Unhörbarer Widerstand: Protestsongs von heute

Von Mike McHone
6. Mai 2003

"Vegetarier nur zwischen den Mahlzeiten zu sein, funktioniert nicht." - Nanci Griffith, Folkmusikerin

Kürzlich schrieb Madonna einen Song gegen den Irakkrieg. Sie steht nicht allein: Auch Lenny Kravitz, die Beastie Boys, R.E.M, John Mellencamp, sogar George Michael und auch System of a Down, Jay-Z, Green Day, Mick Jones und Paula Cole schrieben Songs gegen den Irakkrieg. Das Sonic Youth-Mitglied Thurston Moore eröffnete eine kostenlose Internet-Seite für MP3-Downloads (protest-records.com), auf der man die Antikriegssongs von alternativen Bands abrufen kann. Der Countrymusiker Steve Earle verfasste und spielte im letzten Jahr "Jerusalem" ein, ein ganzes Album, das sich gegen Krieg, Blutvergießen und die Propaganda der Regierung richtet. Und ... irgendetwas davon gehört?

Nein, wahrscheinlich nicht.

Wie kann es sein, dass in den USA solche Aktivitäten der meistbeachteten Künstler in der kommerzialisierten Musikindustrie, die seit den 1950er Jahren existiert, einfach unbemerkt bleiben? Wie ist es möglich, dass all diese Persönlichkeiten, die ihre Karriere in gewisser Hinsicht der Verbreitung durch die Popmedien verdanken und so zum Idol unzähliger Fans wurden, in dem Augenblick, in dem sie ihre Gedanken, Überzeugungen und Emotionen in ihrer Musik ausdrücken - kurzum, indem sie all das tun, was man von guten Musikern erwartet - ins mediale Abseits gedrängt werden?

Warum sollten System of a Down, besonders für ihre regierungsfeindliche Einstellung bekannt, nun keine Aufmerksamkeit mehr erhalten? Haben sie doch weltweit Zustimmung von Kritikern und Fans erzielt, da sie deren Stimmung Ausdruck verliehen? Madonna, ob man sie nun mag oder nicht, provoziert und schockt seit langem das Publikum. Ja, dies geschah zumeist, um eine noch bessere Gage zu erzielen und um in den Medien präsent zu sein. Und doch konnte sie ihre Alben verkaufen. Folglich gelang es der Musikindustrie durch Madonna Geld zu verdienen, folglich standen die Plattenfirmenbosse hinter ihr. Was also ist geschehen? Warum wird heute versucht, ihr neues Video zu zensieren? Vom rein ökonomischen Standpunkt her betrachtet, stellt sich die Frage: Warum lassen sie sich sicher verdientes Geld entgehen? Warum müssen beinahe alle der oben genannten Künstler, Medien und Plattenfirmen umgehen und ihre Songs ins Internet stellen?

Die Musikindustrie unterscheidet sich eigentlich nicht wesentlich von anderen Industriezweigen, etwa der Automobilindustrie. Ein Prototyp wird vorgestellt, der den Menschen gefällt. Den kaufen sie, dieser wird dann weiterentwickelt, um ihn bei der nächsten Generation potentieller Kunden abzusetzen. Genau dasselbe geschieht in der Musikindustrie: den Leuten gefällt ein Album. Sie kaufen es bereitwillig und gehen vielleicht sogar auf ein Konzert des Interpreten.

Man stelle sich vor: General Motors bringt einen neuen Cadillac heraus, doch kaum jemand weiß davon, nur wenige Händler verkaufen den Wagen und er wird gar nicht beworben. Das klingt absurd, oder? Warum handelt die Musikindustrie dann so?

Nehmen wir das Beispiel von Zack de la Rocha, der ehemalige Frontman von Rage Against the Machine, um zu illustrieren, auf welche Weise Musikern ein Maulkorb angelegt wird: De la Rocha stand an der Spitze einer der besten Bands der 90er Jahre, textete zwei der besten Alben der letzten 15 Jahre, zog die Aufmerksamkeit von Leonard Peltier auf sich, und kann, nicht zuletzt, garantiert eine Menge Alben verkaufen. Der Musiker schrieb einen neuen Song und stellte ihn auf seine Website, doch niemand erfuhr etwas davon. Dagegen, als David Lee Roth sich von Van Halen trennte, konnten die Fans - egal, ob sie es gut oder schlecht fanden - jedenfalls sehr genau verfolgen, was er als nächstes plante (im Endeffekt, nicht viel).

De la Rocha greift in seinem neuen Song March of Death die Regierung und deren Politik bezüglich des Iraks scharf an. In der zweiten Zeile bezieht er sich auf den Lennon/Mc Cartney-Text aus dem Beatlessong A Day in Life den er auf die ersten Tage des Bombardements anwendet: I read the news, oh boy... De la Rocha sprach sich stets gegen die Unterdrückung durch Regierungen aus - ganz gleich, ob es sich dabei um die amerikanische Regierung handelte oder um andere. Und, wie bereits zuvor bei Madonna zu beobachten, war es gerade diese kontroverse Handlung, die dazu beitrug, dass seine Alben sich gut absetzen ließen, was wiederum Geld in die Kassen der Plattenfirmen spülte.

Die Zeiten ändern sich: Öffentliche Opposition von Künstlern hat nicht länger Konjunktur. Einige Besucher verließen ein Joan-Baez-Konzert, da die Sängerin die Nationalhymnen Frankreichs, Deutschlands sowie einiger Länder des Nahen Ostens, vortragen wollte - und das, obwohl Baez schon seit 40 Jahren als Kritikerin des Establishments gilt. Einige Besucher verließen ein Pearl-Jam-Konzert, weil Eddie Vedder eine Maske, die George W. Bush zeigte auf seinen Mikrophonständer aufspießte, obwohl seit einem Jahrzehnt bekannt ist, dass Vedder gerne provoziert. Es gab einige Leute, die das Dixie-Chicks-Album verbrannten, weil Natalie Maines das aussprach, was viele Texaner dachten. Einige verließen ein Konzert von Bruce Springsteen, weil der Musiker es mit dem Song War von Edwin Starr eröffnete, obwohl das Stück bereits seit 30 Jahren zum Liverepertoire des Sängers zählt, und obwohl Bruce Springsteen der Verfasser von Born in the U.S.A. ist.

Doch lässt sich sagen, dass solche Handlungen der neue Trend in der Musikindustrie sind? Somit würden Konzertveranstaltungen also bald der Vergangenheit angehören?

Nein.

Denn der Punkt ist, dass es stets nur eine geringe Zahl von Einzelpersonen waren, die zum Beispiel das Pearl-Jam-Konzert verließen, vielleicht etwa zwei Dutzend. Doch in den Medien klang das dann so: "Scharen verließen das Pearl-Jam-Konzert" oder "Vedder empört Zuschauer". Es stimmt, dass einige ihre Konzerttickets für Dixie Chicks zurückgaben, doch alles in allem lag die Umtauschrate nicht über dem Durchschnitt.

Also sind es nicht die Fans, die Passivität und Selbstzensur von den Künstlern fordern. Wer aber dann? Ich bin mir sicher, dass noch bevor ich diesen Satz beende, der wirkliche Verdächtige ausgemacht sein wird: Die republikanische Regierung und ihre Marionetten Clear Channel, Cumulus Media und die FCC, die Federal Communications Commission, (Staatliche Kommunikationsbehörde) sind für die Zensur verantwortlich.

Der Präsident Lowry Mays und der Vizepräsident Tom Hicks von Clear Channel, einem Monopolisten, zu dem 1200 Radiostationen gehören, weigerten sich das Dixie-Chicks-Album auszustrahlen. Beide unterstützen und bewerben zudem Demonstrationen und Kundgebungen für den Krieg, beide sind Republikaner und Unterstützer George W. Bushs. Lowry Mays gehört auch der UT Investment Management Company an, die unter der Regierung Bush ins Leben gerufen wurde und die Verträge mit der Carlyle-Gruppe (Medien, Elektrizität und Militär) unterhält. Der Vize-Prädident Tom Hicks kaufte die Texas Rangers von George W. Bush und brachte dann wie zufällig 500.000 Dollar in die Bush-Wahlkampagne ein.

Doch obwohl Clear Channel ein Monopolist ist, kontrolliert er lediglich 10 Prozent aller Radiostationen in Amerika. Daneben existiert Cumulus Media, der etwa fünf weitere Prozent gehören. Was ist mit den anderen 85 Prozent los?

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Michael Powell, der Sohn des Außenministers Colin Powell, Vorsitzender der FCC ist?

Die FCC erklärte Mitte der 1980er, dass sie eine vollständig unabhängige Gruppe und allein dem Präsident der Vereinigten Staaten verantwortlich sei. Es heißt auch, wie George Carlin einmal ausführte, das Radio falle als einziges Medium nicht völlig unter die Grundrechte, die in der Ersten Ergänzung zur Verfassung (First Amendment) festgelegt sind.

Wir sind also Zeugen, wie eine Regierung einerseits Künstlern den Mund verbietet und ihnen die Möglichkeiten zum freien künstlerischen Schaffen verstellt, andererseits verhindert, dass das Publikum der Künstler freien Zugang zu deren Arbeiten hat. Durch solche Praktiken wird die öffentliche Meinung im Land zu unliebsamen Themen geschickt manipuliert.

Sind dies nicht eben die Vorwürfe die George W. Bush gegen Saddam Hussein und dessen Kontrolle der irakischen Medien erhoben hat?

Wann immer eine Regierung eine Gruppe zum Schweigen bringt oder zensiert, egal um welches Thema es sich dabei handelt, tritt sie damit die Ideen mit Füßen, die Thomas Jefferson in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung formulierte, und denen sich auch Abraham Lincoln und Martin Luther King verschrieben.

Ich weiß nicht, wie andere denken, aber ich begrüße es, wenn George Martin Songs über Lowry Mayes und Tom Hicks schreibt.

Ich möchte mit einem Zitat schließen, das heute größere Gültigkeit besitzt, als zu dem Zeitpunkt, als es verfasst wurde. Es stammt von Frank Zappa anlässlich der Parents’ Music Resource Center Anhörungen 1985. Zappa vertrat, gemeinsam mit Dee Snider und John Denver die Ansicht, dass die Vermarktung von Musik durch Plattenfirmen, ihre Einengung der Musik auf wenige, ausgewählte Märkte und die Schaffung einer staatlichen Kontroll- und Zensurinstanz nicht der künstlerischen Integrität dienen würden, sondern eine Verletzung der First-Amendment-Rechte bedeuteten.

"Meiner Ansicht nach werden rechtlich First-Amendment-Fälle durch die Bevorzugung der am wenigsten restriktiven Alternative entschieden. Vor diesem Hintergrund lassen sich die Forderungen (der Regierung) mit der Behandlung von Schuppen durch Enthauptung vergleichen." (Frank Zappa)