Iranischer Filmregisseurin droht im bevorstehenden Prozess die Todesstrafe

Von David Walsh
3. November 2001

Der Iranische Filmregisseurin Tahmineh Milani droht die Hinrichtung, wenn sie im kommenden Prozess verurteilt wird. Milani, eine der besten iranischen Regisseurinnen ( The Legend of a Sigh[ Afsane-Ye-Ah, 1991], What Else Is New?[1992], Zwei Frauen[ Do Zan, 1999]) war gerade dabei, für ihren neuen Film, Die versteckte Hälfte - der durch die Zensoren und das Kulturministerium geprüft worden war - zu werben, als sie Ende August auf Befehl des iranischen Revolutionsrates verhaftet wurde. Der Film, der in der Gegenwart spielt, schildert in Form von Rückblenden politische Kämpfe, die im Iran nach 1979 stattgefunden haben, nachdem die islamischen Kräfte an die Macht gekommen waren. Die Hauptdarstellerin erzählt, wie sie sich unter anderem auch bei linken Aktivisten engagierte.

Nach den Angaben der Mediengesellschaft Ray Privett of Facets Video in Chicago wird Milani vorgeworfen, sie habe Fraktionen unterstützt, die Krieg gegen Gott führten, und habe die Künste missbraucht, um konterrevolutionäre und bewaffnete Oppositionsgruppen zu unterstützen. Sie erklärte gegenüber der Los Angeles Times am 26. Oktober, dass einen Monat nach der Premiere von Die versteckte Hälfte in Teheraner Kinos vier Männer in ihr Haus gekommen seien und handschriftliche Notizen und Skripts konfisziert hätten.

"Laut Milanis Aussagen, sagten sie zu ihr: ‚Wir haben die Erlaubnis, Sie zu verhaften‘. Nach 15 Minuten schleppten sie sie, begleitet von ihrem Mann, zum Revolutionsgericht, das von den Fundamentalisten kontrolliert wird. Normalerweise hätte es möglich sein müssen, eine Kaution zu hinterlegen und nach Hause zu gehen, doch der Richter war nicht da, so konnte sie nicht entlassen werden. Sie wurde in eine Einzelzelle gebracht und mehrere Tage lang wurde ihr nicht erlaubt, mit anderen weiblichen Häftlingen zu sprechen. Als sie schließlich mit andern Frauen zusammenkam, kamen sie ihr zu Hilfe, indem sie ihr frische Kleidung gaben und freiwillig ihre Duschzeit an sie abtraten - und ihr den Vorschlag machten, einen Film über ihre Notlage zu drehen.

‚Jeden Tag wurde ich fünf Stunden lang [vom Gerichtshof] über meinen Film verhört‘, sagte Milani. ‚Ich wurde angeklagt, Dinge gegen die nationale Sicherheit unternommen und mit gegenrevolutionären Kräften außerhalb des Iran zusammengearbeitet zu haben. Das ist eine der schlimmsten Beschuldigungen, die vorgebracht werden kann, und sie wird mit der Todesstrafe geahndet‘."

Milani glaubt, dass sie Opfer eines Versuchs geworden ist, Politiker im Kulturministerium zu diskreditieren und andere Regisseure einzuschüchtern. Dies ist vielleicht Teil eines größeren Kampfs innerhalb des iranischen Regimes zwischen Opponenten und Unterstützern des Präsidenten Mohammed Khatami, des sogenannten "Reformers".

Die Filmemacherin verbrachte sieben Tage im Gefängnis. Auf zwei Pressekonferenzen gab Khatami seiner Unterstützung für Milani und seiner Verwunderung über ihre Verhaftung Ausdruck. Schließlich erreichte ein Appell des Kulturministers an Ayatollah Ali Khamenei ihre Freilassung. Zwei Stunden später kamen erneut Untersuchungsbeamte zu Milani nach Hause und beschlagnahmten Bilder, Videobänder, Notizen, Drehbücher und Requisiten.

Milani und ihr Mann, Mohammad Nikbin, versuchten zu erreichen, dass der Fall eingestellt wird und sie ihr Eigentum zurückerhalten, doch ohne Erfolg. Nikbin erklärte gegenüber der Times: "Sie gaben uns keine direkte Antwort, wann wir es zurückerhalten würden, oder was damit passieren sollte."

Eine Solidaritätserklärung mit Tahmineh Milani zirkuliert im Kreis der Filmschaffenden. Darin heißt es: "Als Mitglieder der Filmgemeinschaft haben wir mit Empörung zur Kenntnis genommen, dass vor kurzem Tahmineh Milani von der islamischen Regierung des Iran verhaftet worden ist. Dies ist das erste Mal, dass die heutige iranische Regierung solche Schritte gegen Filmemacher ergreift. Obwohl sie jetzt auf Kaution entlassen worden ist, hat man die Anklagen gegen sie nicht fallengelassen. Wir möchten unsere Solidarität mit ihr ausdrücken."

Unterschrienben haben u.a: Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, Steven Soderbergh, Sean Penn, Jamsheed Akrami, Carlos Diegues, Hanif Kureishi, Ang Lee, Mike Leigh, Faye Dunaway, Spike Lee, Dusan Makavejev, Chris Marker, Jonathan Demme, Peter Sellars, Richard Leacock, Ken Russell und viele andere.

Filmemacher, Organisationen und Einzelpersonen sind aufgerufen, ebenfalls ihre Solidarität mit Milani auszudrücken und Faxe direkt an folgende Adressen zu schicken:

His Excellency Mr. Mohammad Khatami, President of the Islamic Republic of Iran, at 98 21 649 5886;

His Excellency Mr. Mahmoud Hashemi Shahrudi, Minister of Justice, at 98 21 646 5242;

His Excellency Mr. Masjed Jamee, Minister of Culture and Islamic Guidance, at 98 21 391 3535;

Mr. Mohebbi, President of the Farabi Cinema Foundation, at 98 21 670 8155

Außerdem ist es möglich, die Petition unter folgender Adresse online zu unterschreiben: www.facets.org/petition.html.