US-Soldaten sind wütend über das Pentagon

Von James Conachy
26. Juli 2003

In der vorigen Woche kam es im Irak zu einer außerordentlichen Entwicklung. Uniformierte Soldaten einer der größten Kampfeinheiten der US-Armee beschwerten sich öffentlich in den landesweit ausgestrahlten Nachrichten bei ABC über Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und forderten, dass sie zurück nach Hause gebracht werden. Andere Sender und Zeitungen veröffentlichten Interviews mit Soldaten, die erklärten, dass ihre Moral sei auf Null gesunken.

Zu diesem Wutausbruch kam es, nachdem am 14. Juli erklärt worden war, es gebe kein festgelegtes Datum für den Abzug der 1. und 2. Brigade der Dritten Infanteriedivision mehr. Diese Nachricht stand Versicherungen des Divisionskommandeurs, Generalmajor Blount, von Rumsfeld selbst und von General Tommy Franks entgegen, die in der Vorwoche erklärt hatten, dass die Einheiten im September wieder in den USA sein würden. Die Vorbereitungen der Soldaten der Dritten Infanteriedivision und deren Familienangehöriger für den Rückkehrsempfang in den Heimatbasen im Bundesstaat Georgia wurden abrupt abgebrochen. Ein Militärsprecher stellte fest: "Dieser Zeitrahmen wurde im Prinzip aufgegeben. Es gibt keinen Zeitplan." Die Änderung der Pläne hängt offensichtlich damit zusammen, dass sich die indische Regierung weigert, der Bush-Regierung mit 17.000 Soldaten bei der Besetzung des Irak zur Seite zu stehen.

Die Stimmung unter den Soldaten der 2. Brigade der Dritten Infanteriedivision reicht von meuterisch bis mutlos.

Clinton Deitz, Soldat einer Spezialeinheit, erklärte in den ABC-Nachrichten: "Wenn Donald Rumsfeld hier wäre, würde ich ihn auffordern zurückzutreten." Sergeant Felipe Vega sagte, er fühle sich "in den Unterleib getreten und ins Gesicht geschlagen". Der Soldat Jayson Punyhotra erklärte, dass "mich das ziemlich stark das Vertrauen in die Armee verlieren lässt". Ein Soldat, der seinen Namen nicht bekannt geben wollte, sagte den Reportern von ABC unter Verweis auf die an die Soldaten ausgehändigten Kartenstapel, die die Bilder der am meisten gesuchten irakischen Führer enthalten, dass "ich meine eigene ‚Liste der Meistgesuchten' habe. In meinem Kartenstapel sind Paul Bremer, Donald Rumsfeld, George Bush und Paul Wolfowitz die Asse."

Sergeant Siphon Pahn sagte der Los Angeles Times : "Sagt Donald Rumsfeld, dass die 2. Brigade in Falludschah festsitzt und dass wir sehr wütend sind." Ein anderer Soldat äußerte gegenüber der selben Zeitung: "Die Leute sagen, dass Rumsfeld zurücktreten soll." Sergeant Eric Wright sagte gegenüber BBC News : "Wir sind derart erschöpft, dass einige schon hoffen, verwundet zu werden, damit sie nach Hause kommen. ‚Hey schießt auf mich, damit ich nach Hause komme.'"

Sean Gilchrist, Soldat einer Spezialeinheit, sagte Korrespondeten von Knight-Ridder : "Man fühl sich wie vergessen, so als ob wir vom Planeten gefallen wären." Der Soldat Anthony Mondello sagte Knight-Ridder : "Unsere Moral ist am Ende, das ist wirklich so." Ein Offizier, der seinen Namen nicht nennen wollte, sagte: "Es sieht nicht so aus, als ob sich jemand da oben klar gemacht hat, was die Soldaten durchgemacht haben und was sie jetzt täglich durchmachen. Ich kann Ihnen garantieren, dass von denen niemand Tag für Tag bei dieser Hitze in voller Montur an einem Kontrollposten gestanden hat, ständig in der Erwartung, dass geschossen werden könnte. Interessiert sie das überhaupt?"

Der San Francisco Chronicle sprach mit dem Soldaten Jason Ring: "Wir haben den Irak befreit. Jetzt wollen uns die Leute hier nicht, und wissen Sie was? Auch wir wollen hier nicht mehr sein. Also warum sind wir dann hier? Warum bringen sie uns nicht nach Hause?"

Ehefrauen von Armeeangehörigen in den USA verurteilten das Weiße Haus mit ähnlich vernichtenden Worten. Julie Galloway, Frau eines Sergeanten, erklärte gegenüber der Associated Press : "Sie haben uns schamlos belogen." Tasha Moore, Frau eines Kapitäns, sagte: "Meine Lösung für Präsident Bush und Donald Rumsfeld und all diese Leute ist: halten Sie einfach Ihren Mund. Wenn man die Wahrheit nicht weiß, sollte man gar nichts sagen. Jedes Mal, wenn ein Soldat getötet wird, fragt man sich, ob das der eigene Mann ist. Ich glaube nicht, dass die Regierung versteht, was ein Ehemann, eine Ehefrau oder die Kinder jeden Tag durchmachen."

Die US-Armee erwägt Disziplinarmaßnahmen gegen die Männer. Der neue Kommandeur der US-Streitkräfte im Irak, General John Abizaid, sagte auf einer Pressekonferenz am 16. Juli: "Niemand von uns, der diese Uniform trägt, hat die Freiheit, etwas Geringschätziges über den Verteidigungsminister oder den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu sagen. Wir haben nicht diese Freiheit. Das ist unser Berufskodex. Ob und welche Maßnahmen dagegen ergriffen werden, ob es eine verbale Rüge oder etwas Strengeres ist, das liegt bei den Kommandeuren vor Ort und kann nicht von mir kommentiert werden."

Die US-Medien haben, wie immer, die aufsässigen Äußerungen zur Sensation gemacht - und sind zum nächsten Medienereignis übergegangen. Aus mehreren Gründen verdienen diese Äußerungen jedoch größere Beachtung. Sie belegen einen unglaublich schnellen Zerfall des Zusammenhalts des US-Militärs bei der Besetzung des Irak.

Es gibt zweifellos eine weitverbreitete Erschöpfung und Kampfmüdigkeit unter den Soldaten in Einheiten wie der Dritten Infanteriedivision. Diese Division wurde seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 fast ständig in einem Zustand höchster Alarmbereitschaft für einen Krieg gegen den Irak gehalten. Im März 2002 erhielt sie den Befehl, auf unbefristete Dauer jeweils eine Brigade in Kuwait stationiert zu halten - in den ersten sechs Monaten war es die 3. Brigade, im September und Oktober 2002 wurde sie durch die 2. Brigade ersetzt. Im März 2003, kurz vor dem Einmarsch im Irak, war die gesamte Division in Kuwait stationiert.

Den Horror, den die Soldaten erlebten and die Gräuel, die während des Krieges verübt wurden, sind ein anderer Faktor. Die Dritte Infanteriedivision gehörte zu den ersten US-Militäreinheiten, die in den Irak einmarschierten, den Hauptstoß gegen Bagdad führten und den Flughafen der Stadt am 3. April besetzten. Seinerzeitigen Berichten zufolge mussten die Soldaten über Hunderte Leichen irakischer Soldaten marschieren, die bei US-Luftangriffen ums Leben gekommen waren. Am 5. April waren es die Panzer der 2. Brigade, die in einem dreistündigen Angriff durch die südlichen Stadteile fuhren und dabei 3000 irakische Soldaten und Zivilisten töteten und Tausende weitere verwundeten. Ein Soldat erklärte der New York Times : "Menschen lagen überall auf den Straßen. Ich konnte nicht einmal zählen, wie viele." Soldaten, die an solchen Ereignissen beteiligt waren, wollen einen größtmöglichen Abstand zwischen sich und dem Irak.

Der wichtigste Faktor in der militärischen Moral ist allerdings das ideologische Engagement. Im Laufe der Geschichte haben Soldaten immer wieder die größten Entbehrungen ertragen. Sie hielten selbst dann, wenn sie Niederlagen erlitten, loyal zu ihren Kommandeuren und den Zielen, für die sie kämpften. Die Tatsache, dass US-Soldaten nur vier Monate, nachdem sie in den Irak einmarschiert sind, keinen Anteil an einer Nachkriegsbesetzung nehmen wollen, kann nur als ein Urteil über den Krieg selbst verstanden werden. US-Soldaten wissen, dass die Rechtfertigungen für den Krieg Lügen waren.

Sie wissen auch, dass die Unterstützung für den Krieg in den USA umso rapider zurückgeht, je deutlicher wird, dass der Irak nicht über "Massenvernichtungswaffen" verfügte und niemals eine Gefahr für die USA bedeutete. Die amerikanische Bevölkerung, und vor allem die Soldaten, haben das üble Gefühl, dass Zehntausende Iraker und über 225 Amerikaner ihr Leben ließen, damit die Bush-Regierung ein ölreiches und strategisch wichtiges Land in neokolonialer Manier erobern konnte.

Die Behauptung der Bush-Regierung, dass die Soldaten als "Befreier" willkommen geheißen würden, hatte wahrscheinlich den demoralisierendsten Effekt. Dieser Propaganda waren die Soldaten seit mehr als ein Jahr vor dem Krieg ausgesetzt. Stattdessen trafen sie auf eine Bevölkerung, die sie mit großer Mehrheit als Invasoren verachtet und die ein unerschöpfliches Reservoir von Willigen für eine anti-amerikanische Widerstandsbewegung hervorbringt.

Die 2. Brigade ist beispielsweise seit Mai mit der Kontrolle von Falludschah betraut - eine der unruhigsten großen Städte des Irak. Die Los Angeles Times berichtete am 15. Juli über die Reaktion, auf die die Brigade stieß, als sie versuchte, gefrorene Hühner auszuteilen, um "die Herzen und Gemüter" der Bevölkerung zu gewinnen. In einer Reihe von Moscheen wiesen die örtlichen sunnitischen Imams die Nahrungsmittel zurück. Einer der Geistlichen erklärte den US-Soldaten: "Wir würden lieber Steine als Hühner von den Amerikanern essen. Selbst der Ärmste in Falludschah will keine Hühner von Euch." Die Soldaten waren gezwungen, die LKW-Ladung wieder zurückzufahren, und wurden dabei von Kindern mit Steinen und Ziegeln beworfen.

Andere Einheiten sind mit ähnlichen Verhältnissen in vielen Städten und Dörfern zwischen Euphrat und Tigris konfrontiert, wo die Mehrheit der irakischen Bevölkerung lebt.

Beruhend auf der Annahme, dass die US-Truppen willkommen geheißen würden, behauptete Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vor dem Krieg, 40.000 bis 60.000 US-Soldaten würden für eine Nachkriegsbesetzung ausreichen. Drei Monate nach dem "Sieg" können 146.000 US-Soldaten noch nicht einmal behaupten, sie hätten Bagdad unter Kontrolle, geschweige denn den Rest des Landes.

An einem durchschnittlichen Tag stirbt ein US-Soldat irgendwo im Irak - seit dem 1. Mai mindestens 88 - und fünf bis acht werden verwundet. Militärkonvois, die auf der sechsspurigen und zehn Kilometer langen Autobahn von Bagdad zum Flughafen fahren, sind permanent dem Risiko von Angriffen ausgesetzt. Letzten Montag wurde ein US-Soldat getötet und zehn weitere wurden verwundet, als ein Armeefahrzeug von einer Granate getroffen wurde. Ein US-Fallschirmjäger, der vor Ort war, erklärte gegenüber der Washington Post : "Wenn man nicht alle drei Meter einen Panzer hinstellt, wird man nichts ausrichten können."

Ein andere US-Konvoi wurde am vorigen Mittwoch innerhalb von Bagdad mit Granaten beschossen. Ein Soldaten wurde getötet und sechs weitere wurden verletzt. Am gleichen Tag wurden bei zwei weiteren Angriffen drei Soldaten verwundet, während der von den USA ernannte irakische Bürgermeister von Hadithah, einer Stadt im Westen der Hauptstadt, einem Attentat zum Opfer fiel. Am Freitag brachte ein ferngezündeter Sprengsatz einen Konvoi beim Überqueren einer Brücke zum Stehen. Drei Fahrzeuge wurden beschädigt, und mindestens ein Soldat von der Dritten Infanteriedivision wurde getötet. Eine nicht genannte Zahl von Soldaten wurde verletzt. Am Wochenende wurden in Bagdad und Mossul drei Soldaten getötet, und in Nadschaf kam es zu einer anti-amerikanischen Massendemonstration von schiitischen Moslems - der Bevölkerungsgruppe, von der das Weiße Haus behauptet hatte, sie würde die US-Invasion enthusiastisch befürworten.

Die historische Erfahrung mit Guerillakriegen zeigt, dass die Widerstandsbewegung schnell lernen wird, wie sie noch wesentlich größere Schäden anrichten kann. Am 17. Juli wurde von irakischen Widerstandskämpfern schon zum zweiten Mal eine Boden-Luft-Rakete auf ein auf dem Flughafen von Bagdad landendes Transportflugzeug abgefeuert. Harlan Ullman, ein Befürworter des Krieges und einer der Väter der Taktik von "Angst und Schrecken" bei der Invasion, reagierte darauf mit einer Warnung: "Was passiert zum Beispiel, wenn sie ein großes Flugzeug, das nach Bagdad fliegt, angreifen oder das Al-Rashid-Hotel (in Bagdad) sprengen? Wir sollten darauf vorbereitet sein."

Die Fehlkalkulationen der Bush-Regierung und der arrogante Selbstbetrug darüber, was die unbegrenzte US-Macht bewirken könne, haben das US-Militär in einen Sumpf geführt. Die Soldaten im Irak hören, dass die USA bis zu zehn Jahre lang Truppen im Irak stationieren wolle, und gleichzeitig erfahren sie, dass es nicht genügend Soldaten gebe, um sie zu ersetzen. Von den 33 Kampfbrigaden der US-Armee sind bereits 16 im Irak, zwei stehen in Afghanistan, zwei in Südkorea und eine ist noch im Kosovo. Von den zwölf Brigaden in den USA befinden sich drei in der Modernisierungsausbildung, drei in Reserve für einen möglichen Einsatz in einem Krieg auf der koreanischen Halbinsel und zwei sind vorbestimmt, die Brigaden in Afghanistan auszuwechseln. Nur vier Brigaden verbleiben für den Ersatz von 16.

Es gibt Anzeichen dafür, dass dieses Debakel den langandauernden Konflikt zwischen Donald Rumsfeld und der Armeeführung anheizt. Im Wall Street Journal, in der Los Angeles Times und in der New York Times sind Artikel erschienen, die den Beschwerden der Armee Ausdruck verleihen, dass sie an ihre Grenzen gestoßen sei und dass die Aussichten, in den Irak geschickt zu werden, die Rekrutierungs- und Fluktuationsquoten beeinflusse. Das Pentagon steht unter Druck, außerordentliche Maßnahmen zu ergreifen, um das im Irak festsitzende Armeepersonal zu entlasten. Es hat erneut versichert, die Dritte Infanteriedivision werde bald abgezogen. Marineeinheiten, die normalerweise nicht für "friedenserhaltende" Maßnahmen eingesetzt werden, sollen wahrscheinlich den Ersatz übernehmen. Noch kontroverser wird die Ankündigung diskutiert, dass mindestens 10.000 teilzeitbeschäftigte Angehörige der Nationalgarde zum Ende des Jahres für 13 bis 16 Monate in den Irak verpflichtet werden.

Selbst bei solchen Maßnahmen muss jeder Armeeangehörige auf unbestimmte Zeit damit rechnen, entbehrungsvolle Jahre im Irak zu verbringen, in einem ungerechten Unterdrückungskrieg gegen eine legitime Widerstandsbewegung zu kämpfen und möglicherweise zu sterben. Wer zurückkehrt, wird nach einer kurzen Pause in den USA wieder in den Irak oder zu einem anderen Auslandseinsatz geschickt. Die unvermeidlichen Probleme in den Familien oder mit den Lebenspartnern und andere persönliche Schwierigkeiten werden das Trauma verschärfen. Es kam schon zu neun Todesfällen von US-Soldaten, die laut Militärführung "nicht durch feindlichen Beschuss" zustande kamen. Die Formulierung dient oft als Euphemismus für Selbstmord. Wie lange wird es dauern, bis verzweifelte Soldaten auf ihre Offiziere oder aufeinander schießen?

Das Mantra der Kriegsbefürworter lautet immer: "Unterstützt die Soldaten!" Die Soldaten - vor allem Jugendliche aus der Arbeiterklasse, die zur Armee gegangen sind, weil sie sonst keine Chance auf eine Hochschul- oder sonstige anständige Ausbildung gehabt hätten - fühlen völlig zu recht, dass sie im Irak nichts verloren haben und nach Hause möchten. Die Besetzung ist eine Ungeheuerlichkeit, die durch den unverzüglichen und bedingungslosen Abzug aller amerikanischer und ausländischer Truppen beendet werden muss.

Siehe auch:
Der Irakkrieg und die Debatte über gefälschte Geheimdienstberichte
(24. Juli 2003)
Washingtons Terrorkrieg im Irak
( 21. Juni 2003)