Die Tragödie des Michael Jackson

Von David Walsh
3. Dezember 2003

Nach Michael Jacksons Verhaftung wegen Kindesmissbrauchs wird die amerikanische Öffentlichkeit erneut mit einem Sexskandal im Prominentenmilieu bombardiert. Die diversen Medien können sich in ihrer üblichen Sensationslust suhlen und hinter den jüngsten Gerüchten, Unterstellungen und pikanten Details herjagen.

Eine monatelange, entwürdigende Presse- und Fernsehberichterstattung über den Jackson-Fall ist garantiert, und die Medienmeute und Talkmaster werden, je nach ihrem speziellen "Blickwinkel", Moral predigen oder Schadenfreude zeigen und dabei keine einzige ernstzunehmende Einsicht vermitteln.

Die Medien erfüllen in dieser unglückseligen Episode gleich mehrere Funktionen: Sie lenken die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von den wirklich wichtigen Fragen ab, insbesondere von der andauernden Gewalt und dem Sterben im Irak; sie vergiften und betäuben das öffentliche Bewusstsein mit allen verfügbaren Mitteln; und in ihrer Hoffnung auf eine höhere Auflage und höhere Werbeeinnahmen greifen sie nach allem, was "das Blut in Wallung versetzt".

Fakten sind in dem Fall noch keine vorgelegt worden, und Michael Jackson hat das Recht auf die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils. Die Vorwürfe gegen ihn sollen von einem 12- oder 13-jährigen Jungen stammen, der eine Krebserkrankung überlebt hat und zu Gast auf Jacksons Ranch Neverland nördlich von Santa Barbara, Kalifornien, war. Der Sänger richtet auf seiner Ranch gelegentlich Veranstaltungen zu Gunsten schwerkranker Kinder aus.

Die Verteidiger des Sängers behaupten, dass die Mutter des Jungen den Fall ins Rollen gebracht hat, um von Jackson eine größere Geldsumme zu erpressen. Jacksons Anwalt Mark Geragos erklärte am 25. November ärgerlich gegenüber der Presse: "Wenn irgendjemand angesichts der bisherigen Vorgänge glaubt, dass das wirkliche Motiv hinter diesen Vorwürfen und Beschuldigungen etwas anderes als Geld und Geldgier sei, dann lebt er in seinem eigenen Niemalsland."

Berichte in der Presse weisen darauf hin, dass die Mutter des Jungen nicht zum ersten Mal Missbauchsvorwürfe erhebt. Auch ist eine Tonbandaufnahme der Frau und ihres Sohnes vom Februar aufgetaucht, auf dem sie sich voll des Lobes über Jackson äußern und die Vorstellung zurückweisen, es habe sich unangemessen verhalten. Auf dem Band erklärt die Frau offenbar, dass Gott ihre Familie gesegnet habe, weil er sie mit Jackson in Kontakt gebracht habe, und nennt ihn eine "Vaterfigur" für ihren Sohn. Auch eine schriftliche Erklärung ähnlichen Inhalts scheint zu existieren. Ein Anwalt des Vaters hat die gegen Jackson erhobenen Vorwürfe bestritten.

Die Kampagne der Behörden von Santa Barbara gegen Jackson hat einen reaktionären politischen und gesellschaftlichen Nebengeschmack. Der Distriktstaatsanwalt Tom Sneddon ist ein konservativer Republikaner und hat noch eine Rechnung mit Jackson offen. 1993 versuchte er Jackson ähnlicher Vergehen anzuklagen; der Sänger fand aber eine außergerichtliche Regelung mit der Familie, die eine Zivilklage angestrengt hatte.

Der Sänger schlug später zurück, indem er einen nur schwach verschleierten Angriff auf Sneddon zu einem Song verarbeitete und aufnahm. Der Staatsanwalt konnte auf der Pressekonferenz vergangenen Mittwoch kaum seine Schadenfreude verbergen, als er die Vorwürfe bekannt gab. Die Behörden von Santa Barbara haben ihre Haltung schon durch den überdimensionierten Einsatz von siebzig Polizisten bei der Durchsuchung von Jacksons Ranch deutlich gemacht.

In einem Interview mit ABC News verurteilte Jermaine Jackson, einer von Michaels älteren Brüdern, Sneddons "persönliche Vendetta". Er fügte hinzu: "Das ist eine rassistische Bande, der die Leute egal sind." Vorher hatte er in einem Telefongespräch mit einer CNN-Reporterin den Fall "modernes Lynchen" genannt. Die gesamte Jackson-Familie verteidigt den Sänger, auch sein Vater, über den Michael in der Vergangenheit einige unfreundliche Dinge zu sagen hatte.

Sneddon sieht sich ohne Zweifel als Kreuzritter in einem kulturellen und moralischen Krieg. Es gibt in diesem Land eine gesellschaftliche Schicht, die Jackson alles zutraut, zornig darüber ist, dass er vor zehn Jahren davongekommen ist, und ihn am liebsten gekreuzigt sähe. Viel angestaute Wut und Frustration, die von rechten Kräften angeheizt wurde, richtet sich nun gegen ihn. Obwohl die Opfer wenig gemeinsam haben und die Vorwürfe recht unterschiedlich sind, gibt es eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der aktuellen Affäre und der Kampagne gegen Oscar Wilde im Jahre 1895.

Dass Jackson Probleme hat und möglicherweise eine schwer gestörte Persönlichkeit ist, scheint außer Zweifel zu stehen. Ob er der Verbrechen schuldig ist, die ihm vorgeworfen werden, ist eine ganz andere Sache. Unabhängig von den Fakten des Falls ist man versucht zu behaupten, dass die Justizbehörden und die Medien Jackson erfinden müssten, wenn sie ihn nicht hätten und vor Gericht stellen könnten.

Exzentrisches Verhalten, besonders sexuelles Verhalten, gilt einem beträchtlichen Teil des amerikanischen Justiz- und Polizei-Establishments quasi per se als kriminelles Verhalten. Selbst wenn Jackson Verbrechen nachgewiesen würden, die es rechtfertigen, ihn wegzusperren, würde eine ihm Gesellschaft ihm eher mit Traurigkeit oder sogar Mitgefühl begegnen, als mit Spott und Hass.

Wie sollen andere Leute Michael Jackson verstehen, wenn er selbst offensichtlich kaum eine Vorstellung darüber hat, wer er ist? Seine Lebensgeschichte ist Stoff, aus dem Legenden gemacht werden. Jackson wurde 1958 in Gary, Indiana - einem Arbeitervorort von Chicago - als eins von neun Kindern eines Kranführers in einem Stahlwerk geboren; seine Berufslaufbahn begann er mit fünf Jahren als Solosänger der "Jackson Five".

Die Gruppe war 1968 von Motown Records unter Vertrag genommen worden und landete einen Hit nach dem andern. Jackson wurde Ende der siebziger Jahre als Solist zum weltweiten Idol der Popmusik und blieb es fast zehn Jahre lang. "Thriller", sein zweites Album mit dem Produzenten Quincy Jones, das 1982 herauskam, war ein durchschlagender Erfolg, von dem sieben Songs zu Hit-Singles wurden und das weltweit über fünfzig Millionen Mal verkauft wurde. 1984 gewann Jackson acht Grammies und brach damit sämtliche Rekorde.

Jackson hat seine persönlichen Probleme nie verschwiegen. Er behauptet, und das wird von seinen Brüdern bestätigt, dass sein Vater streng war und viel von ihm verlangte, und dass er regelmäßig geschlagen wurde. Joseph Jackson, behauptet sein Sohn, habe ihn gestichelt und verhöhnt.

"Ich weißt nicht ob ich sein Goldkind war oder was immer, aber er war sehr streng, sehr hart, ja eisern. Schon sein Blick konnte einem Angst machen.... Es gab Zeiten, da wurde mir schlecht, wenn er mich besuchte, und ich musste mich übergeben," sagte er 1993 zu Oprah Winfrey. Jackson machte in diesem Interview den Eindruck, den größten Teil seines Lebens einsam und traurig gewesen zu sein.

Jackson stand von zartester Jugend an im Blick der Öffentlichkeit. Die Unterhaltungsindustrie hat ihn zu dem gemacht, was er ist, und dafür ist sie zu kritisieren. Die Falschheit, die Unwirklichkeit eines Lebens im ständigen Rampenlicht unter Verheimlichung persönlicher Probleme haben eindeutig ihren Tribut gefordert, in Jacksons Fall sogar in besonders scharfer Form.

Der Sänger hat zugegeben, dass er sich viele Jahre lang "auf der Bühne am wohlsten fühlte", dass dies sein eigentliches "Zuhause" war. Es ist ihm kein Vorwurf zu machen, wenn er schließlich die Bühnenwelt mit der Realität verwechselte.

Für einen schwarzen Künstler, der die größte Umwandlung aller Zeiten vollbracht hat, musste das Aufgeben seiner Identität eine zusätzliche und gefährliche Bedeutung bekommen. Warum sollte man übermäßig schockiert oder empört über Jacksons physische Transformation sein? Er ist nur den Argumenten der Kultur selbst, ihrer unermüdlichen Sucht nach dem Falschen und Irrealen, bis zu ihrer logischen, wenn auch grotesken Konsequenz gefolgt.

Seine Unreife scheint aus denselben Umständen zu kommen - dem Leben, das er führte, wie eingesponnen im Kokon des Show-Business, schließlich umgeben von einer gigantischen Entourage, deren einzige Bestimmung es war, ihm jeden Spleen von den Lippen zu lesen. Der "Peter-Pan-Komplex", die offensichtlich vorgetäuschten Heiraten, die Ersatzmutter für sein drittes Kind - alles weist auf einen Menschen hin, der zwischen widersprüchlichen Anforderungen hin- und hergerissen ist.

Alle seine verzweifelten (und letztlich tragischen) Bemühungen, das zu verkörpern, was "Amerika", d.h. die öffentliche Meinung, von ihm erwartete - hellhäutig, sexuell ungefährlich, heterosexuell, Vater werden - entfernte ihn nur noch weiter von dem Weg, auf dem er zu sich selbst hätte finden können. In dieser Welt der Täuschung und des Realitätsverlustes scheint Jackson nur eines wirklich zu glauben: dass sein Leben angenehmer wäre, könnte er es als Kind erleben.

Es kommt in Amerika häufig vor, dass nichts verderblicher ist als der Erfolg, und je größer der Erfolg, umso größer der Schaden. Jackson, ein beinahe übernatürlich begabter Junge aus einer gestörten Arbeiterfamilie, wurde von der erdrückenden Maschinerie der amerikanischen Unterhaltungsindustrie nach oben katapultiert - und das, angesichts seiner psychischen Verletzlichkeit, zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt.

Jacksons größter persönlicher Erfolg fällt in die Zeit der Reagan-Jahre, eine Zeit, in der viele Amerikaner ihren eigenen Radikalismus der siebziger Jahre - oder den von anderen - ablegten und sich auf das Geschäft des Reichwerdens konzentrierten. Selbstsucht, Hedonismus, Individualismus und Geldgier rückten an die erste Stelle. Jackson war ein phänomenal begabter Sänger, Tänzer und Liedermacher, aber die Fähigkeit, mit der Musik etwas auszusagen, ist weder angeboren, noch das Ergebnis selbst der unermüdlichsten Proben oder elterlichen Drucks.

Die "Jackson Five" eroberten die Musikszene und insbesondere Motown zu einer Zeit, als die Protestwelle weitverbreitet war. Die Plattenfirma, Eigentum von Berry Gordy, einem glühenden Befürworter des "Schwarzen Kapitalismus", hatte auch Kontakt zu radikalen Strömungen.

1971 brach ein Streit zwischen Gordy und dem Sänger Marvin Gaye aus, weil letzterer "What's Going On?" aufnehmen wollte, einen Song gegen den Vietnamkrieg. Gaye, dessen Cousin in Vietnam gestorben war und dessen Bruder drei Vietnam-Feldzüge mitgemacht hatte, fragte in jener Zeit öffentlich: "Wie kann man von mir erwarten, Liebeslieder zu singen, wenn die Welt um mich herum explodiert?" Andere schwarze Künstler wie Stevie Wonder nahmen Anfang der siebziger Jahre Lieder auf, die der Politik Richard Nixons gegenüber hochgradig kritisch eingestellt waren. Curtis Mayfield war ein ausgesprochener Gegner von Krieg und Rassismus.

Die Jacksons und ihr sogenannter "Kaugummi-Soul" wurden von der Musikindustrie, ohne dass sie daran selbst Schuld waren, als Gegenmittel gegen all das eingesetzt. Jackson brach in den späten siebziger Jahren mit seinem kindlich-musikalischen Image, was man ihm jedoch nicht über Gebühr anrechnen sollte. Er bewies außerordentliches Können, aber der Inhalt seiner Lieder war niemals von bemerkenswerten Einsichten und ganz sicher nicht von Widerstand gekennzeichnet. Man muss in der Mediendiskussion über Jackson immer zwischen der Wertschätzung seiner tatsächlichen Talente und der weit größeren Ehrfurcht unterscheiden, die Journalisten und Plattenindustrielle seinen Verkaufsziffern und seinem aufgehäuften persönlichen Reichtum entgegenbrachten.

Die späten siebziger und die achtziger Jahre erlebten den Aufstieg der "Blockbuster", der seichten, blankgeputzten Unterhaltungsfilme - der Lucas-Spielberg-Produktionen wie Star-Wars, Indiana Jones, E.T., der Fernseh-Serien Dallas und Dynasty, usw. Jacksons Titel passten, wenn auch ohne eigene Schuld, in dieses allgemeine Bild. Sie waren das Werk eines attraktiven und dynamischen, doch letzten Endes relativ harmlosen Prominenten.

So gesehen kann man sagen, dass das Establishment, das dazu beitrug, das Phänomen Jackson zu schaffen, seine Reize zu manipulieren und seine persönliche Exzentrik zu fördern, heute dabei ist, ihn für andere Zwecke zu benutzen: als Opfer des Jahres für eine korrupte und unersättliche Medienwelt, die sich bemüht, die öffentliche Unzufriedenheit in Kanäle zu lenken, welche die herrschenden Mächte am wenigsten gefährden.

Wie Michael Jacksons Gerichtsprozess auch enden wird, man hat das Gefühl, dass ein trauriges, vielleicht sogar tragisches Schicksal auf den Musiker wartet. Alles in der amerikanischen Gesellschaft und besonders ihrer Unterhaltungsindustrie, deren berühmter Repräsentant und auch Opfer er ist, weist in diese Richtung.

Siehe auch:
Unhörbarer Widerstand: Protestsongs von heute
(6. Mai 2003)