Die gänzlich konformistische Welt der Amélie

Von Stefan Steinberg
30. August 2001

Le fabuleux destin d'Amélie Poulain [Das märchenhafte Schicksal der Amélie Poulain] ist der jüngste Film des französischen Regisseurs Jean-Pierre Jeunet, zu dessen früheren Werken Delicatessen(1991), Die Stadt der verlorenen Kinder(1995) und der vierte Teil der Alien -Reihe (1997) zählen. Nachdem der Film vom Leiter des diesjährigen Filmfestivals in Cannes nicht in das Programm aufgenommen worden war, hat Die fabelhafte Welt der Amélie(wie der deutsche Titel des Films lautet) einen kometenhaften Aufstieg in den französischen Kinos erlebt - seit er im Mai angelaufen ist, haben ihn bereits acht Millionen Besucher in Frankreich gesehen. Der Film ist soeben in Deutschland angelaufen, wo er größtenteils in schwärmerischem Ton besprochen wurde. Ausnahmslos alle Rezensionen verweisen darauf, dass sowohl der französische Premierminister Lionel Jospin wie auch Präsident Jaques Chirac den Film gesehen haben und von ihm begeistert sind.

Jean-Pierrre Jeunet hat ein Talent, alltägliche Erlebnisse in starke Bilder umzusetzen. Als Filmemacher kommt er ursprünglich aus dem Bereich des Zeichentrick- und Animationsfilms, und das ist zu sehen. Aber losgelöst von Jeunets Bildfeuerwerk bleiben die Figuren und Charaktere in seinem Film schematisch und unglaubwürdig, während die Moral von Die fabelhafte Welt der Amélie einfach nur banal ist. Nichtsdestotrotz zeigen die Besucherzahlen, dass er mit dem Film beim Publikum einen Nerv getroffen hat. Es lohnt sich zu untersuchen, warum dem so ist.

Die fabelhafte Welt der Amélie beginnt mit der Gegenüberstellung einer Reihe von unzusammenhängenden Alltagsbildern. Wir werden Zeuge, wie eine Fliege vom Auto überfahren wird, es folgt ein abrupter Wechsel zu Gläsern, die auf einem vom Wind bewegten weißen Tuch tanzen, und dann zu einem Mann, der aus seinem Adressbuch die Telefonnummer von einem verstorbenen Freund ausradiert. Unter einem Mikroskop dringt eine Spermie in ein Ei ein - wir sind Zeuge der Empfängnis von Amélie, der Hauptfigur des Films.

In einer hektischen Serie von verwickelt zusammengestellten Bildern rasen wir durch die Kindheit von Amélie. Ihr Vater ist Arzt und nicht in der Lage, echte Gefühlsregungen zu zeigen und körperliche Wärme zu geben. Die einzige Gelegenheit, bei der er sein Kind berührt, ist die Routineuntersuchung, die er einmal im Monat vornimmt. Erregt von der seltenen körperlichen Nähe ihres Vaters während solcher Untersuchungen rast Amélies junges Herz. Mit dem Stethoskop auf ihrer Brust kommt ihr Vater zu dem Schluss, dass das Mädchen einen Herzfehler hat und schirmt sie noch weiter von der Außenwelt ab. Später begegnen wir Amélie (Audrey Tautou) als einer schüchternen, introvertierten Frau Mitte zwanzig, die in einer Bar in Montmartre arbeitet.

Alle Charaktere Jeunets in Die fabelhafte Welt der Amélie sind halbproletarisch, aber weit von dem entfernt, was man als gewöhnlich betrachten würde. Sie besitzen eine Extraportion an kleinen Macken, Schwächen und liebenswerter Exzentrik: Der einarmige Junge, der für den Gemüsehändler arbeitet und so zärtlich und respektvoll mit dem Obst und Gemüse umgeht; der benachbarte ältere Künstler, der an Osteoporose leidet und jedes Jahr eine Kopie desselben Bildes malt; wie auch Amélie selbst und ihre Kollegen und Gäste in der Bar, in der sie arbeitet.

Die Welt der Politik und Macht ist fremd und weit entfernt. Amélie geht an einen Zeitungsstand, um eine Zeitung zu kaufen. Es ist Anfang September 1997, ein Tag nach dem Tode von Prinzessin Diana bei einem Autounfall in Paris. Die Schlagzeile und Geschichte zum Tod von Prinzessin Di beherrscht die Titelseite aller Zeitungen - wie auch die Reklametafeln. Es ist nutzlos, nach irgendwelchen anderen Nachrichten Ausschau zu halten. Mit einem Handstreich hat Jeunet eine wichtige Voraussetzung für seine "fabelhafte" aber auch sehr hermetische Welt der Amélie geschaffen, wo es nichts besseres zu tun gibt, als sich auf die Wanderschaft der Filmheldin bei ihrer gänzlich vorhersehbaren Suche nach wahrer Liebe zu konzentrieren.

Jeunets Paris ist eine komplett aufpolierte Version der Wirklichkeit - Paris innerhalb des périferique(des Rings um die Innenstadt): sauber, ordentlich, keine hupenden Autos, keine Touristen, nicht zu viele Ausländer und andere Komplikationen. Die Handlung konzentriert sich auf eine Bar in Paris, im Zentrum von Montmartre - dem berühmten und bildhübschen Schlupfwinkel von Künstlern und Schriftstellern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Man gewinnt den Eindruck, dass Jeunet sich große Mühe gegeben hat sicherzustellen, dass kein Werbeplakat für einen Hollywoodfilm den Hintergrund stört, wenn Bilder vom Pariser Hauptbahnhof Gare de l'Est gezeigt werden. In einer anderen Szene des Films kommen wir in den Genuss einer nostalgischen Wochenschau in Schwarzweiß über ein Fahrradrennen der Tour de France. Dies ist ganz offensichtlich die Darstellung eines Paris und Frankreichs bevor sich Globalisierung, Doping und McDonald's Fast-Food-Restaurants einstellten.

Selbst die Bettler sind in einem solch idyllischen Paris mit ihrem Los zufrieden und tragen ihr Schicksal mit Würde. Als Amélie an einem Sonntag zum Zug rennt, stoppt sie bei einem Landstreicher, der mit seinem Hund an einem Geländer lehnt, um ihm ein paar Francs zu geben. "Non, merci!" sagt dieser und weist die milde Gabe zurück, "Ich arbeite nicht an Sonntagen."

Weil der benachbarte ältere Künstler sie nachdrücklich darauf hinweist, entdeckt Amélie, dass sie, wenn sie in die Umgebung ihrer nächsten Menschen eingreift und kleine Veränderungen vornimmt, damit auch bedeutende Veränderungen in deren Leben erreichen kann. Sie nimmt den Gartenzwerg ihres Vater von seinem Altar im Garten und schickt ihn auf eine Weltreise. Der Vater, der in seinem Leben nie gereist ist, greift das Beispiel seines Gartenzwergs auf, packt seine Sachen und bricht auf, um die Welt zu sehen. Mit ähnlichen Mitteln schafft es Amélie, einen Hauch von Romantik in das Leben einer Kollegin und alten Jungfer zu bringen. Nun ist Amélie vor die schwierigste Aufgabe von allen gestellt - ihre eigenen Hemmungen zu überwinden und sich den Mann ihrer Träume zu angeln.

Folgt man Jeunet, so ist die Welt ein unermessliches Ineinandergreifen von kaum verständlichen Ursachen und Wirkungen, das sich jeder Art eines bedeutungsvollen Wandels im großen Ausmaß widersetzt. Nichtsdestotrotz ergeben sich Gelegenheiten, wodurch das Individuum Änderungen im Lebensgefüge mit dramatischen Folgen veranlassen kann. Wie es ein Charakter ausdrückt: Das Leben ist wie die Tour de France, schau im falschen Moment nicht hin und du verpasst es. Tatsächlich ist die Filmbotschaft vollständig abgedroschen und altbekannt - die Welt ist voller Wunder und Rätsel, halte deine Sinne wach und deine Augen offen für Gelegenheiten und vielleicht kannst du das triviale Schicksal überwinden, dass den Großteil der Menschheit erwartet.

In Interviews betont Jeunet seinen Wunsch, zusammen mit einer neuen Generation französischer Regisseure das französische Kino aus dem zu befreien, was er als intellektuellen "Müll" der Nouvelle Vague und des heutigen "realistischen" französischen Kinos bezeichnet und als "schlecht geschrieben, schlecht gedreht, dumm wie das Leben selbst" beschreibt. Tatsächlich wirft Jeunet zwei sehr unterschiedliche Genres und Perioden durcheinander, wenn er die Nouvelle Vague und den viel jüngeren "realistischen" französischen Film über einen Kamm schert.

Trotz des unterschiedlichen Niveaus eines Großteils ihres Werkes waren die Regisseure der Nouvelle Vague in den 1960-er Jahren - inspiriert von den filmischen Traditionen in Amerika und dem neorealistischen Kino in Italien - in der Lage, eine Vielzahl von nachdenklichen, provokativen Filmen zu produzieren, die einen sarkastischen, kritischen Blick auf die moderne Gesellschaft werfen.

Die Krise eines Großteils des modernen "realistischen" französischen Films hat viel zu tun mit verbreiteten ideologischen Strömungen. Viele zeitgenössische französische Filmemacher (z.B. Bruno Dumont) bemerken die himmelschreiende Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit der modernen kapitalistischen Gesellschaft und fühlen eine Verpflichtung, hierzu etwas zu sagen. Doch es fehlt ihnen an Vertrauen in eine politische Alternative, die es ihnen erlauben würde, ein wenig Abstand zu nehmen und sich ihrem Thema mit mehr Überlegung und Objektivität zu nähern.

Nachdem die französische Republik in letzter Zeit von einer Reihe weitreichender politischer und finanzieller Skandale erschüttert wurde und die politische Unterstützung für die regierenden Parteien an einem historischen Tiefpunkt angelangt ist, besteht Jeunets Antwort auf die moderne Gesellschaft darin, ihr den Rücken zu kehren und statt dessen ein vergangenes französisches Wunderland auferstehen zu lassen, das in Wirklichkeit niemals wunderbar war. Die fabelhafte Welt der Amélie ist, insgesamt betrachtet und trotz der Witze und Bildfeuerwerke, ein gänzlich angepasster und konformistischer Film.