Bush beschuldigt Europa Afrika auszuhungern

Von Chris Talbot
8. Juli 2003

Letzte Woche ging Bush gegen Europa zum Thema genetisch veränderter Lebensmittel in die Offensive. Er beschuldigte Europa, Afrika auszuhungern, weil es sich weigert, genetisch veränderte Lebensmittel zu importieren.

"Im Interesse eines vom Hunger gebeutelten Kontinents dränge ich die europäischen Nationen, ihre Ablehnung der Biotechnologie aufzugeben," sagte er auf einer Konferenz, die in Washington von der Biotechnologischen Industrieorganisation (BIO) organisiert worden war. Er beschuldigte die europäischen Regierungen, den Import genetisch veränderten Getreides aufgrund von "unbegründeten und unwissenschaftlichen Ängsten" zu blockieren

Offensichtlich hält sich Bush für einen Fachmann auf dem Gebiet der Biotechnologie und der genetischen Manipulation. Vor kurzem griff er dasselbe Thema beim US-Afrika-Geschäftsgipfel auf, als er afrikanischen Ministern sagte: "Einige Regierungen blockieren den Import von Getreide, das mithilfe der Biotechnologie aufgezogen wurde, was afrikanische Länder davon abhält, dieses Getreide zu produzieren und zu exportieren. Der Ausschluss durch diese Länder ist unbegründet, er ist unwissenschaftlich, er untergräbt die landwirtschaftliche Zukunft Afrikas."

Die Vereinigten Staaten haben vergangenen Monat bei der Welthandelsorganisation (WHO) formale Beschwerde gegen die Ablehnung genetisch veränderter Produkte durch die EU eingelegt. Auch hier behaupteten die Vertreter der US Regierung, die Interessen Afrikas zu verteidigen, das Hunger leide, dem mithilfe genetisch veränderter Lebensmittel abgeholfen werden könne.

Der Geschäftsführer von USAID, Andrew Natsios, hat Sambia, Mozambique und Zimbabwe angegriffen, weil sie Hilfslieferungen gentechnisch veränderter Lebensmittel ablehnen, wenn diese nicht gemahlen sind, um ihren Einsatz als Saatgut zu verhindern. Natsios sagte vor einem Ausschuss des Kongresses, dass die gentechnische Veränderung "über ein außerordentliches Potential verfügt, bedeutenden Nutzen aus der Biotechnologie zu ziehen". Er lobte Nigeria und Südafrika, weil sie die neue Technologie "begrüßen", und wandte sich gegen die "irrationale Angst vor der Biotechnologie in der EU".

Was steckt hinter dem Enthusiasmus der US-Regierung für die Gentechnologie und ihrer angeblichen Sorge um die Millionen Afrikaner, die vor dem Verhungern stehen? Es weist alles darauf hin, dass Bushs Unterstützung für die Gentechnologie vor allem dazu dient, die sinkenden Profite der großen agro-chemischen Konzerne zu erhöhen, die seine Regierung unterstützen, und dass seine Sorge um Afrikas verhungernde Massen ein Vorwand für die Interessen der Wirtschaft ist.

Die Entwicklung genetisch veränderten Getreides ist in erster Linie von den großen agro-chemischen Konzernen vorangetrieben worden. Sechs Konzerne - Monsanto, Syngenta, Bayer, Dupont, BASF und Dow - kontrollierten im Jahr 2000 98 Prozent des Weltmarktes an genetisch verändertem Getreide und 70 Prozent des Pestizidmarktes. Diese transnationalen Konzerne haben genetisch verändernde Technologien genutzt, um ihre Marktanteile an Herbiziden und Pestiziden zu schützen, indem sie ihre Wirkstoffe mit den Saaten verbinden. Über drei Viertel des genetisch veränderten, kommerziell angebauten Getreides sind gegen Herbizide resistent gemacht worden, so dass Unkraut vernichtet werden kann, ohne die Ernte zu schädigen.

Genetisch verändertes Saatgut muss für jede Saison neu gekauft werden, oder es müssen Lizenzen gezahlt werden, wenn man es von einem Herbst zum nächsten aufhebt. Dies gibt den Konzernen die Fähigkeit, den Markt für Saatgut zu kontrollieren. Zum Beispiel stammen 91 Prozent des ausgesäten genetisch veränderten Saatguts von der Firma Monsanto. Die globale landwirtschaftliche Produktion wird so immer mehr von ein paar großen Konzernen beherrscht.

Dieses Anwachsen von Monopolen wird durch die Tatsache verdeutlicht, dass 33 Prozent des globalen Saatgutmarktes jetzt von nur 10 Konzernen kontrolliert wird, im Unterschied zu Tausenden von Firmen vor 20 Jahren. In den unterentwickelten Ländern ist es leichter, die Regierungen dazu zu bringen, genetisch verändertes Getreide zu akzeptieren, und örtliche Firmen lassen sich problemlos aufkaufen. In Afrika wird der Markt für verändertes Saatgut jetzt von drei Konzernen dominiert: Monsanto, Syngenta und Dupont. In Südafrika besitzt Monsanto die vollständige Kontrolle über den nationalen Markt für genetisch verändertes Saatgut, über 60 Prozent des Marktes der verschiedenen Maissorten und 90 Prozent des Weizenmarktes.

Die Bush Administration ist auch um die landwirtschaftlichen Exporte der Vereinigten Staaten besorgt. Die USA produzieren zwei Drittel des weltweiten genetisch veränderten Getreides und über 70 Prozent der US Farmen nutzen die Gentechnologie. Die meisten der jetzt in den USA produzierten Lebensmittel haben einen genetisch veränderten Anteil. Es gibt Schätzungen, wonach US Farmer als Ergebnis der weltweiten Ablehnung gegenüber genetisch veränderten Produkten jährlich 300 Millionen Dollar durch nicht exportiertes Getreide verlieren. Mindestens 35 nicht-EU-Staaten, die gemeinsam fast die Hälfte der Weltbevölkerung repräsentieren, belegen genetisch veränderte Lebensmittel mit Restriktionen und fordern, dass Lebensmittel mit genetisch veränderten Inhalten gekennzeichnet werden müssen.

Die Behauptung, dass dem Hunger in Afrika dadurch ein Ende gesetzt werden könne, dass mehr genetisch verändertes Getreide verkauft würde, ist eine nackte Lüge. Genetisch verändertes Getreide ist für kommerzielle Produktionssysteme großen Ausmaßes entwickelt worden, die in Afrika selten sind, wo immer noch kleine Bauern überwiegen, die sich die Düngemittel, Herbizide, Pestizide oder Bewässerungssysteme nicht leisten können, die jenes Getreide benötigt.

Wachsende Verschuldung, sich in steigendem Maße verschlechternde Handelsbedingungen und ein enormes Ausmaß an Armut und Ungleichheit haben die Landwirtschaft der Dritten Welt verwüstet. Die größten Probleme, vor denen die Bauern stehen, sind eine mangelnde Infrastruktur wie Bewässerung und Transport sowie günstige Kredite, um Investitionen zu bezahlen.

Agrochemische Konzerne ziehen immer Afrika als Argument heran, wenn die angebliche Überlegenheit genetisch veränderten Getreides hinterfragt wird. Unabhängige Studien haben gezeigt, dass die Erträge nicht immer größer sind, und selbst wenn sie steigen, gleicht das nicht unbedingt die höheren Kosten der genetisch veränderten Produktion aus. Ein ernstes Problem besteht darin, dass als Ergebnis einer Langzeitnutzung Unkraut oder Insekten eine Resistenz gegen die Chemikalien ausbilden, so dass die benutzten Mengen gesteigert werden oder andere Sorten Unkrautvernichter benutzt werden müssen.

Die britische Zeitung Independent zitiert Forschungsergebnisse des Professors Bob Hartzler von der Iowa State University, die zeigen, dass in den letzten sieben Jahren bei bis zu fünf Unkrautsorten eine Resistenz gegen das vielbenutzte Herbizid Gluphosinate festgestellt worden ist.

Diese Erscheinung ist nicht durch Gene bedingt, die von genetisch verändertem Getreide zum Unkraut übertragen worden wären, sondern einfach durch natürliche Evolution. Das Auftauchen solchen Unkrautes untergräbt die Behauptungen der Konzerne, dass ihr genetisch verändertes Getreide überlegen sei.

Während sich die US-Administration immer aggressiveren Methoden zuwendet, um der Welt genetisch veränderte Produkte aufzuzwingen, weichen die europäischen Regierungen ihr bisheriges Moratorium gegen genetisch verändertes Getreide auf. Der Agrarkommissar der EU, Franz Fischler, machte neulich den Vorschlag, keine EU-weiten Gesetze gegen genetisch verändertes Getreide zu erlassen. Vielmehr solle die "Koexistenz" von gentechnologischen und organischen, nicht gentechnologischen Anbaumethoden zugelassen werden. Dabei ist nicht geklärt, wie eine genetische Kontamination verhindert werden kann, bzw. ihre Verhinderung finanziert werden soll.

Die europäische Ablehnung von genetisch verändertem Getreide hat die Züge von Gruselgeschichten über "Frankenstein-Nahrung" angenommen und spielt mit den durch die BSE-Epidemie aufgekommenen Ängsten der Verbraucher. Aber ihr Zweck besteht in dem Schutz der europäischen landwirtschaftlichen Konzerne und insbesondere des zunehmend wichtigen biologischen Sektors gegen die US-Konkurrenz. Umwelt- und Landschaftsargumente sind in diesem Sinn benutzt worden.

Unter dem steigenden Druck der US-Administration und der transnationalen Konzerne werden einige kleine Länder mit einem kleinen landwirtschaftlichen Sektor jetzt wohl gentechnisch veränderte Anbaumethoden akzeptieren. Der britische Premierminister Tony Blair entließ vor kurzem seinen langgedienten Umweltminister Michael Meacher, der Bedenken gegen die Einführung der Gentechnologie geäußert hatte.

Probleme für Gesundheit und Umwelt durch die Gentechnologie sind durchaus denkbar. Meacher verwies auf eine Untersuchung, die von der britischen Regierung ignoriert worden ist. Sie zeigt, dass genetisch veränderte DNA aus Nahrungsmitteln in menschliche Darmbakterien übertragen worden ist. Aber angemessene wissenschaftliche Langzeitstudien können und werden nicht gemacht werden, solange gigantische Konzerne und Regierungen, die zur Verteidigung ihrer Profite zu allem bereit sind, die Landwirtschaft beherrschen.

In einem System, das nicht vom Profit beherrscht wird, könnten wissenschaftliche Entwicklungen tatsächlich der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern helfen. Aber ein genetisch verändertes Getreide zu entwickeln kostet bis zu 300 Millionen Dollar und dauert bis zu zwölf Jahren. Aus diesem Grund macht die Forschung an Getreidesorten, die Bauern in ärmeren Ländern helfen könnten, weniger als ein Prozent der gesamten gentechnischen Forschung aus und hat nur geringe Chance, in der Praxis Anwendung zu finden, weil das Profitpotenzial gering ist.