Großbritannien

Hetzkampagne für Law and Order nach dem Tod von zwei Mädchen

Von Julie Hyland
7. September 2002

Am 29. August erinnerte Richter Nicholas Coleman ein Gericht im ostenglischen Peterborough daran, dass der Angeklagte als unschuldig gilt, solange ihm seine Schuld nicht nachgewiesen wurde.

Dies war eine ungewöhnliche, aber keineswegs überflüssige Ermahnung. Die Angeklagte Maxine Carr ist das Opfer einer wilden und hoch emotionalen Pressekampagne, seitdem sie beschuldigt wurde, die Justiz bei den polizeilichen Ermittlungen zum Mord an zwei zehnjährigen Mädchen, Holly Wells und Jessica Chapman, behindert zu haben.

Die Berichterstattung zu dem Fall war dergestalt, dass Carr nicht persönlich vor dem Gericht erschien, sondern per Videoverbindung aus dem Gefängnis zugeschaltet wurde. Diese Maßnahme wurde ergriffen, nachdem sich bei Carrs erstem Erscheinen vor Gericht eine 500-köpfige Menge vor dem Gebäude versammelt hatte, die sie wüst beschimpfte, ihren Tod forderte und den Polizeiwagen anzugreifen versuchte, in dem sie saß.

Holly Wells und Jessica Chapman wurden ab dem 4. August in ihrem Heimatdorf Soham vermisst. Ihre Leichen wurden 13 Tage später in einem nahegelegenen Waldstück gefunden. Die Todesursache ist bislang noch nicht endgültig festgestellt worden.

Wenige Tage später wurde Ian Huntley, Carrs Lebensgefährte und der Hausmeister der Schule, auf die die beiden Mädchen gingen, unter dem Vorwurf der Entführung und des Mordes verhaftet. Gegen Carr wurde ein unabhängiges Verfahren wegen Irreführung der Polizei eröffnet, das ihr eine lebenslängliche Strafe einbringen kann. Ihre Anwälte bestreiten, dass Carr irgendetwas mit dem Tod der beiden Mädchen zu tun hat.

Das Verschwinden der Zehnjährigen hatte über Wochen die Nachrichten beherrscht. Die Erschütterung und Qual der Angehörigen wurde praktisch in jedes Wohnzimmer übertragen: Das Fernsehen zeigte Szenen der verzweifelten Eltern, Großeltern und Geschwister der zwei Mädchen, die angsterfüllt auf eine Nachricht über ihr Verbleiben warteten und den möglichen Entführer unter Tränen anflehten, er möge die beiden zu ihren Familien zurückkehren lassen.

Mehr als 1.000 Menschen halfen als Freiwillige bei der Suche nach den Mädchen und die Polizei erhielt etwa 15.000 telefonische Hinweise von Leuten, die die Kinder gesehen zu haben glaubten. Hunderte kamen spontan nach Soham, um auf eigene Faust in der Umgebung des Dorfes bei der Suche zu helfen.

Nachdem sie das verzweifelte Warten der Eltern nachempfunden hatten, teilten Tausende auch ihre Trauer, als die Leichen der Mädchen gefunden wurden. Auf den Kondolenzseiten im Internet trafen Hunderttausende Emails ein und an die örtliche Kirche wurden etwa 20.000 Kränze gesandt.

Diese öffentliche Teilnahme war sicherlich aufrichtig und kam von Herzen, über die Rolle der Medien kann das dagegen nicht gesagt werden.

Obwohl die Presse für sich selbst in Anspruch nahm, dass sie den Familien "Gerechtigkeit" widerfahren lassen wolle, behinderte die umfassende Berichterstattung die Ermittlungen. Als Massen von unerfahrenen Freiwilligen die Suche erschwerten, musste die Polizei die Leute öffentlich dazu aufrufen, sich von Soham fernzuhalten. Auf ähnliche Weise bedeutete die hohe Zahl von Anrufen bei der Polizei - mit welch guter Absicht sie auch immer erfolgten - dass die Ermittler auch auf etliche falsche Spuren geschickt wurden. Die hohen Belohnungen, die verschiedene Boulevardzeitungen für Informationen ausgesetzt hatten, führten ebenfalls zu einer Reihe von Verdächtigungen und irreführenden Behauptungen. Es gibt Bedenken, dass ein Beweis, der auf diese Weise erhalten wurde und vor Gericht verwandt werden könnte, wegen der finanziellen Vorteilnahme in der Verhandlung nicht benutzt werden darf.

Was die Behauptungen der Presse betrifft, sie "ehre" das Andenken an die Mädchen, so hatte die voyeuristische Berichterstattung den Effekt, dass eine schreckliche Tragödie in eine billige Peepshow verwandelt wurde. Dies war besonders der Fall, als Anklage gegen Huntley und Carr erhoben wurde. Trotz der Tatsache, dass beide noch nicht verurteilt sind und Carr noch nicht einmal der Entführung und Ermordung der Mädchen beschuldigt wird, wurde jedes Detail ihrer Biografien öffentlich gemacht - egal, wie geschmacklos, trivial, unwesentlich und wenig stichhaltig es sein mochte. Die Geschichten reichten von Enthüllungen über eine lesbische Neigung von Huntleys Mutter bis hin zum Märchen über "Maxines perverse Sex-Schande", mit dem die Boulevardzeitung People ihre Leser kitzelte.

Dass die Medien emotional beladene Themen ausnutzen, um ihre Auflagen zu steigern und Marktanteile zu gewinnen, versteht sich von selbst. In Bezug auf die Berichterstattung über die Ereignisse in Soham ist dies sicherlich ein wichtiger Faktor, es ist jedoch noch mehr im Spiel.

Warum zum Beispiel werden bestimmte Emotionen - Angst, Zorn, Hass und Rachegelüste - besonders hervorgehoben und gefördert? Über Wochen hinweg warnte die Presse hysterisch vor der "Gefahr, die von Fremden ausgeht", und ignorierte dabei vollständig die Tatsache, dass die Zahl der von "Fremden" getöteten Kinder - etwa 100 pro Jahr in Großbritannien - nicht zugenommen hat und dass Morde und Missbräuche an Kindern in weitaus größerer Zahl von Verwandten begangen werden und viel seltener von ihnen unbekannten Menschen.

Auf diese Weise wird versucht, die Besorgnis von Eltern um das Wohlergehen ihrer Kinder auszuschlachten und auf das Gefühl der Hilflosigkeit zu setzen.

Nachdem über Jahrzehnte hinweg im Interesse der Wirtschaft und der Reichen die Sozialleistungen gestrichen wurden, der Lebensstandard der Bevölkerung gesunken und eine stark polarisierte Gesellschaft hervorgetreten ist, hat der Großteil der Bevölkerung kaum noch Vertrauen in Politiker und die einst als ehrwürdig betrachteten Institutionen. Aber da es an einer progressiven gesellschaftlichen Opposition gegen die Bedingungen fehlt, fühlen sich viele isoliert und schutzlos, einer grausamen und gefährlichen Welt hilflos ausgesetzt.

Der Tod der beiden Schulmädchen scheint ein Fokus für solche Gefühle geworden zu sein, die wiederum von den Medien vorsätzlich geschürt werden. Schließlich starben diese Kinder nicht in irgendeinem Hinterhof eines berüchtigten Stadtteils, sondern in der stillen Schönheit eines kleinen Dorfes auf dem Lande.

In dieser Atmosphäre der Angst und Heimsuchung versuchte die Presse mit Unterstützung von Teilen des politischen Establishments jede rationale, objektive Haltung gegenüber Verbrechen und anderen sozialen Problemen beiseite zu schieben und den Menschen eine Belagerungsmentalität einzuimpfen, die sich zur Durchsetzung eines rechten Law-and-Order-Programms ausschlachten lässt.

Dies begann beinahe unmittelbar, nachdem die Mädchen vermisst gemeldet worden waren. Die Medien enthüllten, dass die beiden vor ihrem Verschwinden im Internet waren und das Opfer von Pädophilen sein könnten, die sich in Chatrooms herumtreiben. Eine spätere Untersuchung ihrer Computer ergab, dass es für diese Vermutungen keine Grundlage gab. Aber zuvor hatte das Boulevardblatt News of the World bereits seine Forderung wiederbelebt, dass Sexualstraftäter öffentlich "benannt und gebrandmarkt" werden sollen.

Der Parteiführer der Konservativen Iain Duncan sprang auf den Zug auf und forderte die stärkere Überwachung von Pädophilen und die Schaffung eines neuen Straftatbestandes, mit dem die Annäherung von Pädophilen an ihre möglichen Opfer über das Internet unter Strafe gestellt werden soll.

Die Boulevardzeitung Sun des Mediengiganten Rupert Murdoch behauptete ebenfalls ohne irgendeinen Beweis, dass in Soham Pädophile am Werk waren, und äußerte sich in diesem Zusammenhang explizit politisch: Die Zeitung argumentierte, dass Großbritanniens "liberales Gesetz- und Strafsystem" dazu führe, dass Kinder den Kinderschändern "ausgehändigt" würden.

Die Entscheidung, Ian Huntley nach seiner Verhaftung als geistig nicht zurechnungsfähig einzustufen, gab den Rechten weiteres Wasser auf ihre Mühlen. Während der 96 Stunden, die er in Polizeigewahrsam verbrachte, wurde Huntley wirr und war nicht mehr in der Lage, auf die Fragen der Polizei zu antworten. Hierauf wurde die Empfehlung ausgesprochen, ihn in die Hochsicherheitsklinik Rampton zu überführen, wo man ihn nach den gesetzlichen Vorgaben bis zu 28 Tage lang und danach möglicherweise für weitere sechs Monate festhalten kann, während Psychiater seinen Zustand überwachen. Wenn dann entschieden wird, dass Huntley nicht in der Lage ist sich vor Gericht zu verteidigen, wird er auf unbegrenzte Zeit in einer geschlossenen Anstalt untergebracht, andernfalls muss er sich vor Gericht verantworten.

Die Presse behauptete, dass Huntley eine "sanfte Alternative" bekommen hätte, und beschrieb Rampton, wo hauptsächlich geisteskranke und in ihrer Persönlichkeit gestörte Verbrecher untergebracht sind, als eine Art Ferienlager. Ein Großteil der Medien betrachtet jede Art von klinischer Behandlung als ein Abweichen von den wahren Aufgaben der Strafjustiz - der Vergeltung und Bestrafung.

Tatsächlich befinden sich in Großbritannien prozentual auf die Bevölkerung bezogen mehr Menschen im Gefängnis als in jedem anderen westeuropäischen Land. Vor allem im vergangenen Jahrzehnt sind unter dem Schlagwort der "Opferrechte" in bedeutendem Umfang Bürgerrechte und juristische Schutzvorrichtungen abgebaut worden.

Dies ist jedoch noch nicht genug für einige Teile der herrschenden Elite, die nicht geringeres als die Wiedereinführung der Todesstrafe fordern, die 1965 abgeschafft worden ist. Wieder einmal stehen hier die Konservativen an der Spitze, allen voran die ehemalige Innenministerin Ann Widecombe, die für die schwersten Fälle den Galgen fordert.

Kolumnisten in der Sun und Daily Mail machten sich die Forderung zu eigen. Kommentator Simon Heffer behauptete, dass Jessica und Holly "zum Teil von einer liberalen Gesellschaft getötete wurden, die so viele Leute hervorbringt, die eine solche Tat begehen können und denen jedes menschliche Anstandsgefühl fehlt."

In der Times versuchte sich Neil Clark am 21. August an etwas, was er einen "liberalen Standpunkt für die Wiedereinführung der Todesstrafe" nannte. Clark gibt die Schuld an dem Tod der Mädchen einem "überholten und gesellschaftsschädigenden Libertinismus der 1960-er Jahre, der die Rechte des Missetäters über diejenigen stellt, deren Rechte er verletzt hat", und zieht dann folgenden Schluss aus den Ereignissen von Soham: "Nachdem man jahrelang von all diesem Unsinn zum Rückzug gezwungen wurde, ist nun die Zeit für uns, die wir an humanitäre Gründe für die Todesstrafe glauben, zurückzuschlagen."

Hinrichtungen seien human, erklärt er weiter, weil die "Übeltäter schnell aus ihrem Elend herausgeholt werden", anstatt dass man sie dazu zwingt "auf Kosten des Steuerzahlers noch zahllose Jahre mit ihren inneren Dämonen und gequälten Seelen weiterzuleben".

Zum anderen wirke die Todesstrafe als Katharsis für die Familien der Opfer und gebe "allen Betroffenen eine bessere Möglichkeit, ihr Leben in der Gewissheit weiterzuführen, dass auf die ausgeglichenste Art und Weise Gerechtigkeit hergestellt wurde. Der lange Prozess des Heilens kann beginnen." Wenn man Clark folgt, so ist die Hinrichtung durch den Staat das Kennzeichen einer zivilisierten Gesellschaft.

Solche Behauptungen sind absurd. Länder, in denen die Todesstrafe praktiziert wird, sind keineswegs frei von Kriminalität. Im Gegenteil: So kann man beispielsweise an den Vereinigten Staaten sehen, dass trotz der zunehmenden Anzahl von staatlichen Hinrichtungen im vergangenen Jahrzehnt die Zahl der Morde an Kindern im gleichen Zeitraum ebenfalls angestiegen ist. Neben der Unwirksamkeit als Mittel der Verbrechensprävention führt die Hinrichtung als Strafinstrument des Staates zur Verrohung eben der Gesellschaft, die es angeblich beschützen soll, zerstört ihre rationalen und sensibleren Fähigkeiten und setzt das menschliche Leben herab.

Die Verurteilung der gewalttätigen, hysterischen Szenen, die sich in der vergangenen Woche vor dem Gericht in Peterborough abspielten, durch die Presse, die Polizei und das politische Establishment ist zumindest heuchlerisch zu nennen. Die aufgeputschte Menge versuchte bloß das umzusetzen, was einige in offiziellen Kreise über Wochen hinweg als das einzig Richtige und Angemessene dargestellt hatten. Wenn Widecombe und Clark davon sprechen, "die Dinge in unsere Hände zu nehmen", meinen sie allerdings, dass der Staat - und nicht der Mob - von jeder Rücksichtsnahme auf demokratische Rechte und ein faires Verfahren befreit werden soll.

In diesem Zusammenhang sind die Darstellungen über die Zusammenarbeit zwischen der Polizei und den Medien bei den Ermittlungen zu Soham bemerkenswert. In den Nachrichten wurde ein hochrangiger Sprecher der Polizei von Cambridgeshire mit folgenden Worten zitiert: "Eine der Besonderheiten dieser Ermittlungen war, wie nahe die Strategie der Medien an der polizeilichen Strategie war. Sie haben sich vollständig ergänzt. Die Medienstrategie war ein ganz entschiedenes Werkzeug, das den leitenden Ermittlern zur Verfügung stand."

Der leitende Inspektor von Cambridgeshire Andrew Hebb stand den Medien während der Suche rund um die Uhr zur Verfügung, und es wurde auch berichtet, dass die Entscheidung, Huntley und Carr als "Verdächtige" festzunehmen, ein unerwartetes Geschenk an die Medien war, da es sie zeitweise von den Beschränkungen der Berichterstattung befreite, die das britische Gesetz normalerweise vorsieht.

Warum genau diese Entscheidungen getroffen wurden, ist nicht klar. Aber das beispiellose Ausmaß der Zusammenarbeit zwischen Polizei und Medien, das in Soham erreicht wurde, zeigte sich auch an einer Entscheidung der BBC, einen bislang nicht ausgestrahlten Film an die Justizbehörden zu übergeben.

Huntley hatte vor seiner Verhaftung mehrere Interviews gegeben, in denen er behauptete, als Letzter die Mädchen lebendig gesehen zu haben, und seinen Kummer nach dem Bekanntwerden ihres Verschwindens beschrieb. Die Fernsehsender Sky, ITN und BBC hatten auf Anfrage der Polizei von Cambridgeshire bereits gesendetes Filmmaterial den Ermittlern übergeben, aber die Entscheidung der BBC, auch nicht veröffentlichte Filmmeter zu überstellen, geht noch einen Schritt weiter.

In der Vergangenheit hatten die Medienorganisationen sich immer geweigert, der Polizei Material zur Verfügung zu stellen, und dabei argumentiert, dass dies ihre Informanten gefährden oder Mitarbeiter einem Risiko aussetzen würde. Die Polizei musste normalerweise per Gerichtsanweisung den Zugang zu dem Material erstreiten. Aber im Fall von Soham begründete die BBC ihr Verhalten damit, dass ein "klares öffentliches Interesse" an der Übergabe der Bänder bestehe.

Ebenso bedeutsam ist die Entscheidung des Innenministeriums, angesichts der Morde von Soham eine außerplanmäßige Polizeikonferenz einzuberufen, um die mögliche Einrichtung einer nationalen Einheit zur Verbrechensbekämpfung nach dem Vorbild des amerikanischen FBI zu diskutieren. Bislang sind praktisch keine Details bekannt, aber ähnliche Vorschläge in der Vergangenheit wurden immer abgelehnt, weil die Zentralisierung der Polizei im Innern sich unweigerlich nachteilig auf die Bürgerrechte auswirkt. Würde eine solche Einheit auf der Basis von "öffentlichem Interesse" und Schutz der Kinder eingerichtet, ist allerdings jetzt schon klar, dass von Seiten der Medien kaum Opposition zu vernehmen wäre.

Siehe auch:
Englands "Anti-Terror"-Maßnahmen - ein grundlegender Angriff auf die demokratischen Rechte
(24. November 2001)
Der Fall Jamie Bulger: Rechte reagieren heftig auf die Freilassung von Thompson und Venables
( 3. Juli 2001)
Britische Medien entfachen Lynchjustiz-Atmosphäre wegen Kindesmissbrauchs
( 22. August 2000)