Weshalb schützt die Regierung der USA den Anthrax-Attentäter?

Von der Redaktion
4. Juli 2002

Am Dienstag brachte ein Kommentar der New York Times die bemerkenswerte Meldung, dass sich das FBI weigere, den Hauptverdächtigen der Anthrax-Anschläge vom letzten Herbst, die fünf Menschen das Leben kosteten, zu verhaften oder auch nur ernsthafte Ermittlungen gegen ihn aufzunehmen.

Die Anschuldigungen, die Nicholas Kristof in seiner Kolumne erhob, sind so schwerwiegend, dass sie eigentlich auf der Stelle Gegenstand einer gründlichen öffentlichen Untersuchung werden müssten. Doch bislang schweigen sich die Bush-Regierung und die Medien aus, obwohl es sich ganz ohne Zweifel um einen der denkwürdigsten Artikel handelt, der je in einer großen amerikanischen Zeitung erschienen ist.

Kristof wirft dem FBI "aus Desinteresse rührendes Versagen bei der Verfolgung des Anthrax-Killers" vor. Er schreibt: "Nahezu jeder, der mit den Anthrax-Ermittlungen des FBI in Berührung gekommen ist, zeigt sich entsetzt über die Lethargie der Behörde. Bei den Leuten, die mit dem Verteidigungsprogramm gegen Biowaffen befasst sind, glaubt man den wahrscheinlichen Schuldigen zu kennen. Man nennt ihn hier Mr. Z. Obwohl das FBI Mr. Z. an einen Lügendetektor anschloss, zwei Hausdurchsuchungen bei ihm vornahm und ihn vier Mal verhörte, lässt es ihn nicht überwachen und zog auch keinen unabhängigen Graphologen heran, um seine Handschrift mit derjenigen der Anthrax-Briefe zu vergleichen."

Kristof unterstreicht, dass die Identität des Hauptverdächtigen in den informierten Kreisen der Medien und der Regierung bekannt ist, ohne selbst seinen Namen zu nennen. "Wenn Mr. Z arabischer Staatsangehöriger wäre", meint Kristof, "dann wäre er schon längst verhaftet worden. Er ist aber ein waschechter Amerikaner mit engen Verbindungen zum Verteidigungsministerium, zur CIA und zum amerikanischen Biowaffenprogramm."

Der Kolumnist stellt die Nachlässigkeit des FBI in diesem Fall in einen größeren Zusammenhang, der ein gewisses Muster ergibt. So wurde bewusst die Genehmigung erteilt, Anthrax-Vorräte der Iowa State University zu vernichten, bevor sie getestet werden konnten. Das FBI zögerte den Test der Anthrax-Sporen in dem ungeöffneten Brief an Senator Leahy bis zum Dezember hinaus und hat die Tests der übrigen Anthrax-Proben, die es aus privaten, staatlichen und ausländischen Laboratorien erhalten hat, immer noch nicht abgeschlossen. Der Einsatz von Lügendetektoren bei Biowaffen-Spezialisten in den Forschungszentren von Ft. Detrick (Maryland) und Dugway Proving Ground (Utah) wurde erst letzten Monat angeordnet.

Kristof schließt seine Kolumne mit einer Reihe unverblümter Fragen an das FBI. Er schreibt:

"Wissen Sie, über welche Anzahl Identitäten und Pässe Mr. Z. verfügt, und überwachen Sie seine internationale Reisetätigkeit? Ich habe zumindest einen seiner Decknamen gefunden, und er unternimmt nach wie vor im Auftrag der Regierung Reisen ins Ausland, sogar nach Zentralasien.

Weshalb wurde im August, weniger als einen Monat vor Beginn der Anthrax-Anschläge, seine Sicherheitsbescheinigung der höchsten Stufe aufgehoben? Er war außer sich vor Wut über diese Maßnahme. Sind die CIA und die militärischen Geheimdienste in vollem Umfang an diesen Ermittlungen beteiligt?

Haben Sie das abgelegene Haus durchsucht, zu dem er im letzten Herbst Zugang hatte? Das FBI wusste bereits zu diesem Zeitpunkt von dem Gebäude und weiß, dass Mr. Z. Besuchern dort [das gegen Anthrax wirksame Antibiotikum] Cipro aushändigte. Dieses Anwesen ist wie viele andere auf den Namen eines Freundes von Mr. Z. eingetragen, es könnte sich bei diesen aber um den geheimen Stützpunkt eines amerikanischen Geheimdienstes handeln.

Haben Sie untersucht, ob Mr. Z. mit der größten je registrierten Anthrax-Epidemie bei Menschen zu tun hatte, die in den Jahren 1978-80 mehr als 10.000 schwarze Farmer in Zimbabwe betraf? Es gibt Beweise dafür, dass diese Anthrax-Erreger von der weißen Rhodesischen Armee im Kampf gegen schwarze Guerillas freigesetzt wurden, und Mr. Z. behauptet, dass er Mitglied der gefürchteten Selous Scouts der weißen Armee gewesen sei. Ist es denkbar, dass kriminelle Elemente im amerikanischen Militär die Rhodesische Armee bei ihren Anthrax- und Cholera-Angriffen auf Schwarze unterstützt haben? Mr. Z. gibt in seinem Lebenslauf auch an, dass er an der ehemaligen Südafrikanischen Verteidigungsarmee beteiligt gewesen sei; und wer wusste abgesehen von all dem überhaupt, dass das Verteidigungsministerium der USA einem Amerikaner, der in der Armee zweier weißer rassistischer Regimes gedient hatte, eine Anstellung im amerikanischen Biowaffenabwehrprogramm geben würde, bei der er mit einigen der tödlichsten Erreger der Welt umgehen würde?"

Diese ungewöhnlich detaillierte Schilderung macht deutlich, dass die Identität des Urhebers der Anthrax-Briefe in den Washingtoner Regierungskreisen bekannt ist. Hunderte Menschen in der Bush-Regierung, im Kongress und in den Medien müssen Zugang zu diesen Informationen haben, dennoch wurden sie der amerikanischen Bevölkerung bewusst vorenthalten. Das FBI hat eine Erklärung nach der anderen veröffentlicht, in denen behauptet wurde, dass die Ermittlungen wenig Fortschritte machen würden. Es hieß, dass es noch keine bestimmten Verdächtigten gebe, und man forderte die Öffentlichkeit auf, "Hinweise" zu liefern, die vielleicht zu einem Terroristen führen könnten - dessen Namen die Behörde offenbar seit letztem Oktober kannte.

Kristofs zentraler Vorwurf lautet, dass die Anthrax-Ermittlungen nicht wegen fehlender Beweise in eine Sackgasse geraten sind, sondern weil der Hauptverdächtige einflussreiche Freunde in hohen Ämtern hat und von oben offiziell beschützt wird. "Mr. Z." kann nicht verhaftet werden, weil er zu viel weiß und weil seine Beschützer im Militär und im Geheimdienst der USA es nicht zulassen. Seine Verhaftung würde ans Tageslicht bringen, dass die amerikanische Regierung selbst in furchtbare Verbrechen im In- und Ausland verwickelt ist, einschließlich der bewussten Tötung amerikanischer Bürger.

Kristofs Fragen lassen außerdem darauf schließen, dass "Mr. Z." immer noch im aktiven Dienst der Bush-Administration steht und "im Auftrag der Regierung" nach Zentralasien reist, obwohl er im Verdacht steht, fünf Menschen in den USA ermordet zu haben. Ein echter Unberührbarer.

Der Anthrax-Terrorist hat die Führung der Demokratischen Partei im Senat, der zweiten Kammer des amerikanischen Parlaments ins Visier genommen. Er schickte zwei Briefe mit tödlichen Dosen Anthrax an den Führer der Demokratischen Mehrheit Thomas Daschle und den Vorsitzenden des Justizausschusses Patrick Leahy. Kristofs Argumentation läuft unabweislich darauf hinaus, dass das Verhalten der Bush-Regierung den Tatbestand der Beihilfe nach (wenn nicht schon vor) der Tat bei einem gegen die parlamentarische Opposition gerichteten Mordanschlag erfüllt.

Allein die Tatsache, dass ein solcher Vorwurf in den Kommentarspalten der führenden Tageszeitung der USA erscheinen kann, ist ein Maßstab für den Verfall der "normalen" demokratischen Prozesse und Gepflogenheiten in Amerika. Die Times ist eine bedeutende Institution der herrschenden Elite in Amerika und ein altgedientes Sprachrohr für bestimmte Teile des nationalen Sicherheitsapparats der USA. Wenn sie eine solche Kolumne veröffentlichen konnte, dann nur deshalb, weil innerhalb des Staates ein heftiger verborgener Kampf ausgetragen wird - in dem das amerikanische Volk nichts zu sagen hat.

Kristofs Kolumne ist einer jener seltenen Einblicke in eine Art Paralleluniversum, das normalerweise von den Medien verschwiegen und nicht beachtet wird. Hohe Vertreter der US-Regierung - Präsident Bush, Vizepräsident Cheney, Justizminister Ashcroft, CIA-Direktor Tenet, FBI-Direktor Mueller - alle haben sie Verbindungen zu einer kriminellen Verschwörung, die dem Schutz eines vom Staat ausgebildeten militärischen Killers dient. Und ihre Gegner unter den Demokraten, die offenkundigen Ziele des Attentäters, sind so eingeschüchtert, dass sie in der Öffentlichkeit nichts sagen - wenn man sich auch leicht ausmalen kann, welche Äußerungen in den privaten Diskussionen unter den Kongressabgeordneten und Senatoren fielen, als sie am Dienstag Morgen auf dem Kapitol die Times lasen. Kein Costa-Gavras-Film, sondern Amerika anno 2002.

Siehe auch:
Milzbrandanschläge in USA gehen auf Biowaffenanlagen der Armee zurück
(5. Januar 2002)
Milzbrandbriefe in den USA: Mordversuche an Führern der Demokratischen Partei
( 30)
Milzbrandgefahr in den USA: Warum wird über den rechtsradikalen Terrorismus geschwiegen?
( Januar 2002)