine Mitarbeiter sich zunächst, den faktischen Hintergrund der Vorwürfe von Musial - die von der stalinistischen Geheimpolizei verübten Massaker - überhaupt anzuerkennen oder auch nur zu prüfen. So gelang es ihren Gegnern umso leichter, eine Meute von Journalisten und Kommentatoren aufzuhetzen, die von Pressekonferenz zu Pressekonferenz eilte und nur darauf wartete, bis die Ausstellung endlich geschlossen und Heer entlassen würde.

Obwohl Musial und Möller sich durch ihre eigenen Äußerungen als gewissenhafte Historiker inzwischen selbst einigermaßen disqualifiziert und in die politische Nähe rechter Apologeten des Faschismus gerückt hatten, gab Jan Philipp Reemtsma dem Druck dieser Kampagne schließlich nach. Er verkündete im November 1999 die vorübergehende Schließung der Ausstellung, bis eine Kommission von Historikern alle Bilder und Bildunterschriften geprüft und eine Empfehlung abgegeben habe, wie die Ausstellung weiterzuführen sei, und lud den polnischen Kritiker Musial ein, als "Berater" dieser Kommission zu wirken. Auch die bereits seit langem geplante Rundreise in den USA für die Ausstellung sagte er kurzfristig ab, eine Zensurmaßnahme, die dort auf den Protest zahlreicher renommierter Historiker wie Omer Bartov und Christopher Browning gestoßen ist.

Wie die ursprüngliche Ausstellung endgültig zu Fall gebracht wurde

Im November 1999 verkündete Jan Philipp Reemtsma auf Druck einer öffentlichen Kampagne die vorübergehende Schließung der Wanderausstellung "Die Verbrechen der Wehrmacht - Vernichtungskrieg 1941-44", die zuvor fast eine Million Besucher angelockt hatte.

Anschließend wurde dann in den Feuilletons der großen Tageszeitungen und innerhalb des Hamburger Forschungsinstituts eine heftige Diskussion über folgende Frage geführt: Soll die Ausstellung für immer geschlossen bzw. erst mit einem völlig neuen Konzept wieder aufgemacht werden, wie es ihre rechten Kritiker fordern? Oder sollen an der Grundkonzeption, den Kernaussagen und dem Ziel des Projekts, nämlich einer breitenwirksamen, aufrüttelnden Aufklärung der Bevölkerung über die Geschichte des Krieges, festgehalten und nur einige strittige Bildunterschriften und Texte korrigiert werden, wie es Hannes Heer stets vorgeschlagen hat?

Noch bevor die von ihm selbst berufene Historikerkommission aber ihre Arbeit abgeschlossen und einen Bericht vorgelegt hatte, fällte Reemtsma dann plötzlich die Entscheidung in dieser Frage nicht Kraft wissenschaftlicher Argumente, sondern allein Kraft seiner Position als Geldgeber und Leiter des Instituts. Im Sommer des Jahres 2000 verkündete er, das Hamburger Institut trenne sich mit sofortiger Wirkung von Hannes Heer, dem Initiator und Leiter der Ausstellung.

Die Schwächen des Ausstellungsprojekts

Dass nicht wissenschaftliche Kriterien für diese Maßnahme herangezogen worden waren, wurde durch die Tatsache unterstrichen, dass der Bericht der Historikerkommission wenige Monate später die Ausstellungsmacher um Hannes Heer nicht nur vom Vorwurf der Fälschung von Bildern völlig freisprach, sondern auch die historischen Kernaussagen und Thesen des Projekts ausdrücklich für richtig erklärte. Als störend hatten die Historiker dabei aber empfunden, dass diese Thesen mit ihren scharfen Urteilen sehr auf ein polarisierendes, emotionales Aufrütteln der Besucher abgezielt hatten, statt auf einen ruhigen akademisch-wissenschaftlichen "Diskurs", wie sie ihn gewohnt sind. Allerdings war dies in der Tat das ausdrückliche, angesichts der enthüllten Verbrechen auch legitime Ziel des Ausstellungsprojekts.

Hinsichtlich des konkreten Vorwands für die Schließung des Projekts - einigen falschen Bildzuweisungen - wurde mangelnde Sorgfalt bei der Zuordnung von Fotoaufnahmen zu historischem Geschehen vermerkt. Die betreffenden Bilder sind nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90 in osteuropäischen Archiven gefunden worden. Dort waren sie noch unter der Herrschaft der Stalinisten als "Dokumente von Nazi-Verbrechen" eingeordnet und beschriftet worden. Es ist nicht bekannt, ob dies auf ausdrücklichen Befehl geschehen war, um die Spuren der wirklichen Täter zu verwischen, oder einfach nur deshalb, weil die betreffenden Archivare es vorzogen, auf diese Weise Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Auf alle Fälle haben die Ausstellungsmacher um Hannes Heer dieses Material unbesehen übernommen.

Die Kommission stellte zur Entlastung der Ausstellungsmacher aber fest, dass solch ein oberflächlicher Umgang mit Bildmaterial aus Archiven bei geschichtswissenschaftlichen Publikationen weit verbreitet sei und sich vor allem die Kritiker der Ausstellung wie Bogdan Musial denselben Vorwurf gefallen lassen müssten.

Unvergleichlich viel schwerer als die Fehler bei der Präsentation des Bildmaterials wiegen jedoch die Schwächen in der gesamten Geschichtskonzeption, die der Ausstellung zugrunde liegt. Diese wurde von den Historikern der Kommission mit keinem Wort kritisiert, weil sie hier keine Differenzen mit Hannes Heer haben.

Die unvorstellbaren Ausmaße und Folgen der Barbarei mussten bei jedem nachdenklichen Zuschauer die Frage aufwerfen: wie konnte es dazu kommen? Weder das Buch noch die Ausstellung gaben darauf eine Antwort. Sie konnten auch keine geben, weil sie das Geschehene losgelöst von den Klassenauseinandersetzungen in Deutschland und Europa zeigen, so als ob es keinen Widerstand gegen die Machteroberung der Faschisten und ihre Kriegspläne gegeben hätte. [2]

Heer und seine Mitarbeiter kamen damit den in jenen Jahren ebenfalls veröffentlichten und debattierten Thesen Daniel Goldhagens nahe, der die gegen Antisemitismus und Nationalismus gerichteten Traditionen der sozialistischen Arbeiterbewegung vollständig ignoriert und den Holocaust zum Produkt des "deutschen Nationalcharakters" erklärt. [3]

Hannes Heer stimmt zwar wie die meisten Historiker mit den unwissenschaftlichen Methoden und groben Geschichtsfälschungen Daniel Goldhagens nicht überein. Auch betont er im Gegensatz zu Goldhagen den Vernichtungskrieg als Voraussetzung des Holocaust. [4] Erst dieser habe mit seinen Gewaltorgien alle Hemmschwellen gegenüber dem Massenmord an den Juden fallen lassen, mit den Befehlsstrukturen der Wehrmacht und Unterdrückungsapparaten von Gestapo und SS jeden Widerstand erstickt, moralische Skrupel untergehen lassen, in vielen Bataillonen einen regelrechten Blutrausch hervorgebracht.

Doch wie konnte es zur Entfesselung des Kriegs, wie zur Machteroberung der Nationalsozialisten kommen? Hatten diese nicht den Feldzug zur Eroberung des Lebensraums im Osten, die Zerstörung der Sowjetunion und die Vernichtung der Juden bereits vor 1933 offen zu ihrem Programm erhoben? Damit setzt sich das Hamburger Forschungsinstitut genauso wenig auseinander wie Goldhagen. Der beispiellose Verrat von KPD, SPD und Gewerkschaften 1933, ihre tatenlose Kapitulation vor Hitler werden in der Ausstellung nicht thematisiert, auch nicht die anschließende Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung durch die Diktatur der Nazis, welche den Krieg erst ermöglichte.

Keine Erwähnung findet die Tatsache, dass die nationalistische Politik der KPD und der Komintern-Führung unter Stalin Jahre lang die Arbeiterbewegung fehlorientiert und ihrer Widerstandskräfte gegen das Gift des Antisemitismus beraubt hat. In keiner Weise wird auf den Massenmord an alten Bolschewiki und unzähligen Marxisten im Zuge der Moskauer Prozesse eingegangen, oder auf die Enthauptung der Roten Armee, die Ermordung aller fähigen, aus er Zeit der Revolution stammenden Generäle und Offiziere durch Stalin. Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 wird, wenn überhaupt, nur hinsichtlich seiner Konsequenzen für den unmittelbaren Verlauf der Eroberungsoperationen gestreift, seine ungeheuren politischen Implikationen für die Arbeiterbewegung nicht dokumentiert.

Die verheerende desorientierende und demoralisierende Wirkung dieser Ereignisse in den Reihen des proletarischen Widerstands gegen Hitler, auch unter den einfachen Soldaten, war aber der politische Hauptfaktor, der den ersten Siegen gegen die Sowjetunion und dem Holocaust den Weg ebnete.

Indem Hannes Heer und seine Mitarbeiter diese Klassenentwicklungen und politischen Fragen totschweigen, lassen sie den Vernichtungskrieg und Holocaust letztlich als unabänderliches Geschehen erscheinen, zu dem es keine realistische Alternative gab. Damit hatten sie auch den reaktionären, im Grunde selbst rassistischen Thesen Daniel Goldhagens außer einigen methodischen und faktischen Vorbehalten nichts Substantielles entgegenzusetzen.

Dennoch hatte die Ausstellung - wie von der Historikerkommission beanstandet - eine politisch aufwühlende, polarisierende Wirkung und löste heftige Debatten aus, weil sie allein durch die Enthüllung der Verbrechen der Wehrmacht den Nerv einer kranken Gesellschaft bloßlegte. Auch wenn sie sich nicht explizit damit auseinander setzte, rührte sie doch an die Wurzeln von Faschismus und Krieg in einer Klassengesellschaft, die nach 1945 nicht beseitigt, sondern nur kosmetisch verdeckt worden sind.

Dies war wohl inhaltlich der Hauptgrund, weshalb Reemtsma sich mit dem Leiter des Projektes letztlich überwarf und ungeachtet des für Hannes Heer ziemlich positiven Kommissionsberichts an dessen Entlassung festhielt. Er verkündete, die alte Ausstellung bleibe geschlossen, eine neue werde von einem völlig anderen Team junger Historiker konzipiert.

Alles, was in mehreren Interviews mit Reemtsma und in Pressegesprächen des Hamburger Instituts über das neue Konzept bisher an die Öffentlichkeit gedrungen ist, lässt darauf schließen, dass bei ihm die politischen Schwächen der alten Ausstellung [4] nun konsequent zum Leitprinzip erhoben werden.

Das Ausstellungsprojekt soll die Sphäre der "Vergangenheitsbewältigung", das "unselige Hin und Her" aktueller geschichtspolitischer Auseinandersetzungen verlassen und sich stattdessen strikt an die von Reemtsma vertretene "historische Anthropologie" halten. Nicht zufällig hat Reemtsma (im Gegensatz zu Heer) ohne jeden Vorbehalt Daniel Goldhagen zugestimmt und 1997 in Berlin bei der Verleihung des sogenannten "Demokratiepreises" an den amerikanischen Autor die Laudatio gehalten.

Nach dem Willen Reemtsmas soll nun die Dokumentation noch weniger Bezug auf heute noch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Institutionen nehmen. Die Verbrechen des Nationalsozialismus und des Holocaust sollen vielmehr als allgemeinmenschliche Phänomene gezeigt werden, als Beispiele dafür, "unter welchen konkreten Bedingungen Menschen sich zu allen Zeiten und überall unmenschlich gegenüber anderen Menschen verhalten". Reemtsma erläuterte dies in einem freundschaftlichen Gespräch mit Bogdan Musial in der Tageszeitung Die Welt (16. September 2000), indem er sich mit dem polnischen Kritiker nicht nur hinsichtlich des Bilderstreits versöhnte, sondern auch großes Verständnis, ja weitgehende Übereinstimmung in Fragen der Geschichtsauffassung und historischen Methode zeigte. [5]

Dass die neue Ausstellung im Gegensatz zur alten künftig auch alles vermeiden wird, was die militaristischen Traditionen Deutschlands angreifen und den heutigen Militaristen in die Quere kommen könnte, ergibt sich daraus von selbst.

Kapitulation – nicht vor den historischen Fakten, sondern vor den herrschenden Kreisen

So "unpolitisch" sich das neue Ausstellungskonzept gibt, so eindeutig und unübersehbar ist die tatsächliche politische Bedeutung des Vorgehens von Reemtsma und seines Instituts. Bereits die Schließung der alten Ausstellung im Jahr 1999 konnte nicht anders verstanden werden als eine Kapitulation vor der herrschenden politischen und militärischen Kaste. Schließlich war es dasselbe Jahr, in dem mit der Teilnahme der Bundeswehr am Krieg gegen Jugoslawien zum ersten Mal seit 1945 eine deutsche Regierung und Armee wieder einen Angriffskrieg führten - und dies ausgerechnet noch auf dem Balkan, dem Tatort grausamster, in der Ausstellung dokumentierter Wehrmachtsverbrechen.

Alle, die an der Aufrechterhaltung der Wehrmachtslegende ein Interesse haben, von deutschnationalen Historikern und Feuilleton-Schreibern angefangen über die rot-grünen Regierungsparteien und "traditionsbewussten" Bundeswehrgeneräle bis hin zu den rechtsradikalen Kahlköpfen auf der Straße - alle konnten sich bestärkt fühlen und fühlten sich bestärkt durch die Entlassung Heers.

Am unverhohlensten wurde die hämische Freude dieser Kreise über die Nachricht aus Hamburg von der früher als liberal geltenden Frankfurter Rundschau zum Ausdruck gebracht, nämlich in einem ausführlichen Kommentar (15. 8. 2000) ihres Redakteurs Thomas Medicus. Mit Heer verlasse "ein anachronistischer Alt-68er-Aktivist das Haus,...dessen geliehener Antifaschismus für eine Fortentwicklung des (Hamburger) Instituts zum Hemmschuh geworden ist," befand der Redakteur und bescheinigte allen Verteidigern der Ausstellung gegen ihre rechten Kritiker "Wahrnehmungs- und Denkmuster vergangener Zeiten und den hilflosen Versuch,... an obsoleten ideologischen Frontverläufen festzuhalten". Die Schließung der Ausstellung und Entlassung Heers mache quasi den Weg frei "für einen Blickwechsel, der die Erinnerungs- und Betroffenheitskultur der alten Bundesrepublik über Bord wirft..."

Was Medicus mit "Wahrnehmungs- und Denkmuster vergangener Zeiten" und "geliehenem Antifaschismus" meint, ist die Einsicht, dass Nationalsozialismus und Krieg nicht einfach einer abgeschlossenen Vergangenheit angehören, sondern ihre wichtigsten Träger und Nutznießer auch im Staat und in der Gesellschaft des Nachkriegsdeutschlands aktiv sind und daher entlarvt und bekämpft werden müssen. Diese Auffassung war in den 60er und 70er Jahren, einer Zeit der politischen Krise in Europa, unter Jugendlichen und kritischen Intellektuellen verbreitet gewesen. Von den meisten ideologischen Führern der 68er Protestbewegung wurde sie freilich bald als hinderlich für den eigenen Aufstieg in Politik und Gesellschaft wieder aufgegeben, spätestens anlässlich des Zusammenbruchs der Sowjetunion und der Wiedervereinigung Deutschlands.

Nach Ansicht des Medicus in der Frankfurter Rundschau war die Entlassung von Heer, einem führenden SDS-Mitglied in den 60er Jahren, nun das Signal, mit dieser Auffassung endgültig aufzuräumen und hinsichtlich der Verbrechen des Faschismus jeder sogenannten "Erinnerungs- und Betroffenheitskultur" ein Ende zu setzen. So wie die Politik der neuen Berliner Republik sich nicht durch die Erinnerung an die Verbrechen der jüngsten deutschen Vergangenheit hemmen und von neuen Taten abhalten lassen will, so sollen auch Historiker ihren Blick nach vorne richten. Ganz im Sinne von Reemtsmas "historischer Anthropologie" seien die Barbareien des Faschismus und Weltkriegs als allgemeinmenschliche Phänomene einzuordnen, die geschichtlich endgültig abgeschlossen seien und mit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung nichts zu tun hätten.

Wie der "Historiker" Bogdan Musial die Geschichte untersucht...

Dass sich politisch extrem rechte, antikommunistische und rassistische Kräfte die Entlassung Heers und die völlige Umgestaltung der Dokumentation als "ihren Sieg" an die Fahne heften können, ist noch klarer geworden, seit etwas mehr über den sogenannten "Historiker" Musial bekannt geworden ist.

Welche Sicht auf die Geschichte des Dritten Reichs und des Holocausts hat ihn dazu veranlasst, über die Kritik an falschen Bildunterschriften hinaus solch heftige, pauschale Attacken auf die Wehrmachtsausstellung und ihre Macher zu reiten? Was man zu dieser Frage damals, 1999, auf Grund einiger seiner Äußerungen nur vermuten konnte, wurde mit seinem im Jahr 2000 beim Ullstein Verlag erschienen Buch "Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen" [6] zur Gewissheit: Ein ebenso entschiedener wie schlichter Antikommunismus paart sich bei ihm mit ziemlich unverhülltem Antisemitismus. [7] Diese beiden Grundüberzeugungen bilden die ideologische Brille, mit der Musial alles in der Geschichte auf den Kopf gestellt sieht, die Täter zu Opfern und die Opfer zu Tätern macht.

So zitiert er einen "Zeugen" des "polnischen Widerstands" (gemeint ist die bürgerlich-nationale, mit der Exil-Regierung in London sympathisierende Untergrundbewegung): "Die Juden drangsalieren die Polen schrecklich und verfolgen alles, was mit dem Polentum zu tun hat... Die Menschen hassen die Juden einfach." Und Musial resümiert daraufhin: "Ähnliches wird aus anderen Städten überliefert." (!) Oder an anderer Stelle: "Das Verhalten vieler Juden, ihre vergleichsweise starke Präsenz im sowjetischen Staatsapparat und der sowjetische Terror belasteten das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden im sowjetisch besetzten Polen." (S. 71) "Die antisowjetischen Gefühle waren die Konsequenz des sowjetischen Terrors. Die antijüdischen Emotionen dagegen resultierten aus dem Verhalten, das nicht wenige Juden gegenüber Nichtjuden an den Tag legten, und dem Umstand, dass viele Nichtjuden die Juden mit der sowjetischen Herrschaft identifizierten." (S.73) So seien auch die Pogrome nach dem Einmarsch der Wehrmacht zu erklären, die in vielen Gegenden stattgefunden hatten. [8]

Auf der Grundlage dieser und ähnlicher "Zeugenaussagen" und "Belege" vertritt Musial im wesentlich zwei Thesen: Erstens, die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Kriegs, ja sogar der Holocaust seien durch die Verbrechen der sowjetischen Besatzungsmacht in Polen und durch den "hinterhältigen Kampf" von Partisanen und Heckenschützen, d.h. von Widerstandsgruppen der polnischen Zivilbevölkerung eingeleitet worden. Konfrontiert mit Bergen von NKWD-Mordopfern wie in Katyn oder Sloczów, erbittert durch die "Angriffe von verfluchten Heckenschützen" hätten die deutschen Soldaten Hitlers berüchtigten Kommissarsbefehl - "Alle politischen Kommissare der Sowjets sind sofort zu erschießen!" - nachträglich für gerechtfertigt gehalten und nun kein Mitleid mehr gekannt. Und zweitens, die Zig-Tausende von Juden, die nach dem Einmarsch der Wehrmacht Pogromen zum Opfer gefallen sind, waren zumindest mitschuldig an ihrer eigenen Vernichtung.

Diese beiden Thesen wiederholt Musial in dem Buch gebetsmühlenhaft und "belegt" sie durch eine Ansammlung von Aussagen sogenannter "Zeitzeugen" [9], deren Inhalt er völlig unkritisch, ohne die geringste Hinterfragung und Überprüfung als "historisches Faktum" übernimmt, auch wenn es sich in Wirklichkeit nur um die antisemitischen und antikommunistischen Vorurteile dieser Zeugen handelt.

Zwar relativiert Musial seine Kernthesen bereits im Vorwort und auch im Verlauf des Textes immer wieder, indem er genau das Gegenteil versichert, von einer "angeblichen jüdischen Mitverantwortung für den sowjetischen Terror" oder von "pauschalen Anschuldigungen" gegenüber den Juden spricht. Aber diese Rückzüge sind unverkennbar rein taktischer Natur, Vorsichtsmaßnahmen, die dazu dienen, seine Apologie rassistischer Politik und der deutschen Wehrmacht besser zu verpacken, nicht sie zurückzunehmen. Musial macht sich nämlich nicht die geringste Mühe, die daraus entstehenden Widersprüche zu erklären oder gar aufzulösen.

Genauso geht er in Bezug auf die Rolle der Wehrmacht vor. Er selbst berichtet (auf Seite 245f. seines Buches), dass vom Armee-Oberkommando AOK17 der Vorschlag kam, "die in den neubesetzten Gebieten wohnhaften antijüdisch und antikommunistisch eingestellten Polen zu Selbstreinigungsaktionen zu benutzen", und dass dieser Vorschlag zur Organisierung von Pogromen von Reinhard Heydrich, dem Chef der Sicherheitspolizei begeistert aufgegriffen und als Tagesbefehl an seine Einsatzgruppen weitergeleitet worden sei. Das hindert Musial nicht daran, drei Seiten weiter zu behaupten, die Wehrmachtsführung hätte mit der von lettischen oder ukrainischen Nationalisten verübten Abschlachtung von Juden nichts zu tun. Wörtlich: "Die Wehrmachtsführung bemühte sich also, in den unter ihrer Kontrolle stehenden Gebieten Pogrome zu verhindern. Dies war jedoch nicht immer einfach, wie die Beispiele von Lemberg... und Sloczów zeigen."

Auch hier lässt Musial die schreienden Widersprüche zwischen seinen eigenen Aussagen einfach stehen oder schüttet sie sofort mit neuen "Zeugenaussagen" und "Belegen" zu. Selbst nach rein akademischen Kriterien bewegt sich das Buch nirgendwo auf dem Niveau einer historischen Untersuchung, sondern streckenweise eher auf dem eines akademisch verbrämten rechten Pamphlets. Historische Tatsachen werden darin mit zusammengeklaubten "Zeugenaussagen" und "Belegen" aufgemischt, um eine komplexe geschichtliche Entwicklung nach den schlichten Denkmustern des Autors umzustricken. Die unzähligen Quellenangaben, die über den Inhalt und Wert der angeführten Aussagen zunächst ja überhaupt nichts aussagen, sollen der ganzen Operation den Schein von sachlicher Unvoreingenommenheit und akribischer Gewissenhaftigkeit verleihen.

Kannte man nur seinen in bewusst sachlichem Ton gehaltenen Artikel von 1999 in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte zu den Unstimmigkeiten der Ausstellungsbilder, konnte man tatsächlich annehmen, dass Musial über diese beiden Qualitäten verfüge, die gemeinhin als Grundvoraussetzungen für den Beruf des Historikers angesehen werden. Doch jetzt, nach der Lektüre seines Buches, fragt man sich natürlich: wie konnte es geschehen, dass Wissenschaftler, die Musial genauer kennen mussten, diesen Mann auf ihren Schild hoben?

Die politische Rolle der Historiker am Münchner Institut für Zeitgeschichte

Unter dem Gesichtspunkt neuer Erkenntnisse oder einer gelungenen Darstellung historischer Wahrheiten verdient Musial nicht die geringste Aufmerksamkeit. Und unter diesem Gesichtspunkt hat er sie wohl auch nicht gewonnen. Es war vielmehr gerade das Gegenteil, seine wissenschaftlich verbrämte Apologie des Nationalsozialismus und der Wehrmacht vom Standpunkt eines polnischen Nationalisten, was die deutschen Historiker Horst Möller und Hans Peter Schwarz veranlasste, ihm die von ihnen herausgegebenen Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte als Plattform zur Verfügung zu stellen. Da seine Arbeit bezüglich der Bildunterschriften sachlich richtige Hinweise enthielt, witterten diese zu Recht, dass sie damit Musial aufs trefflichste für ihre eigenen Bestrebungen instrumentalisieren konnten, die Wehrmachtsausstellung zu Fall zu bringen.

Die politische Blindheit der Ausstellungsmacher gegenüber der stalinistischen Bürokratie kam ihnen dabei sehr zupass. Denn als Musial auf die Massenmorde von Stalins Geheimpolizei aufmerksam gemacht hatte, wollte Hannes Heer diese nur deshalb nicht zugeben, weil er in Musial - zurecht - einen Antikommunisten und polnischen Nationalisten sah. Damit aber gab er Musial und Möller erst recht die Gelegenheit, bei der Verfolgung ihrer politischen Ziele mit dem Anspruch aufzutreten, die historische Wahrheit zu verteidigen.

Dass mit Horst Möller ausgerechnet der Vorsitzende des angesehenen Instituts für Zeitgeschichte (IfZG) die Hauptrolle bei diesem Manöver spielte, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Verlauf der ideologischen und politischen Debatten in Deutschland über die Nazi-Vergangenheit.

In den 50er Jahren war das Institut gegründet worden, um durch wissenschaftliche Forschungen Geschichte und Verbrechen des Nationalsozialismus aufzuarbeiten und zu dokumentieren. Anfänglich befand es sich jedoch immer in Finanzschwierigkeiten, da die damals herrschenden Politiker durchaus kein Interesse an einer lückenlosen Aufdeckung ihrer eigenen Vergangenheit hatten. Erst mit dem Wandel des geistigen Klimas Ende der 60er Jahre, als sich jüngere Generationen gegen die noch aus der Nazi-Zeit stammenden Eliten in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik wandten, stieg auch das Institut an Ansehen auf und konnte unter der Leitung des sozialliberalen Historikers Broszat 1972-89 eine Reihe von wichtigen wissenschaftlichen Forschungsergebnissen erzielen.

Der Tod von Broszat 1989 fiel dann mit einer erneuten geistigen Trendwende zusammen, die sich bereits mit dem sogenannten "Historikerstreit" in den 80er Jahren deutlich abzeichnete, aber mit dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung Deutschlands erst richtig in Schwung kam. 1992 wurde Horst Möller zum Leiter des IfZG berufen. Möller hatte im "Historiker-Streit" 1986/87 auf der Seite von Ernst Nolte und Andreas Hillgruber gestanden.

Nolte hatte damals vertreten, der Nationalsozialismus sei zwar in seinen Exzessen wie der Massenvernichtung von Juden nicht zu billigen, müsse aber doch in seinem rationalen Kern verstanden werden, nämlich als berechtigter "Verteidigungsreflex der bürgerlichen Zivilisation Europas" gegen den Bolschewismus und dessen "asiatischen Verbrechen". Gegen diese Apologie des Faschismus wandten sich damals einige prominente Philosophen und Historiker wie Jürgen Habermas. Horst Möller jedoch sprang Nolte bei und betonte, man dürfe nicht vergessen, dass die Ostfront im Zweiten Weltkrieg der Verteidigung der deutschen Bevölkerung gegen die Gräueltaten der sowjetischen Armee gedient habe. Fünf Jahre später wurde Möller vor allem auf Drängen seines Gönners, des damaligen Bundeskanzlers Kohl und der bayrischen Staatskanzlei mit der Leitung des inzwischen international renommierten Instituts belohnt.

Rund drei Jahre, bis zum Fall der Mauer und zur Wiedervereinigung hatte sich dieser Historikerstreit hingezogen, und nicht wenige Kommentatoren hatten sich der Illusion hingegeben, er sei mit einem "klaren Sieg der Vernunft" und der "wissenschaftlichen Aufklärung" über Nolte und seine Umschreibung der Geschichte beendet worden. Das Schicksal der Wehrmachtsausstellung dürfte sie nun eines Besseren belehrt haben.

Waren im Historikerstreit vor 15 Jahren noch zahlreiche Historiker, Schriftsteller und kritische Publizisten gegen Nolte aufgetreten, so meldeten sich diesmal aus der Welt der Wissenschaft und Publizistik im wesentlich nur noch Professor Peter Steinbach, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, und Johannes Willms in der Süddeutschen Zeitung mit klaren Worten gegen die Entlassung von Heer und die Schließung seiner Wehrmachtausstellung zu Wort.

Diese Wende in der Debatte über die deutsche Vergangenheit ist ein böses Omen für die Zukunft. Denn die Verbrechen der Wehrmacht und der Holocaust waren kein »Betriebsunfall« und auch nicht das Ergebnis des Handelns eines oder mehrerer Wahnsinniger. Sie waren das Produkt der starken militaristischen und antidemokratischen Kräfte und Traditionen in der Gesellschaft Deutschlands, die tiefe historische Wurzeln haben - und sich heute wieder bedrohlich regen.

Politisch hat die deutsche Bourgeoisie - im Gegensatz etwa zur amerikanischen - ihre Herrschaft nach Innen nie auf die Errungenschaften einer demokratischen Revolution gestützt, sondern auf den preußischen Polizei- und Militärstaat. Er hatte die Revolution von 1848 niederschlagen geholfen und nach dem Sieg im Krieg von 1870/71 gegen Frankreich das Deutsche Reich unter der Pickelhaube vereint.

Auch nach Außen, für ihre wirtschaftlichen Interessen, kämpften die deutschen Industrie- Finanzkonzerne immer wieder mit Waffengewalt. Im imperialistischen Wettlauf um die Rohstoffquellen, Märkte und strategische Positionen der Welt geschichtlich spät gekommen, wollten sie auf diese Weise ihren Rückstand aufholen.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg unterstützten sie zu diesem Zweck Hitler. Die deutsche Arbeiterbewegung war auf Grund des Verrats ihrer Parteien KPD und SPD nicht in der Lage, das drohende Unheil abzuwenden, an Stelle der Nazis selbst die Macht zu übernehmen und die Gesellschaft auf fortschrittliche Weise neu zu ordnen. So hatten Faschismus und Militarismus freie Bahn, die Welt in die größte Barbarei der Menschheitsgeschichte zu stürzen.

Heute nun wittern die Militaristen auch in Deutschland wieder Morgenluft. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Wiedervereinigung sehen sich die Banken und Konzerne erneut vor die Herausforderung gestellt, sich das zu verschaffen, was Hitler ihnen schon erobern sollte: »Lebensraum im Osten«, d.h. die Kontrolle über die osteuropäischen und russischen Märkte und Rohstoffquellen, und eine zumindest ebenbürtige Stellung in der Weltpolitik gegenüber den Rivalen im Westen, vor allem den USA.

Und auch diesmal müssen sie sich langfristig zur Erreichung dieses Zieles auf den Polizeistaat nach Innen und den Militarismus nach Außen stützen. Die Schließung der Ausstellung machte bereits vor den Anschlägen in den USA und den darauf folgenden Kriegsvorbereitungen deutlich, wie stark sich diese Kräfte der Reaktion bereits wieder fühlen können - und wie jämmerlich die Opposition ist, die sich ihnen aus den Kreisen der akademischen Intelligenz entgegenstellt.

Nimmt diesmal nicht die Arbeiterklasse das Heft in die Hand und gebietet ihnen Einhalt, drohen der Bevölkerung in Deutschland und Europa, ja in der ganzen Welt die größten Gefahren. Darüber legten die erschütternden Bilder und Dokumente der Ausstellung hinreichend Zeugnis ab - ein Zeugnis, das durch die Schließung der Ausstellung und die Entlassung ihres Leiters nicht annulliert wird.

Anmerkungen

[1] Hannes Heer / Klaus Naumann (Hrsg.): "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1994", Verlag Hamburger Edition, Hamburg 1995.

[2] Siehe dazu den Bericht zur Podiumsdiskussion mit Hannes Heer, Professor Hans Mommsen und Professor Bonwetsch zur Wehrmachtsausstellung am 17. April 1996 in Essen (http://www.wsws.org/de/1996/mai1996/wehr-m10.shtml)

[3] Siehe dazu: David North, "Antisemitismus, Faschismus und Holocaust. Eine kritische Besprechung des Buchs ‚Hitlers willige Vollstrecker' von Daniel Goldhagen", Arbeiterpresse Verlag Essen, 1997 (http://www.wsws.org/de/1997/apr1997/goldh-97.shtml)

[4] Siehe den Artikel "Die große Tautologie" von Hannes Heer in der TAZ Nr. 5018 Seite 15 vom 04. September 1996.

[5] Siehe dazu auch den Bericht in der Neuen Züricher Zeitung "Die neue Wehrmachtsausstellung konturiert sich" vom 22. Mai 2001.

[6] "Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen. Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941"; Berlin/München, 2000.

[7] Mit seinem krankhaften Hass auf Russland und die Sowjetunion vom nationalen Standpunkt aus, seiner verklärten Sicht aller politischen Mächte außerhalb Russlands bzw. der ehemaligen Sowjetunion und seinen rassistischen Vorurteilen ist Musial ein bezeichnendes Produkt der tragischen Geschichte Polens und des Niedergangs seiner Arbeiterbewegung. Als Sohn einer galizischen Bauernfamilie und junger Bergmann war er in der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosz aktiv gewesen. Aber obgleich diese Bewegung in Opposition gegen die stalinistische Bürokratie stand, waren dort mit den Perspektiven eines Lech Walesa, Jacek Kuron oder Bronislaw Geremek ähnlich bornierte, nationale Standpunkte tonangebend wie in den stalinistischen Kreisen. Sozialistische, internationalistische Ideen wie die von Rosa Luxemburg oder Leo Jogiches waren nach 70 Jahren Stalinismus praktisch nicht mehr zu finden. Nach der Verhängung des Kriegsrechts wandelte sich Musials Opposition daher bald zu blindem Antikommunismus. 1985 emigrierte er in die Bundesrepublik, wo er als Stipendiat der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung Politologie und Geschichte studierte.

[8] Das "Verhalten nicht weniger Juden", das Musial für die Pogromstimmung und die Pogrome verantwortlich macht, bestand in folgendem: Anders als im von Klerikalismus und Antisemitismus verseuchten polnischen Staat waren Juden nach sowjetischem Recht zum ersten Mal in ihrer Geschichte den anderen Staatsangehörigen gleichgestellt. Daraus resultierte ein gewisser sozialer Aufstieg vieler, vor allem jüngerer Juden, zum Beispiel infolge der nun möglichen Übernahme von Ämtern in der staatlichen und kommunalen Verwaltung, von Lehrerstellen und dergleichen. Diese soziale und politische Emanzipation ging auf die fortschrittliche Gesetzgebung der Oktoberrevolution von 1917 und der ersten Jahre danach zurück. Sie erfolgte also in dem sowjetisch besetzten Polen nicht infolge, sondern trotz der Politik Stalins, der selbst diese Gesetzgebung rückgängig zu machen suchte und schätzungsweise zwischen 50.000 und 100.000 polnische Juden als "konterrevolutionäre Elemente" nach Sibirien deportieren ließ. Dessen ungeachtet wurde der Aufstieg und die Mitarbeit der Juden im Staat unter den Sowjets von rassistischen Zeitgenossen pauschal als "Kollaboration" gedeutet, und von Musial wiederum wird diese Deutung ungerührt als historische Tatsache hingestellt: "Relativ viele NKWD-Informanten und Denunzianten, die sich aktiv und zumeist freiwillig an den sowjetischen Verbrechenbeteiligten, (waren) jüdischer Herkunft".

[9] Musial scheut sich übrigens nicht, in die Reihe dieser sogenannten "Zeitzeugen" auch Franz-Josef-Strauß, damals strammes NSDAP-Mitglied, aufzunehmen.

 

Siehe auch:

Das heilsame Ende einer Legende
[14. April 1995]